Tag 19 – Verzögerung im Blogbetriebsablauf

Tagebuch, 22.2., Berlin

Mit der Medizin ist es ein bisschen wie mit der Bahn. Ich fahre ziemlich viel mit dem Zug und ja: Es ist teuer und eine Menge Sachen könnten besser sein, aber normalerweise geht alles glatt, ich komme da an wo ich hin will und zwar so ungefähr dann, wenn ich soll. Und manchmal geht eben irgendwas schief, ein „Triebkopf“ geht kaputt oder es kommt zu einer „Verspätung wegen Verzögerungen im Betriebsablauf“, was auf gut Deutsch nichts anderes heißt als: „Wir kommen zu spät, weil wir Verspätung haben“. Sobald das durchgesagt wird, geht ein allgemeines Augenrollen und „Das ist ja mal wieder typisch“-Zischeln los. Dabei ist das bequeme, pünktliche Ankommen viel typischer.

Aus Medizin und Gesundheitssystem hört man normalerweise auch nur die Horrorstories. Und es ist natürlich wichtig, diese  zu erzählen, aber ab und zu sollte man auch dran denken, dass im Großen und Ganzen eigentlich verdammt viel richtig gut läuft und funktioniert. Bei mir lief jedenfalls alles wie am Schnürchen. Man soll ja das Knie nicht vor dem Abend loben, aber auch wenn ich noch Krücken brauche, fühlt es sich irgendwie so an, als sei da jetzt alles gut und müsste nur noch ein bisschen vor sich hinheilen.

Für heute habe ich gleich noch einen Besuch bei meinem Zahnarzt eingeplant – damit ich meinen Ausflug nach Berlin in so richtig guter Erinnerung behalte, wenn ich morgen oder übermorgen nach Bayreuth zurückfahre ;)

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(Warum weint dieser U-Bahnhof?)

Strübing liest Paul

17. Summula, Bloße Station.

Dies ist das erste Kapitel der „Zweiten Abteilung“, des „zweiten Buches“ würde man heute sagen, oder vielleicht auch, wenn es eine Fernsehserie wäre, der zweiten Staffel. Da sollte man erwarten, dass es mit einem echten Kracher losgeht, aber Pustekuchen. Das Kapitel ist zwar sehr kurz, trotzdem das bisher langweiligste und an Perlen ärmste.

Das Wirtshaus, in dem sie zur Nacht rasten, ist auch ein Posthaus. Katzenberger entdeckt einen an sich adressierten und unfrankierten Brief. Er mopst ihn, um ihn zu öffnen und nachzuschauen, ob der Inhalt es rechtfertigt, dass er das Porto übernimmt, wenn er ihn zugestellt bekommt, oder ob er ihn dann, statt zu bezahlen, ungeöffnet retour schicken kann.

Der Inhalt entpuppt sich als erfreulich (Bemerkungen des fürstlichen Leibarztes Semmelmann aus Maulbronn, über seine, Kattzenbergers, sämtliche Werke). Er versiegelt den Brief wieder, stellt ihn zurück und geht etwas später zum Postmann, um ihn um den Brief zu bitten. Dieser lehnt ab, er könne ja nicht wissen, ob er es wirklich mit dem Empfänger zu tun habe. Das stellt Katzenberger vor die Wahl, entweder die Reise fortzusetzen, oder zurück nach Hause, dem Ban ihn gerichteten Brief hinterher zu fahren.

Mehr passiert nicht; es gibt nur noch eine kleine Abschweifung zum Thema Nepotismus, also Vetternwirtschaft, in der darüber spekuliert wird, dass Nepotismus ja eigentlich allgegenwärtig sei, da wir alle von Adam abstammten und also miteinander verwandt sein.

Das erinnert mich daran, wie mir im Kindergarten mal ein größeres Kind erzählte, er sei mit dem ersten Menschen verwandt. Er machte ein großes Gewese darum, und ich lief nach dem Kindergarten aufgeregt nach Hause und erzählte meiner Mutter, dass ich jemanden kenne, der mit dem ersten Menschen verwandt sei! Sie erklärte mir, dass dies nichts besonderes sei und ich ebenfalls mit ihm verwandt. Ich weiß noch, dass die Freude darüber, selbst vom ersten Menschen abzustammen, nicht die Enttäuschung wettmachen konnte, nun doch keine besonders herausragende Person als Spielkameraden zu haben.

Das Kapitel schließt mit einem Hoffnung machenden Zukunftsausblick:

Übrigens lässet gerade diese Verwandtschaft von Jahr zu Jahr mehr ruhige kalte Behandlung der Menschen hoffen; denn mit jedem Jahrhundert, das uns weiter von Adam entfernt, werden die Menschen weitläuftigere Anverwandte voneinander und am Ende nur kahle Namenvettern, so daß man zuletzt nichts mehr zu lieben und zu versorgen braucht als nur sich.

Manchmal könnte man meinen, dass wir heutzutage endlich diesen befreienden Grad der Weitläufigkeit der Verwandtschaft der Menschen untereinander erreicht haben …

Das Original erschien übrigens in drei Bänden und jedem Band (jeder „Abteilung“) – wie überhaupt jedem Roman von Jean Paul – war noch eine Fülle an Anhängen beigegeben, die mit dem Roman an sich nichts zu tun hatten. Ich habe diese übersprungen. Im Reclamheft sind sie ebenfalls nicht abgedruckt, die Online-Ausgabe beim Projekt Gutenberg enthält sie jedoch.

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2 Kommentare zu “Tag 19 – Verzögerung im Blogbetriebsablauf

  1. Ich erwähne hier mal erwähnenderweise, dass mir deine Bayreutherei, selbst wenn sie in Berlin stattfindet, sehr behagt. Nicht zuletzt, weil ich dadurch täglich etwas von dir lesen darf.

    Mit Jean Paul konnte ich bisher nichts anfangen, doch ich verspüre dank dir eine zögerliche Annäherung.

    So, nun verschwinde ich wieder in die Stille passiven Genießens.

  2. „Bayreutherei“…. schön und treffend ausgedrückt, mir geht es ähnlich, ich freue mich auf die tägliche Bayreutherei des Berliner Stadtschreibers

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