Tag 23 – Männer: kalte, kosmopolitische Spitzbuben!

Tagebuch, Dienstag, 26.2., 10.00 Uhr, Bayreuth

Wenn Städte Straßen, Stadtteile oder Plätze mit ulkigen Namen haben, nimmt mich das sehr für sie ein. Hamburg zum Beispiel ist eine tolle Stadt, und ich kenne viele Menschen dort, die ich sehr gern habe, aber ich liebe die Stadt schon allein deshalb, weil sie eine U-Bahn-Station namens „Schlump“ hat. Ich bin noch nie in Schlump ausgestiegen, aber ich freue mich jedesmal, wenn ich in der U-Bahn Richtung Schlump sitze. Ich werde hoffentlich auch nie nach Schlump fahren, denn sicher wäre es eine Enttäuschung.

Natürlich habe ich in Bayreuth bald nach meiner Ankunft die Busfahrpläne konsultiert, in der Hoffnung, hier auch solche niedlichen Namen zu finden, aber bis auf Unternschreez und Obernschreez, die gar nicht zur Stadt Bayreuth gehören, war nichts dabei. Jetzt habe ich erfreulicherweise mitbekommen, dass es eine Straße namens „Schmatzenhöhe“ gibt, und das ist doch schon was! Schmatzenhöhe kommt natürlich nicht an Schlump heran, aber nichts kommt an Schlump heran, und in Berlin sieht es in Hinsicht auf putzige Namen noch trauriger aus.

Dass ich auf die Schmatzenhöhe aufmerksam wurde, hat direkt (allerdings auf eine hier im Blog nicht erklärbare Weise) damit zu tun, dass ich morgen, Mittwoch, meine erste Lesung hier in Bayreuth habe, und zwar in der (namensmäßig sehr langweiligen) Meyernberger Straße 17, in der Gemeindebücherei der Katharina-von-Bora-Kirche. 19 Uhr geht es los, und Sie sind alle herzlich eingeladen. Ich weiß nicht, ob es Eintritt kostet – wahrscheinlich nicht und falls doch, dann sicherlich nicht viel. Wahrscheinlich werde ich nicht oder nur wenig aus dem Tagebuch vorlesen, sondern eher eine Auswahl von Geschichten, auch wenn diese nichts mit Bayreuth und Jean Paul zu tun haben.  Ich bin auch noch nicht sicher, ob ich bei einer Lesung in einer Kirche meine blasphemischsten Geschichten auslassen oder eben gerade heraussuchen sollte. Auf alle Fälle trinken wir hinterher Jean-Paul-Bier!

Apropos Jean Paul:

Strübing liest Paul

20.Summula, Zweiten Tages Buch.

Nachdem die letzten Kapitel größtenteils zwar ganz lustig, aber auch relativ uninteressant und manchmal ein bisschen zu klamaukig waren, ist das mal wieder ein Summula, dass ich am liebsten ganz zitieren würde; eine Perle, eine wunderschön geschriebene, ebenso böse wie verzweifelte wie lustige Anklage gegen Männer und Frauen und ihr Verhältnis zueinander aus der Feder Theodas.

Nach dem Friedhofserlebnis – ich hatte übrigens in meiner gestrigen Zusammenfassung zu erwähnen vergessen, dass Theoda ziemlich miese Laune hatte – schreibt Theoda in der Nacht einen zweiten Brief an ihre beste Freundin Bona, aus dem wir noch einige Details über Nießens schräge Verführungspläne erfahren: Er bringt ihr einen mit unleserlicher Kreideschrift beschriebenen Schal; erst im Spiegel ist die Botschaft zu entziffern. Sie stammt angeblich von Theudobach und verspricht Theoda einen weiteren Brief. Nieß führt Theoda zu einer Birke, in deren Rinde diese Botschaft eingeritzt ist, und von der er sie mit dem Schal abgefärbt hat. Eine weitere Nachricht an sie findet sich am Fenster im Zimmer von Herr von Nieß (was für eine Botschaft will Theoda ihrer Freundin in einem späteren Brief schreiben).

All das bringt das Mädchen keineswegs dazu, von Herrn von Nieß angetan zu sein; im Gegenteil, sie ist stinksauer, weil sie das Gefühl hat, von Nieß benutze seinen angeblichen Freund und ihre Bewunderung für diesen, um sie selber rumzukriegen: „Der Zärtling steckt seinen Freund als Köder an die Angel, um damit eine verdutzte Grundel zu fangen“.

Außerdem erkennt sie, „was Herr von N. bisher gewollt – nicht mich, sondern (was auch leichter zu haben ist) sich.“ Ihr hättet sehen sollen, wie ich mir vor Stolz auf die Brust getrommelt habe, als ich das las; schließlich hatte ich das schon gestern vermutet!

Theoda allerdings ist keine verdutzte Grundel, sondern eine wütende junge Frau, die sich bitter über die Männer beklagt:

„Aber sieh‘, so kann eine Mädchenseele dem Männer-Poltergeist auch nicht unter einem Kutschenhimmel nahe kommen, ohne wund gezwickt zu werden. Gib dem Teufel ein Haar, so bist du sein, gib einem Manne eines, so zerrt er dich daran so lange, bis er das Haar samt dem Kopfe hat. Der Bienenstich wird sonst mit Honig geheilt; aber diese Wespen geben dir erst die Honigblase und dann die Giftblase.“

Theodas Wut in allen Ehren, aber die Sache mit dem einen Haar, an dem sie so lange ziehen, bis sie das Haar samt dem Kopf haben, die haben auch manche Frauen drauf!

Wahrscheinlich haben sich damals (und traurigerweise wohl auch noch heute) viele Frauen gewünscht, sie wären als Mann zur Welt gekommen – in einer Gesellschaft, in der nur der Mann als vollwertiger Mensch galt, während Frauen nur das Adamsrippchen waren, eine Art Ableger, und in jedem Fall dem Manne untertan, egal wie doof dieser wahr. Außerdem können Männer im Stehen pinkeln.

Theoda hat eine etwas originellere Begründung für ihren Wunsch, ein Mann zu sein:

„Ich wollt‘, ich wär ein Mann, so duellierte ich mich so lange, bis keiner mehr übrig wäre, und legte einer Frau den Degen mit der Bitte zu Füßen, mich zu erstechen.“

Im Folgenden schreibt sie:

„Wahrlich die Männer sollten niemals kokettieren, da unter 99 Weibern immer 100 Gänse sind, die ihnen zuflattern; indes weibliche Koketterie weniger schadet, da die Männer als kältere und gleichsam kosmopolitische Spitzbuben selten damit gefangen werden“

Ich kann leider weder den ersten noch den zweiten Punkt uneingeschränkt bestätigen.

Bei wem Jean Pauls Sympathien in dieser ganzen Geschichte liegen, ist sonnenklar: Auf eine vergnügte Art bei Katzenberger, von ganzem Herzen aber bei Theoda. Kein Wunder, dass seine Bücher vor zweihundert Jahren besonders bei weiblichem Publikum so beliebt waren.

Nur drei Fahrstunden ist unsere Reisegesellschaft noch von Maulbronn entfernt und sie wünscht, sie hätten den Ort schon heute erreicht, dann könnte sie „morgen dort aufwachen und meinen Kopf aus dem Fernster stecken in die Aurora und alles hinein!“ Ich muss gestehen, dass ich zuerst nicht wusste, was mit der „Aurora“ gemeint war – als Ex-DDR-Bürger musste ich sofort an einen gewissen Panzerkreuzer denken. Nun ergibt es aber gar keinen Sinn, dass Theoda in einen fränkischen Kurort fährt, um ihren Kopf in einen russischen Panzerkreuzer zu stecken, der erst im Jahr 1900 vom Stapel laufen wird. Desweiteren ist  mir noch die Aurora Borealis ein Begriff, aber ich glaube nicht, dass man in Maulbronn das Polarlicht sehen kann.  Zum Glück gibt es Wikipedia. JEan Paul bzw. Theoda scheint jedenfalls die Morgenröte gemeint zu haben, vielleicht aber auch die philippinische Provinz gleichen Namens .

Nach einem letzten Seitenhieb auf das närrische Weichei Nieß („welcher schreit, wenn ein Wagen umfällt“) schließt Theoda ihren Brief mit einer versöhnlichen Formel, die uns hoffen lässt, dass es ihr mit der Ausrottung des männlichen Geschlechts nicht ganz ernst ist:

„Vergib mein Austoben. Ich bin doch allen Leuten gut und habe selber mit dem Teufel Mitleid, so lang‘ er in der Hölle sitzt, und nicht auf der Erde streift.“

Zeitlose Wahrheiten:

„Wahrlich, ein Mädchen, das ein Herz hat, ist schon halb dumm und wie geköpft.“

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3 Kommentare zu “Tag 23 – Männer: kalte, kosmopolitische Spitzbuben!

  1. Panzerkreuzer Aurora und Jean Paul. :) Das ist Weltklasse! Und Halloren, Knusperflocken und den ganzen anderen Süsskram gibts natürlich auch in Nordostoberfranken beim real.

  2. Früher gab es in Bayreuth auch ein „Schmatz-Gässlein“. Laut dem Chronisten König hatte es seinen Namen, weil hier eines Abends ein Geistlicher erwischt wurde, wie er unter einem Baum liegend, seine Geliebte „abgeschmatzt“ hatte. Heute verläuft hier die Casselmannstraße.

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