Tag 1 – Los geht’s

Montag, 4.2.2012, 9.15 Uhr, ICE Berlin – Lichtenfels

Danke, Leipzig! Perle Mitteldeutschlands, heimliche Hauptstadt Sachsens, vor allem aber: Aderlass eines jeden ICEs aus Berlin in Richtung München! Bis eben war ich noch von schnatternden, schnarchenden, schmatzenden Menschen umgeben, jetzt habe ich einen Vierer-Tisch für mich alleine. Du hast drei Viertel der Mitfahrenden duldsam aufgenommen und unserem Zug nur einige wenige Ersatzmenschen zurückgegeben. Ich danke dir insbesondere für die Erlösung von den beiden MDR-Frauen am Tisch gegenüber, mögen sie nun deine Straßen mit ihrem fröhlichem Geplapper erfüllen.

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(Machs gut, Berlin!)

Bis zum Umsteigen in Lichtenfels sollte ich genug Ruhe und Zeit haben für das erste Kapitel bzw.: „Summula“ von Dr. Katzenbergers Badereise (der Link führt zum Kapitel in der Onlineausgabe beim Projekt Gutenberg).

1. Summula, Anstalten zur Badreise (der Link führt zum Kapitel in der Onlineausgabe beim Projekt Gutenberg).

Wer hätte das gedacht: Mitreisende waren auch schon 1809, als die Badereise erstmals erschien, ein Problem, das mangels ICE zum Beispiel in Kutschen auftrat. Aus diesem Grund lässt der „verwittibte, ausübende Arzt und anatomische Professor Katzenberger“ folgende Annonce ins Wochenblatt setzen: „Ein Professor, der den ersten Juli mit seiner Tochter in seinem Wagen mit eignen Pferden ins Bad Maulbronn abreiset, wünscht einige oder mehrere Reisegesellschafter“. Diese Einladung dient in Wahrheit der Abschreckung und soll ihm Mitreisende vom Leibe halten, insbesondere diejenigen seiner Bekannten, die vielleicht auf eine kostenlose Mitfahrgelegenheit gehofft hatten. Ein zahlender Reisegesellschafter aber wird sich erst recht nicht unter seinen Bekannten finden, denn der Professor gilt als „ansässiger Posträuber von innen, so sehr kelterte er muntere Reisegefährten durch Zu- und Vor- und Nachschüsse […] aus.“

Vermutlich schaltet er im selben Blatt auch regelmäßige Heiratsannoncen, um jeglichen Annäherungsversuchen der Damenwelt zuvorzukommen. Heutzutage hätten derart subtile Methoden keine Aussicht auf Erfolg mehr; ich habe ja bereits gestern ins Internet reingeschrieben, dass ich heute morgen mit dem Zug nach Bayreuth fahren würde, aber es fanden sich natürlich ein paar hundert unsensible Leute, die trotzdem mitfahren wollten.

Außerhalb von Zügen, Supermärkten etc. finde ich Menschen allerdings ganz gut, manche habe ich sogar richtig gerne, suche gelegentlich sogar freiwillig den Kontakt zu ihnen. Ganz anders Dr. Katzenberger, der von sich sagt: „Ich sehe eigentlich […] niemanden gern bei mir, und meine besten Freunde wissen es und können es bezeugen, daß wir uns oft in Jahren nicht sehen; denn wer hat Zeit? – Ich gewiß nicht.“

Gesellschaften und „Ehrengastereien“ sind ihm ein Graus, und als er doch einmal selbst zu einer einlädt, sorgt er dafür, sorgt er für einen sicher unvergesslichen Nachmittag, „indem er um 5 Uhr einer Gesellschaft seiner verstorbnen Frau seinen Tee einnötigte, der Kamillen-Tee war.“

Einen Menschen gibt es aber doch, der ihm am Herzen liegt: seine Tochter Theoda, „in der er ihres Feuers wegen als Vater und Witwer die vernachlässigte Mutter nachliebte“. Ihr gestattet er, Teegesellschaften einzuladen, allerdings nur an Tagen, an denen so schlechtes Wetter zu erwarten ist, dass die meisten eingeladenen Freundinnen nicht erscheinen können, und „nach dem närrischen Kontrapunkt und Marschreglement der weiblichen Visitenwelt“ als Entschuldigung und Wiedergutmachung ihrerseits Theoda einladen müssen. „So konnte sie oft ganz umsonst um sieben verschiedene Teetische herum sitzen, mit dem Strumpf in der Hand“.

Mit dem Strumpf in der Hand? Ich habe keine Ahnung, was damit gemeint ist, aber ich werde es so halten: Wenn ich etwas nicht verstehe und auch der umfangreiche Anhang der Reclam-Ausgabe nichts hergibt, dann soll es eben so sein. Ich bin kein Experte für Sprache und Gebräuche der Zeit Jean Pauls, und ich will auch nicht bei jeder kleinen Unklarheit ewig recherchieren, um dann hier so tun zu können, als sei ich es.

Theoda sitzt also mit der Socke in der Hand bei anderen Damen kostenlos zum Tee, was den Professor freut. Denn er braucht Geld, viel Geld: Für Bücher  und Leichen oder lebende Hunde zum Zerschneiden. Sein großer Traum ist eine Präparatensammlung, zum Beispiel die Sammlung von Bandwürmern eines gewissen Pastor Johann August Ephraim Göze, oder das Präparatenkabinett des Berliners Friedrich August Walter, die seine finanziellen Mittel aber bei Weitem übersteigen.

Das Kapitel endet mit einem echten Cliffhanger. Der Leser erfährt, dass die oben annoncierte Reise Katzenbergers in den Badeort Maulbronn nicht dem Bade oder dem Vergnügen gilt, sondern … verpassen Sie nicht die 2. Summula mit dem Titel „Reisezwecke“!

Verlorene Praxis:

– Nicht gern mit jemandem ein paar Tage „unter Einem Kutschenhimmel leben“ wollen

– Sich durch Wetterglas, Wetterfisch und Fußreisen völlig gewiss machen, dass es gegen Abend stürme und gieße

Längster Satz:

Wenn er vollends in schönen Phantasien sich des Pastors Göze Eingeweidewürmerkabinett ausmalte – und den himmlischen Abrahams-Schoß, auf dem er darin sitzen würde, wenn er ihn bezahlen könnte – und das ganze wissenschaftliche Arkadien in solchem Wurmkollegium, wovon er der Präsident wäre –, so kannte er, nach dem Verzichtleisten auf eine solche zu teuere Brautkammer physio- und pathologischer Schlüsse, nur ein noch schmerzlicheres und entschiedeneres, nämlich das Verzichtleisten auf des Berliner Walters Präparaten-Kabinett, für ihn ein kostbarer himmlischer Abrahams-Tisch, worauf Seife, Pech, Quecksilber, Öl und Terpentin und Weingeist in den feinsten Gefäßen von Gliedern aufgetragen wurden samt den besten trockensten Knochen dazu; was aber half dem anatomischen Manne alles träumerische Denken an ein solches Feld der Auferstehung (Klopstockisch zu singen), das doch nur ein König kaufen konnte?

2. Summula, Reisezwecke

4.2.13, 12.15 Uhr, RE Lichtenfels Bayreuth

Seltsame Koinzidenz: Gerade als ich mich an das zweite Kapitel – eigentlich nur ein Kapitelchen von anderthalb Seiten – von Dr. Katzenbergers Badereise mache, erhalte ich eine SMS von einer Freundin: „lieber volker, viel glück in der fremde und wenn die dich da im süden schlecht behandeln, setze ich mich in mein (klapper)auto, komme nach franken und verhau die alle. aber ich glaube, die werden nett zu dir sein“. Reisen zum Zwecke des Verhauens scheinen irgendwie in der Luft zu liegen, denn auch Katzenberger unternimmt, wie wir gleich am Beginn des 2. Summula (Summulas? Summulums? Ich werde es heraussfinden.) erfahren ,die Reise in den Badeort Maulbronn, „um da nämlich seinen Rezensenten beträchtlich auszuprügeln und mit Schmähungen an der Ehre anzugreifen.“ Dieser Rezensent, ein gewisser Strykius nämlich hat es gewagt Katzenbergers drei Meisterwerke, „den Thesaurus Haematologiae, die de monstris epistola, den fasciculus exercitationum in rabiem caninam anatomico-medico-curiosarum“ in sieben Zeitungen zu verreißen.

Außerdem flieht er vor einer drohenden Gevatterschaft, er soll also Patenonkel des Kindes einer Freundin seiner Tochter werden, und alle Versuche, sich mit dem Vater der Schwangeren zu überwerfen um dieser unangenehmen und teuren Pflicht zu entkommen, waren erfolglos. „’Bin ich und sie aber abgeflogen‘ dacht‘ er, „’so ists doch etwas, und die Frau mag kreißen.’“

Seltsame Wörter:

– Droh-Patchen – das drohende Patenkind, aber wer würde nicht „Droh-Pätschen“ lesen und sich so seine Gedanken machen?

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(Ich gebe zu, dass es nicht leicht  ist, es mir recht zu machen. Eben habe ich mich noch über Mitreisende beschwert, jetzt beunruhigt es mich, dass außer mir offenbar niemand nach Bayreuth will.)

So. Laptopklappe zu. Noch zehn Minuten bis Bayreuth (wenn ich im richtigen Zugteil sitze).

(Volker Strübing)

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4 Kommentare zu “Tag 1 – Los geht’s

  1. Herzlich willkommen in Bayreuth,
    Sie wären nicht der erste Berliner der hier „hängenbleibt“ und es nicht „bayreuth“ ;).
    Ich habe selbst so ein Exemplar zuhause sitzen.

    Aber soweit sind wir ja noch lange nicht. Also erst mal ein gutes Einleben und dann viel Vergnügen in meiner Heimatstadt.

  2. „… mit dem Strumpf in der Hand“ – ich stelle mir vor, Theoda war beim Tee mit einer damenhaften Handarbeit beschäftigt, und das war vielleicht nicht nur eine profane Socke…

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