Tag 15 – Die Alchemie des Ohrenschmalzes


DSC00473

Tagebuch, 18.2.2013, Montag, 10.15 Uhr, IC Lichtenfels – Berlin

Nanu? Ein Stadtschreiber auf der Flucht? Nein, keine Sorge oder von mir aus auch: Nur nicht zu früh gefreut. Ich komme wieder, mache nur einen Ausflug nach Berlin, wo ich morgen früh eingeschläfert werde, damit man mir das Knie aufbohren kann. Ich habe mir im letzten Sommer den Meniskus gerissen, als ich in einer lauschigen Sommernacht durch ein Fenster in eine medizinische Fußpflegepraxis eingestiegen bin (eine lange Geschichte, die langweilig wäre, würde ich die genauen Umstände erklären). So ein Knie ist eben eigentlich nur für 40 Jahre Gebrauch gemacht, die Garantie ist abgelaufen, und ich schicke es jetzt sozusagen nach Berlin zur Reparatur ein. Aber eben nicht nur das defekte Teil, sondern den kompletten Stadtschreiber; wenn beim Auto eine Achse kaputt ist, kommt ja auch das ganze Auto in die Werkstatt.

Jetzt wird jedenfalls alles in Ordnung gebracht, damit ich im Frühling fit bin für den Jean-Paul-Wanderweg, die Biergärten in der Umgebung und überhaupt für alles, was sich weiter als einen Kilometer von meiner Wohnung in der Altstadt entfernt befindet.

Sicher ließe sich das alles auch in Bayreuth erledigen (auch wenn man bei Jean Paul grausliges über Ärzte, „die Schuster des Todes“, liest – und er kann ja nur die fränkischen gemeint haben), aber dann hätte eine Bayreutherin oder ein Bayreuther mich anschließend 24 Stunden bemuttern müssen, und ich wollte die Gastfreundschaft nicht überstrapazieren.

Das Knie hat mir letztes Jahr zu einem sehr außergewöhnlichen Samstagabend verholfen. Gegen 22.30 Uhr, als die Jugend in die Discotheken strömte wurde, ich in eine MRT-Röhre geschoben (es war der einzige kurzfristig zu bekommende Termin gewesen) – meine ganz private Minimal-Elektroparty.

Das erzähle ich nur, um auf einen anderen außergewöhnlichen Samstagabend zu sprechen zu kommen, den letzten nämlich. Da habe ich auch etwas gemacht, was ich nie zuvor getan habe und schon gar nicht abends am Wochende: Ich war in der Oberfränkischen Landesregierung. Im Gemeinderätesaal. Bei einem Vortrag. Von einem echten Professor! Es ging natürlich um Jean Paul, und dass ich dort hinging, geschah weniger aus echtem Interesse, sondern eher aus dem Gefühl heraus, dass ich Interesse zeigen müsse. Erstaunlicherweise war es dann allerdings sehr interessant und auch ziemlich lustig, zumal Professor Kurt Wölfel sehr sympathisch war und mich an meinen Onkel Jürgen erinnerte.

Eine halbe Stunde kürzer hätte es trotzdem sein dürfen (ich habe nicht studiert, ich bin an so etwas nicht gewöhnt), aber wenn es mal ein bisschen langweilig wurde, vertrieb ich mir den Moment damit, einigen älteren Herren beim Kampf mit dem Schlaf zuzuschauen: diese flatternden Augenlieder, das Herunterklappen des Kiefers, das Absacken des Kopfes und plötzliche Aufschrecken – man muss die Menschen einfach lieben, wenn man sie so sieht, und das schreibe ich mit nur ganz leichter, liebevoller Ironie. (Die Krönung wäre natürlich ein Spuckefädchen gewesen.)

Ich habe einiges gelernt, unter anderem, dass selbst ausgewiesene Jean-Paul-Experten und -Liebhaber oft ihre Probleme haben. Auf die Frage eines Zuhörers, wie man als Leser mit den schwer oder gar nicht verständlichen Stellen umgehen solle, sagte Professor Wölfel: „Jean Paul hat empfohlen, sie zu überblättern. Ich selbst habe mich das nicht getraut, ich habe sie gelesen, aber ich habe sie erbost gelesen, das hat mir geholfen.“ Er ging diesbezüglich speziell auf Dr. Katzenbergers Badereise ein, wo uns wohl einige langatmige, bedeutungs- und witzlose Monologe des Doktor bevorstehen, die Jean Paul – so vermutet Professor Wölfel – nur schrieb, um Druckbögen zu füllen und dafür bezahlt zu werden.

Ich werde an den entsprechenden Stellen entscheiden, ob ich sie überblättere oder erbost lese. Vielleicht überblättere ich sie ja auch erbost.

Einen ersten Vorgeschmack gab es übrigens in den Kapiteln, die ich am Wochenende gelesen habe. Ich beschränke mich heute auf eine ganz kurze Zusammenfassung und das Zitieren einiger Perlen.

Viele Grüße (mittlerweile aus Berlin)! Hier im Blog geht’s auf Krücken am Mittwoch weiter.

DSC00481

Strübing liest Paul

13. Summula, Theodas ersten Tages Buch

Der Unfall hält die Reisegesellschaft unfreiwillig eine Nacht in Huhl fest, erst spät am nächsten Tag werden sie ihr Ziel Maulbronn erreichen.

Während der Dichter Nieß/Theudobach sich daran macht, „treffliche Sentenzen über die Liebe“ zu dichten, schreibt Theoda ihrer Freundin Bona, um den Brief sogleich deren Mann mitzugeben.

Sie berichtet von einem Gespräch mit Nieß über dessen vermeintlichen Freund Theudobach und wie seltsam es sei, dass Nieß immer nur von diesem, nie von sich selbst spreche.

Auf die Frage nach dem Aussehen des Dichters, antwortet Nieß mit der Gegenfrage, wie sie ihn sich vorstelle, und Theoda gerät ins Schwärmen: „Wie die edleren Geschöpfe dieses Schöpfers selber […] er muß Augen voller Dichter- und Kriegerfeuer haben […] Auf seiner Stirn müssen ohnehin alle Welten stehen, die er geschaffen, samt den künftigen Weltteilen – Köstlich muß er aussehen“.

Die wiederholten Beteuerungen Nießens, Theudobach sähe genau aus wie er, mag Theoda nicht recht glauben, und als Nieß, der genauso groß ist wie Theoda, schließlich noch behauptet, er sei ebenfalls genauso groß, widerspricht sie vehement:

‚Nein‘, unterfuhr ich, ‚dann ist er kürzer als ich; eine Frau, die so lang ist als ein Mann, ist länger als ein Mann‘ – Es schwollen beinahe Giftblasen mir auf, gesteh‘ ich gern. Es verdroß mich das ewige Prahlen mit der körperlichen Ähnlichkeit Theudobachs bei so wenig geistiger.

Beim Unfall im vorigen Kapitel zuvor hatte sich nämlich Nieß als ziemliches Weichei entpuppt, als er sich jammernd an Theodas Perücke festgehalten hatte – ein Dichter hätte so etwas natürlich nie getan.

SMS-Vorlagen für beste Freundinnen und Verliebte:

„Du teures Herz, wie lange bin ich schon von dir weg gewesen, wenn ich Zeit und Weg in Seufzern messe?“

„Gute Nacht, meine Seele! So viel Himmel, als nur hineingeht, komme in dein Herzchen!“

Zeitlose Wahrheiten :

„In der Fremde ist man gegen Fremde weniger fremd als zu Hause“

„Die Leserinnen eines Dichters sind alle seine heimlichen Liebhaberinnen“

Verlorene Praxis:

– die Einsamkeit der abwaschenden Wiedergeburt zum Nachschüren von neuem Brennstoff verwenden

Diskussionsanreiz:

Ich wollt‘, es gäbe gar keine Männer, sondern die göttlichsten Sachen würden bloß von Weibern geschrieben; warum müssen gerade jene einfältigen Geschöpfe so viel Genie haben, und wir nichts? – Ach, wie könnte man einen Rousseau liebhaben, wenn er eine Frau wäre!

14. Summula, Mißgeburten-Adel.

Im Gasthaus schenkt Nieß Theoda ein Buch von Theudobach und zeigt ihr die im vorigen Kapitel geschriebenen Liebessentenzen, die er ebenfalls für Theudobachs ausgibt. Als er Theodas Rührung sieht, will er beinahe mit der Wahrheit herausrücken, dass er selbst nämlich Theudobach sei, beherrscht sich aber im letzten Moment.

Unterdessen hat Katzenberger vom Wirt einen „Folioband“ mit Abbildungen und Beschreibungen von Mißgeburten gekauft, begeistert durchblättert und in eine Lobpreisung der Mißgeburt an sich hineingeredet. Wie wichtig sie seien, um an ihnen die Natur zu studieren, was für Wunder sie seien und was für eine Schande es sei, dass ihnen so wenig Achtung und Beachtung entgegengebracht werde:

 Wo ist aber – mein elendes ausgenommen – noch ein ordentliches Mißgeburtenkabinett? Welcher Staat hat noch Preise auf Einliefern von monstris gesetzt, geschweige auf Erzeugung derselben, wie doch bei Blumen geschehen?

Um sich in den Besitz einer Mißgeburt zu bringen, würde er diese sogar heiraten, gesteht er, wenn es keinen anderen Weg gäbe, und beinahe ist er ein wenig enttäuscht, dass seine Tochter Theoda so gut geraten ist.

Der Wirt schleppt daraufhin einen befreundeten Apotheker an, der ihm einen ausgestopften, achtbeinigen „Doppel-Hasen“ für ein Goldstück zum Verkauf anbietet.

Nach einigem Gefeilsche wird die Transaktion auf den nächsten Tag verschoben.

15. Summula, Hasenkrieg.

Der Doktor hat ein kleines Problem: Das Goldstück, das er besitzt und dem Apotheker für den Hasen geben will, ist um einiges zu leicht. Doch er weiß sich zu helfen: Er reibt den Taler mit Ohrenschmalz ein, bis er das richtige Gewicht hat. Heiliger Bimbam! Da haben nun die Alchimisten sich Jahrhunderte abgemüht, aus Kupfer oder Eisen Gold zu machen, und Katzenberger findet das einzig wahre Ausgangsmaterial in seinen Gehörgängen. Ob der Trick noch funktioniert? Es gibt doch überall diese Altgold-Aufkauf-Läden, einen Versuch wäre es ja immerhin wert. Das mache ich aber lieber in Berlin, in einer Stadt wie Bayreuth ist die Gefahr zu groß, dem Händler später noch einmal über den Weg zu laufen.

Katzenberger vertraut selbst nicht allzusehr auf seine Taktik und lässt die Kutsche als Fluchtwagen vor der Apotheke halten. Tatsächlich kommt der Apotheker ihm schnell auf die Schliche und Katzenberger greift zu Plan B: rohe Gewalt. Er entwendet den Hasen, im darauffolgenden Tumult verliert ein Apothekergehilfe eine Brustwarze („wiewohl die Welt, da er mit ihr nichts säugte, dabei weniger verlor als er selber“), Katzenberger bedroht seine Gegner mit einem Giftpfeil und kann mitsamt dem Hasen, bzw. den Hasen (dem „zusammengewachsene[n] Hasen-tête-à- tête“) fliehen.

Verlorene Praxis:

– einem zu leichten Goldstück nicht jüdisch durch Beschneidung, sonder vielmehr christlich mit Ohrenschmalz, als Taufe und Ölung, das alte Gewicht zurückgeben

– die Mundwinkel mit beiden Zeigefingern bis an den Backenbart auseinanderzerren, um allgemeines Grausen zu verbreiten

Advertisements

10 Kommentare zu “Tag 15 – Die Alchemie des Ohrenschmalzes

  1. Schreiben ist eine Kunst, und wenn’s der Unterhaltung dient tut es auch dem Gemüt gut…. was will man mehr an solchen Tagen wie diesen … halt Monday! Danke Herr Strübinger Volker…. echte Unterhaltung!!!

  2. So weit ich bei Ihrer Anreise gelesen habe, wohnen Sie in der Sophienstraße, die zwar klassischer Weise als „Altstadt“ bezeichnet werden kann. Blöderweise gibt es in Bayreuth aber schon einen Stadtteil mit dem offiziellen Namen „Altstadt“ (mit gar nicht so alten Häusern), so dass für den von Ihnen gemeinten Stadteil nur die langweilige Bezeichnung „Innenstadt“ oder „City“ bleibt *klugscheiss off* ;)

  3. In Bayreuth kommt grad mal kurz die Sonne raus. Unserem Stadtschreiber wünsche ich viel Sonne im Herzen während des Klinikaufenthalts, und schnelle Genesung. Ich freu‘ mich schon auf die erste Prosa auf Krücken !

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s