Tag 4 – Nieß hieß Nieß

10.00 Uhr, ICE Hamburg – Nürnberg

Ich bin halt auch nur ein Mensch! Gestern Nacht in Hamburg jedenfalls konnte ich trotz großer Müdigkeit den frivolen Verlockungen der sündigen Hafenstadt nicht widerstehen: Ich ging in eine Raucherkneipe.

Seit Sonntag Abend, meinem letzten Abend in Berlin, hatte ich keine Gelegenheit mehr gehabt, unbehelligt von Wind und Wetter an einem Tisch oder einer Bar mit Bier oder Kaffee vor mir gemütlich vor mich hinzurauchen. In den nächsten Monaten hier in Franken werde ich, was das angeht, sehr tapfer sein müssen.

Ich hatte sogar überlegt, meinen Umzug nach Bayreuth zum Anlass zu nehmen, mal wieder mit dem Rauchen aufzuhören, aber das kam dann doch nicht in Frage. Es gibt tausend gute Gründe, es sein zu lassen, und genau einen schlechten: Dass man es dir mit Gesetzen und Verordnungen austreiben will. Nein, ich bin Jetzt-erst-recht-Raucher, das Aufhören muss warten, bis ich in Berlin zurück bin, wo es wenigstens meine eigene Entscheidung ist und kein Einknicken vor gesetzlichem Gouvernantentum.

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(Würzburg Hauptbahnhof, 5 Minuten Aufenthalt: Erstmal gemütlich eine rauchen.)

Nichts gegen Nichtraucherschutzgesetze. Sogar als Raucher war ich froh, als das Rauchen in Zügen und Restaurants abgeschafft wurde. Diese Gesetze waren nötig, weil die Nichtraucher von den Rauchern zwangsbequalmt wurden und mitrauchen mussten, ob sie wollten oder nicht, weil ihre Klamotten stanken, egal, in welches Café oder welche Kneipe sie sich setzten, es war insgesamt eine unglaubliche Rücksichtslosigkeit. Aber wenn Rauchclubs, separate Raucherräume und P-18-Raucherkneipen ohne Küche verboten werden, geht es nicht mehr um Nichtraucherschutz, sondern um Rauchergängelung. Ums Erziehen. Ich will nicht mehr erzogen werden, der Zug ist abgefahren!

Ich kapier das nicht. So wie es in Hamburg oder Berlin gehandhabt wird und bis vor einiger Zeit in Bayern gehandhabt wurde, funktioniert es doch prima! In Berlin sind die meisten Cafés und Kneipen rauchfrei, und wenn ich mich mit nichtrauchenden Freunden verabrede, dann in der Regel dort. Aber wenn ich allein oder mit Rauchern verabredet bin, ist es toll, beim Bier rauchen zu können, ohne zitternd auf der Straße rumzustehen. Am nächsten Morgen habe ich dann einen Nikotinkater und Aschenbechergeschmack im Mund und die Sachen vom Vortag müssen in den Castorcontainer auf dem Hinterhof entsorgt werden – aber das ist verdammt nochmal mein Problem.

Ich bilde mir nicht ein, Genussraucher zu sein, es ist eine Sucht und wie man hört wohl auch ein bisschen ungesund. Ich will aufhören oder wenigstens mal wieder ein, zwei Jahre Pause machen, aber solange ich mich mit Rauchen zu Grunde richte, will ich es dabei gemütlich haben.

Dass das verschärfte „Nichtraucherschutzgesetz“ in Bayern Ergebnis eines Volksentscheides ist, macht nichts besser, eher im Gegenteil. Die Mehrheit hat jedes Recht, sich vor Belästigungen und Gefahren zu schützen, aber sie sollte ihre gesunde Lebensweise nicht der stinkenden Minderheit aufdrücken und auch noch die letzten Nischen zubetonieren wollen.

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(Nürnberg Hauptbahnhof: Mit ein bisschen Abendsonne ist alles viel schöner. Überhaupt: Wenn erst die Straßencafé- und Biergartensaison beginnt, ist die Welt wieder in Ordnung. Was eigentlich ein guter Grund wäre, dann mit dem Rauchen aufzuhören.)

So. Entschuldigung. Das musste raus. Ist ja eigentlich auch schon tausendmal durchdiskutiert worden und ändern lässt sich’s sowieso nicht mehr. Das Kind ist in den Aschenbecher gefallen oder mit diesem ausgeschüttet worden und die Zigarette in der Hand ist besser als die Raucherlounge auf dem Dach oder so. Ich rege mich jetzt wieder ab und nehme mir das nächste Kapitel von Dr. Katzenbergers Badereise vor:

5. Summula, Herr von Nieß.

Jean Paul liebt Überraschungen und teilt sie freigiebig aus. Zusammenfassungen seiner Romane erinnern stellenweise an Soap-Opera-Plots: Totgeglaubte tauchen wieder auf, der Bruder verliebt sich unwissentlich in die Schwester, Kinder werden vertauscht und Protagonisten entpuppen sich plötzlich als jemand ganz anderes.

So auch Herr Nieß. Der angebliche Freund des Dichters Theudobach – ist der Dichter selbst. Nieß ist sein richtiger, Theudobach sein Künstlername oder, wie Jean Paul es viel schöner sagt:

Nämlich Nieß hieß Nieß, hatte aber als auftretender Bühnen-Dichter um seinen dünnen Alltagsnamen den Festnamen Theudobach wie einen Königsmantel geworfen.

Neben dieser Enthüllung steckt für mich hier noch eine interessante Zusatzinformation in diesem Satz. Bisher war ich irgendwie davon ausgegangen, dass mit einem Bühnen-Dichter ein Dichter gemeint sei, der Stücke für die Bühne schreibt. Aber nein, es ist jemand, der seine Sachen selbst auf der Bühne vorträgt! Wir sind praktisch Kollegen, denn auch ich schreibe Texte, um sie auf Bühnen vorzutragen! (Ich hoffe, das bleibt die einzige Gemeinsamkeit, denn im Folgenden wird Nieß nicht gerade sehr positiv gezeichnet.)

Nieß/Theudobach hat also beschlossen, den Sommer in Maulbronn zu verbringen, wo ohnehin jedes Jahr seine Stücke aufgeführt werden. (Aha, also doch?! Oder gab es damals Poesie-Cover-Bands, die die größten Hits live auftretender Poeten nachspielten, wann immer die Originale nicht zur Verfügung standen?)

Um seiner Reise ein wenig Würze zu verleihen, hatte er beschlossen unter seinem richtigen (und unbekannten) Namen zu reisen, dort eine „musikalische deklamatorische Akademie von Theudobachs Stücken“ zu geben, und dann, wenn die Bewunderung für Theudobach am größten ist, in aller Bescheidenheit sich selbst als das verehrte Genie zu erkennen zu geben.

Theudobach ist schwer verliebt. Leider (noch?) nicht in Theoda, sondern erst einmal und vor allem in sich selbst:

Er konnte sein Haar nicht auskämmen, ohne daran zu denken, welchen feurigen Kopf der Kamm (seinen Anbeterinnen vielleicht so kostbar als ein Gold-Kamm) regle, lichte, egge und beherrsche, und wie eben so manches Gold-Haar, um welches sich die Anbeterinnen für Haar-Ringe raufen würden, ganz gleichgültig dem Kamm in Zähnen stecken bleibe als sonst dem Mexiko das Gold

Er kann in keinem Gasthof auf dem Klo (dem „gewissen einsitzigen Orte“) sitzen, ohne daran zu denken, wie glücklich mancher Jüngling, der es nach ihm benutzt, wäre, wenn er wüsste, wessen Hintern vorher darauf gesessen hat.

(Nein,nein, Theudobach, wir sind uns nicht ähnlich! Ich habe auch meine Anfälle von Größenwahn, aber so weit geht es nicht. Zumindest nicht oft. Und wenn, dann stelle ich mir eher vor, dass nach mir niemand mehr die Toilette benutzen darf, weil sie zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt und im Museum ausgestellt wird!)

Nachdem Nieß Theodas Brief erhalten hat („worin die zufällige Hochzeit der Namen Theoda und Theudobach ihn auf beiden Fußsohlen kitzelte“), fasst er den Entschluss, der Anbeterin „wie ein homerischer Gott, in der anonymen Wolke zu erscheinen;“

An dieser Stelle unterbreche ich für heute, morgen geht es weiter mit dem 2. Teil der 5. Summula.

 

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5 Kommentare zu “Tag 4 – Nieß hieß Nieß

    • Sorry! Ich hab mich auch gewundert, als wir plötzlich pünktlich in Nürnberg ankamen und ich abbrechen musste, weil ich zum Kaffee verabredet war. Wo sind die berühmten Verspätungen, wenn man sie mal braucht? Ein Triebkopfschaden auf offener Strecke und ich wäre locker mit dem Artikel durchgekommen!

  1. Macht Spaß, mitzulesen! Der „Doktor Katzenberger“ wird übrigens am 22. Juni zum ersten Mal auf die Bühne gebracht – Welturaufführung in Bayreuth…

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