Tag 29 – Krenfleisch, Rathaus, Katzenberger

Tagebuch, 4.3., Montag, 10.30 Uhr

Ich hoffe, ich werde jetzt nicht der Stadt oder der ganzen Region verwiesen, aber: Ich mag kein Krenfleisch. (Für die Ahnungslosen im Norden: Das ist Fleisch in Meerrettich- ich sag mal: -pamps.) Probiert habe ich es am Sonnabend anlässlich eines Ausfluges in die Fränkische Schweiz im Krug-Bräu. Kulinarisch war dieser Ausflug für mich zwar ein Reinfall (neben dem Krenfleisch gab es auch noch Haarkäsekuchen in einer traurigen Kneipe unterwegs), ansonsten war es toll – bei dem Wetter konnte ja auch nichts schiefgehen.

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(Im Schlosspark von Schloss Fantaisie)

Ich habe allerdings auch vom Schäufele meiner Begleitung kosten dürfen, und das hat mir schon eher zugesagt. Auch wenn ich den Fettbatzen wohl immer an den Rand legen werde. Und am Sonntag habe ich eine fränkische Roulade gegessen, und obwohl ich nicht recht verstanden habe, was daran nun besonders fränkisch gewesen sein soll, so war sie doch sehr gut – ich bin also für die fränkische Küche nicht verloren.

Außerdem mache ich mein Krenfleisch-Nichtmögen sicher dadurch wett, dass ich wahrscheinlich der einzige Mensch der Welt bin, der das Bayreuther Rathaus schön findet.

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Ich weiß, dass es allgemein als hässlich gilt, und das ist natürlich nur schwer zu bestreiten, aber es ist doch irgendwie auf eine hübsche Art hässlich. Mit Sonne und blauem Himmel sowieso. Und ich meine das nicht (oder wenigstens nur ein bisschen) ironisch. Hey, ich bin in Berlin Marzahn aufgewachsen, ich habe ein recht entspanntes Verhältnis zu Plattenbauten; sie sind mir lieber und sympathischer als diese komischen neuen Neubauten mit ganz viel Glas.

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Eine Frage ist, warum man ausgerechnet ein Rathaus so baut. Es ist ja immerhin ein Gebäude, das in irgendeiner Weise die Stadt repräsentiert. Freilich gibt es da den praktischen Aspekt, die relativ kostengünstige Bauweise, den Umstand, dass man einen Haufen Büros in so einem Quader unterkriegt. Ich vermute allerdings angesichts, dass es auch noch ideologische Gründe gab: Das Rathaus sollte nicht das protzige Symbol der Macht über die Bürger, sondern unprätentiös und für die Bürger da sein. Finde ich im Prinzip ganz nett, aber wie nur ist man darauf gekommen, dass es deshalb vollkommen schmuck- und gesichtslos sein müsste? Die Bayreuther Bürger sind doch auch nicht schmuck- und gesichtslos!

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Ich glaube (und schweife damit fürchterlich ab), dass seit dem Bauhaus in der Architektur einiges schief gelaufen ist. Irgendwie haben manche Architekten vollkommen vergessen, dass die Häuser, die sie entwerfen, eigentlich für Menschen gedacht sind. Vieles, was heute gebaut wird, sieht toll aus als kleines Miniaturmodell oder als Computeranimation, mit so kleinen Bäumchen drum rum und (wenigen) kleinen, ordentlichen Menschlein. Aber es ist nicht dazu gedacht, dass sich irgendjemand dort wohl fühlt.

Die Wiederaufbauhässlichkeiten nach dem Krieg kann man ja entschuldigen, da musste es nun einmal schnell gehen, schweigen wir auch über den sozialen Wohnungsbau der 70er und 80er Jahre, das war wohl ebenfalls notwendig und außerdem ein Experiment.

Aber es gibt ja genug Beispiele, bei denen es ohne Sachzwänge offenbar nur um Selbstbefriedigung von Architekten und Planern ging – und damit meine ich nun wirklich nicht das schlichte Bayreuther Rathaus –, und niemand daran dachte, dass sich nach Fertigstellung tatsächlich der Pöbel herausnehmen würde, diese Denkmäler der Selbstverliebtheit benutzen zu wollen bzw. zu müssen. Ein kleines Detail des Berliner Hauptbahnhofs zur Illustration: Die Anzahl der Sitzbänke auf den Bahnsteigen ist offenbar nach dem Menschenaufkommen in den animierten Präsentationen des Architekten festgelegt worden, in denen wahrscheinlich 15 Computeravatare in Businesskostümen lächelnd durch den Bahnhof schwebten.

Aber genug abgeschwiffen. Dann jedenfalls lieber das Rathaus. </unqualifizierte Architekturkritik>

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(Auch wenn ich mir selbst widerspreche: Ich mag diese Spiegelflächen gegenüber; es macht Spaß, zuzuschauen, wenn Passanten vorbeigehen und plötzlich vervielfältigt werden, bevor sie wieder in einer Person zusammenlaufen.)

Bevor es an die Jean-Paul-Lektüre geht noch ein Veranstaltungstip. Leider ein nachträglicher. Gestern spielte im Glashaus Guðrið Hansdóttir, eine Liedermacherin von den Färöer Inseln, und alle hätten kommen sollen! (Allerdings war es auch so recht voll.) Ich kannte die Frau nicht, hab auch vorher nicht bei Youtube nach Videoclips gesucht, sondern bin einfach hingegangen, um mich überraschen zu lassen. Das Glashaus musste ich mir ohnehin mal ansehen. Es war ein super Konzert. In Berlin hätte ich es nicht mitbekommen, oder wenn doch: Ich wäre sicher nicht auf gut Glück in einen Club gefahren, den ich nicht kenne, um mir Musiker anzusehen, von denen ich noch nie gehört habe. Es mag paradox klingen, aber ich werde in den fünf Monaten in Bayreuth viel mehr Kultur erleben als in einem Jahr in Berlin. Großstadt macht halt irgendwann auch müde.

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(Nicht das Rathaus aber auch ganz schön.)

Ach, da fällt mir noch was ein: Letzte Woche war ich mit einem Kamerateam vom Nordbayrischen Kurier spazieren. Das Ergebnis kann man hier sehen. Ich habe es mir noch nicht angeschaut, weil ich immer noch ein bisschen Angst davor habe, mich selbst zu sehen und zu hören. Vielleicht kann mir ja jemand schreiben, ob ich es doch noch wagen kann …

Strübing liest Paul

24. Summula, Mittagtischreden.

Ich scheine ein Faible für misanthropische Ärzte zu haben. Ich mag Dr. House und Dr. Katzenberger, die durchaus in einer Tradition stehen. Im Lauf der letzten Woche habe ich mir eine halbe Staffel Dr. House reingezogen. Da ich bis Freitag selbst noch mit Krücke unterwegs war, passte das besonders gut.

Der Orthopäde, den ich heute morgen besuchte, war zum Glück freundlich und und schien durchaus am Wohl seiner Patienten interessiert. Mein Hang zu fiesen Ärzten beschränkt sich auf Literatur und Film.

Es ist ohnehin eine interessante Sache, wie viele sympathische Ekel sich in der Kunst tummeln. Figuren, die man im wahren Leben hassen würde, die man aber als Kunstfiguren liebt. Wahrscheinlich ist die einfache Erklärung, dass man sich mit ihnen und nicht mit ihren Opfern identifiziert. Stellvertretend für uns springen sie mit beiden Beinen und einem diabolischen Grinsen auf dem Gesicht in jedes Fettnäpfchen, nur um sich die beschmadderten Schuhe anschließend an den Schlipsen der anderen abzutreten – und der kleine Soziopath, der vielleicht in irgendeiner dunklen Ecke jedes Herzens wohnt, tanzt (bzw. kotzt – siehe unten) vor Freude …

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(Burg Waischenfeld.)

Beim Mittagessen der Badegäste sorgt Dr. Katzenberger für Appetitlosigkeit bei den Damen, die das Pech haben, in seiner Nähe zu sitzen. Dr. Strykius (der immer noch nicht ahnt, dass Katzenberger ihn längst als Verfasser der miesen Kritiken seiner Werke identifiziert hat) sitzt neben ihm und hat ihn zum Essen eingeladen. Katzenberger fragt ihn neugierig nach den Krankheiten, die im Badeort derzeit behandelt werden, in der Hoffnung, dass etwa erfreulich abnormes dabei ist.

Strykius wusste […] durchaus nicht, wie er […] zugleich die Ohren seines Gastes bewirten, und die der Nachbarinnen beschirmen sollte. »Beim Essen«, sagte eine ältliche Landjunkerin, »hörte sich dergleichen sonst nicht gut.« – »Wenn Sie es des Ekels wegen meinen«, versetzte der Doktor, »so biet ich mich an, Ihnen, noch ehe wir vom Tische aufstehen, ins Gesicht zu beweisen, daß es, rein genommen, gar keine ekelhaften Gegenstände gebe […]« Nach einem allgemeinen, mit weiblichen Flachhänden vorgenommenen Niederschlagen dieser Untersuchung stand er ab davon.

Stattdessen ergeht er sich in Überlegungen über die Größe des menschlichen Geistes und darüber, dass die körperlichen Reaktionen auf Gemütszustände doch recht willkürlich sind. Das ist sehr lustig, auch wenn ich nicht ganz verstehe, wie er – bzw. Jean Paul – an dieser Stelle darauf kommt. Der Zusammenhang ist mir nicht klar, aber egal, ich musste kichern, was soll es also?! Wahrscheinlich hatte sich Jean Paul die Idee irgendwann in seinen umfangreichen Ideenbüchern notiert und nun war es einfach an der Zeit, sie zu verwenden.

In seiner Jugend nämlich („wo noch der Dichtergeist mich besaß und nach seiner Pfeife tanzen ließ“) hat er einmal eine ideale Welt gebaut, in der das alles etwas anders verdrahtet wäre. Am Tag der Auferstehung erwartete er in ihr zu erwachen:

»Ich stieg in größter Freude aus dem Grabe, aber die Freude […] drückte sich […] bei mir und meinen Freunden durch Erbrechen aus. […] Bei den zärtern Empfindungen der Liebe bekam man eine Gänsehaut und die Farbe von Gänse-Schwarz, was aber die Sachsen Gänse-Sauer nennen. – Jedes freundliche Wort war mit Gallergießungen verknüpft, jedes scharfe Nachdenken mit Schlucken und Niesen, geringe Freude mit Gähnen. – Bei einem rührenden Abschied floß statt der Tränen viel Speichel. […] Und feurige, aber zarte Zuneigung der Ehegatten verriet sich, wie jetzt unser Grausen, mit Haarbergan, mit kaltem Schweiß und Lähmung der Arme. – Ja, als …«

Vor Freude erbrechen, na, das wäre doch mal was. Und wenn einem übel ist, wird einem von einem Lachanfall besser. Dass sich scharfes Nachdenken durch Niesen ausdrückt, kenne ich übrigens: Gestern auf dem Heimweg vom Glashaus musste ich scharf nachdenken, welche Straße ich nehmen muss und wurde mit ungefähr 17 Niesern hintereinander belohnt. Ich hab die richtige Straße dann auch gefunden, die Freude darüber war groß, denn es war kalt und spät, ich habe aber nicht gebrochen, weder vor Freude  noch als Nebenwirkung der niedrigen Getränkepreise im Glashaus (Weißwein 1,50).

Ob mit der „feurigen, aber zarten Zuneigung der Ehegatten“ das gemeint ist, woran ich denke? Das Thema Erotik wurde ja damals eher verblümt behandelt. „Liebling, wenn ich an dich denke, krieg ich eine Haar-Erektion und kann meinen Arm nicht mehr bewegen.“ Hm. Eigentlich ist schon alles ganz praktisch eingerichtet. Wer würde noch ein freundliches Wort sagen oder hören wollen, wenn es mit einem Gallenerguss verknüpft wäre? Aber jedem seinen Himmel, und Katzenberger ist ohnehin nicht der Typ für freundliche Worte und die „zärtern Empfindungen der Liebe“. Die Zeit des Dichtens ist auch vorbei:

Denn jetzt bin ich der blühende schwärmerische Jüngling nicht mehr, der sonst vor jeder schönen Gestalt oder Brust außer sich ausrief: Rumpf einer Göttin! Brustkasten für einen Gott! Und das feine Hautwarzensystem und das Malpighische Schleimnetz und die empfindsamen Nervenstränge darunter! O ihr Götter!

Man kann sich bestens vorstellen, wir er in seiner Jugend mit solch romantischen Lobpreisungen die Herzen für sich gewonnen hat.

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So, an dieser Stelle unterbreche ich für heute. Das Kapitel ist recht lang, dieser Eintrag mittlerweile auch, aber es wäre schade, den Rest jetzt in zwei Sätzen abzuhandeln. Bis morgen!

IMG_7768(Neue Perspektiven: Kirche von oben.)

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7 Kommentare zu “Tag 29 – Krenfleisch, Rathaus, Katzenberger

  1. Outing

    Lieber Stadtschreiber,

    Die Annonymität der elektronischen Medien nutzend muss ich muss Ihnen angesichts ihres kulinarischen Kulturschocks nach Krenfleischexposition als bisher lediglich stummer aber treuer wohlwollend interessierter Mitleser mal einen jeanpauliformen Satz zum moralischen Beistand senden, der gar Unglaubliches offenbart:
    auch ich als geborener Oberfranke mag kein Krenfleisch!
    So, jetzt ist es raus.
    Ob ich das dadurch etwas antagonisieren kann, dass ich von der Architektur des Bayreuther Rathauses mehrheitskonform nicht wirklich gerührt bin?
    Jedenfalls scheint die triste Rechteckigkeit nicht zu verhindern, dass hin und wieder mal ein lobenswertes Projekt den Amtsstuben entschwebt – ganz konkret habe ich da die Geschichte mit dem Stadtschreiber im Sinn, die mich sehr beeindruckt.

    In diesem Sinne: weiter so!

    Anonymus (nicht zu verwechseln mit dem bekannten Namensvetter aus dem 17. Jhd.)

  2. Wie viele verrückte Filter hast du denn auf die Bilder gelegt bis der Himmel so aussah?
    Das ist ja fantastisch!

    • Ah, mein geheimer Wolkentrick. Hab ich mal beim Rumspielen in Paint Shop Pro entdeckt, müsste aber mit jedem Fotobearbeitungsprogramm, das Ebenen verwendet funktionieren. Der Filter iist gar verrückt, sondern ganz klassisch: Ich hab das Bild in ein Schwarzweißfoto umgewandelt und dabei einen Rotfilter simuliert – damit hat man zu Analogzeiten dramatische Himmel in der SW-Fotografie hingekriegt. Dann lege ich auf dieses Schwarzweißbild wieder die Farbinformationen des Originalbildes. Oder umgedreht: Ich lege die Helligkeitsinformationen des Schwarzweißbildes auf das farbige Original.

  3. Und, Video geguckt?

    Kann man ganz ohne Schamgefühl machen- ehrlich war, is gut!
    Obs nun gut zusammengeschnitten ist oder aber das Mitleid wegen der Krücke/dem Knie von irgendwelchen Peinlichkeiten ablenkt, weiß ich allerdings nicht.

    (Aber ganz schön grau biste geworden, Volker!)

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