Tag 30 – Menschenwurst

Tagebuch, 5.3., 10.00 Uhr

Ich schreibe am liebsten in Cafés oder Kneipen. Ich kann mich dort besser konzentrieren als zuhause, es hilft mir, wenn ich beim Aufschauen ein paar Leute sehe (statt meinem Bett oder dem Fernseher oder der Wäsche oder irgendwelchem zu erledigendem Papierkram), wenn leise Musik, die mich nicht interessiert und die ich nicht aussuchen musste aus den Boxen tröpfelt, wenn ab und zu ein Gesprächsfetzen von einem Nachbartisch herüberweht. Natürlich ist das auch mit Risiken verbunden. Gerade sitzen zum Beispiel am Nachbartisch zwei Frauen und reden seit zwanzig Minuten über Hundefutter. Also die eine Frau redet, die andere brüllt. Ich überlege, ob ich mich umsetzen soll, aber es würde wohl nichts nutzen, weil die lautere der beiden den ganzen Raum beschallt. Ich kann so nicht arbeiten.

Also einfach genießen. Gerade ging es um die Inhaltsstoffe in Hundefutter: „Das können ja im Prinzip auch Menschen essen. Der Unterschied zu Menschenwurst ist ja nur, dass das Hundefutter nicht gewürzt ist! Und wenn wir wüssten, was in Menschenwurst so alles drin ist, würden wir die vielleicht auch nicht mehr essen.“ „Menschenwurst“ ist mein Wort des Tages, dafür bin ich beinahe bereit zu entschuldigen, dass die beiden einfach so in mein Büro hereinspaziert sind und seither ohne Rücksicht auf Verluste vor sich hinplappern.

So, jetzt haben sie das Thema gewechselt: Statt Hundenahrung Hundekrebs.

„Der Hund von der Sowieso hat ja jetzt Krebs gekriegt.“ – „Was denn für welchen?“ – „Bauchspeicheldrüse.“ – „Das ist ja ne ganz üble Sache. Beim Menschen ja auch.“

Jaja. Ich setz mich nochmal auf ne Zigarette in die Sonne, vielleicht haben sie dann ihr Frühstück bekommen, sind ein bisschen stiller und ich hab genug Ruhe für Jean Paul. Mit einer wichtigen Information werde ich beim Herausgehen noch beschenkt: „Er ist ja schon ein Braver, aber er hat auch seinen eigenen Kopf.“ – „Ja, es isch halt a Lebewese und keine Maschine.“ – „Natürlich!“

Jetzt war ich zu lange draußen, die beiden gehen gerade, dabei lautstark über Hundeleinen diskutierend. Hundebesitzer haben immer ein ergiebiges Gesprächsthema. Und ich bin wieder mit meinem Laptop und einigen kaum hörbaren Gästen allein.

Strübing liest Paul

24. Summula, Mittaggespräche. (Fortsetzung)

Dr. Katzenberger kommt wieder auf sein Lieblingsthema zu sprechen: Mißgeburten. (Sagt man das eigentlich noch? Oder gibt es dafür irgendeinen „korrekten“ Begriff? Ist mir eigentlich aber auch egal, ich bleibe beim Originaltext und mache aus Katzenbergers „Monstri“ keine Südseekönige.)

Erneut bekennt er, dass sie ihm lieber sein, als jeder Normale: „[Mir ist] ein Fötus in Spiritus lieber als ein langer Mann voll Spiritus“. Zum einen wegen des Erkenntnisgewinns für die Wissenschaft. Dieses Argument brachte er bereits früher, diesmal ergänzt er es um ein ganz neues: Ihn langweilen Normalität und Gleichförmigkeit, er beklagt den Wunsch der Menschen, „nur seinesgleichen sehen“ zu wollen. Wie angenehm es dagegen wäre, wenn an der Mittagstafel „köstliche Mannigfaltigkeit“ herrschen würde und „jeder etwas Verdrehtes an sich hätte, und wenn z.B. der eine statt einer Nase einen Fuchsschwanz trüge, der andere einen Zopf unter dem Kinn, der dritte Adlerfänge, der vierte […] Eselsohren.“

Ich wüsste gern, wie es Katzenberger in unserer Zeit gefallen würde. Zöpfe unterm Kinn kann man ja gelegentlich beobachten. Auch allerlei anddere Dinge, die einem Menschen des frühen 19. Jahrhunderts sicher „verdreht“ vorgekommen wären. Gleichzeitig gibt es aber auch ein viel rigideres Schönheitsideal als damals, von den Werbeplakaten lächeln die photogeshoppten DIN-Norm-Schönheiten und der Individualismus was Kleidung, Frisuren, Accessoires angeht, hat selbst schon wieder etwas Konformistisches.

Eine meiner absoluten Lieblingsszenen der Filmgeschichte stammt aus „Das Leben des Brian“, wo hundert Leute im Chor brüllen: „Ja, wir sind alle Individuen! Ja, wir sind alle völlig verschieden!“ und ein einsamer Mann dazwischenruft „Ich nicht!“

So, damit wäre dann auch die Brücke von Jean Paul zu Monthy Python geschlagen ;) Weiter im Text.

Dr. Katzenberger malt sich aus, wie schön es wäre, selbst ein Monstrum zu sein.

»[Ich] würde Gott danken, […] wenn die Natur mir hinten eine angeborne Frau aufgesetzt hätte samt zwölf Fingern vorne, oder wenn ich sonst mit vielen Curiosis für mich und andere begabt wäre, insofern mir nämlich bei diesem lebendigen Naturalienkabinett auf mir mein gewöhnlicher medizinischer Verstand gelassen würde, der sich wie eine Biene auf alle Blumen-Monstrosen setzen müßte und könnte. Was hat aber jetzt mein Geist davon, daß mein Leib wohlgestaltet ist und die gemeinsten Reize für Volkaugen umherspreitet? – Nichts hat er; er sieht sich nach bessern um.«

Der Brunnenarzt Strykius schwitzt ordentlich, während Katzenberger immer erstaunlichere Monstrositäten ausmalt bis hin zu Menschen, die mit kompletten Hutkrempen, Schnabelstiefeln und Krawatten aus Fleischlappen zur Welt kommen. (Das waren damals wohl Insignien von Modenarren. Eine zeitgemäße Variante wäre ein Baby, das mit einem kompletten fleischernen Glööckler-Outfit samt Bart zur Welt kommt.)

Strykius versucht erneut aus Sorge um die anderen Gäste bei Tische vom Thema abzulenken und verlegt sich auf eine Lobeshymne auf Katzenbergers Werke, seinen Geist und seinen Humor.

Katzenberger macht seinem Namen alle Ehre. So wie eine Katze erst mit einer gefangenen Maus spielt, bevor sie sie frisst, spielt der Doktor mit dem Badearzt, den er doch letztendlich verprügeln will. Er nimmt dessen Komplimente für sein Werk huldvoll entgegen, lobt ihn für sein Loben und quält ihn mit der erneuten Ankündigung, den dummen und ignoranten Menschen, der diese Werke in sieben Zeitungen verrissen hat, ordentlich „auszuprügeln“.

Ein „ältlicher, mehr blöd- […] als scharfsinniger Posthalter“ mischt sich ein un beklagt sich über die Sauce zum Essen: „sie will mir fast wie abgeschmackt schmecken.“ (Ich nehme an, es gab Krenfleisch.)

»Abgeschmackt, Herr Posthalter«, sagte der Doktor und hielt lange inne, »nennen die Physiologen alles, was weniger Salz enthält als ihr eigner Speichel; daher sind Sie wegen des Ungesalzenen wahrscheinlich ein Mann von Salz, ich meine den Speichel.«

Den Damen am Tisch wird es nun zu bunt, eine„ schwergeputzte Landjunkerin, die ihren Kahlschädel mit einem Prunk- und Titular-Haar gekrönt“, beschwert sich. (Titular-Haar: laut dem wunderbaren Anhang des Reclamheftchens Haar, dass nur dem Namen nach Haar ist – eine Perücke also.)

Doch da wird schon der nächste Gang aufgetragen: „kleine, etwas klumpige Pasteten“, welche der Doktor sogleich von sich fort schiebt, denn „in solchen Pasteten würden gewöhnlich die Frauen-Perücken ausgebacken, wie hier mehrere an der Tafel säßen“.

Auf das Thema Perücken muss ich demnächst noch einmal zurück kommen. Jetzt erinnert mich dieser Absatz erst einmal an den Käsekuchen, den meine Begleitung und ich am Sonnabend in einer kleinen Gaststätte bestellten. Es war das einzige, was es zu essen gab und im Rückblick wären wir doch besser hungrig geblieben bis wir das Krug-Bräu erreicht hatten, denn in jedes Stück war ein langes Haar eingebacken. Überhaupt war es eine sehr deprimierende Lokalität. Weiße Raufasertapete, daran befestigt irgendwelche Toscana-Landschaftsbilder, eine vermeintlich lustige Wirtshausordnung, eine alte Uhr und jede Menge Plaste-Efeu-Arrangements. Der Wirt hatte die beeindruckendsten Tränensäcke der Welt. Die Käsekuchenhaare stammten nicht von ihm.

Die Edeldame brach mit Abscheu auf, um es zu keinen stärkern Ausbrüchen kommen zu lassen. Endlich taten es auch die übrigen. Wohlgemutet drückte Katzenberger dem Rezensenten die Hand und prophezeiete sich die Freuden, die ihn erwarteten, könn‘ er öfter so mit ihm zusammenhausen, und beschenkte ihn mit der Herz-Ergießung: »Ich habe am Ende (und nur mit Gewalt verschieb‘ ichs) sagen wollen zu Ihnen: Du!«

Damit endet das 24. Kapitel. In Summula 25 und 26 gibt es eine große Überraschung und alles wird noch ein bisschen komplizierter!

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