Tag 17 – Der Tag der linken Knie

Tagebuch 20.2.13, 13.00 Uhr, Berlin

Meine erste Vollnarkose seit meinem ersten oder zweiten Lebensjahr. Dolles Zeug. Bevor ich wegschlummerte, habe ich sehr kichern müssen, und nach dem Aufwachen war ich wohl auch noch ein bisschen high, anders ist es nicht zu erklären, dass mich das Leuchtding an meinem Finger so begeisterte, dass ich einen anderen Patienten im Zimmer losschickte, mir meinen Fotoapparat zu holen, damit ich es fotografieren konnte.

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Das Kniespiegeln ging wie’s Brezelbacken, alle halbe Stunde eins, und heute morgen, als ich wieder dort war, damit mir der Drainageschlauch gezogen werden konnte, gab es ein großes Hallo, als sich eine Handvoll von uns Meniskussen (Menisküsse? Meniskulum?) auf dem Parkplatz der Klinik wiedertrafen und die Krankenpfleger mit uns und unseren Rollstühlen ein lustiges Ballett aufführten, weil es ziemlich eng war und die einen aus den Krankenwagen raus, die anderen in die Krankenwagen reinwollten.

Es scheint jedenfalls alles gutgegangen zu sein, und der Arzt kündigte an, dass ich bald wieder Marathon laufen würde. Warum „wieder“? Egal. Nach 6 Monaten, in denen ich mal mehr, mal weniger gehumpelt bin, gar nicht rennen oder Fahrrad fahren konnte, freue ich mich jetzt sehr aufs Wandern und auf Fahrradtouren und vielleicht auch mal wieder aufs Tanzen (zumindest habe ich bald keine Ausrede mehr, wenn ich blöd in der Ecke rumstehe).

Sehr interessant war, dass mir im letzten Jahr erst aufgefallen ist, wie viele Leute mit Krücken unterwegs sind oder humpeln. War das nun übertriebene selektive Wahrnehmung oder war es sonst selektive Nichtwahrnehmung? Auch in Bayreuth habe ich ne Menge, auch viele junge Leute mit „Unterarmstützen“ gesehen und der Andrang in der Klinik sprach auch für die zweite Theorie. Übrigens hatten gestern alle kaputte linke Knie. Vielleicht sind rechte Knie donnerstags dran, oder die gehen einfach nicht so oft zu Bruch.

Ich lass mich jetzt erst mal noch ein bisschen bedienen und bemuttern, da ist es mir ganz recht, dass in Dr. Katzenbergers Badereise im 16. Kapitel nicht allzuviel passiert.

Strübing liest Paul

16. Summula, Ankunft-Sitzung

In der Kutsche kuschelt Katzenberger mit seinem geraubten siamesischen Hasen: „Süßlich durchtastete er den Hassen-Zwilling und weidete ihn geistig aus“, was es ihm leicht macht, das Geplapper von Nieß zu ertragen.

Es war ihm ein leichtes und ein Spaß, mit seiner Mißgeburt im Arm jedes Wort auszudauern, das Nieß  von erster Jugendliebe, dem Frühgottesdienst gegen weibliche Göttinnen und von Theudobachs seligmachendem Glauben an diese ihm an die Ohren warf.

Ist das nicht ein toller Satz?! Ich habe allerdings wirklich keine Idee, was mit einem „Frühgottesdienst gegen weibliche Göttinnen“ gemeint sein könnte; zumindest keine, die ich hier rein schreiben will. Für Interpretationsvorschläge bin ich dankbar.

Gegen Theodas Willen wird beschlossen, nicht an einem Tag bis Maulbronn durchzufahren, sondern eine weitere Rast in Fugnitz einzulegen. Nieß plant, diesen zusätzlichen gemeinsam verbrachten Abend für einen Mondlichtspaziergang mit Theoda zu nutzen, während der Doktor erklärt, er müsse eine neue Scheide für seinen Giftpfeil besorgen (die alte Scheide war im Getümmel des Hasenraubs verloren gegangen). Er gedenkt ihn offensichtlich in Bad Maulbronn erneut einzusetzen, wenn er sich daran macht, den kritischen Rezensenten seiner Werke zu verprügeln. Doch was heißt hier „verprügeln“? Dr. Katzenberger möchte ihn „auf jene Weise […] versüßen, wie man nach Doktor Darwin unreife Äpfel süß mache, nämlich durch Zerstampfen“.

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2 Kommentare zu “Tag 17 – Der Tag der linken Knie

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