Tag 47 – Ein Berliner in Sachen Bayreuth in München (featuring Verstopfung und Frauenseelen)

Tagebuch, 22.3., Freitag, 15.00 Uhr

Jetzt verstehe ich, warum mein Kollege Pierre Jarawan mich gestern unvermittelt auf der Jean-Paul-Gala im Marstall in München mit irgendeinem Hans Meyer behelligte, von dem er mir erzählen wollte, und der wohl irgendwie in Fußball macht – weshalb ich das Thema ziemlich unhöflich wechselte, weil es mich (Ausnahmen bestätigen die Regel) nun wirklich überhaupt nicht interessierte. Es gab doch soviel Wichtigeres, über das man reden konnte – war nicht irgendwo ein Reissack oder ein EU-Staat umgekippt? Heute bekam ich dann mit, dass dieser Herr Meyer gestern ebenfalls bei der Gala anwesend war, was dann wohl erklärt, warum mich Pierre auf ihn ansprach.

Überhaupt, die Gala. München veranstaltete also eine Jean-Paul-Jubiläums-Gala, da fragt man sich doch, wie kommen die dazu? Und wo kommen wir da hin? Als nächstes richten sie noch die Wagner-Festspiele aus! Deshalb war ich dort: Um die Bayreuther Fahne hochzuhalten, als fünfte Kolonne Oberfrankens mit der Geheimmission, in meinem fünfminütigen Wortbeitrag mindestens siebenmal „Bayreuth“ zu sagen; ein Auslandseinsatz in Bayern, wenn auch gewissermaßen als Fremdenlegionär, da ich eigentlich Berliner bin. Konvertiten sind ja oft die größten Glaubenseiferer. Und Zugezogene haben oft den glühendsten Lokalpatriotismus. (Ich wollte mir schon „I love Bayreuth“ auf die Hüften tättowieren lassen, aber wegen der großen Menge an Tattoo-Studios kann ich mich einfach nicht für eins entscheiden und werde wohl nie dazu kommen.)

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(Diese Münchner! Den ganzen Tag Prosecco schlürfen, Maroni mümmeln und ausgerechnet einen Doppelphallus „Frauenkirche“ nennen – das könnse! (Na gut: und schöne Jean-Paul-Partys ausrichten.) Aber a g’scheite Todesrinne bauen oder mich als Stadtschreiber einladen – Pustekuchen!)

Es gelang mir übrigens gestern in München auch, den Mann zu enttarnen, der 1973 hier in Bayreuth „Nieder mit Wagner“ an die Wand gesprüht hat. Ich versprach ihm zwar hoch und heilig, ihn nicht zu verpetzen, aber dabei hatte ich die Finger hinter dem Rücken gekreuzt, weil ich erst einmal herausfinden will, welche Belohnung für „sachdienliche Hinweise“ in diesem Fall ausgesetzt ist.

Strübing liest Paul

Immerhin, zum Lesen von Dr. Katzenbergers Badereise bin ich gekommen, eigentlich bin ich schon so gut wie durch, nur mit dem Lektüreprotokoll hat es gehapert. Ich denke, nächste Woche werde ich den Katzenberger hier im Blog abschließen und mir etwas anderes vornehmen. Was, das weiß ich noch nicht. Etwas Größeres oder viele kleine Sachen oder Ausschnitte? Mal sehen.

32. -34. Summula

Ich fasse die Kapitel ganz kurz zusammen und widme mich dann etwas ausführlicher meinen Lieblingsstellen.

Durch den Brief von Nieß ist nun die ganze Abendgesellschaft informiert, dass sie den falschen angehimmelt haben und der schöne Hauptmann Theudobach nur ein Soldat und Mathematiker ist, während es sich bei Nieß selbst um den Dichter handele, der unter dem Pseudonym Theudobach zu schreiben pflege. Theoda ist zutiefst beschämt, weil sie öffentlich verkündet hatte, nur der Hauptmann könne der Dichter sein, der Hauptmann ist zutiefst beschämt, weil er das Lob der Tischgesellschaft angenommen hatte (wenn auch verwirrt, da er sich nicht erklären konnte, warum alle Welt seine mathematischen Werke über den Festungsbau gelesen haben sollte), Strykius, der Brunnenarzt, den Katzenberger verprügeln will, schleimt sich ein, indem er einen Toast auf Theudobach den Dichter UND Theudobach den Hauptmann ausspricht, und Doktor Katzenberger hält eine Lobrede auf das Lachen, mit dem bekanntlich Rheuma und Verstopfung geheilt werden können (dazu gleich mehr). Theoda zieht sich in ihrer Scham in den folgenden Tagen aus der Öffentlichkeit zurück und gibt sich ganz ihrer Wut auf von Nieß und ihrer Trauer über den verkorksten Abend hin.

Lachen als Medizin

Dr. Katzenberger empfiehlt bei Beschwerden den Besuch von Theaterlustspielen, „denn es errege häufig Lachen, und wie oft durch solches Lachen Lungengeschwüre, englische Krankheit […], Ekel (wenn auch nicht gerade der am Stücke selber), ja durch bloße Spaß-Vorreden Rheumatismen gehoben worden, wiss‘ er ganz gut“ – jaja, Lachen ist gesund, das ist bekannt, ich wünschte, es würde auch gegen dickes Knie helfen. Katzenberger führt das Beispiel einer Frau an, die stets erst „nach dem Lachen Stühle gehabt“ habe.

Ein junger Mann mischt sich mit der Frage ein, wie es denn dann um Trauerspiele stehe und beantwortet die Frage gleich selbst. Trauerspiele lösen nichts aus, außer eben: Trauer (wenn auch nur halbstündige und Trauer wiederum löse „Leber-Verstopfung, folglich Gelbsucht – woher sonst der gelbe Neid der Trauerspieler gegeneinander? – […] ferner entsalzten Urin, ein scharfes Tränen […] und sogar Darmkrämpfe.“

Man solle daher Tragödien den Komödien ähnlicher machen „durch eingestreute Possen, Fratzen und dergleichen, die man denn allmählich so anhäufen könnte, bis sie endlich das ganze Trauerspiel einnähmen und besetzten“. Er wünscht sich, „daß ernste Dinge, z. B. Manifeste, Todesurteile etc. öfter im gefälligen Gewand, nämlich burlesk vorgetragen würden“.

Kurz: Er wünscht sich so etwas wie Facebook, wo auf jeden Link zu einem Artikel über irgendwas Schlimmes siebzehn Witzbilder und Katzenvideos kommen, und da man wohl davon ausgehen kann, dass immer mehr Menschen sich einen immer größeren Teil ihrer Informationen über Facebook oder andere Dienste, bei denen ihnen ein Algorithmus nur die Sachen vorsetzt, die ihnen vermutlich gefallen – ich entschuldige mich für diese fast schon Paulsche Satzkonstruktion – womit ich freilich nur den Satzaufbau meine, und nicht behaupten möchte, dass ich stilistisch wie auch inhaltlich oder auch was die Leibesfülle, auf die wir gleich zurückkommen werden, angeht mit ihm gleichzuziehen meine –, holen werden, wird dieser Wunsch vielleicht bald in Erfüllung gehen und wir werden uns nicht tot, sondern gesund lachen, selbst wenn endlich doch noch die Welt untergeht oder sogar ein weiterer Reissack umkippt.

Neben zu wenig Lachen gibt es laut Katzenberger ein weiteres Risiko für die Gesundheit, vor allem für die seelische: Zu wenig Fett. Hier sind wir heutzutage leider auf dem falschen Weg, Katzenberger und wohl auch Jean Paul selbst würden die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn sie die Models in den Modekatalogen sehen müssten: „Fett-Mangel macht zu empfindsam; denn die Nerven liegen halb nackt da und stoßen sich an alles“ – klingt logisch und sollte als Warnhinweis auf Diätnahrungsmittel gedruckt werden! „Speck [hingegen] schützt gegen geistige Hitze und körperliche Kälte.“

Das Wesen der Frauen

Theoda ist zwar beschämt, weil sie öffentlich für den falschen Partei ergriffen hat. Richtig sauer ist sie aber verständlicherweise auf Nieß, der sie an der Nase rumgeführt hat und es sich selber zuschreiben muss, dass sie den Hauptmann gegen ihn verteidigte:

gegen [Nieß …] glaubte sie, wiewohl sie eigentlich ihm das öffentliche Unrecht angetan, ordentlich das meiste Recht zu haben.

Hier mischt sich Jean Paul selbst ein und spekuliert, ob dieses Verhalten in der weiblichen Seele begründet liege und nennt einige ihrer Eigenschaften – ich war so frei, sie für das Blog in Stichpunktform zu bringen.

Also, die weibliche Seele …

– vergibt leichter, wenn sie Unrecht gelitten, als wenn sie es getan

– verdoppelt Irrtümer lieber, als sie zurückzunehmen

– rächt sich lieber am Gegenstand der Irrtümer, als sich selbst zu bestrafen

– gleicht dem milden Öle, welches, entbrannt, gar nicht zu löschen ist außer durch die kühle Erde

– erhebt sich wie der Vesuv durch Auswürfe nur desto mehr (was immer das bedeuten mag)

– gleicht in ihren Fehlern den Menschen, welche nach Young durch den Krieg (d. h. durch das Erlegen) sich erst recht bevölkern

Jaja, so sind sie die Frauen oder auch nicht. Und keine Sorge, demnächst kriegen die Männer wieder ihr Fett weg.

Jean Paul schließt diese Betrachtungen mit einem sehr lustigen Metawitz:

wie man Theodas Betragen auch ableite: ich bin der Meinung, daß ich mehr Recht habe, wenn ich behaupte, daß sie Herrn von Nieß weniger liebt als den Hauptmann. Ich berufe mich hier auf nichts als auf die Summeln, die noch kommen.

„Summeln“. Schönes Wort. Viel zu schade um es für so etwas profanes wie „Kapitel“ zu verwenden. „Hey, Schatz, lass uns ein bisschen summeln!“, das wäre doch was. Was auch immer.

Verlorene Praxis:

– schon bei der Krebssuppe Werthers Leiden leiden

Gültige Praxis:

– die entkräftende Empfindsamkeit, die uns auf den Tränenwegen der Meibomischen Drüsen, der Tränenkarunkel usw. hereinschießen, durch Possen vertreiben

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Ein Kommentar zu “Tag 47 – Ein Berliner in Sachen Bayreuth in München (featuring Verstopfung und Frauenseelen)

  1. WO KÄMEN WIR DENN HIN, wenn niemand ginge, um zu sehen, wo wir hinkämen, wenn wir endlich gingen!

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