Tag 8 – Karneval und Brauseherzen

Rosenmontag, 11.2.2013, Bayreuth, 11.30 Uhr

Icke beim Fasching! Ganz klar, dass ich in Berlin alle derartigen Aktivitäten boykottiere. Fasching, Karneval, sowas hat in Berlin nichts zu suchen. Man muss doch nicht alles überall machen, das wäre doch langweilig, es leben die regionalen Unterschiede! Außerdem hat Berlin dafür ja … ähm, naja, fällt mir gerade nicht ein.

Aber wenn ich schon mal in der deutschen Karnevalshochburg Franken bin, nehme ich das natürlich mit. Am Freitag war ich bei der Faschingsparty von Radio Mainwelle – wenn schon, denn schon. Ich hatte überlegt, als Seemann zu gehen, zumal das Motto „St. Pauli“ hieß, aber das wäre doch keine richtige Verkleidung gewesen wäre, weil ich ja tief in meinem Herzen Seemann bin. Hier zwei Beweisvideos:

Also bin ich kurz vor acht nochmal losgerannt, um mir ein Kostüm zu besorgen. Das war wohl ein bisschen spät: Bei Netto habe ich in meiner Größe nur noch „Preußischer Faschingsboykotteur“ bekommen. Immerhin war ich der einzige, der so gegangen ist – mit den Seemännern hätte man locker einen Dreimaster bestücken können.

Karnevalskritiker bemängeln ja vor allem die Tatsache des anlassgebundenen Feierns: „Dis janze Jahr sinse die totalen Langweiler und denne rasten se uff Kommando aus.“ Nun habe ich aber in meinem Leben schon einige Male außerhalb der Faschingssaison tüchtig mit Franken, Rheinländern und so weiter gefeiert, daher halte ich das für Quatsch. Und ein besonderer Anlass, bei dem alle miteinander ausrasten, sämtliche Konventionen vergessen, sich hemmungslos betrinken und zu Musik tanzen, mit der sonst in Guantanamo die Häftlinge gefoltert werden, ist doch toll! (Solange das Ganze weit genug von Berlin entfernt stattfindet.)

Ich hatte jedenfalls meinen Spaß bei der St.Pauli-Party, auch wenn man mir das nicht unbedingt angesehen hat. Ich stand halt alleine irgendwo am Rand rum. Ich bin nicht der Typ, der bei solchen Gelegenheiten von sich aus Leute kennenlernt, und mich hat keiner angesprochen – wahrscheinlich war mein Kostüm zu krass. Getanzt habe ich auch nicht, aber ich habe Meniskus, das geht grad nicht. Die Musik … ach komm, einmal im Jahr und nach dem 3. Besuch an der Bar ist das doch egal. Ich habe teils heftig mit dem Fuß gewippt.

Viele der Verkleidungen waren toll, und ich fand’s sehr sehr lustig, zuzuschauen, wie Superhelden mit Vampirinnen, Seemänner mit bärtigen Cheerleadern und Polizistinnnen mit Piraten tanzen. (Es gab gar keine Cowboys und Indianer !) Ich bin nach knapp drei Stunden gegangen und habe sicher das beste verpasst. Aber ich wollte unbedingt vor der Prämierung der schönsten Kostüme weg sein. Es wäre mir irgendwie unangenehm gewesen, als Neuling den alteingesessenen Narren diesen Preis wegzuschnappen.

Zum Faschingsumzug nur soviel: Es war der zweite, den ich in meinem Leben gesehen habe. Der andere war auch in Franken. Rosenmontagsumzug in Bamberg 2012 – und auch wenn ich mich damit in Schmeichelei-Verdacht bringe: Der Bayreuther war tausendmal besser. Schon allein deshalb, weil es mehr Live-Musik gab und man diese auch trotz der obligatorischen Party-Wagen hören konnte.

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Ich habe ein Schnapsfläschchen an die Brille geworfen bekommen. Die Brille blieb heil, das Fläschchen zersprang auf dem Boden, naja.

Sehr schön fand ich die Idee mit dem Sonnenschein, das hat die Veranstaltung sehr aufgewertet. Trotzdem würde ich dringend über eine Verlegung, zum Beispiel in den Mai, nachdenken.

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Mal sehen, wo ich heute Abend landen werde, aber jetzt ist es ersteinmal an der Zeit für Dr. Katzenbergers Badereise:

 6. Summula, Fortsetzung der Abreise durch Fortsetzung des Abschieds 

Ein recht kurzes Kapitelchen. Dafür beginnt es gleich mit zwei Wundern. Nicht irgendwelchen Wald- und Wiesenwundern, sondern ausgewachsenen Weltwundern, dem achten: Theoda ist mit der Morgentoilette genauso früh fertig wie die Männer, und dem neunten: Sie ist sogar eher fertig als diese!

„Gleichwohl mußte man auf sie warten – wie auf jede.“ Die Geschlechterklischees scheinen damals schon dieselben gewesen zu sein. Wahrscheinlich gab es damals auch schon unzählige Witze über Frauen auf dem Kutschbock und ihren angeblichen Problemen beim Einparken.

Theoda hat in der Nacht keinen Schlaf gefunden, da ihr der Abschied von ihrer Bona nicht aus dem Kopf ging. Sie schämt sich ihres freudigen, eiligen Auf- bzw. Abtretens von der Freundin, die „bisher die Leiterin ihres Brauseherzens gewesen war“ und nun „so nahe an der Klippe des weiblichen Lebens“ stand (siehe Summula 4) und eilt in der frühen Morgenstunde noch einmal zu ihr.

„Brauseherz“ – gemeint ist wohl nicht ein Äquivalent zu Schnapsleber und Bierbauch, sondern ein ungestümes Herz; ein heutiger Autor würde vielleicht Bubble Tea oder Club Mate als Bild wählen, aber das hätte sofort etwas comedyhaftes. Die Wortschöpfungen und Bilder Jean Pauls gefallen mir wirklich sehr. Sie sind schön und witzig, ein wenig ironisch, ohne sich selbst gleich komplett zu ironisieren und nicht mehr ernst zu nehmen. Man kann so etwas gar nicht mehr schreiben, ohne dass es als reine Ironie und Parodie wahrgenommen würde.

Theoda gelangt ungehindert in Bonas Schlafgemach, wo diese „blaß wie eine von der Nacht geschlossene Lilie im altväterlichen Stuhle“ ruht. „Theoda küsste eine Locke – dann leise die Stirn – dann, als diese zu schnarchen anfing, gar den Mund.“ (Hilft das gegen Schnarchen?)

Bona hat sich aber nur schlafend gestellt. Der Abschied wird mit mehr Inbrunst wiederholt („Oh jetzo möchte ich […] mein Blut, wie dieses Morgenrot, vertropfen lassen für dich“), Warnungen und Liebesbeteuerungen werden bekräftigt und Theoda erinnert sich plötzlich daran, dass sie als kleines Kind schon einmal im Badeort Maulbronn war und dort von ihrer verstorbenen Mutter durch eine festlich erleuchtete „Zauberhöhle“ (Tropfsteine?) getragen wurde. Wenn damals schon dieselben dramaturgischen Kniffe angewendet wurden wie heutzutage, wird diese Höhle im Verlauf des Buches sicher noch eine wichtige Rolle spielen …

 

 

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3 Kommentare zu “Tag 8 – Karneval und Brauseherzen

  1. Witzbold! Gut, so Einen als Bayreuths ersten Stadtschreiber zu haben. Trotzdem wundert mich die Wahl, da ich bislang der Meinung war, Bayreuths amtliche Kulturbringer seien die einzigen, die meine Eltern an Spießigkeit noch überbieten würden. Schön, dass sie diesmal das Gegenteil bewiesen haben …

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