Tag 40 – Sind Franken Menschen?

Tagebuch, 15.3., Freitag, Zugfahrt Leipzig – Bayreuth

Mittwoch

Voll und schön – „voll schön“ sozusagen – war’s beim Poetry Slam im Komm. Danach ging es mit einigen Menschen und ein paar Franken noch auf das eine oder andere Getränk in die Kneipe. Dass ich Menschen und Franken getrennt aufführe, liegt daran, dass mir in der besagten Kneipe eine freundliche junge Dame, die zwecks Studium aus Hessen nach Bayreuth gezogen ist, erklärte: „Franken sind keine Menschen.“

Das interessierte mich natürlich, da ich ja nun unter Franken lebe bzw. (weil die unter-ober-Kombination so schön ist) unter Oberfranken oder noch besser: mitten unter Oberfranken. Ich war sehr  froh über diese Information, da ich bis jetzt gar nicht gewusst hatte, dass Franken keine Menschen sind. Doch wenn der Franke kein Mensch ist, was ist er dann? Ein Wasserhahn in der Toilette der DB-Lounge des Leipziger Hauptbahnhofs?

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Ich musste mehr wissen und fragte, warum Franken eigentlich keine Menschen sein. Die Antwort verwirrte mich etwas: „Männer sind generell keine Menschen.“ Mehr war zum Thema nicht zu erfahren. Es war wohl eins dieser Gespräche, wie sie schon Jean Paul im 30. Summula von Dr. Katzenbergers Badereise beschreibt – siehe unten.

Ich bleibe daher fürs erste bei meiner Arbeitshypothese, dass Franken eben doch Menschen sind. Ich bin zumindest sehr sicher, dass sie es vor 200 Jahren noch waren – Doktor Katzenberger hat schließlich einige von ihnen „zergliedert“ und nichts als den bei Menschen üblichen Inhalt vorgefunden.

Donnerstag

Leipzsch. Buchmesse. Ich finde ja schon große Buchhandlungen deprimierend, die Buchmesse umso mehr. Wer soll denn das alles lesen? Und warum soll man noch irgendetwas schreiben? Es ist vollkommener Unsinn, neue Bücher zu veröffentlichen! Bücher sind doch keine Handys von denen man ständig das neueste Modell braucht! Die Bücher von 2013 sind nicht schneller als die von 2012, haben keine verbesserte Kamera, kein grundsätzlich neues Design.* Es geht letztlich auch thematisch um denselben Krempel wie in den Büchern des letzten Jahres und des Jahres davor und des Jahres davor und so weiter, man kann das bis zum Gilgamesch-Epos zurückverfolgen. Noch schlimmer: Es werden sogar größtenteils die selben Wörter verwendet; nur Zusammensetzung und Reihenfolge ändern sich.

Ich habe auf der Messe ein bisschen stichgeprobt. In allen Neuerscheinungen, die ich in die Finger bekam, standen zum Beispiel die Wörter: „ich“, „Liebe“, „sagte“, „denn“ und „und“. Und (hui! Dreimal „und“ hintereinander!) jetzt kommt’s: Die stehen alle schon in Jean Pauls Katzenberger!!!

Neue Bücher sind absoluter Quatsch und eine Buchmesse ist ganz beestimmt das Idiotischste, was es gibt. Man bräuchte zum Beispiel mehr als 40 Millionen Jahre, um alle jemals erschienenen schlechten Krimis zu lesen, und trotzdem hören Autorinnen und Autoren nicht auf, neue schlechte Krimis zu schreiben, und die Leute rennen auf die Buchmesse oder in die Buchläden und denken: „Uijuijui, ein neuer schlechter Krimi, den muss ich lesen, der ist bestimmt auf viel bessere Weise schlecht als ältere schlechte Krimis!“ Unfug!

Zum Glück hat bisher außer mir noch niemand gemerkt, dass es schon längst mehr als genug Romane, Geschichten, Gedichte zu jedem Thema und für jeden Geschmack gibt, sonst wäre ich als Autor ganz schön angeschmiert.

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(Meine Bücher, meine Krücke, mein Verlag. Alles meins!) 

Interessanterweise schreibt Jean Paul im heutigen 30. Summula genau über dieses Thema. In einer hochaktuellen Abschweifung über die Unmöglichkeit der Kommunikation zwischen Menschen, insbesondere zwischen Männern (oder Franken?), schweift er noch ein Stück weiter ab, als ihm auffällt, dass er dieselben Überlegungen bereits in einem anderen Buch (dem „Titan“) angestellt hat. Dies bringt ihn schließlich zu einer weiteren, sehr prophetischen Abschweifung: „ „Was in unserem Jahrhundert Gelehrte zu lesen haben, welche Berge und Bergketten von Büchern, leidet keine Vergleichung mit irgend einem andern, ausgenommen mit dem nächsten zwanzigsten, wo sich die Sachen noch schlimmer zeigen, nämlich 200 neue Büchermessen mehr“ – an das einundzwanzigste Jahrhundert mochte er gar nicht erst denken.

*Nein, Ebooks widersprechen meiner These nicht.

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(Willkommen in der Wortspielhölle …)

Freitag

Es ist passiert. In der Straßenbahn in Leipzig hat mir eine alte Frau, eine richtig alte Frau ihren Sitzplatz angeboten :( Seither versuche ich mir einzureden, dass es nur daran lag, dass ich wieder mit Krücke unterwegs bin, aber ganz sicher kann ich da natürlich nicht sein.

Veranstaltungstip:

Morgen, Sonnabend, 11 Uhr, wird das Kunstprojekt Seidenpudelspitz in der Stadthalle eröffnet. Wer es zu um 11 nicht schafft: Es ist dort den ganzen Tag bis 19 Uhr was los. (Sonntag zu meiner Lesung um 11 im Balkonsaal der Stadthalle muss man aber pünktlich kommen!)

Strübing liest Paul

30. Summula, Tischgebet und Suppe.

Nach dem „Tumult der Erkenn- und Verkennszene“ beim Nießschen „musikalischen Deklamatorium“ der Theudobachschen Werke begeben sich alle (bis auf den geflücheten von Nieß alias Theudobach, der Dichter) zum Abendessen: Dr. Katzenberger, Theoda, Strykius, der neu aufgetauchte „echte“ Theudobach und diverse Damen, die vor allem eben diesen Theudobach anhimmeln wollen, da sie ihn „als das Zwillinggstirn der Weiber, als Dichter und Krieger“ zugleich ansehen, nicht wissend, dass von Nieß der Dichter und Theudobach in Wahrheit Krieger, Festungsbauer und Mathematiker ist.

Theudobach hinterlässt mit „seiner schönen Gestalt“ schlimme Verheerungen unter den Frauen: „der einen war der Kopf, der anderen das Auge, der dritten das Herz verwundet.“

Er aber bemerkt nichts davon oder will davon nichts bemerken; er ist es zwar gewohnt, „astronomisch zu den Himmelsternen hinauf“ zu blicken, der „Augensternhimmel“ (mein Lieblingswort in diesem Kapitel) der ihn bewundernden Frauen aber macht dem Schüchternen Angst. Davon abgesehen kann er das ganze Gewese um seine Person nicht begreifen.

Überhaupt interessiert ihn nur eine Frau: Theoda natürlich, die ihn vorhin in aller Öffentlichkeit gegen von Nieß verteidigt hat.

Die beiden sitzen nebeneinander an der Tafel und schweigen:

Theoda schwieg lange neben dem geliebten Manne, aber viel voll Wonne und voll Reichtum!Und alles um sie her überfüllte ihre Brust!

Das Schweigen des brustüberfüllten Mädchens nutzt Strykius (mit einem „festgenagelten“ Lächen im Gesicht), um Theudobach in ein Gespräch zu verwickeln, bei dem sie beide auf das schönste aneinander vorbeireden. Theudobach erzählt vom Kriegshandwerk, davon, dass keine Festung unüberwindlich sei, Strykius versteht die Festung als Bild für das Herz einer Frau, das man erobern könne, lächelt verschmitzt und hält sich für schlau, weil ihm, „wie allen Prosaseelen, nichts geläufiger als die vermoosete Ähnlichkeit zwischen Liebe und Krieg“ ist. Was immer „vermooset“ bedeuten mag. Vielleicht, dass sie wie ein Witz einen Bart hat.

Als Strykius  anfängt, von „Köchern voller Liebespfeile“ zu faseln, wird Theudobach schließlich sauer, wendet sich von ihm ab und spricht endlich Theoda an:

 »Sie, Vortreffliche, scheinen mich zu kennen, aber doch weiß ich nicht wodurch.« – »Durch Ihre Werke«, sagte sie furchtsam…. » 

Theudobach ist etwas erstaunt. Was meint sie mit seinen Werken? Die Belagerungsanlagen, die er gebaut, oder die Bücher, die er über Festungen und Kriegsmathematik geschrieben hat? Ein weiteres seltsames Gespräch voller Missverständnisse bahnt sich an, doch da werden die beiden unterbrochen und das Kapitel endet. Ein echter Cliffhanger. Obwohl man zu Jean Pauls Zeiten sicher noch „Klippenhänger“ sagte …

Verlorene Praxis:

– als Mädchen gegen seine Schreibgötter auch aus einer mit Seufzern und Wonnen überhäuften Brust einen scherzenden Ton anzustimmen wissen

– vor Frauen, die den Busen mit nichts als mit ein paar Locken und Blumen bedecken, das Hasenpanier ergreifen wollen

Schönster Satz:

Über die Tafel wölbten sich Kastanienbäume – in die Zweige hing sich goldner Glanz, und die Lichter schlüpften bis an den Gipfel hinauf, über welchen die festen Sterne glänzten – unten im Tale ging ein großer Strom, den die Nacht noch breiter machte, und redete ernst herauf ins lustige Fest – in Morgen standen helle Gebirge, auf denen Sternbilder wie Götter ruhten – und die Ton-Feen der Musik flogen spielend um das Ganze hinunter, hinauf und ins Herz.

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