Tag 31 – Sonne und Lichtgestalten

Tagebuch, 6.3., 11.00 Uhr

„Über’s Wetter reden“ gilt als Inbegriff der Banalität, als Symbol dafür, dass man sich eigentlich nichts zu sagen hat und nur das Offensichtliche konstatiert. Und trotzdem machen es alle. Jemand, der nicht über’s Wetter redet, wäre ja auch irgendwie unmenschlich, schließlich ist es etwas, dass uns alle sehr betrifft, unsere Stimmung beeinflusst, Energie gibt oder nimmt und vor allem: Es ist eine Sache, über die jeder mit jedem reden kann, wo zwischen unterschiedlichsten Menschen, zwischen Kulturbürger und Camp-David-Prolo, zwischen arm und reich, links und rechts, Mann und Frau schnell gegenseitige Zustimmung erreicht ist. Es ist statistisch erwiesen, dass die Gesprächseröffnung „Ist die Sonne nicht herrlich?“ seltener zu einer anschließenden Prügelei führt als zum Beispiel „Sie sind ja ein hässlicher Idiot“.

Also, lasst uns über’s Wetter reden, zumal jetzt, wo das so gute Laune macht. Erzählt jedem, den ihr trefft, wie glücklich euch die Sonne macht – die meisten werden lächeln und euch zustimmen und nur wenige arme Suppen werden zu nörgeln beginnen: „Jaja, seh ich selber, dass die Sonne scheint, und außerdem: Hautkrebs und so.“

Ich bin sehr glücklich nach dem grauen Februar die Sonnenseite Bayreuths kennenzulernen. Wie schön die Altstadt ist, die nicht Altstadt, sondern Innenstadt heißt, wieviel schöner aber auch die Altstadt ist, die Altstadt heißt, und das Rathaus (ich berichtete) und der Bahnhof und der Mediamarkt. Und die ohnehin guten Bratwürste schmecken in der Sonne noch besser, und plötzlich sind überall Menschen – „Überall regt sich Bildung und Streben, alles will sie mit Farben beleben; doch an Blumen fehlts im Revier, sie nimmt geputzte Menschen dafür“, um mal Goethe zu zitieren, was vielleicht nicht unbedingt angemessen ist in einem Jean-Paul-Blog, da zwischen den beiden nicht unbedingt Frühlingsgefühle herrschten (sie hätten vielleicht öfter über das Wetter miteinander reden sollen).

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(Weg mit den Wintersachen, der Frühling ist da!)

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 Strübing liest Paul

Morgen oder übermorgen mache ich wahrscheinlich einen kleinen Ausflug vom Katzenberger zu einem anderen Werk Jean Pauls (ich lese ja noch ein bisschen was parallel, aber heute gibt es erst einmal die Kapitel 25 und 26.

 25. Summula, Musikalisches Deklamatorium.

Ganz Maulbronn, zumindest alle Personen von Bildung, versammeln sich um Nießens musikalisch begleiteter Lesung von Theudobachs Stücken zu lauschen. Einzig Doktor Katzenberger ist nicht im Saal, sondern bleibt im Vorzimmer. Zum einen, weil er dort nur die Musik, nicht aber den Gedichtvortrag hört, zum anderen weil er es bei allen Konzerten so hält, in der Hoffnung, zwar in den Genuss der Musik, aber um den Eintritt herum zu kommen.

Drinnen deklamiert von Nieß den „Ritter einer größern Zeit“, ein von Pathos triefendes Stück über einen edlen und reinen Ritter („schamhaft wie eine Jungfrau, liebend wie eine Mutter, schlagend und schweigend wie ein Mann“), als die Tür aufgeht und ein Fremder den Saal betritt, ein Mann wie er im Buche steht – in dem Buche nämlich, aus dem Nieß liest, ein Mann, der ganz dem Bild des Ritters entspricht, von dem gerade gelesen wurde …

Verlorene Praxis:

– Männliche Bewunderungstränen

26. Summula, Neuer Gastrollenspieler.

Jean Paul hat kein Problem mit irrwitzigen Zufällen und unwahrscheinlichsten Verwechslungen. Man könnte etwas defätistisch anmerken, dass er heutzutage sicher problemlos einen Job in der Story-Line-Abteilung einer Soap Opera gefunden hätte. Ich denke, seine Kunst, sein Verdienst, seine Genialität liegt weniger im Skelett seiner Romane und Geschichten, als im Fleisch, den Muskeln, den Innereien und dem Herz derselben.

Die ritterliche Gestalt, die geradewegs aus dem von von Nieß vorgetragenen Gedicht Theudobachs, also Nießens eigenem Gedicht, da er sich ja als Künstler Theudobach nennt, und dieses Geheimnis am Ende seines Vortrages lüften will, zu stammen scheint und in die „Deklamation“ hineinplatzt – ich stelle gerade fest, dass ich zur Beschreibung der von Jean Paul aufgebauten Verwirrung selbst Sätze von Paulscher Länge und Kompliziertheit, wenn auch nicht unbedingt Schönheit, bauen muss – heißt, Achtung, Trommelwirbel, Tusch und Trallala: Theudobach.

Und er heißt wirklich so. Von Nieß hatte, als er sich diesen Künstlernamen gab, nicht bedacht, dass es einen echten Theudobach geben könnte.

Theudobach, also der echte, ist ein Jüngling von 30 Jahren, Hauptmann, Mathematiker – und Jungfrau:

„Seine dunkeln Augen glühten wie einer wolkigen Aurora nach, weil er sie bisher noch auf keine andere Figuren geworfen als auf mathematische in Euler und Bernoulli, und weil er bisher nichts Schöneres zu erobern gesucht, als was Koehorn, Rimpler und Vauban gegen ihn befestigt hatten.“

(Koehorn, Rimpler und Vauban waren Festungsbaumeister – danke Reclam!) Kurz: Er hat noch keine Frau angebaggert oder auch nur angestarrt, auch seine Augen und sein Herz sind noch Jungfrau. Ob man solch unverdorbene 30jährige Männer heute noch findet? Und ob es sie zu Jean Pauls Zeiten wirklich gab? Ich bezweifle das, aber immerhin ist das eine Komödie und alle Charaktere sind überzeichnet und stehen ohne große Widersprüche für je eine menschliche Eigenschaft.

Auf jeden Fall, daran lässt Jean Paul keinen Zweifel, könnte keine Frau einem solchen Mann widerstehen: „Gott! sagen dann die Weiber mit besonderem Feuer, er hat ja noch das ganze Herz, und jede will seinem soviel gern geben, als sie übrig hat davon.“ Normalerweise haben ja 30jährige Männer (auch Mathematiker und Offiziere!) schon Teile ihres Herzens an andere Frauen verschenkt oder sich von diesen stehlen lassen. Ich erlaube mir, an dieser Stelle einmal dreist mich selbst zu zitieren. Der folgende Absatz stammt aus meinem Ratgeber „Schriftsteller – wie du sie rumkriegst und was du dabei beachten solltest“:

Das Tollste an Schriftstellern ist sicherlich, dass sie so ein großes Herz haben. Es ist so groß, dass du dich gruseln würdest, wenn du es allein bewohnen müsstest. Doch keine Sorge: Wenn er dir sein Herz öffnet, um dich einzulassen, dann ist das wie der Einzug in eine große, bunte, lärmende Frauen-WG. Du wirst dir sein Herz teilen mit all seinen Ex-Freundinnen, mit Heerscharen unglücklicher Lieben aus seiner tristen Jugend, mit Schauspielerinnen sowie Frauengestalten aus der gesamten Weltliteratur, mit der Frau von der Käsetheke seines Supermarktes, der Barfrau seines Stammcafés und seiner Mutter, da ist immer was los! Damit es nicht doch einmal langweilig wird, kommt regelmäßig Besuch, meist irgendwelche Frauen, die er auf der Straße gesehen hat.

Du beziehst natürlich das größte Zimmer in seinem Herzen; das zweitgrößte zumindest, das Zimmer direkt neben der riesigen Fabriketage, in der er selbst wohnt.

Abschweifung Ende.

Der echte Theudobach hatte einige Tage zuvor zufällig mitbekommen, dass in Maulbronn Theudobachs Werke deklamiert werden sollen, was ihn einigermaßen verwundert. Zwar hat er selbst, wenn auch keine schwülstigen Ritterdramen, so doch einige „kriegsmathematische Werkchen“ verfasst, gibt sich aber keinen großen Illusionen hin, was die Bekanntheit derselben angeht:

»Es sind folglich […] nur zwei Fälle denkbar: entweder irgend ein literarischer Ehrenräuber gibt sich für mich aus, und dann will ich ihm öffentlich die Meßrute geben – oder es treibt wirklich noch ein Wasserast und Nebensprößling meines Stammbaums, was mir aber unglaublich [erscheint]«

Er macht sich auf nach Maulbronn, um der Sache auf den Grund zu gehen. Die gnaze Situation wird noch seltsamer, als er vom Wirt seines Gasthauses erfährt, ein gewisser Herr von Nieß habe einen Brief von ihm, Theudobach, bekommen, in dem er seine Ankunft während der musikalischen Lesung angekündigt habe.

Nun platzt er also in die Lesung:

 Noch ehe die Wirttochter die Nachricht von Theudobachs Ankunft wie einen elektrischen Funken hatte durch die Weiber-Ohrenkette laufen lassen: hatten sich schon alle Augen an den Hauptmann festgeschraubt.

Als auch noch das Gerücht, es handele sich bei der stattlichen Erscheinung um Theudobach, den Dichter, „von einem beringten Ohr zum andern“ getuschelt wird, sind alle hin und weg und ganz besonders natürlich Theoda, die endlich den Heißgeliebten zu erblicken glaubt:

Theoda hörte es, sah auch hin – und sie und ihr Leben wurden wie von einem ausgebreiteten Abendrote überzogen. Wie ein stiller Riese, wie eine stille Alpe stand er da; und ihr Herz war seine Alpenrose

Von Nieß bekommt die Unruhe mit, hört wohl auch ein Gemurmeltes „Ja er ists und hat sich selber kopiert im Ritter“, glaubt natürlich geschmeichelt, selbst gemeint zu sein, beschließt, die eigentlich für den Schluss geplante Enthüllung, er sei eben Theudobach, sofort zu machen und hält eine herrlich falsch-bescheidene Rede:

»Ehrwürdige Versammlung, fänd‘ ich nur die ersten Worte! Auf eine solche Sympathie einer so gebildeten Gesellschaft mit mir durft‘ ich ohne Eigenliebe nicht rechnen. Aber eine Herzergießung verdient die andere, und ich gebe mich willig dem Ungestüm der Augenblicke Preis. [D]enn ich bin wirklich der Theudobach, dessen Ankunft ich auf heute in Briefen ansagte.«

Das lässt der andere Theudobach nicht auf sich sitzen:

»Der sind Sie nicht, mein Herr, – sagte der Hauptmann – ich heiße von Theudobach – Sie aber, wie ich höre, Herr von Nieß. – Was Sie für Ihre Werke ausgeben, sind ganz andere und die meinigen.« Nieß blickte ihm ganz erstarrt ins Gesicht.

Die versammelten Damen schlagen sich sofort auf die Seite von Theudobach, also dem wahren Theudobach, dem Kriegsmathematiker, nicht auf die Seite von von Nieß, seinerseits der wahre Dichter-Theudobach, aber nicht halb so schön und männlich wie sein neu aufgetauchter Konkurrent und die Herzen der Damen und vor allem das Theodas (die von von Nieß ohnehin keine besonders gute Meinung hatte).

Theudobach stand fast gebietend mit seinem Macht-Gesicht, Krieger-Auge, hohen Wuchs neben dem zu kurzen Dichter, von welchem nun jedes Weiber-Auge abfiel.

Armer von Nieß, eben noch als Freund des Dichters bewundert und sich schon vorfreuend auf die Bewunderung, wenn er sich erst als Dichter outen würde, fällt er nun tief und tiefer. „Gehenkte, auf dem Zergliederungstische erwachend unter dem Messer anstatt im Himmel, sind nichts dagegen.“

Ein Duell liegt in der Luft, doch für’s erste flieht von Nieß …

Trost in einsamen Stunden:

Irgend einmal findet auch der geringste Mensch seinen Gottmensch, und in irgend einer Zeit findet er ein wenig Ewigkeit

Verlorene Praxis:

– Mit dem Federbuschhut in der Hand den ganzen weiblichen Hör- und Sitzkreis wie in einem Hamen (Fischnetz) fangen und schnalzend aus dem Wasser heben

PS: Einen lieben Gruß an Herrn Fuchs :)

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