Tag 10 – Sind Frauen die schöneren Mikrofonständer?

Gestern Abend habe ich ein bisschen ferngesehen. Bei einem Bericht über die Berlinale erzählte die Moderatorin eine kleine Anekdote: Eine junge Journalistin habe irgendeinem Filmmenschen, Schauspieler oder Regisseur, ein Mikro vor’s Gesicht gehalten und gesagt: „Lassen Sie mich Ihr Mikrofonständer sein“, worauf der Angesprochene antwortete: „Sie sind der schönste Mikrofonständer, den ich je hatte.“ Die Moderatorin des Magazins kommentierte diese Geschichte mit den Worten: „Auch wenn die Sexismusdebatte abebbt – der Sexismus tut es nicht.“

Ich fragte mich lange, wo bei der ganzen Sache der Sexismus versteckt war. Bei der Antwort des Mannes konnte ich keinen erkennen, selbst wenn er sie „süffisant“ gegeben hat – wie die Moderatorin, selbst süffisant lächelnd, erzählte. Ich gehe davon aus, dass es schlicht stimmt, was er sagte. Nachdem sich die Journalistin selbst zum Mikrofonständer erklärt hatte, war er so höflich, auf diesen Witz einzugehen, statt sie darauf hinzuweisen, dass sie eben kein Mikrofonständer, sondern ein Mensch sei. Dann verglich er sie blitzschnell mit den tausend Mikrofonständer, vor denen er schon gestanden hatte: dürren, schwarzlackierten Gestellen, die bemerkenswert hässlich sind für die Tatsache, dass sie ständig im Rampenlicht stehen, und kam zu dem Ergebnis, dass er der Frau sodann mitteilte.
Ich persönlich finde ja: Ein Mensch muss weder eine Frau noch besonders attraktiv sein, um schöner als jeder Mikrofonständer zu sein. Ich selbst stehe zum Beispiel oft vor dem Spiegel und tröste mich mit den Worten: „Naja, zumindest bist du schöner als ein Mikrofonständer“

Erst eine ganze Weile fiel bei mir der Groschen: Der Sexismusvorwurf war selbstverständlich an die Journalistin gerichtet, die eine Sexistin der allerübelsten Sorte ist, die sowohl Frauen als auch Männer verachtet. Indem sie sich selbst zu einem Mikrofonständer verdinglichte, degradierte sie stellvertretend alle Frauen zu Objekten. Und einem Mann gegenüber von „Ständern“ zu sprechen, wo auch das gute deutsche Wort „Stativ“ zur Verfügung gestanden hätte, ist eine äußerst geschmacklose und anzügliche Anspielung  auf ein spezifisch männliches Ausstattungsmerkmal, die durch nichts zu entschuldigen ist.

Aber vielleicht habe ich ja auch alles falsch verstanden. Das passiert mir oft. Heute zum Beispiel war ich zu einem Mittagspausenessen ins Iwalewahaus eingeladen und konnte mich die ersten Minuten gar nicht richtig auf meine Gastgeber oder das Essen konzentrieren, weil mein Gehirn versuchte, das Etikett einer Mineralwasserflasche zu verstehen:

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Müsste „sauft“ nicht über „Frankenbrunnen“ stehen? „Frankenbrunnen sauft“, was ist das denn für ein seltsamer Satz, das ergibt doch gar keinen Sinn?! Nach einer Weile (es war mir gelungen ein kleines Gespräch zu führen und danach noch einmal ganz neu auf die Flasche zu gucken) kapierte ich endlich, dass das „sanft“ hieß, was mich einerseits beruhigte, andererseits auch etwas enttäuschte. Und vor zwei neue Fragen stellte: Was zum Teufel soll denn „sanftes“ Wasser sein? Und was ist das für ein ulkiger Salat im Bildhintergrund?

Und wo ich gerade bei Sachen bin, die ich nicht verstehe: Was hat es mit diesen Kondomautomaten auf sich? Bzw. diesen Sex-Gags-Automaten, die hier in so vielen Kneipen und Restaurants hängen? Es gibt die zwar auch in Berlin, aber nicht in solcher Menge, glaube ich. Kondome gibt es manchmal gar nicht, oder wenn dann nur in einem Schacht eingequetscht zwischen zwei verschiedenen Geschlechts-Witz-Spendern. Seltsam.

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Bevor es an die Badereise geht, noch ein erfreulicheres Bild und vielleicht ein kleiner Ansporn an das Wetter. In der Abendsonne vor ein paar Tagen sah jedenfalls sogar das Streugut auf dem Fußweg am Hohenzollernring schön aus:

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Ich hoffe, morgen wird es schön, da habe ich mir einen kleinen Jean-Paul-Spaziergang vorgenommen und will mich unter anderem endlich einmal persönlich beim Meister vorstellen.

8. Summula, Beschluss der Abreise.

Das ist wahrscheinlich das kürzeste Kapitel im ganzen Buch und überhaupt das kürzeste Kapitel, dass ich je gelesen habe. Ich zitiere es hier vollständig:

Sie fuhren ab …

Allerdings lässt Jean Paul diesem einzigen Satz, der zur Handlung des Romans gehört noch eine anderthalbseitige Ansprache an die Leser folgen. Da die Motivationen der Protagonisten (verprügeln, verlieben, verehrt werden) geklärt und die Verwicklungen (Nieß = Theudobach) angerichtet sind, verlange der Leser „mit seiner gewöhnlichen Heftigkeit die sämtlichen Entwickelungen in den nächsten Druckbogen“.

Wenn Dr. Katzenbergers Badereise ein Katastrophenfilm wäre (vielleicht wird es ja noch einer?) würde es mir genauso ergehen. Man ist ja bei solchen Hollywoodschinken immer schnell von der stets gleichen Dramaturgie ermüdet: Bevor die Erde bebt, der Vulkan ausbricht, das Schiff umkippt, werden erst einmal die Helden eingeführt: Der warnende Wissenschaftler, der Expolizist (-soldat, -pilot, -feuerwehrmann), der sich wegen irgendeiner Tragödie aufgegeben hat, der skrupellose Geschäftsmann und/oder Bürgermeister, der an allem Schuld ist, sowie ein paar ehrliche Durchschnittsamerikaner oder was sich Hollywood darunter vorstellt.
Um sich während der öden Exposition ein bisschen die Zeit zu vertreiben, kann man raten, wer von den Vorgestellten überleben wird. Spätestens ab dem dritten derartigen Film wird man nicht mehr daneben liegen. Seltsamerweise liebe ich Katastrophenfilme trotzdem, aber das gehört jetzt nicht hierher, Abschweifung Ende.

Wobei ja Jean Paul selbst quasi der Gott der Abschweifung war, und ich mich darauf berufen könnte, dass ich ihn nur ehren wolle, wenn ich an dieser Stelle plötzlich mit einem dahingeworfenen „apropos Katatstrophen!“ darauf zu sprechen komme, dass ich meine kleine gelbe Reclamausgabe von Dr. Katzenbergers Badereise verloren habe. Ersatz ist leicht zu beschaffen, aber das Büchlein sah schon so schön gebraucht aus, und meine Bleistiftanmerkungen und Notizeselsohren machten es mir besonders lieb.
Hier böte sich gleich die nächste Abschweifung an, eine längere Auslassung über Vor- und Nachteile von E-Book-Readern, denn natürlich habe ich das Buch auch auf so einem Gerät, und auch dort kann man Anmerkungen machen, aber eben nicht mit einem Bleistift und außerdem sieht jedes Buch gleich  aus und überhaupt, aber ich lasse das jetzt!

Jean Paul jedenfalls denkt nicht daran, schon jetzt sein ganzes Pulver zu verschießen: „Tu‘ ich nun dem Leser den Gefallen und prügle, entlarve und verliebe, […] so ist das Buch aus.“ Warum soll er all die schöne Vorarbeit in einem „Feuerwerk oder Luftfeuer“ verbrennen, wenn er stattdessen auch einen viele „summuln“ langen Steppenbrand entzünden kann: „ Ich will aber Katzenberger heißen, entzünd‘ ichs nicht zu einem.“

Mit einigen deftigen Worten verabschiedet er die „Epilogiker“ unter seinen Lesern; Leute, die vom Buch das meiste überblättern und nur Anfang und Schluss lesen, „ die Kehraus-Leser, die Valetschmauser, die Jüngstentag-Wähler, welche an Geschichten, wie an Fröschen, nur den Hinterteil verspeisen“, und ich selbst verabschiede mich auch für heute, hoffe die Leser dieses Blogs entpuppen sich nicht eines Tages als Prologiker, sondern begleiten Theoda, Theudobach, Katzenberger und mich auf der ganzen Badereise.

So. Wo krieg ich denn jetzt 2-Euro-Münzen her?

 

 

 

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3 Kommentare zu “Tag 10 – Sind Frauen die schöneren Mikrofonständer?

  1. Genau das gleiche habe ich gedacht als ich die Geschichte mit dem Mikrofonständer gehört habe: warum macht sich diese Journalistin zu einer Sache, warum will sie nicht als Mensch wahr genommen werden. Das schöne am Mikrofonständer ist, der macht keine Fehler – aber als Mensch bin ich verantwortlich für mein Handeln – also wenn ich als Mikrofonständer agiere will ich keine Verantwortung übernehmen.

    • Ach, das klingt mir zu sehr nach: „Das ist nur ne Erfindung der Frauen“. Was es leider nicht ist. Und bloß weil manche ab und zu übers Ziel hinaus schießen oder sogar kompletten Blödsinn erzählen, heißt das nicht, dass es kein wichtiges Thema wäre. Leider findet der Blödsinn dann oft am meisten Beachtung. Ich bin ja da keine Ausnahme: Schreibe über diese dusslige Aussage, aber nichts zum eigentlichen Thema …

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