Tag 12 – Berlin vs. Bayreuth: Der große Städtevergleich

Tagebuch, 15.2.2013, 11.00 Uhr, Bayreuth

Bayreuth ist provinziell. Das kann ich nicht bestreiten, schon allein, weil ich all den Bayreuthern, die mir das gesagt haben, nicht widersprechen will.

(1) (meist abwertend) zur Provinz gehörend; für die Provinz charakteristisch; von geringem geistigem, kulturellem Niveau zeugend

(Duden.de)

Dazu fällt mir als erstes ein, dass der Alltag in Berlin auch nicht unbedingt von einem hohen geistigen, kulturellen Niveau geprägt ist. Klar, es gibt mehr Hochkultur, mehr Subkultur, mehr Studenten und Akademiker, mehr Konzerte, Galerien, Lesungen und was nicht alles. Es gibt einfach auch viel mehr Menschen. Und damit auch mehr RTL 2. Und: Berlin hat nicht einmal einen Stadtschreiber!

Einem Berliner steht die ganze kulturelle und geistige Vielfalt der Welt offen, und zwar jeden Tag und bis spät in die Nacht, wenn in Bayreuth auch das Kanapee schon zusperrt. Das ist natürlich der Vorteil der Großstadt, diese Auswahl, dieses Nebeneinander von Kulturen. Und das ist vielleicht der Nachteil: Dass die meisten Berliner einmal eine Auswahl treffen und sie dann beibehalten, und dass es eben nur ein Nebeneinander der Kulturen ist.

Manchmal kommt mir Berlin wie eine Zusammenballung von Kleinstädten vor, deren Stadtgrenzen einander überlappen. In Berlin kann man sich einfach in die U-Bahn setzen und in die geistige, kulturelle Provinz seiner Wahl fahren, wenn man nicht sowieso schon dort wohnt. Man kann sich zum Beispiel ausschließlich unter Irgendwas-mit-Medien-Menschen bewegen, ohne je auf die Leute zu treffen, für die man doch angeblich Filme, Fernsehen, Facebook-Apps macht.

Um mal zu kulinarischen Vergleichen zu greifen: Die meisten Berliner schwimmen in ihrer eigenen Suppe und gucken kaum mal über den Tellerrand, und wenn doch, dann ist der gleich so hoch, dass man statt des Suppentellers, der direkt neben dem eigenen steht, nur die exotischen Töpfe am anderen Ende der Welt erkennen kann.

Berlin, eine Ansammlung von fein abgeschmeckten Süppchen – Bayreuth ist eher so Soljanka: Alles rein in einen Topf, was grad zur Hand ist. Wenn ich hier in eine Kneipe oder ein Café gehe, kommt mir das Publikum viel weniger homogen als in Berlin vor. Exemplarisch eine gestern Abend beobachtete Gästezusammensetzung: Endfünfziger mit gebügelten Hemden, Vollproleten, Berlin-Mitte-Typen, ein Hiphopper, diverse Metal-Menschen, Bübchen, die den Eindruck erweckten, eine traurige Jugend zu verleben, in der der einzige Körperkontakt aus gelegentlichem Auf-die-Fresse-kriegen besteht, Gesellen auf Wanderschaft, brave Studenten, die sehr süß und schüchtern miteinander flirteten, eher … ich sag mal: rustikale Studenten, Berufstrinker, Rastalockenmänner, normale Menschen, ich.

Natürlich ist das nicht immer und überall so, auch in Bayreuth gibt es genug Gelegenheit, sich abzugrenzen und unter seinesgleichen zu bleiben. Aber auch in vielen normalen Gaststätten kann man Studenten, Prolls und Bürger friedlich vereint (wenn auch an unterschiedlichen Tischen) sehen, und das gefällt mir ziemlich gut.

Was die Bayreuther – und in den nächsten Monaten ich – daraus machen, ist eine andere Frage. Wie auch diese: Was tun, wenn einem Soljanka gerade mal zum Hals heraus hängt und man Appetit auf einen ganz speziellen Eintopf hat, dessen Zutaten der fränkische Boden einfach nicht hergibt?

DSC00441(Das große Städterätsel: Wo wurde dieses Foto aufgenommen? A) Berlin. B) Bayreuth. C) New York. Der jeweils erste richtige Kommentar hier und bei Facebook bekommt eine Postkarte von mir. Wahlweise aus Stadt A oder B!)

 Strübing liest Paul

So, es ist gleich um eins, eigentlich ein prima Zeitpunkt für einen Mittagsschlaf, aber ich werde mich stattdessen mit Dr. Katzenbergers Mittagsschlaf in der Kutsche beschäftigen und dann zur ersten Action-Szene im Buch voranschreiten. Zuerst, wie es seit gestern langgehegte Tradition ist, die Kurzzusammenfassungen:

 11. Summula, Wagen-Sieste 

In höchsten Tönen preist Theoda, den Papa, der in Tiefschlaf fällt
Von Nieß stimmt ein, doch er vermutet, dass dieser sich nur schlafend stellt

Etwas später hält die Kutsche, der Lehrer Würfel steigt hinzu
Der Doktor selber lädt ihn ein, er hofft auf Streit, genug der Ruh!

Sein Plan geht fehl, man redet brav, über’s Lieben, über’s Laichen
bis sie den vorausgegang’nen
Mehlhorn im Galopp erreichen.

12. Summula, – die Avantüre –

Pardauz! Da fällt die Kutsche um, alle purzeln in den Kot
die Reisenden, sie gucken dumm, doch zum Glück ist keiner tot.

 11. Summula, Wagen-Sieste (Extended Version)

Katzenberger stellt sich schlafend, um einige Lobhudeleien seiner Tochter zu genießen, die ihn von Nieß gegenüber ins beste Licht setzen will. So rühmt sie ihn dafür, als Arzt lieber die Armen als die Reichen zu behandeln. Dabei übersieht sie leider blind vor Liebe, dass er das nur tut, weil die Armen meist die interessanteren Krankheiten haben und ihm mehr Material zum „Zergliedern“ liefern. Überhaupt würde er für die Aussicht, hinterher den Leichnam zerschneiden zu dürfen, jeden kostenlos behandeln – gut möglich, dass seine Behandlungen daher eher als Sterbehilfe bezeichnet werden müssten, aber ich will ihm nichts unterstellen.

Nach einer Weile treffen sie auf den Schulmeister Würfel und Katzenberger lädt ihn zur Mitfahrt ein, in der Hoffnung, dass sich ein Streit zwischen den beiden Theudobachkennern Nieß (sicher dem besten Theudobachkenner der Welt, da er ja Theudobach ist) und Würfel entwickelt. Stattdessen reden sie friedlich über Literatur und Liebe und Katzenberger bereut seinen Entschluss.

Auf sein eigenes jugendliches Verliebtsein angesprochen, erklärt Katzenberg, ihm sei „zumute gewesen wie einem Lachse, der im Lenze aus seinem Salz-Ozean in süße Flüsse schwimmen muß, um zu laichen“

Und wir erfahren, dass auch damals schon früher alles besser gewesen ist und insbesondere Moral und Sitten verkommen seien: „damal habe man aus der brennenden Pfeife der Liebe polizeimäßig nie ohne Pfeifendeckel geraucht“.

In der Ferne taucht der wandernde Mehlhorn auf, dem Katzenberger die Mitfahrt verweigert hat. Eine Bemerkung Würrfels, nach der man ihn wohl nie einholen werde, so stramm wie er marschiere, veranlasst den Kutscher Gas zu geben (wobei man das damals noch nicht so nannte) – ein schwerer Fehler …

Verlorene Praxis:

– nach Art der Chinesen einen Iltispinsel in den Gehörgang bis nahe ans Paukenfell stecken und darin herumwirbeln

Zeitlose Wahrheiten:

Man ist ohnehin die alltäglichen Lieebesfloskeln der Bücher so satt

Kommunikativer Knackpunkt:

»Bei der Trennung von Ihrer Geliebten mag Ihnen doch im Mondscheine das Herz schwer geworden sein?« sagte der Edelmann. »Zwei Pfund – also halb so schwer als meine Haut – ist meines wie Ihres bei Mond- und bei Sonnenlicht schwer«, versetzte der Doktor.

Lieblingsbild:

Katzenbergers Gesicht […] [war] kein sonderliches Rosental und Paradies für jugendlich-gutmütige Augen […], die in das Gesicht hinein und auf den sandigen Weg hinaus sahen.

12. Summula, – die Avantüre – 

Ein schiefgesunkener Grenzstein wird zum Verhängnis: Die Kutsche stürzt in den Graben und die Beschreibung der vielfältigen Verknäuelungen beim Unfall selbst und bei den Versuchen, sich aus Dreck und Wasser zu retten, sollte man selbst lesen. Ein kleiner Appetithappen:

Flex ruhte, den Kutscher noch recht umhalsend, bloß mit der Stirn im Kote, wie ein mit dem Gipfel vorteilhaft in die Erde eingesetzter Baum.

Advertisements

8 Kommentare zu “Tag 12 – Berlin vs. Bayreuth: Der große Städtevergleich

  1. Das große Städterätsel: Antwort B; So herrliches Kopfsteinplaster mit Schnee drin, gibts nur in BT :-)
    Freue mich auf Ihre Karte :-) (Bitte aus Stadt B) :-)

  2. Als Bayreuther in (derzeit) Berlin, vergleicht man auch von Zeit zu Zeit. Die maßlose und mit Ruppigkeit gelebte Selbstüberschätzung der Berliner adelt das provinzielle Understatement der Bayreuther. Der große Vorteil beider Städte ist allerdings die A9. Bin ich in Bayreuth, sehne ich mich nach ein paar Tagen Kleinkariertheit nach Berlin. Dort schwärme ich von Bayreuther Köstlichkeiten, Natur und fränkischen Traditionen. Tja, man kann nie alles haben. Nur wenn man in Berlin mal hinter die Fassaden schaut: ich habe selten eine so provinzielle Großstadt gesehen – und ich habe schon in etlichen gelebt. Berlin wäre eben gerne.
    Ich hoffe außerdem, die Bayreuther wissen die weit geringere Dichte der Hundehaufen zu schätzen…

  3. Hi there, just became alert to your blog through Google, and found that it is truly informative.
    I am going to watch out for brussels. I’ll appreciate if you continue this in future. Many people will be benefited from your writing. Cheers!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s