Vorrede III – Strübing liest Paul

Es gibt eine Sache, die mich an Marcel Prousts siebenbändigen Werk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ maßlos ärgert: dass es so kurz ist. Es hat gerade einmal 3800 Seiten, weshalb – und das ist das eigentlich Ärgerliche – der Schriftsteller und Lesebühnenautor Jochen Schmidt nur 190Tage brauchte, um es in 20-Seiten-Portionen durchzulesen. Über diese Leseerfahrung führte er in seinem Weblog „Schmidt liest Proust“ täglich Protokoll und kombinierte dies mit Tagebuchaufzeichnungen, Gedanken, kleinen Skizzen. Es war mein allerliebstes Lieblingsweblog aller Zeiten, und als Jochen Schmidt das Projekt abschloss, weil der letzte Band der „Suche“ zu Ende ging, musste ich beim Frühstückskaffee plötzlich wieder Zeitungen lesen, obwohl da doch nur selten etwas Erfreuliches drin steht.

Wer möchte kann das originale Weblog noch lesen und zwar hier: http://vertr.antville.org/, aber leider komme ich dort mit der Navigation nicht mehr zurecht, und wenn man auf interne Links klickt, ploppen nervende Werbefenster auf.

Erfreulicherweise ist aus dem Weblog aber auch ein Buch entstanden, dass es immerhin auch auf mehr als 600 Seiten bringt, und das ich wärmstens empfehlen kann. Ich habe nach dem kompletten Blog noch einmal das komplette Buch gelesen und war wieder begeistert.

Als ich überlegte, wie ich mich in meiner Zeit als Stadtschreiber mit Jean Paul beschäftigen will, fiel mir natürlich Jochens Proust-Projekt ein, und ich fragte ihn, ob er etwas dagegen hätte, wenn ich seine Idee übernehme. Hatte er nicht. Und so könnte dieses Weblog auch „Strübing liest Paul“ überschrieben sein, aber ich finde, das klingt nicht besonders gut, weshalb ich mich für das etwas langweilige „Bayreuther Tagebuch“ entschieden habe.

Natürlich wird sich dieses Blog sehr von seinem Vorbild unterscheiden, ich bin ja nicht Jochen Schmidt und Jean Paul ist nicht Marcel Proust und außerdem hat mein Weblog eine schönere Hintergrundfarbe als Jochens. Aber das Gerüst ist dasselbe, ich werde sogar einige der Kategorien aus „Schmidt liest Proust“ übernehmen, zum Beispiel die „Verlorene Praxis“, in der er Tätigkeiten und Verhaltensweisen sammelte, die seit dem Erscheinen der „Suche nach der verlorenen Zeit“ in Vergessenheit geraten oder zumindest aus der Mode gekommen sind, etwa „Beim Anblick des Milchmädchens von einem Zustand erfaßt werden, der einen in ein unbekanntes und unendlich viel interessanteres Universum einführt“ oder auch „Das Thema Wechseln, um ‚die Wolke stolzer Schwermut wieder zu zerstreuen‘, die man auf der Stirn eines Künstlers heraufbeschworen hat“.

Blieb für mich die Frage, welches Werk von Jean Paul ich mir für dieses Blog vornehmen sollte. Von seinen großen Welterklärungs- und Erziehungsromanen nahm ich erst einmal Abstand. Sie sind zwar im Vergleich zu Prousts Wälzer von lächerlicher Kürze und bringen es auf gerade einmal 600 bis 800 Seiten, trotzdem war mir das zu viel, zumal sie nicht unbedingt der einfachste Einstieg in das Werk Jean Pauls sind. Wenn ich mich auf kürzere Arbeiten von ihm konzentriere, kann ich außerdem eine ganze Reihe von ihnen hier vorstellen.

Seine Satiren schienen eine gute Fundgrube zu sein, doch diese Hoffnung erfüllte sich nicht ganz: Viele von ihnen sind so fest in ihrer Zeit verankert, dass sie heute sehr schwer verständlich und eher von historischem Interesse sind.

Es bleibt trotzdem mehr als genug Auswahl, und nach einigem hin und her entschied ich mich, mit „Dr. Katzenbergers Badereise“ in dieses Vorhaben einzusteigen. Nach dem, was ich in Vorbereitung auf meine Zeit in Bayreuth von oder über Jean Paul gelesen habe, ist dieses Buch eher untypisch für ihn, da es sich um ein rein humoristisches Werk handelt. Humor spielt bei Jean Paul immer eine wichtige Rolle, sei es als Waffe wie in seinen Satiren, als Mittel zur Erziehung in seinen Bildungsromanen und pädagogischen Schriften bzw. einfach als grundlegendes Merkmal seiner Werke – was ihn von den meisten bekannten Autoren seiner Zeit unterscheidet.

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„Dr. Katzenbergers Badereise“ ist, wie gesagt, eine Humoreske in Reinform – wobei ich mich jetzt ganz auf Hörensagenlesen verlasse. Ich habe aber geschummelt und schon mal kurz reingeschmökert, und der erste Eindruck bestätigt diese Einschätzung.

Morgen, im Zug nach Bayreuth beginne ich ernsthaft mit der lustigen Lektüre. Strübings Bayreuthreise und Katzenbergers Badereise, das klingt nach einer schönen Parallelerzählung: Hier und heute der nette Autor mit dem großen Herzen, den es nach Franken zieht, weil seine Freundlichkeit und Herzensgüte an die muffligen Berliner komplett verschwendet sind, dort und damals ein herrlicher Misanthrop, der außer seiner Tochter und in Spiritus eingelegten Missgeburten niemanden liebt, und einen Kurort besucht, um dort einen Kritiker zu verprügeln, der seine Werke verrissen hat.

Wer mitlesen möchte sollte sich die Reclamausgabe der Badereise besorgen. Man kann das Buch aber auch online beim Projekt Gutenberg lesen.

Eigentlich will ich ja nur endlich Becketts Proust-Essay verstehen, an dem ich immer gescheitert bin. Aber selbst, wenn es nicht reicht, Proust zu lesen, um Becketts Proust-Essay zu verstehen, wird man zumindest wissen, was Proust geschrieben hat, sicher das Minimalziel einer Proust-Lektüre.

(Jochen Schmidt, Schmidt liest Proust)

(VS)

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5 Kommentare zu “Vorrede III – Strübing liest Paul

  1. Alles Gute für die Zeit in Bayreuth! (irgendwie muss hier irgendwer ja mal den Anfang machen, nicht dass noch der Eindruck entsteht, in diesem Blog würde niemand mitlesen (wobei mir ein Schnipselfriedhofblog ja eigentlich reicht, aber gut, dann eben ein weiterer Blog im Newsreader!))
    Viele Grüße!
    Oliver

  2. Willkommen in Bayreuth. Wenn Sie die Stadt, die Bewohner, das Wetter und die Bahnanbindung außer Acht lassen, ist es hier echt richtig schön. Und mit dem ganzen Kram geht´s meistens auch.

    • „Wenn Sie die Stadt, die Bewohner, das Wetter und die Bahnanbindung außer Acht lassen, ist es hier echt richtig schön“ – bis auf die Bahnanbindung gilt das doch aber eigentlich für alle Städte, oder? Andererseits wären sie ohne beispielsweise die Bewohner auch ziemlich langweilig.

  3. Eigentlich sollte ich das Tagebuch nicht weiterlesen dürfen, da ich jetzt erst den „Gag“ mit den Vorreden verstanden habe … Schande. Viel Lustiges in Bayreuth!

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