Tag 22 – Skelette, Glocken, Gottesäcker (und ein bisschen was mit Liebe)

Tagebuch, 25.2., Montag, 18.00 Uhr, Bayreuth

Irgendwann werde ich es herausfinden. Ich werde Excel-Tabellen anlegen, Zeiten stoppen, Häkchen machen, Überwachungsmikrofone einsetzen und ein Netz von Informanten aufbauen, und dann werde ich es herausfinden …

Vielleicht kann mir aber auch einfach jemand die Lösung des Rätsels verraten: Nach welchem Muster läuten die Glocken der Stadtkirche? Ich wohne ja nun gleich um die Ecke und bin regelmäßiger Ohrenzeuge. Ich wohne auch noch nicht so lange hier, dass ich mich an das Glockenläuten gewöhnt hätte und es überhören könnte (in Berlin habe ich keinen Kirchturm in Hörweite), wenn sie läutet kriege ich es also mit, aber ich habe da System noch nicht durchschaut. Okay, es bimmelt alle Viertelstunde, aber wann, das ist die Frage. Mal den ganzen Tag über, mal nur vormittags, mal auch noch die ganze Nacht, ich kapier das nicht. Warum muss eine Kirche überhaupt alle fünfzehn Minuten läuten? Ich meine, klar, das klingt ziemlich gut, aber es wäre doch noch viel schöner, wenn es etwas Besonderes wäre und nicht einfach nur eine akustische Zeitansage, die nun heutzutage wirklich niemand mehr braucht. Schon gar nicht nachts.

Die Bimmelei funktioniert ja wahrscheinlich automatisch, vielleicht vergisst der Glöckner gelegentlich, die Automatik ein- oder (wie neulich Nacht) wieder auszuschalten?!

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(Zur Illustration noch ein Foto von der Stadtkirche. Wie man an Himmel und Beleuchtung unschwer erkennen kann, habe ich es nicht heute gemacht.)

Naja, was soll’s, es klingt, wie gesagt, nicht schlecht, und ich werde mich schon dran gewöhnen. Ich bin ja froh, dass es eine Kirche und keine Moschee ist. Was für ein Spektakel, wenn in überwiegend islamischen Ländern zeitversetzt Dutzende von Muezzinen (bzw. Muezzin-CDs) zum Morgengebet rufen, das ist irre und wunderschön! Nur mit dem Schlaf war’s das dann – was tragisch ist, weil Moslems natürlich nicht christlich sind, und daher logischerweise ihr Morgengebet zu unchristlichen Zeiten verrichten. Das wäre dann auch mein Haupteinwand gegen Moscheeneubauten; das ist keine Islamophobie, das ist Zufrühaufgewecktwerdophobie.

Andererseits übernimmt es jetzt eben der morgendliche Lieferverkehr auf der Sophienstraße, mich aus dem Bett zu werfen…

Strübing liest Paul

19. Summula, Mondbelustigungen.

Was, denkt Nieß, könnt‘ besser sein
um Theoda zu verführen
als mit ihr im Mondenschein
auf einem Friedhof zu spazieren?

Soviel möchte er ihr sagen
seine Liebe ihr gestehn
doch er wird in die Flucht geschlagen
als die Toten auferstehn

Woher kommen die Skelette?
Was soll der ganze Zombie-Ärger
Dahinter steckt doch – jede Wette! –
unser Doktor Katzenberger …

Von Nieß hat sich nun wohl endgültig in Theoda verliebt, wobei er vielleicht auch nur in Theoda einen hübschen Umweg gefunden hat, sich selbst zu lieben. In einem Monolog malt er sich aus, wie er ihr seine Liebe gestehen wird, und ihr sodann, als Krönung des Ganzen und als Belohnung für sie enthüllen wird, dass er in Wirklichkeit nicht von Nieß, sondern der von ihr verehrte und geliebte Dichter Theudobach ist.

Sollte sie seine Liebe jedoch zurückweisen und nur den Dichter, nicht den Menschen lieben, so will er sie strafen, indem er sein Geheimnis noch für sich behält, und sich ihr erst in Maulbronn inmitten seiner Bewunderer zu erkennen gibt – „und dann verzeih ich ihr doch wieder von Herzen.

Nach Nießens Monolog entschuldigt sich Jean Paul bei seinen Lesern:

Am Ende und zumal hier nach dem Lesen dieses Selbgesprächs werf‘ ich mir selber vor, daß ich vielleicht meinem fatalen Hange zum Scherztreiben zu weit nachgegeben und den guten Poeten in Streiflichter hineingeführt, in denen er eigentlich lächerlich aussieht und fast schwach. Kann er denn so viel dafür, daß seine Phantasie stärker als sein Charakter ist und Höheres ihm abfodert und andern vormalt,- als dieser ausführen kann?

Das macht JP gerne: sich in seiner Funktion als Autor an die Leser wenden und sein eigenes Werk und Tun kommentieren. Wenn ich das recht verstehe, nennt man so etwas „romantische Ironie“ (wenn ich falsch liege, bitte ich um freundliche Berichtigung), und es war damals ein ganz heiße Nummer. Im Falle des Dr. Katzenberger müsste es eigentlich „ironische romantische Ironie“ heißen, denn (wiederum soweit ich das richtig verstanden habe) die „normale“ romantische Ironie scheint eine recht humorlose, sogar bitterernste Sache zu sein, während Jean Paul sie mit einem Augenzwinkern verwendet.

Unwissenschaftlicherweise assoziiere ich Ironie eben immer mit Humor, und sei er auch noch so subtil und unabsichtlich. Bei der Theorie von der romantischen Ironie haben jedenfalls so Leute wie Schlegel mitgemischt, die mir jetzt nicht uunbedingt als große Humoristen bekannt sind, aber auch das liegt vielleicht nur daran, dass ich keine Ahnung habe.

Von Nieß jedenfalls lädt Theoda zu einem romantischen Spaziergang bei Mondenschein auf den Friedhof ein (er liegt halt in der Näher und sieht voll romantisch aus). Theoda stimmt arglos zu, ganz ohne Angst und Scham, denn „Furcht vor bösen Männern vorher und vor bösen Zungen nachher war ihr ungewohnt“. Eine moderne, selbstbewusste, freie Frau, das muss man schon sagen.

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(Wenn nun schon heute von einem Friedhof die Rede ist und es gestern um Verschwörungen ging, poste ich doch noch dieses schöne Illuminaten-Grab vom Stadtfriedhof)

Auf dem Friedhof – dem „Gottesacker“, dem „rechten Nachtquartier der Menschen“ – läuft es für Nieß leider nicht wie geplant, da ihn die Gespensterangst packt, als plötzlich Knochen und Schädel auftauchen und sich zu einem Stapel zusammenrotten, und als dann auch noch ein „rundes Kinderköpfchen“ auf ihn zurollt, packt ihn das Grausen und er klettert auf einen Birnbaum. Theoda ruft ihm nach, er solle sich mal nicht so haben, „ihr Vater sammle nur Skelette“.

Und tatsächlich hatte sich Doktor Katzenberger auf dem Friedhof zu schaffen gemacht, „weniger um Gefühle als um Knochen einzusammeln“ – schließlich ist er Wissenschaftler, die machen sowas dauernd! Als er dabei seine Tochter mit dem Dichter gesehen hatte, war ihm die Idee gekommen, diesem ein bisschen Angst einzujagen, was auch trefflich funktioniert hat, obwohl Nieß es bestreitet.

Er hüpft vom Birnbaum über die Friedhofsmauer, rennt außen zum Eingang, schleicht sich von hinten an Katzenberger heran und versucht seinerseits diesen mit zwei „aufgerafften Armknochen“ und den Worten: „Ich bin der Tod, Spötter!“ zu erschrecken – verlorene Liebesmüh, der Doktor bleibt cool und geht „selig […] mit mehreren Köpfen und Rückgraten behangen, die er aus der Trödelbude und Rumpelkammer des Todes geholt, nach Hause.“

Verlorene Praxis:

– der Geliebten nachts auf einem Friedhof seine Liebe gestehen wollen (wobei das in machen Kreisen bestimmt noch immer praktiziert wird)

– sich ein wohlerhaltenes Kindergerippe wie eine Bienenkappe auf den Kopf stülpen

Medizinisch-Psychologische Erkenntnis:

„Ich für meine Person fahre gern zusammen […], weil Schrecken stärkt, indes Furcht nur schwächt. […] überall können Sie die Beispiele zusammenfinden, wie durch bloßen starken Schrecken […] Lähmung, Durchfall, Fieber gehoben worden, ja wie Sterbende durch auffliegende Pulverhäuser vom Aufflug nach dem Himmel gerettet worden und wieder auf die Beine gebracht“

Kommunikativer Knackpunkt:

„Ich bin ein Dichter, und Sie ein Wissenschaft-Weiser; dies erklärt unsern Unterschied“

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4 Kommentare zu “Tag 22 – Skelette, Glocken, Gottesäcker (und ein bisschen was mit Liebe)

  1. um 18 Uhr klingelts normalerweise so für ca 10 Minuten. Also so war’s, als ich da noch gewohnt habe ;)

  2. Im Grunde ist das Geläute Werbung.
    Die zeitliche Unregelmäßigkeit verhindert den Gewöhnungseffekt. :-)
    Leider hilft gegen das Geläute kein Timeslip oder ein Toilettengang.

  3. Hallo Volker,
    ich wohne ja auch quasi neben einer katholischen Kirche – und kann mich leider bis heute nicht an die Bimmelei gewöhnen. Meiner Ansicht nach klingeln die aber einfach tags und nachts zu jeder Viertelstunde, morgens von viertel vor sieben bis kurz vor sieben und zwölf Stunden später das gleiche Spiel nochmal. Ich glaube, das ist das Angelus-Klingeln, das früher mal den Bauern gesagt hat, wann sie auf das Feld gehen sollen und wann sie wieder Feierabend haben. Die hatten ja damals keine Uhren und so. Dann kommt natürlich noch die Feiertagsbimmelei. Da habe ich allerdings bei den Katholiken noch nie so richtig durchgeblickt. Und der Rest ist schweigen.
    Grüße vom Winterfeldtplatz

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