Tag 25 – Fröhliche Franken und abgesüßte Schwächlinge

Tagebuch, Donnerstag, 26.2., 12.00 Uhr

„Der Bayreuther, der Franke allgemein, geht ja zum Lachen in den Keller.“ Das wurde mir bereits mehrfach von Bayreuthern erklärt, und ich hatte den Eindruck, dass dabei stets ein gewisser Stolz mitschwang.

Ein Mann ging noch ein Stück weiter und bereicherte das große Bilderbuch in meinem Kopf um eine besonders schöne Illustration: „Wir Franken sind so zugekniffen und steif, wenn du uns ein Stück Kohle in den Hintern steckst, kannste zwei Wochen später einen Diamanten rausziehen.“ Dabei lachte er und gestikulierte und sprudelte vor sich hin und machte ganz allgemein eher den Eindruck, als würden keine Diamanten aus seinem Hintern purzeln, sondern die Sonne aus demselben scheinen.

Kurz gesagt: Ich weiß nicht, woher diese Selbsteinschätzung kommt, und kann sie bisher nicht bestätigen. Wenn die Franken jedenfalls wirklich zum Lachen in den Keller gehen sollten, hoffe ich sehr, dass sie mich mal mitnehmen – da unten muss es ja abgehen wie sonstewas. Ich als Berliner gehe bisher nur zum Wäschewaschen in den Keller, weil die Maschine fürs ganze Haus dort steht.

Irgendwie muss man sich vielleicht eine Mentalität einreden. Als Berliner mache ich ja auch gerne ein großes Gewese um unsere angebliche herzliche Unfreundlichkeit, obwohl wir in Wirklichkeit die nettesten Menschen der Welt sind. Niemals würde ein Berliner einen anderen Berliner anschnauzen, nur die Touristen werden von uns vollgeraunzt, damit sie nicht enttäuscht sind und zuhause den mit leuchtenden Augen lauschenden Daheimgebliebenen von „Herz und Schnauze“ der Berliner berichten können.

Das ist alles nur Folklore. Die Angestellten des Berliner Nahverkehrs müssen lange Schulungen über sich ergehen lassen, in denen sie lernen, wie man „Wennse aus de Tür rausjehen kannick se och zumachen“ und ähnliches mit dem richtigen Maß an Pampigkeit rüberbringt.

Manchmal fragt mich jemand, ob es denn Unterschiede beim Humor in verschiedenen Teilen Deutschlands gebe. Ich fahre ja ziemlich viel rum und lese lustige Geschichten vor. Ich kann das nicht beantworten. Natürlich gibt es unterschiedliche Publikümmer, aber die gibt es ja schon innerhalb Berlins. Mal (zum Glück recht oft) lachen die Leute über meine Geschichten, mal ist der Auftritt eine Katastrophe, aber das lässt sich nicht an Regionen festmachen.

Heißt das nun, dass alles gleich ist? Dass Sachsen wie Fischköppe, diese wiederum wie Franken sind, welche sich ihrerseits nicht von Preußen, diesen Bayern des Ostens unterscheiden? Nein, natürlich nicht. Da gibt es ja zum Glück die sprachlichen, kulinarischen und kulturellen Unterschiede und Unterschiedchen, und irgendwas wird wohl auch an der Mentalitätsgeschichte dran sein. Man darf sich dabei aber vielleicht nicht allzusehr auf die Selbsteinschätzung der Leute verlassen.

Strübing liest Paul

21. Summula, Hemmrad der Ankunft im Badeorte – Dr. Strykius.

Wo wir gerade bei fröhlichen Franken sind: Am Morgen hat Dr. Katzenberger äußerst gute Laune: Gerade hat er erfahren, dass in Potzneusiedl ein Posträuber gehenkt werden soll! Wenn sie auf ihrem Weg nach Maulbronn einen Umweg einlegen würden, müssten sie es eigentlich rechtzeitig zum Spektakel dorthin schaffen. Natürlich ist es nicht billiges Amüsement, dass den Doktor zum Galgen und der „Mixtur aus Brunnenbelustigung und Abwürgung“ zieht, sondern wissenschaftliches Interesse.

So aufgeheitert im Angesicht wie das ganze Morgenblau brachte Katzenberger zu Tochter und Nieß seine heitere Nebenabsicht hinauf, den Abstecher nach Potzneusiedl zum Postdiebe zu machen.

Leider verderben ihm Theoda und Nieß die Freude, er muss sich ihrem Nein beugen, sieht aber schließlich aus Liebe zu seiner Tochter ein, dass ein „Umweg über eine Richtstätte zum Lustorte für eine Weiberseele nicht zum anmutigsten“ zähle.

Ja, zu lieben heißt zu leiden, und Doktor Katzenberger leidet sehr, als er sich auf dem Weg nach Maulbronn ausmalt, wie schön es in Potzneusiedl gewesen wäre, „wo ihm ein Galgenvogel als eine gebratene Taube in den Mund geflogen wäre, indem er am Diebe das Henken beobachten, vielleicht einige galvanische Versuche auf der Leiter nachher und zuletzt wohl einen Handel eines artigen Schaugerichts für seine Anatomiertafel hätte machen können.

Endlich erreichen sie das Ziel ihrer Reise, die sie alle drei aus unterschiedlichen Gründen angetreten haben:

[der] erste, um angebetet zu werden,
die zweite, um anzubeten
[der] dritte, um auszuprügeln

Recht bald findet Katzenberger den Badearzt Strykius, der seine Werke anonym in sieben Zeitungen verrissen hatte – dieser ist es natürlich, den es zu verprügeln gilt. Die Prügel soll aber nur der Höhepunkt der Rache sein, erst möchte Katzenberger ihn eine ganze Weile genüsslich beleidigen, bedrohen und an der Ehre angreifen.

Das erste Treffen verläuft anfangs nicht ganz zu Katzenbergers Zufriedenheit: Strykius begrüßt Katzenberger freudlich, hoch erfreut, ihn endlich kennenzulernen, und als Katzenberger ihm den Plan, den anonymen Kritiker (von dem zwar beide wissen, wer es ist, allerdings weiß Strykius nicht, das Katzenberger weiß, wer es ist) zu beleidigen und zu verprügeln, auseinandersetzt, lacht er herzlich über diesen vermeintlichen Scherz. Katzenberger ist sauer:

Strykius milde Höflichkeit verdroß ihn mehr, als die größte Grobheit getan hätte, […]einen rauhen, widerhaarigen, stämmigen Mann hatte er zu finden gehofft, dem der Kopf kaum anders zu waschen ist als durch Abreißen oder Abhaaren desselben […] – aber er, ein so gebognes, wangenfettes, gehorsamstes, untertänigstes Zier-Männchen […]… Nichts erbittert mehr als anonyme Grobheit eines abgesüßten Schwächlings!

Jedenfalls ist Katzenberg in seinem Vorhaben gefestigt, „den Badearzt auf eine ausgedehnte Folterleiter von Ängsten und Ehren-Giften zu setzen und ihn erst auf der obersten Stufe zu empfangen mit dem Prügel.“

In den Zimmern, die er für den Aufenthalt in Maulbronn gemietet hat, macht sich Katzenberger sofort ans Werk und verfasst schon einmal „in Strykius‘ Namen einen öffentlichen Widerruf von dessen Rezensionen auf, den er ihn zu unterschreiben und herauszugeben in der Prügelstunde zwingen wollte.“

Verlorene Praxis:

– sich scharf nach seiner Ziel-Palme umsehen

– einem Hering den Kopf abbeißen, um den Rumpf aufzuspeisen, aber im Vergreifen den köstlichen Hering selber am Schwanze ins Wasser schleudern und nichts behalten als den Kopf

– einen Gehenkten als Vorsteckrose am Busen tragen

Zeitlose Wahrheiten:

Nichts erbittert mehr als anonyme Grobheit eines abgesüßten Schwächlings!

Längster und schrecklichster Satz:

Allerdings gibt es ein oder das andere Wesen in der Welt, das Gott selber kaum stärken kann ohne den Tod – das sich als ewiger Bettelbrief gern auf- und zubrechen, als ewiges Friedeninstrument gern brechen läßt – das eine Ohrfeige empfängt und zornig herausfährt, es erwarte nun, daß man sich bestimmter ausdrücke – das nicht sowohl zu einem armen Hunde und Teufel als zu einem niesenden fürstlichen mit Silberhalsband sagt: Gott helf, oder contentement – dessen Zunge der ewig geläutete Klöppel in einer Leichenglocke ist, welche ansagt: ein Mann ist gestorben, aber schon ungeboren – das erst halb, ja dreiviertels erschlagen sein will, bevor es dem Täter geradezu heraussagt auf dem Totenbette im Kodizill, es sei dessen erklärter Todfeind – das jeder so oft zu lügen zwingen kann, als er eben will, weil es sich gern widerspricht, sobald man ihm widerspricht – und dem nur der Feind gern begegnet und nur der Freund ungern. –

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3 Kommentare zu “Tag 25 – Fröhliche Franken und abgesüßte Schwächlinge

  1. Mich würde interessieren, wie Bayreuther zu Zeiten Jean Pauls gedacht, gelebt und wie sie ihren Dichter erlebt haben

  2. All die verkniffenen bayreuther Aersche, die Diamanten pressen koennen, sollten sich
    bei der ewig klammen Wagnercommunity melden :-)

  3. Ich musste sehr schmunzeln, als ich dich auf der Titelseite des Kuriers als „Freiberufler aus Bayreuth“ entdeckt habe. Deine Freunde müssten noch mehr in die PR Offensive gehen, damit du dich nicht weiter als Herr von Nieß tarnen kannst.

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