Tag 43 – Zombies, Kunst und Biermatroschkas

Tagebuch, 18.3.2013, 10 Uhr

Bäh, es schnieselt (Schniesel: Mischung aus Schnee und Niesel). Aber besser jetzt als gestern gegen 14 Uhr. Da war es schon mit Sonnenschein kalt genug. Vorsicht vor Leuten, die Sätze sagen wie: „Keine Sorge, ich werde mich kurz fassen“. Aber der Reihe nach.

Das letzte Wochenende stand ganz im Zeichen der Kunst. Und der Fränkischen Biermatroschka. Aber der Reihe nach.

Ich hatte übrigens eine tolle Idee für einen Low-Budget-Zombiethriller, der in Bayreuth spielt, aber wie gesagt: der Reihe nach.

Sonnabend um 11 fand in der Stadthalle die Eröffnung der Kunstaktion Seidenpudelspitz statt. Diese besteht aus einer ganzen Reihe von einzelnen Kunstprojekten in verschiedenen Häusern der Friedrichstraße und wer noch nicht da war, hat am nächsten Samstag und Sonntag zwischen 11 und 19 Uhr noch Gelegenheit, sie sich anzusehen.

Wer, wie ich, eher ein Ausstellungsbesuchsvermeider ist (Wortschöpfung inspiriert von „Kunstbetriebsentschleuniger“ – vielen Dank noch einmal dafür!) und vielleicht sogar denkt: „Och, da geht’s doch um Jean Paul, das ist mir nichts“, sei beruhigt. Da die Ausstellung auf viele Orte verteilt ist, kann man sie sich in kleinen Portionen zu Gemüte führen. Ich war zum Beispiel bei vier Sachen, jede bestand aus einem kleinen Raum, damit hatte ich 100 Prozent der empfohlenen Tagesdosis Kunst zu mir genommen.

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(Das mit den Eiern habe ich vorgestern nur en passsant mitbekommen, darum taucht es in der Liste unten  nicht auf)

Das Schöne war, dass mir alle vier Orte sehr gefallen haben. Verbürgen kann ich mich daher für die Fotoausstellung von Andrea Sohler im Verwaltungsgericht, für die Installationen von Christian Psyk („Mückengold“) und Utta Hagen (unter dem schönen Motto: „Recycling Jean Paul: TUT MIR WIRKLICH LEID, HERR RICHTER, ABER ICH KANN DAS NICNT LESEN! (ich tu aber mein Bestes etwas Schönes aus Ihren Büchern zu machen…“) in der Friedrichstraße 10 und für die Cocktailbar von Sam Hopkins in der Jean-Paul-Apotheke. Dort sind die Besucher angehalten, sich aus diversen Zutaten einen Jean-Paul-Cocktail zusammenzurühren. Ich würde ja sagen, dass in einen JP-Cocktail eigentlich nur Bier und Kaffee (und vielleicht noch ein Schuss Frankenwein) reingehören, aber hier wird die künstlerische Freiheit …

Aau wacka, jetzt hätte ich fast „groß geschrieben“ geschrieben, eine der abgedroschensten und inhaltslosesten Formulierungen überhaupt. „Bei uns wird Kundenzufriedenheit groß geschrieben“ – solche Sätze bereiten mir Übelkeit. Warum nicht: „Kundenzufriedenheit ist uns sowas von egal, aber immerhin schreiben wir sie groß.“ Abschweifung Ende. Was ich sagen wollte …na, ich glaube, das ist klar.

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(„Geheimer“ Preis? Klingt ein bisschen, als wüsste man n0ch nicht genau, was es werden soll … immer diese „Kunstbetriebsentschleuniger“ (man merkt schon: Das ist mein Lieblingswort des Wochenendes. Lange Geschichte..))

Ich freu mich auf das nächste Wochenende und die anderen Ausstellungen (und natürlich das Cocktail-Finale).

Im Übrigen war auch die Austellungseröffnung in der Stadthalle vollkommen in Ordnung, die Reden waren angenehm kurz gehalten, es war ein nettes Herumgestehe bzw. An-der-Bar-Gehocke, außerdem gab es Wein und da dachte ich mir, ach komm, Volker, es ist Sonnabend und außer Kunstgucken hast du heute nichts mehr vor, und kosten tut der Wein auch nichts … das ließ sich jedenfalls gut aushalten, sowas kann auch ganz anders ablaufen, wie ich am Sonntag erfahren musste. Aber der Reihe nach.

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Sonntag morgen kam mir dann die Idee zu einem Zombiefilm, der in Bayreuth spielt. Er ließe sich mit geringen Mitteln fertigstellen. Die Szenen, die tagsüber spielen (ihr wisst schon: jemand wacht nach sagen wir mal 28 Tagen aus dem Koma auf und stolpert fassungslos durch eine komplett entvölkerte Welt) könnte man ganz prima Sonntag Vormittag um 10 in der Fußgängerzone drehen. (Ist eine Fußgängerzone noch eine Fußgängerzone, wenn es keine Fußgänger gibt?)

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(Fehlt eigentlich nur noch so ein Gestrüppbällchen, das wie im Western durchs Bild geweht wird. Aber das leise Klackern der Befestigungsringe der Jean-Paul- und Wagnerfahnen erzeugte dasselbe Gefühl von Verlassenheit.)

Für die gruseligen Szenen in der Nacht, wenn die Monster hervorkommen und den Helden verfolgen, bietet sich die Sophienstraße in der Freitag- oder Sonnabendnacht an – dass das keine Zombies sind, die da durchs Bild rennen, sondern einfach nur betrunkene Bayreuther merkt am Ende kein Mensch.

Um 11 habe ich dann in der Stadthalle ein paar Geschichten und Tagebucheinträge vorgelesen. Dank und liebe Grüße an alle, die da waren!

Normalerweise lese ich abends – früh um 11 habe ich, soweit ich mich erinnere wirklich noch nie vorgelesen – weshalb es sich dummerweise eingebürgert hat, dass nach der Lesung noch Bier getrunken wird. Bloß aufgrund der frühen Stunde Uhrzeit davon abzuweichen, das kam natürlich nicht in Frage, also gingen wir hinterher noch als kleiner Pulk ins Mann’s Bräu und erfanden die Fränkische Biermatroschka:

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Ich möchte darauf hinweisen, dass nur zwei der im Vordergrund stehenden Getränke mir gehörten – so ernsthaft betreibe ich die Poetenverlotterung nun auch wieder nicht. Trotzdem sollte sich der Bierkonsum bald bitter rächen. Aber der Reihe nach.

Anschließend machten eine Bekannte und ich des schönen Wetters noch einen Spaziergang bzw. einen Spazierhumpel durch den Schlossgarten. Und rasselten beim Verlassen desselben zufällig in die Einweihung der Ballon-Skulptur hinter dem Jean-Paul-Museum …

Na, dachte ich, da ist wohl Vorsehung am Werk, schauste dir das mal an.

Ich werde mich kurz fassen (Vorsicht vor Leuten, die so anfangen, aber der Reihe nach). Der „Ballon“ gefällt mir gut. Schon deshalb, weil er seine Intention und seinen Bezug nicht aufdrängelt, sondern jeder für sich etwas daraus machen kann. Angeblich macht zum Beispiel schon die Bezeichnung „Schneebesen“ die Runde, man kann aber auch ein Alien darin sehen, mit riesigem Kopf und kleinen Tentakeln, die sich im Erdboden festkrallen und wer weiß, was noch alles an Interpretationen auftauchen wird. (Jetzt fürchte ich, dass das wieder viel zu ironisch klingt, aber es gefällt mir wirklich – es wäre mal Zeit für ein Anti-Ironie-Smiley. Das einzige, was mir nicht gefällt, ist die weiße Farbe, aber da wird der Zahn der Zeit schon Abhilfe schaffen.)

Leider ist die Skulptur für mich auf ewig mit der unseligen Erinnerung an ihre Einweihung verknüpft.

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(„Recycling Jean Paul“ in der Friedrichstraße. Das ist nicht das Kunstwerk, das ist der Blick zur Decke über dem Kunstwerk, den Rest müsst ihr euch selbst angucken! – Hier würde natürlich ein Ballon-Bild besser passen, aber ich habe gestern keins gemacht und das bei dem heutigen Dreckswetter nachzuholen, ist keine gute Idee.)

Es fing ja ganz harmlos an: Mit ein paar einführenden Worten der Oberbürgermeisterin und Dankesworten eines … ich weiß nicht mehr genau, wer es war, aber er hatte halt irgendwas etwas mit der ganzen Sachen zu tun.

Und dann … dann kam: DER PROFESSOR. Und mit dem Professor kamen die Tränen.

„Keine Sorge, ich werde mich kurz fassen“, eröffnete er seine mehrstündige Rede. Er begann mit einer sehr ausführlichen Darstellung der Geschichte der Luftschifffahrt, die er nach etwa zwei Stunden mit den Worten abschloss: „Was ich Ihnen eben erzählt habe, können Sie natürlich in jedem Lexikon lesen. Lassen Sie mich nun …“ Arrrgh! Zu diesem Zeitpunkt waren meine Füße bereits Eisklumpen und ein anderes Problem wurde immer dringender: Nach drei Kaffee, einem großen Bier und einem Bierlikör hatte ich die Blase voll; ich war, wie gesagt, nicht auf eine Skultureneinweihung nebst längerer Lexikonlesung eingestellt gewesen.

Die Rede aber wollte und wollte nicht enden …

(Abschweifung: Merke gerade, dass sich die Länge dieses Beitrages der der Rede nähert. Aber, hey: Ihr könnt zwischendrin auf die Toilette!)

„Keine Sorge, ich werde mich kurz fassen“ – wie kam dieser Mann dazu, so etwas zu sagen? War seine Rede vielleicht in Wirklichkeit kurz und nur die widrigen Umstände hinderten mich daran, sie auch kurzweilig zu finden? Oder war sie wirklich so lang, wie es mir vorkam und nur er, von der Begeisterung für die eigenen Worte in eine Zeitanomalie gerissen, bemerkte es nicht? Ich will nicht fies sein. Wahrscheinlich war ich eben einfach nicht das Zielpublikum. (Mich würde allerdings schon interessieren, ob irgendeine der anwesenden Personen sich nach dem Vortrag dachte: „Ach, das war’s schon? Das war so interessant und fesselnd, das hätte ruhig noch so weiter gehen können.“)

Alles wäre gut gewesen, wenn ich mich einfach hätte wegschleichen können, aber das ging nicht, das wäre sehr aufgefallen, und so harrte ich aus, auf meine Krücke gestützt (Mitleidheisch!), die Füße nicht mehr spürend, die Blase dafür umso mehr, und jedesmal wenn er umblätterte oder „Lassen Sie mich nun noch …“ sagte, fragte ich mich, ob das vielleicht ausgleichende Gerechtigkeit war, weil die letzten Tage so schön gewesen waren.

Um nicht nur zu meckern, will ich auch einen positiven Aspekt seiner Rede hervorheben: Etwa auf der Hälfte des Vortrages, es muss so kurz nach Sonnenuntergang gewesen sein und meine Verzweiflung erreichte gerade einen ersten Höhepunkt (um es mit Jean Paul zu sagen: „Theoda [bzw. in diesem Falle Volker Strübing] sah recht starr in die kleine Morgenröte des aufziehenden Mondes, um durch starkes Aufmerken und Offenhalten das Zusammenrinnen einer Träne zu verhindern“) , verlas er plötzlich und vollkommen überraschend das 31. Summula aus Dr. Katzenbergers Badereise mit dem Titel „Aufdeckung und Sternbedeckung“, was sehr praktisch war, da es für heute auf meinem Leseplan stand. (Theoda erhält beim Abendessen einen Brief und ein Päckchen von von Nieß: Im Brief entschuldigt er sich für die ganze Verwirrung und erklärt, dass niemand anders als er selbst der Dichter Theudobach sei. Das Päckchen enthält als Bewies einige Rezensionen seiner Werke nebst einiger Kupferstiche seines Gesichtes, die es beweisen sollen. Wenn er sich erhoffte, damit Theoda doch noch für sich zu gewinnen, so geht das ziemlich schief: Jetzt ist sie erst recht sauer auf ihn, weil er sie in eine unmögliche Situation gebracht hat.)

Irgendwann jedenfalls sagte der Professor  an der Ballonskulptur das wunderschöne Wort „Danke“ und beendete damit seine Rede. Die Nacht hatte sich über Bayreuth gelegt und auf Facebook tobten seit seit Stunden die sonntagabendtypischen Diskussionen darüber, ob der heutige Tatort gut oder schlecht gewesen sei. Da trat ein weiterer Mann nach vorn, faltete ein paar Blätter auseinander und begann mit den Worten: „Ich will es kurz machen …“ Im Schutz der Dunkelheit und im Übrigen keine Rücksicht mehr darauf nehmend, ob es jemand bemerken und ich unangenehm auffallen würde, stahl ich mich davon.

Der Rest lässt sich mit ein paar abgewandelten Worten aus der Feder eines Zeitgenossen Jean Pauls erzählen:

Erreicht das Klo mit Müh und Not / an seinen Beinen die Füß‘ war’n tot

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(ACHTUNG: Dies ist KEIN KUNSTOBJEKT im Rahmen des Jean-Paul-Jahres. Trotzdem schön.)

Strübing liest Paul

31. Summula, Aufdeckung und Sternbedeckung.

(siehe oben)

Wiederentdeckte Praxis

– starr in die kleine Morgenröte des aufziehenden Mondes blicken, um durch starkes Aufmerken und Offenhalten das Zusammenrinnen einer Träne zu verhindern

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7 Kommentare zu “Tag 43 – Zombies, Kunst und Biermatroschkas

  1. lieber Stadtschreiber, ich kenne tatschlich eine Besucherin der Skulpturerffnung, die die Rede kurzweilig fand! Finde ich schn dass Du Dich fr meine besonderen Bilder verbrgst & freue mich dass Du auch das Wort Kunstbetriebsentschleuniger gemocht hast. Ich werde das gerne an dem Wortschpfer weitergeben! Es war ein herrlicher Samstagnachmittag.. Herzlich: Andrea

  2. Du kannst aber dem armen Professor nicht vorwerfen, dass er nicht wusste, dass Du kurz vorher Zweidrittel einer Biermatroschka getrunken hast, die zudem gerade erst kurz vorher erfunden wurde.

    Aber vielleicht inspiriert Dich das Ganze zu einer Geschichte mit dem Titel „Als mir bei einer Ballon-Einweihung beinhahe die Blase platzte“ (oder andersrum).

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