Tag 3 – Die beschnittenen Nasen der ausgestopften Engel

6.2. 2013, 11.00 Uhr, Bayreuth, Café

„Aber schreib das nicht in dein Blog“, sagte gestern jemand zu mir. Nein – keine Sorge, bis auf diesen letzten Satz bleibt das unter uns. Ich betreibe hier weder Boulevard- noch Enthüllungsjournalismus. Ich werde sowohl meine eigene Privatsphäre als auch die der Menschen, die ich kennenlerne wahren.

Ein anderer befürchtete, ich würde mich hier sicher über Bayreuth und seine Provinzialität lustig machen. Das ist weder meine Absicht, noch sehe ich bisher Grund dazu. Ganz bestimmt werde ich ab und zu spöttisch und satirisch schreiben – wie ich es auch in Berlin und überall tue. Doch wirklich ätzend wird es bei mir nur selten. Da war beispielsweise Jean Paul schon eine ganz andere Nummer: „Dein [Freund Otto’s] und Emanuels Leben könnten meines nach Bayreuth locken, wüchse nur nicht da auf allen Gassen literarisches Gras und in den Häusern das Vieh dazu“ (zitiert nach: Jean Paul in und um Bayreut, Der Jean-Paul-Weg zwischen Eremitage und Fantaisie, Ein literarischer Spaziergehführer). Ich sehe eher die Gefahr, dass dieses Blog viel zu nett wird …

Ich bin noch dabei, mich hineinzufinden, sowohl in die Stadt, als auch in dieses Projekt. Wie wird das Verhältnis zwischen Jean-Paul-Lektüre, Stadtanekdoten und Tagebuch? Soll ich (wie ich es bisher tue) nacherzählen, was ich gelesen habe, oder mich darauf beschränken, meine Gedanken dazu sowie einige besonders schöne Zitate aufzuschreiben, in der Hoffnung, dass dann vielleicht mehr Besucher dieses Weblogs den Originaltext parallel lesen? Und für wen schreibe ich eigentlich? Für Jean-Paul-Interessierte? Für Bayreuth und die Bayreuther? Für meine Eltern, die wissen wollen, wie es ihrem Sohn in der (noch) Fremde ergeht? Oder weil das Internet noch nicht voll genug ist?

13.00 Uhr IRE Bayreuth – Nürnberg

Ich bin noch gar nicht richtig angekommen, da muss ich schon wieder weg. Ich bin unterwegs nach Hamburg wegen eines Termins, der schon feststand, bevor ich wusste, dass ich nach Bayreuth kommen würde. Morgen komme ich schon zurück (ich bin gespannt, ob und wann ich „nach Hause“ schreiben werde), aber es ist trotzdem sehr schade, weil ich dadurch den Poetry Slam heute Abend im Kommunalen Jugendzentrum verpassen werde. Aber im März bin ich dort!

Und als kleinen Trost für mich gibt es am Donnerstag einen Auftritt des Fuck Hornisschen Orchestra im kleinen Haus der Stadthalle. Julius Fischer und Christian Meier wurden berühmt mit Welthits wie „Bahndammbrandmann“ und „Wir weinen am liebsten im Sitzen“ und präsentieren ihr neues Programm „Hoffnung 3000“, für das ich gerne Werbung mache, da die beiden erstens super Musiker und Entertainer und zweitens Freunde sind.

14.00 Uhr, ICE Nürnberg – Hamburg

Jean Paul und die Frauen – das wird ein interessantes Thema. Was würde man vor dem Hintergrund der aktuelle Sexismusdebatte von Aussagen wie dieser halten: „Die schimmernde Oberfläche des Weibes und die Lokspeise in ihren Augenhöhlen soll ieden Mann nöthigen, ihr so eifrig nachsetzen als wär‘ er ein Narr und sie ein Engel, wovon sie doch nur die ausgestopfte epidermis ist“?

Es ist natürlich ziemlich perfide, diesen Satz hervorzuzerren und ohne den Zusammenhang zu zitieren. Er stammt aus dem satirischen Werk  „Auswahl aus des Teufels Papieren“ und Jean Paul distanziert sich von dem Teufel, der solches schreibt. Sie erschienen erstmals unter dem Pseudonym J. P. F. Hasus, stammten vorgeblich aus dem Nachlass ebenjenes Hasus, der die Papiere aber ebenfalls nicht selbst verfasst habe, da sich der Teufel des Nachts seiner bemächtigte, um sie zu schreiben.

Jean Paul gilt eher als eine Art früher „Frauenversteher“. Sicher kein Feminist, aber für die damalige Zeit doch weit vorn in diesem Punkt. Das nächste Kapitel von Dr. Katzenbergers Badereise untermauert diese These zwar nicht unbedingt – aber hey, der Roman ist kein Beitrag zur aktuell laufenden Diskussion, sondern eine bitterböse Komödie.

4. Summula, Bona. 

Theoda also läuft zu ihrer schwangeren Freundin Bona, um die guten Nachrichten zu verkünden und sich von ihr zu verabschieden. Bona drängt auf eine baldige und glückliche Rückkehr und ruft: „Bringe uns besonders dein beschnittenes aufgeworfnes Näschen wieder wieder zurück!“ Mich bringt sie damit ziemlich ins Grübeln: beschnittene Näschen? Da werde ich demnächst doch einmal recherchieren müssen, sicher ist nicht das gemeint, was wir heute darunter verstehen, schon allein weil eine Nasenbeschneidungsdebatte in der Vergangenheit, die irgendwann zur Abschaffung dieses Brauches geführt hätte, in der kürzlich aktuellen Diskussion um Herumschnippeleien an hervorstehenden Körperteilen oft zitiert worden wäre.

Theoda verspricht, zur Geburt wieder daheim zu sein, selbst, wenn sie ihrem Vater davonlaufen müsse. Dabei widerfährt ihr ein kleiner Fauxpax: „Oh wie wollt‘ ich noch zehnmal froher reisen, wär‘ alles mit dir vorüber …“ – in einer Zeit, in der viele Frauen im Kindbett starben, eine etwas unsensible Formulierung, die Bona aber tapfer schluckt.

Die wichtigste zu klärende Frage ist jedoch erst einmal, was Theoda mit ihrem Dichter anzufangen gedenkt.

»Und was wäre es denn«, fuhr Theoda fort, »wenn ein dichtertolles Mädchen einem Herder oder Göthe öffentlich auf einem Tanzsale um den Hals fiele?« –  »Tu‘ es nur deinem Theudobach“, sagte Bona, »so weiß man endlich, wen du heiraten willst!« – »Jeden – versprech‘ ich dir –, der nachkommt; hab‘ ich nur einmal meinen männlichen Gott gesehen und ein wenig angebetet: dann spring‘ ich gern nach Hause und verlobe mich in der Kirche mit seinem ersten besten Küster oder Balgtreter und behalte jenen im Herzen, diesen am Halse.«

Na, ob das gut geht? Man könnte argumentieren, dass auch manches junge Mädchen heutzutage für einen Kuss von Justin Bieber bereit wäre, später den Justin aus der Parallelklasse zu heiraten, aber ganz ernst nehme ich Theodas Versprechen nicht. Und außerdem (um auch auf die männliche Seite einzugehen): Haben es nicht auch der Küster und Justin aus der Parallelklasse verdient, wenigstens eine kleine Kammer im Herzen ihrer Frauen bewohnen zu dürfen?

Interessanter ist aber eigentlich der vorhergehende Absatz, der am Fuß dieses Blogeintrages einen Ehrenplatz in der Rubrik „Längster Satz“ erhält, da er nur aus einem einzigen besteht. Ich bin weiß Gott nicht sicher, ob ich ihn richtig verstanden habe. Ich würde ihn etwa so zusammenfassen: Die Frau hat die Hosen an – solange sie ein schönes Kleid anhat, selbst schön ist und dem Mann die angemessene Bewunderung zuteil werden lässt . „Man küsst manchem heiligen Vater den Pantoffel, unter den man ihn zuletzt selber bekommt“. Hm, wie war das mit der ausgestopften Epidermis?

Unklares Inventar:

– Beschnittene Näschen

Missverständliches Vokabular:

– Balgtreter

Verlorene Praxis:

– vor dem teuern Dichter mit dem ganzen Herzen herausbrausen und -platzen und hundert ungestüme Dinge tun

– die wehmütigen Empfindungen einer Schwangeren, die vielleicht zwei Todesarten entgegengeht zurückstecken, um der Freundin das schöne Abendrot ihrer Freude nicht zu verfinstern

Längster Satz:

Allerdings nähern die Weiber sich hohen Häuptern und großen Köpfen – was keine Tautologie ist – mit einer weniger blöden Verworrenheit als die Männer; indes ist hier Schein in allen Ecken; ihre Blödigkeit vor dem Gegenstande verkleidet sich in die gewöhnliche vor dem Geschlecht; – der Gegenstand der Verehrung findet selber etwas zu verehren vor sich – und muß sich zu zeigen suchen, wie die Frau sich zu decken; – und endlich bauet jede auf ihr Gesicht; »man küßt manchem heiligen Vater den Pantoffel, unter den man ihn zuletzt selber bekommt«, kann die jede denken.

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