Tag 5 – Experimentelle Poetenverlotterung

Freitag, 8.2.2013, 10.00 Uhr, Bayreuth

Gestern Abend fiel es mir wie Schuppen von den Augen, und ich begriff endlich, warum unter allen Bewerbern gerade ich für die Stadtschreiberstelle ausgewählt wurde. In geradezu nießscher Selbstverliebtheit hatte ich mir eingebildet, es hätte etwas mit meiner Bewerbung zu tun, und damit, dass der Jury gefiel, was ich bisher so geschrieben habe. Aber es lag einzig und allein an meinem Alter: Ich bin 41 Jahre alt – genauso alt wie Jean Paul war, als er nach Bayreuth zog!
Das Ganze ist nichts anderes als ein soziokulturelles Experiment, zur Untersuchung der Auswirkungen Bayreuths auf zuziehende 41jähriger Schriftsteller! Von Jean Paul ist bekannt, dass er bald nach seinem Umzug hierher ziemlich zu verlottern begann, und nun möchte man herausfinden, ob das ein Zufall war oder ob Bayreuth immer diese Wirkung auf Autoren hat.

In kurzer Zeit war aus dem glühenden Feuergeist ein Eigenbrödler geworden, der sich seltsam genug in der menschlichen Gesellschaft ausnahm. Immer weniger legte er auf sein Äußeres Gewicht. Die nicht mehr ganz weiße Weste, von der Le Pique erzählt, wird für ihn bezeichnend. Karoline schreibt in der ersten Zeit ihrer Ehe an ihren Vater, daß Jean Paul immer wieder seinen alten abgetragenen Schlafrock trüge, obwohl ein schöner neuer im Schrank hänge. So ist es mit allem. Sein Rock ist ständig abgetragen, seine Wäsche nie ganz sauber. Diese äußeren Kleinigkeiten des Lebens vermag er je länger um so weniger zu meistern. Wie sein Fleisch schwammicht und aufgedunsen wird, so überläßt er auch seine Kleidung sich selber. Es ist etwas Müdes und Verbrauchtes in ihm. Le Pique stellt fest, daß ihm in seinem 41. Jahre die Hände zittern wie einem Greise. Kaffee und Bier haben seine Organe abgenutzt. Immer unähnlicher wird er den alten Bildern, die es von ihm gibt.

(Walther Harich, Jean Paul, Biografie, 1925)

Gestern abend beim Bier (es fängt schon an!) wurde mir erzählt, Jean Pauls berühmte Schreibstube in der Rollwenzelei sei vor allem eingerichtet worden, weil sich der Dichter in der darunterliegenden Gaststube hemmungslos zu betrinken pflegte!

Eigentlich hätte mir schon alles klar sein müssen, als ich im Kühlschrank meiner Wohnung zwei Willkommensbiere vorfand, deren Etiketten an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließen:

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Dazu all die Warnungen wohlmeinender Bekannter vor meinem Umzug und in den ersten Tagen hier: „Fünf Monate Franken? Oh Mann, da wirst du ordentlich zulegen …“

Er ist nicht gerade dick, doch auch gar nicht so mager, als ich mir nach einer Äußerung in den ›Biographischen Belustigungen‹ vorgestellt hatte, wo er sagt, er habe nicht so viel Fett auf dem Leibe, daß man damit eine Nachtlaterne so lange brennend erhalten könne, als die meisten Polizeiverordnungen begehrten, nämlich von 10 bis 1 Uhr. [Anmerkung: Es war jene Zeit, in der man die Städte mit Waltran beleuchtete – eigentlich auch eine schöne Sache für die Rubrik „Verlorene Praxis“] Aber sein Fleisch ist aufgedunsen und schwammigt, welches besonders an den Händen, die viel zittern, auffällt. (Er ist jetzt 41 Jahre alt.) […] Seine Mundart, die vogtländische, klingt nicht sonderlich angenehm; als ich ihn Mädichen, Bändichen sagen hörte, konnte ich mich des Gedankens an die jenaischen Kümmeltürken nicht erwehren.

(Le Pique, zitiert nach: Walther Harich, Jean Paul, Biografie)

(Der letzte Abschnitt gehört eigentlich gar nicht zum Thema, aber ich fand die „jenaischen Kümmeltürken“ so hübsch – an dieser Stelle ein Gruß an Tom, den alten Kümmeljenaer, falls er mitliest.)

Ganz gut zu dem bisher Geschriebenen passt ein Gerücht, das mir zu Ohren kam: Jemand meinte, im Radio gehört zu haben, während meiner Zeit als Stadtschreiber könnte ich in einem Dutzend Bayreuther Kneipen kostenlos meinen Körper aufschwemmen und meinen Geist ersäufen. Das ist nicht ganz richtig. Ich habe einige Gutscheine für Restaurants bekommen, das stimmt, und das ist toll, aber es sind keine Flatrates.

In gewissem Sinn bin ich ganz froh, nun zu wissen, weshalb ich hierhergeholt wurde. Schrieb ich vor drei Tagen noch, dass ich mich, nachdem der Nordbayrische Kurier meine Identität enthüllt und ein großes Foto von mir veröffentlicht hat, nun wohl anständig benehmen müsse, kann ich jetzt beruhigt den ganzen Tag mit schmuddligen Sachen betrunken durch die Stadt torkeln und darauf hinweisen, dass dies Teil eines wissenschaftlichen Experimentes im Rahmen des Jean-Paul-Jahres sei.
Ich bin aber noch nicht sicher, ob ich das wirklich tun werde. Und für die Wissenschaft ist der Erkenntnisgewinn ja oft viel höher, wenn sich die Ratte im Labyrinth anders als vorhergesagt benimmt.

5. Summula, Herr von Nieß. – Fortsetzung

Von Nieß hat Katzenberger schnell davon überzeugt, ihn in seiner Kutsche mitzunehmen: Mithilfe eines Röllchens Gold für die Auslagen, einiger Schmeicheleien (er nennt Katzenberger „einen der größten Zergliederer“) und der Bereitschaft rückwärts zu fahren, was Katzenberger selbst nicht mehr ohne zu „vomieren“ erträgt.

Darüberhinaus hat er aber von Dr. Katzenberger weder besonderes Interesse oder gar Freundschaft, ja nicht einmal Freundlichkeit zu erwarten, wie dieser ihm vorsorglich erklärt – und auch gleich klarstellt, dass, wenn er etwas Unfreundliches sage, dies bitterernst gemeint sei. Der Arme leidet nämlich darunter, dass seine Bosartigkeiten oft für Scherze gehalten werden:

Leider hab‘ ich das Unglück, daß ich, wenn ich im Wagen oder sonst jemand etwas sogenanntes Unangenehmes sage, für satirisch verschrien werde, als ob man nicht jedem ohne alle Satire das ins Gesicht sagen könnte, was er aus Dummheit ist. Indes gefällt Ihnen der Vater nicht, so sitzt doch die Tochter da, nämlich meine

Von Nieß hingegen ist entzückt vom grantigen Doktor und hofft, dieser werde es wirklich arg treiben und ihm damit Material für ein „Possenspiel“ liefern (er ist ja in Wirklichkeit der Dichter Theudobach). Ähnliches erhofft er sich ganz unromatisch von Theoda: „Vielleicht ist auch die Tochter zu verbrauchen in einem Trauerspiele“. Bis jetzt sieht das alles nicht nach einer heißen Liebesgeschichte aus, aber natürlich ist es eine der klassischen Dramaturgien literarischer Liebesgeschichten, dass einer der beiden anfangs kein Interesse hat – oder sehr seltsame Interessen. Wir werden sehen.

„Wir brechen mit dem Tage auf“, verkündet Dr. Katzenberger und Nieß verabschiedet sich, denn ihm ist klar, dass auf seine Gesellschaft für den Moment kein Wert mehr gelegt wird. Damit erspart er dem Professor die oft notwendigen Anstrengungen und Grobheiten, mit denen er seine Gäste loszuwerden pflegt:

wie er die Uhr aufzog, in Schweigen einsank oder in ein Horchen nach einem nahen lautlosen Zimmer, oder wie er die unschuldigste Bewegung des Fremden auf dem Kanapee sogleich zu einem Vorläufer des Aufbruchs verdrehte und scheidend selber in die Höhe sprang, mit der Frage, warum er denn so eile.

Ich glaub, ich mag den Katzenberger … Nicht, dass ich ihn gern um mich hätte, aber als literarische Figur ist er großartig.

Apropos „großartig“: Ich war gestern im kleinen Haus der Stadthalle zum Konzert von The Fuck Hornisschen Orchestra, auf das zufälligerweise eben dieses Wort genau zutrifft. (Ich bilde mir übrigens recht viel auf meine geschickten Überleitungen ein.)
Vor dem Konzert sprachen Clemens Lukas und Fergus Wünschmann vom Literaturcafé Bayreuth ein paar Begrüßungsworte – wobei sie auch mich als Stadtschreiber begrüßten und einen Willkommensapplaus erbaten, der mir auch freundlich gewährt wurde.
Ich wusste nicht so recht, was ich tun soll, darum beschränkte ich mich darauf, rot zu werden und verschämt zu winken. Vielleicht hätte ich aufstehen und mich verbeugen sollen oder so, aber ich war doch nicht vorbereitet, war doch privat dort – ich hatte ja nicht einmal meine Stadtschreiber-Uniform (eine nicht mehr ganz weiße Weste über abgetragenem Schlafrock) angezogen!

Verlorene Praxis:

– Für die Reise ein Kästchen mit Pockengift, Fleischbrühtafeln und Zergliederungswerkzeugen packen

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3 Kommentare zu “Tag 5 – Experimentelle Poetenverlotterung

  1. Der Hintergrund eines Sozialexperiments (aber auch einer Psychoprobe für dich, siehe Kneipensehnsucht und so) deucht mir schon länger wahrscheinlich, wenngleich es sich mir nicht so glasklar offenbarte, wie du es nun erkanntest, sondern eher schwammig ahnend.
    Um so schöner, dass wir die Studie als Realitysoap live in deinem Blog verfolgen dürfen.
    (und einen besseren Grund für dein Müdesein hätte dir wahrlich sonst kaum was bieten können)

    Wo bleiben die interaktiven Features? Die Aufgaben aus dem Off? Abwahlen bestimmter Formate? Nein? NIchts? Laisser faire-Plot? Das sind die spannendsten Untersuchungspläne. Viel Spaß beim publikumswirksamen Verlottern (hab ich jetzt schon)!

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