Das große Bindlacher Bergdrama – Teil II

Endlich lag das Gewerbegebiet hinter mir und ich war auf dem Dorf. Eine Metzgerei machte mich mit einer Leberkäs-Semmel glücklich (das letzte Essensangebot, an dem ich vorbeigekommen war, war eine traurige Bude im Gewerbegebiet, die mit dem Schild „3 Döner, 5,50 €!“ für sich warb abschreckte), in einer kleinen Fußgängergasse hinter der Kirche hörte man Hühner gackern, hier und da flitzte ein kläffender Köter hinter einem Zaun ein Stück neben einem her, doch ansonsten war alles war so still und leer, als sei gerade eben das Projekt „Landflucht“ erfolgreich abgeschlossen worden.

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(Autobahnbrücke Bindlach)

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Die Hitze drückte, die Sonne brannte, die Apfelsaftschorle aus der Metzgerei ging so schnell runter wie ein Kurzer und ich verfluchte mich, weil ich im Kaufland das erste beste Cap gekauft hatte und eins für Kinder und kleinköpfige Jugendliche erwischt hatte. Bei der Anprobe hatte ich es nicht gemerkt, doch jetzt begann es langsam unangenehm zu drücken – vielleicht war auch nur mein Kopf in der Wärme aufgequollen. Egal, ich musste weiter.

Abschweifung: Der Himmel über Bayreuth.

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Zur Zeit sind die Kondensstreifen der Flugzeuge sehr kurz. Hat sicher irgendwas mit dem Wetter zu tun (oder – so würden manche sagen – mit der Zusammensetzung der Chemikalien, der Chips oder des Plutoniums, mit dem uns die “die da oben” uns besprühen). Manchmal, wenn sie so ewig lange stehen bleiben, zerfassern und zu Streifenwolken werden, ist es erstaunlich, welch engmaschige Gitter sie über Bayreuth legen. Gerade zu Beginn meiner Zeit hier fiel mir das auf. Bayreuth schien mir ein Paradies für Chemtrail-Verschwörungsfuzzis zu sein und ein beliebter Ort zum Überfliegen („Bayreuth für Überflieger“). Blöderweise habe ich damals keine Fotos gemacht, weil ich dachte, da hätte ich ja noch ewig Zeit zu. Jetzt habe ich das aber schon lange nicht mehr so extrem gesehen. Wo sind die vielen Flugzeuge hin?

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Außerdem ist mir eine besondere Wolkenform aufgefallen, die ich nur hier aus der Gegend kenne, obwohl ich sie sicherlich anderswo nur nicht bemerkt habe. Diffuse weiße Flecken mit einem zarten dunklen Rand. Manchmal haben sie fast perfekte Untertassenform und sehen sie aus wie Raumschiffe. Sie tummeln sich stets dicht über dem Horizont, und da steht in Berlin immer ein Haus davor. In Bayreuth auch, aber man kann ja zum Beispiel auf die Karstadtterrasse gehen. Dort habe ich sie das erste Mal entdeckt und zwar viel schöner und untertassenförmiger als auf obenstehendem Foto aus Bindlach. Vor allem war es da gleich eine ganze Wolkenraumflotte gewesen, und die habe ich sogar fotografiert, aber ich kann den Film nicht mehr finden. Bestimmt gibt es irgendeine wissenschaftliche Bezeichnung für diese Wolkenart … Cunnilungus oder wie die immer heißen … wenn nicht, schlage ich “Bayreuther Ufo-Wolke” vor.

Wie auch immer. Bis auf ein kleines Ufo-Wölkchen in der Ferne war der Himmel über Bindlach am Montag strahlend blau, und ich machte mich daran, den Bindlacher Berg zu besteigen. Eine kleine Straße zwischen Feldern und Bäumen führte hinauf, direkt in den Himmel konnte man meinen, verheißungsvoll und leider schattenfrei. Inzwischen war ich ganz matt und schlapp, mein Kopf puckerte, Arme und Nacken brannten (ich Dussel war ohne Sonnencreme losgezogen), meine dicke Jeanshose wog inzwischen dass doppelte wegen all den Elektrolyten, die ich in sie hineingeschwitzt hatte. Doch wir Stadtschreiber sind harte Burschen, ich stiefelte los und pfiff ein wenig Freddy Quinn vor mich hin (Brennend heißer Wüstensand / so schön, schön war die Zeit / fern, so fern dem Heimatland / so schön, schön war die Zeit), erstens weil es mir irgendwie zu passen schien und zweitens weil ich mich vor ein paar Tagen im Kraftraum mit diesem Ohrwurm infiziert hatte.

Doch plötzlich  … (Fortsetzung folgt)

Das große Bindlacher Bergdrama – Teil I

IMG_2239Tagebuch 18.6.

Das – aus meiner Sicht – Wichtigste zu erst: Ich lebe noch. Aber es war verdammt knapp. Ein Spaziergang war für gestern geplant, erst einmal nach St. Georgen und dann mal weitersehen. Es schien ein recht warmer Tag werden zu wollen, umso besser. Ich liebe es, auf die Hitze zu schimpfen und musste soviele Monate darauf warten, heute würde ich endlich reichlich Gelegenheit haben.

Am Hohenzollernddamm fielen mir die dortigen Blumenkästen auf. Bayreuth ist ja die Stadt der drei B: Bier, Bratwurst, Blumen. Find ich gut. Und wenn die Blumenkästen an ungewöhnlichen Orten stehen, umso besser. Blumen in der Fußgängerzone, das kann ja jeder.

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(Soviele blumengeschmückte Autos. Auf dem Hohenzollernring ist immer Hochzeit)

Gartenarbeit scheint mir eine der wichtigsten Branchen in Bayreuth und Umgebung zu sein. All die Blumen und beschnittenen Hecken (ganz St.Georgen war erfüllt vom Geknatter der Heckenscheren), die vielen gut gepflegten Parks und Friedhöfe …

Ein Stück hinter dem Hohenzollernring, kurz hinter der Eisenbahnbrücke steht ein Plattenbau, aber das macht fast gar nichts. Hier, wo der Rote Main noch zwischen Wiesen fließt, bevor er in sein innerstädtisches Betonbett gezwängt wird, stelle ich es mir recht schön vor in einer Platte zu wohnen, zumal man sie ja nicht sieht, wenn man aus ihr hinausschaut. Mir hat ja auch das Y-Haus ganz gut gefallen.

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Hinter dem Plattenbau wird es ein bisschen langweilig, Augen zu und durch, es ist ja nicht weit bis ins richtige St. Georgen. Die Straße St. Georgen ist schon ein Schmuckstückchen und die Geschichte der Stadt ist sehr lustig. Da baut sich irgendsoein Erbprinz als Akt der Auflehnung gegen seinen Papa seine eigene kleine Residenzstadt und veranstaltet Seeschlachten auf einem künstlich aufgestauten Weiher, weil er so von der Marine begeistert ist – Promis waren irgendwie schon immer ein bisschen verrückt. Ich kann ihn freilich auch ein bisschen verstehen. Neulich fragte mich jemand, ob ich nicht ganz nach Bayreuth ziehen wolle und ich antwortete: „Sofort. Wenn Bayreuth einen ICE-Anschluss und einen Hochseehafen bekommt.“

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(Gezi-Park-Solidaritäts-Ayran-Pause in St. Georgen)

Ein seltsames Bild, diese breite, holperbepflasterte, kaum befahrene Straße mit den niedrigen Barockreihenhäusern. An einem der Häuser hängt zwischen den Schriftzügen „Bäckerei“ und „Brauerei“ ein Transparent auf dem „passende Wirtsleute“ gesucht werden. Das Haus beherbergte bis 1961 den letzten Becknbräu – eine einst übliche, heute eher seltsam wirkende Mischung aus Bäckerei und Brauerei.

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Was es auf der Straße St. Georgen ganz eindeutig fehlt ist: Schatten. Ich hatte mein Cap vergessen und die Sonne übertrieb es langsam mit dem bretzeln, aber egal, ich musste weiter, ich hatte eine Mission, denn ich wollte Grüße in der Weinhandlung Dörsch abliefern. Leider war sie geschlossen, also lief ich einfach weiter, mal sehen, was als nächstes kam. Ich hatte ja neulich festgestellt, dass man recht schnell aus Bayreuth herauskommt und sich schon bald in wunderschöner Landschaft oder irgendeinem idyllischen, von Wilhelmine angelegten Park wiederfindet.

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Der Park hinter St. Georgen entpuppte sich dann leider als Industriepark und stammt wohl aus Nachwilhelminischer Zeit. Ich bin nicht sicher, aber möglicherweise liegt er genau dort, wo früher die Seeschlachten stattfanden (der See wurde 1775 trockengelegt). Was hätte ich jetzt für einen Weiher gegeben! Inzwischen war mein Hemd schweißgetränkt, die dicke schwarze Jeans klebte an meinen Beinen (to do: Sommerhose kaufen!) und mir kam erstmals der Gedanke, dass ich Sonnencreme viellleicht nicht schlecht gewesen wäre. Aber ich brauche immer ein bisschen Zeit, um vom Winter- auf den Sommermodus umzuschalten. Normalerweise dient dazu der Frühling, aber der wurde ja dieses Jahr abgesagt.

Tja, was soll ich sagen. Industrie- und Gewerbegebiete sind ja nicht für ihre Schönheit bekannt. Sie einfach zu fluten und dort wieder einen See anzulegen, damit gegrillte Stadtschreiber ein erfrischendes Bad nehmen können, geht aber leider auch nicht, man braucht sie doch. Und besser die ganzen deprimierenden Gewerbegebietsgebäude stehen im Gewerbegebiet rum als in der Innenstadt oder gar der Eremitag. Hätte es anstelle des Gewerbegebietes einen See und unberührte Natur gegeben, hätte ich außerdem kein Cap im Kaufland kaufen können, mich hätte ein noch schlimmerer Sonnenstich ereilt als ohnehin schon und meine bleichen Knochen wären irgendwann von spielenden Kindern auf dem Bindlacher Berg gefunden worden, das kann doch auch niemand wollen!

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(Industriegebiet plus Autobahn plus Baustelle. Wenn schon, denn schon.)

Tapfer und vor mich hintropfend schleppte ich mich also durchs Bayreuther Gewerbegebiet und erreichte endlich … das Bindlacher Gewerbegebiet.

(Fortsetzung folgt.)

Strübing liest Paul

Flegeljahre - Fortsetzung

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(Wölfelstraße)

Eigentlich müsste man sich hinsetzen und „Die neuen Flegeljahre“ schreiben. Der Plot ist bestechend einfach und würde auch in unsere Zeit versetzt prima funktionieren. Eine klassische Heldenreise, das Portrait einer Generation und Gesellschaft, ein Bildungsroman und die Satire eines Bildungsromans.

Der überraschend als Universalerbe des reichen van Kabel eingesetzte Walt, Bauernsohn und heimlicher Poet, muss eine Reihe von Aufgaben erfüllen, bevor er das Erbe antreten kann: Er soll einen Tag als Klavierstimmer arbeiten, einen Monat als Gärtner (im Original soll er sich um den Garten des Verstorbenen kümmern, in einer modernen Fassung wäre ihm vielleicht die Pflege der Blumenkästen am Hohenzollernring übertragen), ein Vierteljahr als Notarius. Des weiteren soll er solange bei einem Jäger sein, bis er einen Hasen erlegt hat, als Korrektor bei einem Verleger arbeiten, eine „buchhändlerische Messwoche“ beziehen, bei den Anverwandten des Verstorbenen (die das Erbe für sich erhofft hatten) je einen Monat leben und ihnen zu Diensten sein (soweit es Anstand und Ehre erlauben). Schließlich soll er noch einen Monat auf dem Land unterrichten und zu guter Letzt Pfarrer werden.

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(Bitte ignorieren Sie den Vordergrund)

In einer heutigen Variante wären es sicher andere Berufe, in denen sich Walt beweisen soll, vielleicht müsste er ein Vierteljahr in einem Altenpflegeheim arbeiten, eine Weile das Weblog des Stadtschreibers korrekturlesen usw. usf.

Im Testament ist außerdem genau festgelegt, wieviel ihm für welche Fehler bei der Erfüllung der Aufgaben vom Erbe abgezogen wird und man kann sich denken, dass diese Klauseln bald zur Anwendung kommen, zumal die leer ausgegangenen Erben von seinen Fehlern profitieren sollen und dem Jungen Knüppel zwischen die Beine werfen.

Außerdem hat er selbstverständlich ein untadeliges Leben zu führen:

Ritte der Teufel meinen Universalerben so, daß er die Ehe bräche, so verlör’ er die Viertels-Erbschaft – sie fiele den sieben Anverwandten heim –; ein Sechstel aber nur, wenn er ein Mädchen verführte. – Tagreisen und Sitzen im Kerker können nicht zur Erwerbzeit der Erbschaft geschlagen werden, wohl aber Liegen auf dem Kranken- und Totenbette.

Wenn ich den Plot als bestechend einfach lobe, dann bezieht sich das vor allem auf den Anfang des Romans, die Geschichtenmechanik, die die Handlung ins Rollen bringt. Wie es sich für Jean Paul gehört wird aus der rollenden Kugel bald ein breite Lawine und der Weg, den sie nimmt ist zu breit, um ihn noch richtig erkennen zu können. Nach einem klaren, dünnen, geradliniegen Storyrinnsal sucht man vergeblich. Nach einem richtigen Ende auch, denn die Flegeljahre sind Fragment geblieben. Darin unterscheidet sich der Roman übrigens von meinem heutigen Eintrag, der zwar in wenigen Augenblicken urplötzlich abbrechen, aber selbstverständlich fortgeset…

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Ein Haus für eine Träne

Ja, da schlägt’s 13. Da guck ich heute morgen auf das Tagebuch und stelle fest, dass ein Jean-Paul-Eintrag fehlt. Den habe ich am Freitag geschrieben und dann nur als Entwurf gespeichert, statt ihn zu veröffentlichen, so eine Schlamperei.

Strübing liest Paul

Flegeljahre - Fortsetzung

Um das Haus bekommen, dass der ebenso reiche wie verstorbene Kabel demjeniegen seiner Verwandten per Testament vermacht, der innerhalb einer halben Stunde die ersten Tränen um ihn vergießt, versuchen die sieben in Frage gekommen alles, um ihre Tränendrüsen in Gang zu setzen.

Den einen packt die Rührung bei dem Gedanken an ein ganzes Haus, das ihm auf einer Träne zuschwimmen könne, ein anderer arbeitet fleißig daran, vor Wut über diesen bösen Spaß des Toten in Tränen auszubrechen, der Frühprediger Flachs, eigentlich recht nah am Wasser gebaut, hätte zwar „ leicht wie eine Sonne vor elendem Wetter auf der Stelle das nötigste Wasser aufgezogen, wär’ ihm nur nicht das herschiffende Flöß-Haus immer dazwischengekommen als ein gar zu erfreulicher Anblick und Damm.“

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(Wo wir gerade von Tränen reden: Zum Heulen schön war ja das Konzert von King Sorella am Dienstag. Dies nur falls sich jemand wundert, was die Fotos mit dem Text zu tun haben.)

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Kirchenrat Glanz beginnt eine sentimentale Lobrede auf Kabel, ist er es doch aus der Kirche gewohnt, mit seinen Predigten sich selbst lange vor den Zuhörern zum Weinen zu bringen, Polizei-Inspektor Harprecht versucht, sich die Tränen durch angestrengtes Starren in die aufgerissenen Augen zu treiben, während Herr Flitten in Lachen ausbricht. Als er daraufhin scharf zurechtgewiesen wird, weil Lachtränen nicht gelten, versichert er, er lache nur zum Spaß, nicht aus ernstern Absichten.“

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„Der listige Buchhändler Paßvogel“ denkt an all die traurigen Bücher, die er selbst verlegt oder verkauft, doch leider ist die Methode nicht besonders schnell: „noch sah er dabei aus wie ein Hund, der das Brechmittel, das ihm der Pariser Hundarzt Hemet auf die Nase gestrichen, langsam ableckt; es war durchaus Zeit erforderlich zum Effekt.“

Und so ist der Frühprediger Flachs schneller, da er an tränentreibendere Dinge als Paßvogels Bücher denkt: „Kabels Wohltaten und die schlechten Röcke und grauen Haare seiner Zuhörerinnen des Frühgottesdienstes, den Lazarus mit seinen Hunden und seinen eigenen langen Sarg in der Eile vor, ferner das Köpfen so mancher Menschen, Werthers Leiden, ein kleines Schlachtfeld und sich selber, wie er sich da so erbärmlich um den Testaments-Artikel in seinen jungen Jahren abquäle und abringe“

Rasch ist das Tränenrennen durch das Flachs’sche Tränenrinnen entschieden.

»Ich glaube, meine verehrtesten Herren,« – sagte Flachs, betrübt aufstehend und überfließend umhersehend – »ich weine« – setzte sich darauf nieder und ließ es vergnügter laufen; er war nun auf dem Trocknen“

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Das Haus ist sein. Und der Rest des Testaments kann verlesen werden. Noch immer weiß niemand, wer der Univeralerbe ist, der, vom Haus abgesehen, das gesamte Vermögen erben soll. Der Testamentar macht es noch ein wenig spannend, in dem er erst einmal die Geschichte seiner Suche nach einem Universalerben erzählt.Von ebenjenem fordere er nämlich „viel leibliche Armut und geistlichen Reichtum.Endlich habe ich in meiner letzten Krankheit in Elterlein ein solches Subjekt aufgetrieben. [...] Er hat einmal zu mir ein paar Worte gesagt, und zweimal im Dunkeln eine Tat getan, daß ich nun auf den Jüngling baue, fast auf ewig.“

Was derjenige gesagt bzw. getan hat, bleibt vorerst im Dunkeln. Der Univeralerbe jedenfalls ist „kindlich, ohne Falsch, rein, naiv und zart, ordentlich ein frommer Jüngling aus der alten Väterzeit und hat dreißigmal mehr Kopf, als er denkt.“

Leider hat er auch schlechte Seiten. Erstens nämlich, dass er ein Poet ist und zweitens, dass er „am Stundenzeiger schiebt, um den Minutenzeiger zu drehen. [...]

Dieser Universalerbe ist der Schulzen-Sohn in Elterlein, namens Gottwalt Peter Harnisch, “ein recht feines, blondes, liebes Bürschchen“ Diesem Bürschchen, Walt genannt, soll also gänzlich unerwartet großer Reichtum zufallen.

Doch bevor er das Erbe antreten darf, muss er ein paar Aufgaben bewältigen, gegen die das Hervorpressen einer Träne ein Klacks und ein Vergnügen ist …

Flegeljahre

Tagebuch 13.6.2013

Verdammt, ich hab die Buschenschänke  verpasst! Letzte Woche habe ich davon gehört und wollte am letzten Tag, gestern, unbedingt hingehen – und hab es vergessen. Erst gegen 10 am Abend, als ich mit ein paar Leuten vor dem Heimathafen saß, kam das Thema plötzlich darauf und es fiel mir wieder ein. Leider war es zu spät. Als wir ankamen war alles vorbei. Da muss ich wohl um den 14.9. nochmal nach Bayreuth kommen …

Das besonders blöde ist, dass ich eigentlich schon am frühen Abend fast dort war, es zumindest kurz aus der Ferne gesehen, aber mir nichts dabei gedacht habe. Nämlich als ich verwirrt vor dem kleinen Haus der Stadthalle stand und die Mediennacht  suchte, bis ich schließlich mitbekam, dass die erst heute Abend ist. Na gut, zumindest habe ich die nicht verpasst. Und vorher gehe ich noch zur Cocktail-Releaseparty des Gewinners des Jean-Paul-Cocktail-Wettbewerbs des Seidenpudelspitz-Projektes zum Jean-Paul-Jahr 2013. Sozusagen „Strübing trinkt Paul“.

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Überhaupt ist hier viel zu viel los ;) Ich habe in meiner Zeit hier ja so einiges erlebt. Sehr verschiedene Sachen, und trotzdem erfahre ich immer mehr Dinge, die ich verpasst habe, Orte, an denen ich noch nicht war, Leute, die ich nicht kennengelernt habe, ganze „Szenen“, die mir fremd geblieben sind. Und ich habe nicht einmal über alles geschrieben, was ich erlebt habe, zum Teil, weil ich es nicht geschafft habe, zum Teil auch, weil es ein paar Sachen gibt, die einfach nicht hier in das Weblog gehören, kleine Biotope, die besser ungestört bleiben.

Ich brauche mal dringend zwei ruhige Urlaubswochen in Berlin. Bald ist es ja soweit, allerdings bleibe ich nach dem Berlin-Urlaub dann auch gleich dort. Nicht einmal zweieinhalb Wochen wohne ich noch in Bayreuth. Ob ich mich freue nach Berlin zurückzukehren? Na klar! Das ist meine Heimatstadt. Da gibt es soviele Menschen auf die ich mich freue. Und Orte. Und nicht zuletzt meine Wohnung, meine Couch, meine Badewanne, meinen Balkon. Und trotzdem wird mir der Abschied hier sehr schwer fallen. Mir ist neulich aufgefallen, dass ich schon längst den Schritt vollzogen habe, nicht mehr als Entdecker durch eine mir neue Stadt laufen, sondern mich hier heimisch zu fühlen und richtig hier zu leben. Was mich tröstet ist, dass ich weiß, dass ich immer mal wieder kommen werde.

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Dem Bayreuther Tagebuch hat es gar nicht gut getan, dass ich inzwischen hier so gut angekommen bin. Es ist schon sehr sinnvoll, dass Stadtschreiberstellen befristet sind.

Ich habe das Gefühl, in meinen letzten beiden Wochen irgendetwas Abschließendes schreiben zu müssen, ein Fazit, ein letztes Kapitel, in dem alle Fragen aufgelöst werden. Zum Beispiel die Frage: „Was macht eigentlich ein Stadtsschreiber?“ (Die Antwort ist übrigens einfach: Die Aufgabe eines Stadtschreibers ist es, gefühlte elf mal am Tag die Frage „Was macht eigentlich ein Stadtsschreiber?“ zu beantworten – dreimal davon sich selbst.) Mal sehen, ob ich da etwas hinbekomme. Zur Not kann ich mich ja immer auf Jean Paul berufen, der auch mehr als genug Fragmente hinterlassen hat.

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 Strübing liest Paul

Apropos. Am Dienstag fand ja im Phoinix das weltweit erste Jean-Paul-Karaoke statt (die Fotos in diesem Beitrag stammen daher). Unschuldige Besucher wurden gezwungen Jean Paul zu lesen. Für die meisten war es sicher das erste Mal. Ein Band der Flegeljahre ging herum, jeder, der sich nicht rechtzeitig aus dem Raum retten konnte, musste einen kleinen Absatz vorlesen. Und es schien den meisten Spaß zu machen. Es waren natürlich nur kleine Schnipsel, aber immerhin.

Die Flegeljahre (hier online bei Projekt Gutenberg) werden es auch sein, die mich im Folgenden in dieser Rubrik beschäftigen. Natürlich werde ich es nicht mehr schaffen, wie anfangs beim Katzenberger Kapitel für Kapitel hier zu rekapitulieren, aber meine Aktion „Betreutes Lesen“ war ohnehin mit dem Katzenberger abgeschlossen.

Die Flegeljahre sind exemplarisch für eine Seite Jean Pauls, die ich oft viel zu wenig gewürdigt finde. Immerzu ist von seiner Poesie, seiner Tiefe, seiner Menschlichkeit, seiner Originalität und seinem Humor die Rede (und seiner Verschwurbeltheit). Und all das stimmt ja; er war aber auch ein toller Geschichtenerfinder. Ein Meister der Verwechslungen und Überraschungen, der Handlungsstränge kunstvoll verflechten und verknoten und – wenn das betreffende Werk nicht wie die Unsichtbare Loge Fragment blieb – auch wieder entwirren konnte. Die Storylines klingen oft erstaunlich zeitgemäß. Oft ein bisschen nach Soap Opera, was wohl heißt, dass er seiner Zeit voraus war, und ich meine das in keiner Weise despektierlich.

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Der Plot der Flegeljahre könnte ohne große Änderungen als Vorlage für eine aktuelle Komödie dienen, man könnte eine intelligente Komödie daraus machen oder eine klamaukige, auf alle Fälle würde es eine sehr lustige werden.

Die erste Szene ist an sich eine super Geschichte und sicher eine der komischsten im Werk Jean Pauls: Der reiche Herr van der Kabel ist verstorben und seine Erben sind zur Testamensteröffnung eingeladen. Die Verlesung des Schriftstücks sorgt schnell für lange Gesichter unter den gelandenen Verwandten, als erfahren, dass sie ersteinmal leer ausgehen sollen, weil, so die Worte des Toten …

„[...] ich aus ihrem eigenen Munde weiß, daß sie meine geringe Person lieber haben als mein großes Vermögen, bei welcher ich sie denn lasse, so wenig auch an ihr zu holen ist“.
Sieben lange Gesichtslängen fuhren hier wie Siebenschläfer auf.

Man kann sich denken, dass der Verstorbene sich hier mit einem Scherz an Verwandten rächt, deren Liebesbezeugungen nur Lippenbekenntnisse waren, während sie darauf warteten, dass der Alte endlich stürbe, damit sie sich sein Geld unter den Nagel reißen können. Nun aber soll das gesamte Vermögen soll an einen mysteriösen  Universalerben fallen; die Verwandten sollen leer ausgehen. In einer weiteren Testamentsklausel stellt er dann doch noch einen stattlichen Trostpreis, ein Haus in der Stadt in Aussicht, doch es soll nur an einen von ihnen fallen:

Ausgenommen gegenwärtiges Haus in der Hundsgasse, als welches nach dieser meiner dritten Klausel ganz so, wie es steht und geht, demjenigen von meinen sieben genannten Herren Anverwandten anfallen und zugehören soll, welcher in einer halben Stunde (von der Vorlesung der Klausel an gerechnet) früher als die übrigen sechs Nebenbuhler eine oder ein Paar Tränen über mich, seinen dahingegangenen Onkel, vergießen kann vor einem löblichen Magistrate, der es protokolliert. Bleibt aber alles trocken, so muß das Haus gleichfalls dem Universalerben verfallen, den ich sogleich nennen werde.

Der Startschuss zu einem urkomischen Wettlauf der Tränendrüsen … 

Süper Sübkültür

Letzten Dienstag wurde im Forum Phoinix der Verein Sübkültür gegründet. Wer will kann die Üs als sehnsuchtsvollen Anklang an die wilde Welt migrantisch geprägter Großstadtviertel interpretieren, wer will kann Sübkültür aber auch frangsösüsch aussprechen und als Gruß aus der Gegenwart an den frankophilen Jean Paul betrachten. In Würklichkeit waren vielleicht einfach nur gerade die Ü-Strichelchen im Angebot.

Schon eine Woche, bevor er gegründet wurde, hatte der Verein bereits ein Ehrenmitglied: mich. Wahrscheinlich wegen dem Ü in meinem Nachnamen. Da ich nun schonmal Ehrenmitglied bin, ist es mir eine Ehre, ihn an dieser Stelle kurz vorzustellen.

Sübkültür e.V. möchte eine Plattform bieten für Bayreuther, die im weitesten Sinne an Kunst und Kultur interessiert. Sei es, dass sie selbst vor sich hinkünstlern – schreiben, musizieren, schauspielern, malen, bildhauen, Walnüsse mit dem Hintern knacken, was auch immer –, sei es, dass sie sich einfach gerne etwas anschauen oder anhören und sich wünschen, in Bayreuth würde ein bisschen mehr Kultur geboten.

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(Denken Sie jetzt bitte 5 Minuten lang intensiv über dieses Schild nach. Einen lieben Gruß an Sophie Passmann, die es entdeckt hat. – München Hauptbahnhof)

Dieser Wunsch scheint mir übrigens oft daraus zu resultieren, dass die Wünschenden gar nicht wissen, was überhaupt alles geboten wird. Ich war jedenfalls überrascht, was es hier alles zu entdecken gab und gibt, wieviele Leute ich getroffen habe, die etwas auf die Beine stellen oder gerne etwas auf die Beine stellen würde. Woran es hapert ist die Vernetzung. Dabei ist Bayreuth einerseits groß genug, um Platz zu bieten für alle möglichen Ideen und gleichzeitig klein genug, um sich über den Weg zu laufen und, wo es sich anbietet, ein paar Schritte gemeinam zu gehen.

Sübkültür ist ein Angebot, sich zu treffen, zu reden, Kontakte zu knüpfen und zwar auf die beste Art: Direkt. Bei Bier oder Brause. Und mit viel Spaß dabei.

Jeden Dienstag soll künftig im Forum Phoinix (Kämmereigasse 9,5) eine kleine Veranstaltung stattfinden. Eine Lesung, ein Wohnzimmerkonzert, eine kleine Ausstellung, ein Filmabend oder eine Diskussionsrunde. All sind eingeladen, hinzukommen und sich überraschen zu lassen oder aber selbst ein Dienstags-Event vorzuschlagen und zu machen.

Diesen Dienstag (11.6.) wird es ein kleines Jean-Paul-Karaoke geben (lasst euch überraschen ;) und anschließend ein Konzert von King Sorella, einer wirklich süperen Bayreuther Band, die ich beim Guerillakochen kennengelernt habe. Letzte Woche konnte ich sie auch einmal im Proberaum besuchen und war hin und weg und damit meine ich: hin und weg. Ich fand sie so gut, dass ich hier hoch und heilig verspreche, dass jeder, der morgen kommt und nicht von ihnen begeistert ist, von mir persönlich den Eintritt zurückbekommt! Das ist jetzt zwar eher ein symbolisches Angebot, weil der Eintritt kostenlos ist, aber trotzdem.

Bis morgen.

Liebe E.K.,

herzlichen Dank für Ihren Brief! Da kein Absender dabeistand, möchte ich Ihnen auf diesem Weg mitteilen, dass ich mich sehr darüber gefreut habe. Und ich möchte mich für ihr Liebelings-Shakespearegedicht mit einem schönen Satz von Jean Paul bedanken: „Das schöne am Frühling ist, daß er immer dann kommt, wenn man ihn am dringendsten braucht.“ (Man könnte meinen, der Frühling hätte sich dieses Jahr bemüht, J.P. Zu widerlegen – doch gerade jetzt, wo wir den ewigen Herbst wirklich nicht mehr aushalten konnten, wir ihn also am dringendsten brauchten, lässt er sich ja doch noch blicken!)

Liebe Leser, das erfordert natürlich eine kleine Erklärung: Vor ein paar Wochen berichtete ich an dieser Stelle und in meiner samstäglichen Kolumne im Nordbayerischen Kurier, dass ich im DRK-Laden an der Bamberger Straße ein kleines Tagebuch erstanden hatte. Die ersten, offenbarbar einst beschriebenen Seiten, waren herausgetrennt, dafür fand ich aber in der Mitte des Büchleins zwei gepresste vierblättrige Kleeblätter. Erst am Wochenende zuvor hatte ich auf einer Wiese in der Fränkischen Schweiz nach einem solchen Glücksbringer gesucht und nun purzelte mir doppeltes Glück entgegen, an einem Ort, an dem zwar Gutes getan wird, der aber ersteimal so gar nichts Wunderbares an sich hat.

Es gab noch eine Fortsetzung: Die Vorbesitzerin des Tagebuches erkannte dieses auf dem Foto wieder und schrieb einen Brief an die Redaktion des Kuriers. Das Büchlein hatte ihr nicht als Tagebuch gedient, sondern als poetische Sammlung. Sie schrieb kurze Gedichte und Lieblingssätze darin nieder – und zwar vor nunmehr gut 30 Jahren! Auf welchem Weg und warum es schließlich in der Bamberger Straße landete, ist nicht mehr ganz klar. Aber immerhin, so schrieb E.K., die Kleeblätter haben ihr Glück gebracht. Vielleicht auch ein bisschen, weil sie sie auf Wanderschaft geschickt hat, denn – liebe Leser, entschuldigen Sie bitte, wenn ich jetzt etwas kitschig werde – Glück ist ja so ziemlich die einzige Sache, die sich vermehrt, wenn man sie teilt. Das Buch soll darum auch bei mir nur zu Gast sein. Ich werde etwas Schönes hineinschreiben und es wieder auf eine Reise ins Ungewisse schicken. Sollte Ihnen irgendwo einmal eine etwas verwelkte rosa-grüne A6-Kladde mit der Aufschrift „Diary“ begegnen, schauen Sie unbedingt rein. Und überhaupt: Halten Sie die Augen offen, für die kleinen, schönen Geschichten, die Überraschungeier des Lebens, die Wundertütchen des Alltags.

Uns allen einen schönen Rest-Frühling!

Schlechte Bücher

Tagebuch, Dienstag, 4.6.2013

Ich habe die Sonne gesehen! Ich habe geschwitzt! Ich bin schon wieder durch Modder gelatscht! Darum heute kein Tagebuch, dafür viel Jean Paul und ein paar Fotos von einem neuerlichen Mainauenspaziergang Richtung St. Johannis inklusive Besuch bei meiner Lieblingsautobahnbrücke.

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Strübing liest Paul

Mein Aufenthalt in der Nepomukskirche während der Belagerung der Reichsfestung Ziebingen

[…] alle öffentlichen Bibliotheken bewahrten bisher nur gute Werke der Nachwelt auf. Es fragt sich aber, wenn die Nachwelt den Geist der vorigen Zeit aus dem Innersten kennen lernen will, ob sie diese Kenntnis richtiger aus genialen Werken, welche jedesmal über den Geist ihrer Zeit hinausspringen, zu schöpfen vermöge, oder vielmehr aus ganz elenden, welche als Nachdruck und Brut ihrer Zeit und durch ihre Menge am stärksten deren Bild, besonders die Schattenseite, abzeichnen.
[...] etwas in mir will haben, daß von jedem abgedruckten Schmierbuch wenigstens ein Exemplar übrig bleibe.

Ach, Jean Paul, Dein Wunsch ist in Erfüllung gegangen, auch, wenn Du ihn halb im Scherz geäußert hast! Alles wird archiviert und aufgehoben, auch wenn niemand weiß, ob wir bzw. unsere Nachfahren bzw. Außerirdische, die auf der Erde landen und die Ruinen einer offensichtlich einst auf der Erde beheimateten semiintelligenten Rasse finden in der Zukunft noch unsere Datenträger werden lesen können.

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(Das Berufsbild des Stadtschreibers ist so vielfältig wie seine Arbeitbekleidung: mal Anzug und Krawatte, mal Modderbotten.)

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Und wer wollte auch noch die Grenze ziehen zwischen genialen Werken, Schmierbüchern und der dicken Schicht dazwischen? Also lieber alles aufheben, von Landserheften und Arztromanen bis hin zu Literaturnobelpreisträgerergüssen, von Trash-TV bis Arthouse-Movies. Was unsere Zeit am besten abgebildet hat, das werden erst spätere Generationen entscheiden können, sie werden den gebührenden Abstand haben und sich ohnehin ihre eigene Vergangenheit konstruieren und dann schauen, welche Kulturprodukte unserer Zeit am besten in ihr Historienbild passen. Schön, wenn sie dann eine große Auswahl haben.

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(Voller Einsatz: Für dieses Foto musste ich einen Kopfstand machen!)

Jean Paul – die Figur Jean Paul aus der Erzählung, nicht der Autor selbst und direkt, nur um das nochmal klar zu machen – fordert sogar noch mehr: Eine gezielte Förderung schlechter Literatur und ihrer Autoren. Ganze Verlage sollten sich darauf spezialisieren, ausschließlich ausgesprochen schlechte Bücher zu verlegen. Wer nun meint, es sei doch gegen die Ehre jedes Schriftstellers, ihr Werk in diesen Verlagen publizieren zu lassen, hat nicht mit dem ebenso robusten wie großen Selbstbewusstsein der Autoren gerechnet:

In London war die Gasse Grubstreet zum Pferch erbärmlicher Autoren in allen Büchern verschrien; und dennoch zog einer nach dem andern ohne Scheu hinein. Aber jeder mit Recht. Er konnte innerlich lächeln, und, indem er seine fünf Treppen hinaufkletterte, vergnügt sagen: »der Rock macht nicht den Mann, und die Gasse nicht den Autor; desto schlimmer, daß meine Schreibnachbarn wahre, ausgemachte Narren sind.« Ebenso wird der Autor, wenn er seine Handschrift an den Dutzendbuchhändler schickt, schalkhaft denken: »wenn der Narr im Ernste auf ein miserables Buch es absieht, so hab’ ich ihn gewaltig geprellt: das Werk ist göttlich.«

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Und er fährt fort, an den Buchhändler gerichtet:

Stöcklein, Sie müssen hier Vorurteile fahren lassen, die ich selber sonst gehegt. Schlechte Autoren haben wahren Wert für schlechte Leser, oft für ganze Provinzen, allein gegen zweitausend Leser gibt es kaum zwei schlechte Schreiber.

Auch hier hat sich seit Jean Pauls Zeiten einiges getan. Schlechte Leser bzw. die Leser schlechter Bücher können nicht über mangelnden Lesestoff klagen, da ist für jeden was dabei, Schlechtes aller Art, stapelweise, ganze Regale, ganze Buchhandlungen voll Mist mit ein paar Perlen darunter, die aber nicht weiter stören. Wobei es jedem selbst überlassen bleibt, zu beurteilen, was der Mist und was die Perle ist; wir leben in großartigen Zeiten.

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(Es gibt zwei Dinge, an denen ich nicht vorbeikomme, ohne ein Foto zu machen: Sonnenuntergänge und Marienkäfer)

Sogar den, ich sag mal: ironischen Kulturkonsum hat Jean Paul vorweggenommen (bzw. schon als Phänomen seiner Zeit beschrieben); den Genuß, mit dem sich der Kulturmensch und Bildungsbürger Trash reinzieht:

Dies mag vielleicht die Ursache sein, daß aus solchen schlechten Werken so viele feinere Leser übergroßes Vergnügen schöpfen, wie wenigstens der Ekel nach deren Lesung bezeugt, welcher gewöhnlich das Übermaß der Lust begleitet; denn schon Cicero sagt. »Überall werden gerade die höchsten Wollüste durch Ekel und Überdruß begrenzt und beschlossen.«

Offenbar haben sich auch zu Jean Pauls Zeiten die Leute nach der Lektüre von Goethes „Wahlverwandschaften“ mit dem damaligen Äquivalent zu „Frauentausch“ vergnügt und nach der geballten Ladung Betulichkeit im „Schulmeisterlein Wutz“ wird sich mancher nach einem vor Sex und Gewalt strotzenden Märchen gesehnt haben, einem der Grimmschen Märchen, bevor die Grimms sie in die Hände bekamen und zensierten.

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Schließlich – und rechtzeitig bevor die Kanonade wieder einsetzt und Stöcklein und er wieder in die bombensichere Kirche flüchten müssen, macht sich Jean Paul Gedanken über die Unsterblichkeit der Autoren. Warum streben sie danach. Er verweist auf Plinius, der die Götter für unglücklicher halte als die Menschen, da sie keinen Selbstmord begehen könnten. Eine ebenso interessante wie lustige wie zynische Argumentation.

Versuchen Sie es, Freund Stöcklein, und setzen Sie bloß aus Spaß eine unsterbliche Ilias auf oder, wenn’s Ihrem Humor mehr zuschlägt, ein aristophanisches Lustspiel: glauben Sie mir, daß Sie dann mit Ihrem unsterblichen Meisterstücke unter dem Arm […] durch ein Jahrhundert und Volk nach dem andern kritische Spießruten oder Gassen laufen müssen – jeder frischgeborne Rezensent setzt von neuem etwas an einem so seltenen Werke aus […]
Daher rat ich als guter Freund Ihnen nicht dazu, zur Unsterblichkeit.« –

Da spricht Jean Paul aus Erfahrung: Schließlich muss er jetzt damit leben (wenn man den untoten Zustand eines verstorbenen unsterblichen Schriftstellers denn so nennen will), dass zum Beispiel irgendso ein dahergelaufener Stadtschreiber sich an seinem Werk abarbeitet und daran herumkrittelt …

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(Find ich auch.)

Ich habe mich vor literarischer Unsterblicheit bisher ganz gut dadurch schützen können, dass ich all die „unsterblichen Meisterstücke“, die natürlich in meinem Geist schlummern, aus Zeitmangel oder weil ich was besseres zu tun hatte, einfach noch nicht aufgeschrieben habe. Im Übrigen halte ich es mit einem Aphorismus, über dessen Verfasser ich mir nicht sicher bin – Mark Twain wäre ein guter Kandidat – und den ich auch nur aus dem Gedächtnis zitieren kann, da ich ihn (unglaublich aber wahr) nicht im Netz gefunden habe:

Manche Autoren versuchen, durch ihr Werk Unsterblichkeit zu erlangen. Ich ziehe es vor, nicht zu sterben.