Tag 21 – Äpfel, Birnen und Halloren

Tagebuch, 24.2., Sonntag, 13.30 Uhr, ICE Berlin – Saalfeld

Dass sich Verbrechen eben doch auszahlt, sieht man ja besonders eindrucksvoll an Bill Gates und seinen Mitstreitern. Niemand wird ernsthaft bestreiten wollen, dass er ein Verbrecher ist, oder? Und ich rede hier nicht von seinen geschäftlichen Gaunereien, sondern von Schlimmerem.
Ich würde allerdings nicht so weit gehen wie ein Kollege von mir, der einmal sinngemäß sagte: Wenn man die Lebenszeit die sie anderen Menschen gestohlen haben, zusammenrechnen würde, dann wäre Bill Gates inzwischen wahrscheinlich schlimmer als Adolf Hitler. Das stimmt schon allein deshalb nicht, weil er Hitler nur den Lebenszeitverlust der 50 Millionen Toten zuschrieb. Da aber an Windows niemand stirbt, muss fairerweise statt eines „Lebenszeitverlustes“ der „Verlust an lebenswerter Lebenszeit“ berechnet werden sein, und es ist keine Frage, dass auch viele Überlebende des Zweiten Weltkrieges von massiven Verlusten in diesem Bereich betroffen waren.

Jaja, ich weiß: Hitler-Vergleiche macht man nicht, Bill Gates und Adolf Hitler gehören nicht in einen Satz und überhaupt: Man kann die beiden nicht vergleichen, von wegen Äpfel und Birnen und so.

Dazu ist mir neulich ein ziemlich überzeugendes Gegenargument eingefallen (zumindest mich selbst hat es überzeugt): Wer sagt, Adolf Hitler und Bill Gates könne man nicht vergleichen, da man Äpfel mit Birnen nicht miteinander vergleichen könne, vergleicht ja seinerseits selber Adolf Hitler und Bill Gates mit Äpfeln und Birnen, bzw. setzt sie sogar gleich! Und Adolf Hitler als Apfel bzw. Birne zu bezeichnen, das ist eine wirklich skandalöse Verharmlosung. Von der Beleidigung eines unschuldigen und schmackhaften Obstes ganz zu schweigen.

DSC00532(Zur Beruhigung ein schönes Winterfoto.)

Nein, Hitler ist kein Apfel und Bill Gates weder eine Birne noch Hitler. Was ich eigentlich bloß erzählen wollte ist, dass gerade eben, als ich an meiner Zusamenfassung des 18. Kapitels schrieb, ein kleines Fenster aufploppte, dass ich automatisch wegklickte, weil ich dachte, das sei halt eines dieser Fenster von irgendeinem Programm, das ich noch im Hintergrund laufen habe (was an sich schon ärgerlich genug ist – wer kennt zum Beispiel nicht die Situation, dass man beim Tippen statt auf den Bildschirm auf die Tastatur guckt und dann merkt, dass man die Webadresse statt in die Adresszeile des Browsers ins Leere getippt hat, weil sich gerade irgendein Programm vorgedrängelt hat, dass einen davon in Kenntnis setzt, dass eine neue Softwareversion verfügbar sei?), dass sich aber … ach, ich fang lieber einen neuen Satz an, ich muss ja, was Länge und Kompliziertheit der Sätze angeht nicht unbedingt mit Jean Paul gleichziehen …
Jedenfalls habe ich das freche Fensterchen weggeklickt und im selben Moment gedacht: Oh, oh (und zwar wortwörtlich). Ich hatte nämlich noch gerade so erkannt, dass es sich um eine Anfrage handelte, ob ich meinen Text speichern wolle. Und da wurde das Textverarbeitungsprogramm auch schon geschlossen und mein Laptop startete neu, um irgendwelche blöden Windows-Updates zu installieren. Einfach so. Im Zug. Ohne Internetverbindung. Fragt mich, wie, fragt mich, warum. Wahrscheinlich hab ich irgendwann mal irgendwo auf „später installieren“ geklickt, und Windows dachte sich: „Mensch (bzw. Computer), jetzt wäre doch ’n toller Moment das zu machen …. nee, ich frag den Typen lieber nicht nochmal, sonst sagt er doch wieder ’später installieren‘, das kenn ich schon, ich werd dem was von wegen ’später installieren‘, die Sau spinnt doch, was schreibt der da überhaupt? Egal, weg damit, bloß weil Microsoft mich nicht gleich von Anfang an vernünftig programmiert hat, muss ich jetzt noch lange nicht Rücksicht auf den Idioten vor dem Bildschirm nehmen!“

DSC00548(Wie schön so ein bisschen Schnee alles macht. Sogar die olle Baustelle in meiner Straße in Berlin.)

15.00 Uhr, RE Saalfeld – Lichtenfels

So. Weiter. Gerade habe ich „15.00 Uhr, RE Saalfeld – Lichtenfels“ eingetippt und Enter gedrückt, und das Textverarbeitungprogramm machte daraus:

15.0 Uhr, RE Saalfeld – Lichtenfels

15.1

Es ist zum Mäusemelken! Und jetzt soll mir niemand kommen mit Sprüchen wie: „Dis musste doch nur da und da ausschalten, und dis mit dem Update is ooch deine eigene selber Schuld, weil du zu doof bist“ – bin ich nicht, ich sehe nur nicht ein, warum ich Sachen abschalten muss, die ich nie eingeschaltet habe. Und ich frage mich, wann Computer eigentlich verlernt haben, das zu machen, was man von ihnen will, statt das, wovon sie glauben, man wolle es von ihnen bzw. einfach das, was sie selber wollen. Zu Zeiten des C64 war die Welt noch in Ordnung, und die Antwort auf die Frage, wer in der Beziehung Mensch-Computer Herrchen und wer Hund ist, war klar.

Und schon gar nicht will ich hören: „Selbst schuld, wer Windows benutzt. Musste iOS oder Linux nehmen“. Blödsinn! Das ist, mit leichten Abstufungen, alles dasselbe, weil nämlich hinter allem eine gigantische Verschwörung steckt…

16.00 Uhr, RE Lichtenfels – Bayreuth

Ich arbeite derzeit an einer Verschwörungstheorie, die all das und viele andere Zumutungen des modernen Lebens erklären wird. Bisher habe ich verschiedene einzelne Verschwörungstheorien für verschiedene Bereiche entwickelt, die ich nun zur Großen Vereinheitlichten Verschwörungstheorie von überhaupt Allem (GVVvüA) zusammenfassen möchte. Gegenüber herkömmlichen Verschwörungstheorien wird sie unter anderem den Vorteil haben, dass sie stimmt. Desweiteren wird sie ohne Sündenböcke und Außerirdische auskommen.

Als sich der Computer nach der Aktualisierung wieder hochgefahren hat, hat die Open-Office-Dokumentenwiederherstellung übrigens meinen bis dahin geschriebenen Text gerettet.

Aber trotzdem!

DSC00490(Na, wo ist das Foto aufgenommen? In Bayreuth oder Berlin? Es gibt ein kleines Detail, an dem man es erkennen kann …)

Strübing liest Paul

18. Summula, Männikes Seegefecht.

„Um den Leser nicht durch zu viel Ernst […] zu überspannen, möge ein unbedeutendes Seegefecht, im Städtchen Höflein […], hier eine kurze Unterbrechung gewähren dürfen“

Jean Paul verarbeitet hier eine Anekdote, die ihm sein Freund Christian Otto in einem Brief vom 29.5.1804 berichtet hatte (abermals geht mein Dank ans Reclam-Heft, das es mir erlaubt, hier so wunderbar klugzuscheißen).

Unsere Reisegesellschaft legt in Höflein eine Vesperpause ein. Dort hat der Wasserspringer Männike „den ganzen Höfleiner Adel und Pöbel“ auf eine Brücke zu einer Vorführung seiner Wasserkunststücke eingeladen. Er verspricht unter anderem, im Wasser Tabak zu rauchen, mit einem Schiebekarren zu fahren und „anderthalb Klafter hoch Freudenwasser wie Freudenfeuer zu spucken“.

Wie armselig das Unterhaltungsangebot damals gewesen sein muss, wenn er damit die ganze Stadt herbeilocken kann! Wieviel besser wir es haben mit mindestens 30 Fernsehprogrammen, hunderttausend Buchneuerscheinungen jedes Jahr, mit Kinos, Videotheken, Konzerten und natürlich dem Internet! Die armen Höfleiner, die das jämmerliche Event auch noch mit allen Nachbarn teilen müssen, und nicht einmal damit angeben können, was sie erlebt haben! Wahrscheinlich sprechen sie noch Tage später mit leuchtenden Augen von diesem Ereignis, weil es nicht sofort von tausend anderen echten oder vermeintlichen Sensationen übertrumpft wird. Es muss eine traurige, freudlose Zeit gewesen sein …

Wobei ich übertreibe, denn Männikens ödes Wasserspektakel wird durch einen Zuschauer enorm aufgewertet, der der festen Überzeugung ist, das alles selbst und besser zu können. Er springt von der Brücke – direkt auf den Künstler, „der anfangs gar nicht wußte, was er von der Sache halten sollte, vom Kerl auf seinen Beinen. Aber sein Nebenmann und Badegast zündete eilig Licht in seinem Kopf an, indem er den letzten bei den Haaren nahm und so – die Faust sollte den Raufdegen spielen – geschickt genug das Lusttreffen einleitete.“

Der Typ ist übrigens ein „Hallore“, ein Salzsieder aus Halle an der Saale, und dabei fällt mir ein, dass ich ganz vergessen habe, mir aus Berlin einen Monatsvorrat Hallorenkugeln und Knusperflocken mitzubingen. Ich brauche das Zeug! (Oder gibt es die auch irgendwo in Bayreuth? Für Hinweise wäre ich sehr dankbar.)

Jedenfalls kloppen sich der Wasserspringer und der Hallore ganz ordentlich, der Hallore gewinnt und schiebt Männike in seinem Karren aus dem Wasser. Als der Besiegte oben auf der Brücke dennoch um eine Spende bittet, erhält er – obwohl sich alle prächtig amüsiert haben – nur sehr wenig, da alle behaupten, nur auf den Halloren geachtet und ihm praktisch gar nicht zugesehen zu haben. Aber immerhin: Sie geben ein bisschen. Das ändert sich, als er an Katzenberger gerät:

„Ich selber“, beschloß [Katzenberger], „gebe am wenigsten, ich bin Fremder.“ Da nun das Wenigste Nichts ist, so gab er nichts und ging davon; – und der Ketzer-Glaube, gratis zugesehen zu haben, fraß auf der Brücke auffallend um sich.

Na sowas, und da dachte man immer, die berühmt-berüchtigte „Gratismentalität“ sei eine Nebenwirkung des Internets.

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5 Kommentare zu “Tag 21 – Äpfel, Birnen und Halloren

  1. Der Montagmorgen ist gerettet :)

    „Verlust an lebenswerter Lebenszeit“ und „GVVvüA“ Hihihihi…

    …und Haloren oder sowas gibt`s bei uns sicher nicht. Schöne Woche !

  2. Lieber Volker, natürlich gibt’s auch hier für Exilierte Halloren Kugeln verschiedenster Sorten und Knusperflocken – im Kaufland. Sogar Rotstern-Schokolade soll da gesichtet worden sein.
    Liebste Grüße!

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