Tag 33 – Perücken und S-Krätze

Tagebuch, 8.3., 8.30 Uhr

Franken ist ja die Region mit der weltweit höchsten Brauereidichte. Was selbst viele Franken nicht wissen: Franken ist auch die Region mit der weltweit höchsten Perückenladendichte. Das ist mir schon bei früheren Reisen in die Gegend aufgefallen, zum Beispiel in Nürnberg. In Bayreuth habe ich bis jetzt zwei Perückenläden gefunden. Zum Vergleich: In Berlin kenne ich keinen einzigen. Obwohl es bestimmt den einen oder anderen gibt, wahrscheinlich von Exilfranken betrieben.

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(Die Franken: Ein perücktes Völkchen?)

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Gibt es hier mehr Haarausfall als anderswo? Werden die echten Haare gebraucht, um sie in Käsekuchen zu verbacken? (Entschuldigung, ich werde da nicht weiter drauf rumhacken.)

Oder verkaufen die Läden gar nicht die Perücken, sondernkomplette  abgeschnittene Schaufensterpuppenköpfe inklusive Perücke als Deko, zum Beispiel an Apotheken, Friseure, Guillotinenzubehörgeschäfte? Eine gewisse Vorliebe für abgetrennte Köpfe als Schaufensterschmuck ist mir nämlich ebenfalls aufgefallen. Manche Rätsel werde ich in meinen fünf Monaten vielleicht nicht lösen können …

Strübing liest Paul

Heute, wie angekündigt, ein kleiner Abstecher, bevor es Sonntag oder Montag mit Doktor Katzenbergers Badereise weitergeht.

Oft ist mir bei Jean Paul, gerade eben auch in der Badereise, aufgefallen, dass er Wörter anders zusammensetzt, als es üblich ist. Zum Beispiel lässt er gerne das Bindungs-S (oder, wie er es wohl nennen würde: Bindung-S) weg: Mittaggespräche statt Mittagsgespräche, Liebetrank statt Liebestrank, Wissenschaft-Weiser statt Wissenschafts-Weiser. Auch das E, etwa in Tagebuch, das er „Tagbuch“ nennt, ist ihm zuwider. Wie ich schon aus seiner Biografie wusste, führte er einen regelrechten (und erfolglosen Feldzug) vor allem gegen das S.

Ein ganzes Buch hat er über Zusammensetzungen geschrieben: „Über die deutschen Doppelwörter“, bestehend aus einer Vorrede, einer Einleitung, zwölf Briefe „an eine vornehme Dame“, einer Nachschrift und zwölf Postscripten. Die Nachreden und Postscripte habe ich mir erspart, den Rest innerhalb von zwei Tagen gelesen – der Jean Paul geht mir immer flotter von der Hand bzw. von der Seite.

Gleich in der Vorrede stolpert man, allerdings weniger aus sprachlichen Gründen: Jean Paul beklagt zutiefst die „S-Krätze“ und den „E-Gries“, bezeichnet sie beide als „Schabbes-Buchstaben“, welche sich „jüdelnd eingelispelt“ hätten.

Machen wir also eine kleine Abschweifung innerhalb der Abschweifung. Jean Paul reproduziert in seinem Werk einige Male antisemitische Klischees. Sein Frühwerk „Auswahl aus de Teufels Papieren“ etwa beginnt gleich mit dem Klassiker, dem geizigen, geldverleihenden Juden. Dem „Juden Mendel“ ist sein Schuldner, der „gelehrte Hasus“ weggestorben, und Mendel beklagt sich bitterlich, dass man ihn begraben habe – wo er doch die Leiche an einen Anatomen hätte verkaufen können, um einen Teil seiner Außenstände hereinzuholen. Stattdessen sei ihm nichts als Papier, „theils reines, theils beschmiertes“ geblieben, und er sei nun gezwungen, das beschmierte Papier (eben die „Auswahl aus des Teufels Papieren“) herauszubringen, um wenigstens etwas Geld zu bekommen.

Da das ganze Werk eine Satire ist, könnte man zu Jean Pauls Gunsten annehmen, dass er vielleicht auch das satirisch meint, und die Vorurteile durch Übertreibung lächerlich machen will. Das kann ich nicht beurteilen, aber es erscheint mir doch wahrscheinlicher, dass er sich des Klischees ohne großes Hinterfragen bedient. Ein gewisser Antisemitismus dürfte damals ungefähr so verbreitet und akzeptiert gewesen sein wie heutzutage die Sympathie für Eisbären.

Das kann man (ich finde: sollte man) doof finden, aber eine Beurteilung nach heutigen Maßstäben muss man sich natürlich trotzdem verkneifen. Ganz sicher war Jean Paul kein geifernder Antisemit und hat sich im Übrigen (wenn auch scheinbar nicht in seinen Büchern) mit dem Problem auseinandergesetzt. An einen seiner besten Freunde, den gläubigen Juden Emanuel Samuel schrieb er:

Leider hab ich mehr über die Juden gelesen als von den Juden gelesen… Ich beklag es, daß ich die Unterdrückten fast bloß aus dem Mund der Unterdrücker kenne…

(Gefunden bei und zitiert nach: Literaturportal Bayern: Mit frohen Flügeln)

Aber zurück zu den „deutschen Doppelwörtern“.

Liest man Jean Pauls Abhandlung wird einem Angst und Bange vor der deutschen Sprache. Eigentlich ist es ein Wunder, dass jemand auch nur einen einzigen deutschen Satz korrekt über die Lippen bringt, ohne vorher mindestens eine Stunde an ihm gefeilt zu haben. Zumal, wenn ein zusammengesetztes Wort darin auftaucht. Mir war gar nicht bewusst, wie kompliziert das ist, wie viele Regeln und welches Heer von Ausnahmen zu diesen Regeln es gibt, so dass eigentlich die Ausnahme die Regel ist, zu der allerdings auch wieder zahlreiche Ausnahmen in Form von regelkonformen Zusammensetzung existieren.

Jean Paul fasst die verschiedenen Möglichkeiten der Zusammensetzung kurz und prägnant zusammen:

Dem Anschein nach ist nichts regelloser als die Art, auf welche unsere Sprache in den Doppelwörtern das Bestimmwort mit dem Grundworte verknüpft; und die menschlichen Ehen werden bei den verschiedenen Völkern kaum mannigfaltiger geschlossen als bei uns die grammatischen der Doppelwörter. Das gewöhnlichste Band zwischen zwei Wörtern – was auch bei Menschenehen das gewöhnlichste – ist das bloße Zusammenstellen ohne Weiteres von Trauformel und Band, z. B. Halsband, Brautkranz – dann mit einem s und es, z. B. Staatsmann, Landesherr – sogar bei weiblichem Geschlecht, z. B. Erziehungsfach – ferner in der Einzahl ungeachtet der Mehrzahl, z. B. Fußbad, Schafherde – ferner in der Mehrzahl ungeachtet der Einzahl, z. B. Kindermörderin – ferner mit en und ens, z. B. Frauenkleid, Herzenskummer – ferner mit dem e und er der Mehrzahl, z. B. Mäusegift, Eierschale – ferner mit Wegschneidung des e, z. B. Sachregister – und endlich mit Zusetzung eines s an Bestimmwörter, die sich mit einem zweiten Bestimmwort verlängern, z. B. Nachttraum verlängert Sommernacht s-Traum. So werden demnach, um die meisten Beispiele in einem zusammen zu geben, dem Worte Krone die Bestimmwörter Baum, Kaiser, König, Fürst, Mann, Frau, Herz, Friede, Schlange, Schule, Liebe sämtlich anders verändert angefügt und nur die beiden ersten unverändert gelassen: Baum- und Kaiserkrone; dann Königs-, Fürsten-, Männer-, Frauen-, Herzens-, Schlangen-, Schul- und Liebes-krone.

Hübsch übrigens, dass er Wortzusammensetzungen mit Ehen vergleicht. Gern spricht er auch vom „Kopulieren“ von Wörtern – das Wort „Kopulation“ hatte damals noch nicht die eingeschränkte Bedeutung, die es heute hat.

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(Ich hab da so eine Idee, wo die Perücken- bzw. Kopfläden ihren Nachschub herbekommen.)

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Wir setzen Wörter in der Regel nach Sprachgefühl und üblichem Sprachgebrauch zusammen, nicht nach Regeln. Jean Paul bringt dagegen zwei interessante und nicht unberechtigte Einwände vor: Zum einen würde es alle Deutschlehrer überflüssig machen, wenn sie uns sowieso nichts erklären können, sondern wir nur auf das Hören und unser Gefühl angewiesen sind, zum anderen ist es ziemlich unfair gegenüber Ausländern, die Deutsch lernen möchten, ihnen im Prinzip zu sagen: Der einzige Weg, unsere Sprache zu lernen, ist es, mit ihr aufzuwachsen.

Jean Paul nun meint, Regeln gefunden zu haben und die Ausnahmen bekämpfen zu müssen. Ebenso stolz wie augenzwinkernd schreibt er:

 Es gehört vielleicht unter die wenigen großen Entdeckungen, die in diesem noch jungen Jahrhunderte gemacht worden, und zwar von mir selber, daß ich die feste Regel herausgefunden, nach welcher sich die verschiedenen Bestimmwörter den Grundwörtern anknüpfen und die verschiedenen Klassen von Doppelwörtern bilden.

Zum Glück blieb sein Vorhaben der Vereinheitlichung erfolglos. (Hätte er Erfolg gehabt, wäre ich natürlich mit einem anderen, regelmäßigeren Deutsch aufgewachsen und würde dieses wahrscheinlich gut finden).

Ich mag die deutsche Sprache so, wie sie ist, und bin froh, das sie sich recht tapfer gegen alle Begradigungsversuche zu Wehr setzt, ob sie nun von Jean Paul oder irgendwelchen seltsamen Kommissionen kommen. Pech für alle, die Deutsch lernen wollen oder müssen, aber hey, die Mühe lohnt sich, und meine Fehlertoleranz ist (gegenüber Deutsch-als-Fremdsprachlern) sehr hoch.

Jean Pauls Buch kann man trotzdem mit einigem Gewinn und sogar Vergnügen lesen. Es ist wie gesagt in Briefform gehalten, es gibt interessante Abschweifungen (etwa zu den Themen Zensur und Aprilwetter) und sehr hübsche Anmerkungen zu den zusammengesetzten Wörtern, wie etwa folgende:

Nur noch eine größere grammatikalische Galanterie gibt es in unserer Sprache, das Wort Brautpaar, das den Bräutigam ganz in der Braut auflöst und verschmelzt.

Genug davon. Allen Frauen und – als Zeichen gegen Sexismus – auch allen Männern alles Gute zum Internationalen Frauentag und einen guten Start ins Wochenende!

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