Tag 2 – Die Liebe in den Zeiten der Pockenschutzimpfung

Dienstag, 5.2., 10 Uhr

Ich habe schon gedacht, es liegt an mir. Wie bei meinem Kurzbesuch im Dezember präsentierte sich Bayreuth grau und schneebematscht, als ich gestern Mittag ankam. Aber heute morgen schien die Sonne!

Obwohl grau, war aber auch meine Ankunft hier sehr schön, ich wurde herzlich willkommen geheißen und in meine Wohnung gebracht – ein gemütliches Appartement unter dem Dach, perfekt gelegen in der Fußgängerzone, genau zwischen Jean Pauls Sterbehaus und dem Café Kraftraum, das gute Chancen hat, mein Stammcafé zu werden.

Im Grunde scheinen sich Bayreuth und Berlin gar nicht so sehr voneinander zu unterscheiden: Hier wie dort gilt  die gesetzliche Wortspielverordnung für das Friseurhandwerk („Hairforce One“ kannte ich noch gar nicht, obwohl es doch eigentlich auf der Hand liegt). Allerdings wird sie hier etwas laxer gehandhabt, es gibt sogar couragierte Coiffeure, die einfach nur „Friseur“ über ihre Läden schreiben – ich darf nicht vergessen, ein Foto davon zu machen, wer weiß, wie lange sie das noch durchhalten.

Am Abend wurde ich Zeuge eines kleinen Streits bezüglich einer wohl etwas unklaren Vorfahrtssituation, ein Auto- und ein Mopedfahrer bezichtigten sich gegenseitig der Unkenntnis der Straßenverkehrsordnung sowie anderer geistiger Unzulänglichkeiten, wie üblich gab es dabei einiges Gebrüll und Armgefuchtel. Bis der Mopedfahrer plötzlich stutzte, sich noch einmal umdrehte , nachdenklich die Kreuzung betrachtete und dann sagte: „Ach so. Dann hatte ich gar nicht Vorfahrt?“ Der Autofahrer schüttelte den Kopf. „Oh, na, das tut mir leid, entschuldigen Sie bitte!“ Dann nickten sie einander zu, und fuhren in entgegengesetzte Richtungen davon.

Ich will das nicht überbewerten. Schon gar nicht will ich aus diesem kleinen Vorfall irgendwelche Mentalitätsunterschiede herausdestillieren oder Klischees von sturen, unfreundlichen Berlinern und einsichtigen, netten Franken verbreiten. So etwas kommt schließlich auch in Berlin vor. Gut dokumentiert ist zum Beispiel ein ganz ähnliches Ereignis im Oktober 2003 an der Kuglerstraße, Ecke Greifenhagener Straße. Die Berliner werden sich noch gut an den wochenlangen Presserummel erinnern. Die beiden Beteiligten wurden Ehrenbürger der Stadt, ihre Gesichter zierten eine weltweite Imagekampagne für Berlin und eine zeitlang wurde sogar überlegt, den geplanten Großflughafen Berlin-Brandenburg nach ihnen zu benennen, bevor man sich doch für Willy Brandt entschied, da dieser nicht mehr wegen Rufschädigung klagen kann.

Ich werde jedenfalls noch einige empirische Daten sammeln, bevor ich mich zum Wesen der Bayreuther äußere, nach den ersten 24 Stunden würde das auch alles viel zu positiv ausfallen, da es bis jetzt sehr schön ist, und ich schon sehr angenehme Bekanntschaften schließen konnte (die beim Abendessen und anschließenden Biertrinken insgesamt nur eine knappe Stunde über Wagner sprachen).

14 Uhr

Heute morgen war im Bayreuth-Teil des Nordbayerischen Kuriers ein Bericht über mich. Mit großem Foto. Ich habe mich noch gar nicht getraut, ihn zu lesen, obwohl er wahrscheinlich freundlich ist. Aber ein bisschen unangenehm ist mir so etwas immer; es kommt mir auch seltsam vor: Zeitungen sind doch dazu da, mich über die Welt zu informieren und nicht umgekehrt! Das einzige, was ich noch unangenehmer als Zeitungsberichte über meine Arbeit oder mich finde, sind Zeitungen, die mich schnöde ignorieren – die Welt muss doch von mir erfahren!

Ich bin jedenfalls seit heute morgen unterwegs und kann ja schlecht in der Öffentlichkeit einen Artikel lesen, der mit einem großen Foto von mir illustriert ist, das muss nun bis heute Abend warten. Einen Undercover-Einsatz in Bayreuth kann ich mir jedenfalls abschminken. Das heißt auch: Ich werde mich halbwegs benehmen müssen :(

Eine wichtige Aufgabe für die nächsten Tage: herausfinden, wann und wem gegenüber man „Grüß Gott“, „Servus“ oder „Hallo“ sagt. Aber Fettnäpchen sind ja zum Reintreten da. Wenn man es barfuß tut, ist es sicherlich auch sehr gesund für die Füße.

Jetzt aber weiter mit Dr. Katzenbergers Badereise. Ich esse noch schnell eine Bratwurst, mache ein paar kleine Einkäufe und dann geht es ans 3. Summula!

16.30 Uhr

3. Summula, Ein Reisegefährte.

Während Dr. Katzenberger sein Missgeburtenkabinett putzt, spricht ein gewisser Herr von Nieß bei Katzenbergers Tochter Theoda vor. Er sei der Freund eines bekannten Bühnendichters namens Theudobach und solle ihr von ebendiesem Dichter einen Brief überreichen. Diese Mitteilung hat bemerkenswerte Auswirkungen auf Theoda: Sie „entglühte hochrot“ und zerreißt mit dem Umschlag beinahe den Brief. Jean Paul schreibt: „die Liebe und der Hass zerreißen den Brief, so wie beide den Menschen verschlingen wollen“.

Vor Aufregung zerrissene Briefe gehören wohl unwiederbringlich der Vergangenheit an; einzig Behörden, Telefonkommunikationsanbieter und Versicherungen schreiben noch Papierbriefe, die einen dies nachvollziehen lassen (wobei es in diesen Fällen selten die Liebe ist, die den Empfänger so ungestüm macht). Gibt es ein Äquivalent zum versehentlichen Briefezerfetzen bei Emails oder Facebooknachrichten? Kommt es vor, dass Verliebte ihr Smartphone oder ihre Maus zerstören, weil sie mit solcher Inbrunst auf eine Botschaft des oder der Geliebten drücken bzw. klicken? War früher alles besser?
Nein, selbstverständlich nicht, denn auch wenn die Liebe heute einiger Ausdrucksformen beraubt ist, so hat sie doch gleichzeitig unzählige neue hinzugewonnen, man kann zum Beispiel einfach mal schnell eine „hdl“-SMS oder „<3“-Message schicken.

Im selben Abschnitt beschreibt Jean Paul die Anmut Theodas und erweist sich als sehr weitsichtig: „einige Pockengruben legten dem beseelten und wie Frühling-Büsche zart- und glänzend-durchsichtigen Angesicht noch einige Reize zu, um welche der Doktor Jenner die künftigen Schönen bringt.“

Gemeint ist Edward Jenner, der englische Landarzt, der die Pockenschutzimpfung entwickelt und damit unzähligen Menschen das Leben gerettet hat – der aber vielleicht auch den bis zur Entwicklung von Photoshop verheerendsten Beitrag zu einem von Perfektion bestimmten Schönheitsideal leistete. Es wäre natürlich sehr leichtsinnig Jean Paul hier ganz ernst zu nehmen, aber interessant ist diese Aussage allemal – ich werde diesen Aspekt im Auge behalten.

Kurz und gut: Theoda jedenfalls hat sich bereits vor Zeiten in den Dichter Theudobach verliebt und ihm einen Brief geschickt – ohne ihn je gesehen zu haben, einfach nur auf Basis der Lektüre seiner Werke! Noch so eine Sache, die leider ausgestorben scheint. Jean Paul selbst hat viele Frauenherzen gebrochen und auch in seinem Fall haben sich die meisten dieser Frauen beim Lesen seiner Bücher in ihn verliebt. Ich verspreche mir von der Beschäftigung mit Jean Paul einige Anregungen, wie ich mein eigenes Werk diesbezüglich erfolgreicher machen kann.

Herr von Nieß schleimt noch ein bisschen herum, behauptet, er habe Katzenbergers „treffliche Werke“ gelesen. Außerdem wolle er, genau wie Katzenberger und Theoda nach Maulbronn reisen, da auch der von Theoda geliebte Dichter Theudobach dort erwartet werde und er, Nieß, mit ein paar Schauspielern dessen Ankunft vorbereiten wolle. Und als er dann gehört habe, dass Dr. Katzenberger einen Mitreisenden suche … kurz und gut: Theoda ist glücklich – erst ein Brief vom Dichter und dann auch noch die Aussicht darauf, ihn persönlich kennenzulernen! Sie stürmt selig davon, um ihrer schwangeren Freundin Bona von den wundersamen Entwicklungen Bericht zu erstatten.

Verlorene Praxis:

– das eigene Mißgeburten-Kabinette abstäuben und den Embryonen in ihren Gläschen Spiritus zu trinken geben

– einem Dichter in der Kühnheit des langen geistigen Liebestrankes der Jugendzeit schreiben und ihm gleichsam in einem warmen Gewitterregen des Herzens alle Tränen und Blitze zeigen, die er wie ein Sonnengott in einem geschaffen hat

Schönstes Bild:

Sie blieb unter der schweren Freude kaum aufrecht; den zarten, nur an leichte Blüten gewohnten Zweig wollte fast das Fruchtgehänge niederbrechen.

(Volker Strübing)

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Ein Kommentar zu “Tag 2 – Die Liebe in den Zeiten der Pockenschutzimpfung

  1. Auch von mir ein „Herzlich Willkommen“ bzw. „Servusla“
    Der Blog gefällt mir bisher sehr gut. Hoffentlich bleibt dir dafür weiterhin genug Zeit dafür.
    Ich warte schon auf deinen ersten Kommentar zum Projekt Jean-Pauls Himmelstreppe.

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