Tag 9 – Fliegen auf der Backe und Pfefferkuchen am Bauch

12.2., 12 Uhr, Bayreuth

Mit einer Woche Verzögerung hat mich doch noch der Kulturschock erwischt: Ich war auf einer Studentenfaschingsparty. Das erste wirklich schlimme Erlebnis seit meiner Ankunft hier. Klar: Ein alter Sack wie ich hatte da sowieso nichts verloren, aber ich halte es für einen Teil meiner Aufgabe, auch die Abgründe Bayreuths auszuloten.

Es war … schlimm. Die Musik war unbeschreiblich – 70er-Jahre-Stimmungsmusik mit Rummelravebeats unterlegt, und die jungen Leute – Studenten! – sangen mit und tanzten, es war ein Trauerspiel. Wahrscheinlich war das irgendwie auch ironisch gemeint, aber Ironie kann doch nicht alles entschuldigen! Ich frage mich, ob es sich bei den Feiernden um die sagenumwobenen berühmt-berüchtigten Spökos (Sport-Ökonomie, eine geheimnisvolles Studienfach, dass es wohl nur in Bayreuth gibt) gehandelt hat, von denen mir Studenten anderer Fachbereiche mit einer Mischung aus Verachtung und neidvoller Bewunderung erzählten, dass sie praktisch keine Gehirne hätten und ausschließlich damit beschäftigt seien, sich zu betrinken und Wet-T-Shirt-Contests etc. zu veranstalten. (Hoffentlich lesen keine Spökos mit, sonst werde ich wohl nie zu einer ihrer Partys eingeladen. Aber hey – ich geb nur wieder, was mir berichtet wurde!)

Ich floh jedenfalls schnell – bevor ich mir diese Veranstaltung schön getrunken hätte, wäre ich an Alkoholvergiftung gestorben.

In einer Kneipe fand ich dann noch eine Party, die mich mit dem Rosenmontag in Bayreuth versöhnte. Die Musik dort war auf viel sympathischere Art schlecht, statt Großraumdiscoatmosphäre war es ein fröhliches Gedrängel im kleinen Schankraum, ein freundlicher Mann hieß mich willkommen und erklärte dem Neubayreuther die Eigenheiten der fränkischen Seele. Dazu ein andermal mehr, nur eins ganz kurz: Obwohl ich erst eine Woche hier bin und noch kein abschließendes Ergebnis präsentieren kann, scheint mir der Franke in der Regel ein geselligerer und lustigerer Mensch zu sein, als er von sich glaubt.

Ich trug mein bewährtes Kostüm, trank Bier und rauchte am Tresen – ja, wirklich! Ausnahmsweise ignorierte man das Rauchverbot, alle rauchten, als gäb’s kein Morgen mehr, bzw. als gäb’s morgen keine Aschenbecher auf den Tischen mehr. Toll. So wurde aus dem Rosenmontag – Achtung, Wortwitz – ein Aschermontag, tätäää!
Vielleicht werde ich ja doch noch ein Freund des totalen Rauchverbots, weil es umso großartiger ist, wenn es dann einmal gebrochen wird. Wahrscheinlich hat ein Schnaps in der Kneipe auch nie so gut geschmeckt wie in den USA zu Zeiten der Prohibition.

Bei Katzenbergers Badereise wird’s heute in bisschen eklig:

7. Summula, Fortgesetzte Fortsetzung der Abreise. 

Dr. Katzenberger pflegt einen seltsamen Brauch: Um seine Verdauung zu verbessern bindet er sich einen mit Branntwein getränkten Pfefferkuchen unter seiner Kleidung auf den nackten Bauch. Über die Wirksamkeit der Methode wird leider nichts berichtet. Während er und von Nieß auf Theodas Rückkehr warten, ruft der Professor seinen Diener Flex, zieht den Pfefferkuchen unter der Weste vor und überreicht ihm diesen. „’Flex‘, sagte er, ‚hier bringe mein Stärkmittel drüben den untern Gerberkinder; sie sollen sich aber redlich darein teilen.’“

Ein Akt der Großzügigkeit, den man dem geizigen Mann gar nicht zugetraut hätte!

Von Nieß ist von dieser Geste weniger begeistert als angeekelt, doch Katzenberger klärt ihn auf, dass doch nichts dabei sei. Obwohl er ihn am Bauch getragen habe, sei es doch ein Pfefferkuchen wie jeder andere und die Haut am Bauch sei doch einfach nur Haut und zwar die „fortgesetzte von der an den Wangen, die ja alle Welt küsst“.

Um sich von den unschönen Gedanken an die Fütterung der armen Kinder mit bauchfettigen Pfefferkuchen abzulenken, betrachtet der Dichter Nieß (aka Theudobach) den Diener Flex, der ein sehr seltsames Bild abgibt: Er scheint auf den Knien zu gehen, den viel zu langen Rock schleift er wie eine „Trauerschleppe“ über den Boden.

Dazu Katzenberger: „Ich habe es gern, wenn meine Leute mir oder andern lächerlich vorkommen“. Er sammelt also nicht nur in Spiritus eingelegte Seltsamkeiten, sondern auch lebende. „Mein Flex trägt nun von Geburt an glücklicherweise kurze Dachs-Beine, und auch diese sogar äußerst zirkumflektiert [laut dem Anhang des Reclamheftes: verbogen, krumm]“

Er erzählt, dass er für alle seine Angestellten nur einen Lakaien-Rock habe, den alle tragen müssten, „Goliath wie David“. Was wie ein weiterer Beweis von Katzenbergers Geiz aussieht, deutet der um zu einem weiteren Zeichen seiner Freigiebigkeit (das ich nicht verstanden hätte ohne den gar nicht genug zu lobenden Anmerkungsteil in der Reclam-Ausgabe): Es war bis zur Revolution in Frankreich dort üblich, dass der Adel lange Röcke trug, Bedienstete und Soldaten aber kurze. Indem er seinem abgebrochenen Diener keinen passenden Rock kauft, wertet er ihn sozusagen zum Langrockträger auf.

Endlich erscheint Theoda. Katzenberger und Nieß sitzen schon im Wagen – Katzenberger mit dem Gesicht in Fahrtrichtung, Nieß ihm gegenüber – und es gibt einiges hin und her um die Frage, neben wen sich die junge Frau setzen wird. Als sie sich aus Höflichkeit neben den Dichter setzt, ist ihr Vater empört: „’Du willst dich sonach an das Steißbein und Rückgrat des Kutschers lehnen’“ Er möchte sie an seiner Seite haben, nicht wegen des dringenden Bedürfnisses nach Nähe, sondern um in der schaukelnden Kutsche nicht hin- und hergeworfen zu werden. Ich verstehe das gut. Normalerweise hasse ich es, wenn in Zügen jemand neben mir sitzt, aber im Pendolino nach Nürnberg fühle ich mich auch wohler, wenn ich einen weichen Menschen neben mir habe, gegen den ich im kippen kann.

Theoda setzt sich also um – auch zur Freude des Dichters („des rücksessigen Edelmanns“), der sie nun in Ruhe betrachten kann und „dessen Blicke sich nun wie ein paar Fliegen immer auf ihre Augen und Wangen setzen konnten“. Ach, das ist schön und dieses letzte Bild im 7. Summula entschädigt doch sehr für einige sperrige Satzkonstruktionen weiter vorn. Allerdings frage ich mich, ob die Fliegen vor 200 Jahren wirklich so anständig waren, sich mit Augen und Wangen zu begnügen, oder ob sie sich gelegentlich nicht auch ein oder zwei Etagen tiefer verirrten.

Verlorene Praxis:

– darauf warten, von einem Hüften-Partner fester gepackt zu werden

 

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