Tag 50 – Opas, Tatort, Schnepfenkot

Tagebuch, 24.3., Sonntag, 14.00 Uhr, ICE München – Nürnberg

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(Wieviele Autofahrer mögen wohl Jean Paul wegen der Sperrung der Friedrichstraße verflucht haben?

Ich bitte zu entschuldigen, wenn dieser Text gelegentlich unterbrochen wird von dem einen oder anderen zusammenhanglosen §&/+Telegramm von Tante Fannie. Weißt du was ein Telegramm ist? Das hat man früher manchmal geschickt, als noch nicht jeder ein Telefon#}// Einschub, ich kann nichts dafür. Ich tippe dieses Posting im Zug, es ist noch Sonntag, ich habe einen Wochenendausflug §|>? zum Putzen vor die Tür gestellt. Früher, heute nicht mehr oder nur selten, konnte man nämlich in Hotels die Schuhe vor die Tür stellen und die wurden in der Nacht geputzt. Also. Der Vater hatte schon am Abend die Schuhe zum Putzen+#+6& gemacht und befinde mich auf dem Rückweg aus St.Gallen. Dort war ich zu einem Dead-or-Alive-Poetry Slam eingeladen. Dabei treten in einem Theater lebende gegen tote Dichter an, wobei die toten von Schaupielern zum Leben erweckt werden … Jean Paul war leider mal wieder nicht dabei.

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Mit dabei auf Seiten der Lebenden war Hazel Brugger, die mir eine freudige Überraschung bereitete: Für einen Monat darf ich nun auf ihr Baby aufpassen, ihr Lens Baby genauer gesagt, ein ulkiges Objektiv für die Spiegelreflexkamera mit dem ich die seltsamen Bilder zum heutigen %X%° Taschentuch verloren, als sie damit aus dem geöffneten Zugfenster winkte. Weißt du, damals konnte man ja noch die Zugfenster öffnen, aber jetzt fahren die Züge viel zu schnell und außerdem sind natürlich auch immer viele Menschen aus dem Fenster gefallen, und wenn sie die Hand rausgehalten haben, und es kam ein Signalmast, dann war die Hand ab. Tinnie hat also ihr Taschentuch verloren~Q/] Weblogeintrag gemacht habe (bzw. zum morgigen, also montäglichen machen werde, denn es ist noch immer Sonntag und ich sitze im Zug – ich hoffe, das ist nicht zu verwirrend – ich lese vielleicht wirklich ein bisschen zu viel Jean Paul in letzter Zeit).

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So. Was wollte ich jetzt eigentlich schreiben? Ich kann mich nicht konzentrieren. Ach so: Hazel Brugger. Aus Zürich. Am 17. April kommt sie nach Bayreuth, um sich ihr Lens Baby wieder abzuholen, und bei der Gelegenheit nimmt sie auch am Poetry Slam im KOMM teil, weshalb man sich den Termin dick in den Kalender eintragen und schon eine Karte besorgen sollte, denn sie ]Ä$/_ hatte keine Angst vor Dieben und Entführern. Weißt du was Entführer sind? Das sind böse Männer, die sprechen kleine Kinder an und fragen: „Willst du Schokolade“ und dumme Kinder gehen dann auch mit, und dann sperren die bösen Männer, die Entführer, die ein und rufen die Eltern an (also damals haben sie natürlich noch ein Telegramm geschickt – weißt du noch was ein Telegramm ist?) und sagen, Grüß Gott, wir wollen 10000 Euro, darum darf man nicht mit fremden Männern >>@^ ist toll und wahrscheinlich der lustigste Mensch der Welt.

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(Rotmain-Center)

Jedenfalls sitzt im Zug am Tisch neben mir ein Opa, der seiner Enkelin aus einem Kinderbuch vorliest und dabei kaum voran kommt, weil er soviel zwischendurch erklärt und das ist alles sehr niedlich, sowohl der Opa, als auch die Enkelin, als auch das Buch und die Erklärungen des Opas, und ich und der Mann mir gegenüber, der ebenfalls irgendwas am Laptop zu schreiben versucht, lächeln uns die ganze Zeit an, weil es ihm wohl genauso geht; irgendwie sind wir auch ganz niedlich.

Der Opa ist nicht laut, er liest ruhig und monoton, aber es ist vollkommen unmöglich ihn zu {³] füttern, sagte der Zoowärter, denn von Bonbons bekommen die Pinguine Bauchschmerzen. Ja, das stimmt, das darf man nicht. Weißt du wo die Pinguine wohnen? Am Südpol, und da gibt es keine Bonbons. Da gibt es nur Eis und den Eingang zur Hohlwelt, wo die Reichsflugscheiben ihre Basis haben, aber das erkläre ich dir ein anderes Mal. Also, der Zoowärter sagt zu ~Q/] ignorieren, aber wer würde das auch wollen?! Wenn man schon mal was vorgelesen und dazu gleich noch erklärt kriegt! So jemanden bräuchte ich für Jean-Paul.

Mist. Nürnberg. Umsteigen. Mach’s gut, Opa, und vielen Dank, mach’s gut, Du glückliche Enkelin, tschüß, anderer Mann mit Laptop!

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(Frecher Finger!)

 25.3.2013, Montag, 10.00 Uhr, Bayreuth

Nein, ich kann jetzt nichts schreiben. Sonst rege ich mich bloß über das Wetter und den Tatort auf! Was sind das für Menschen, die solche Drehbücher schreiben; was sind für Leute, die diese dann mit Laienschauspielern verfilmen; wer beim Sender wäre dafür verantwortlich gewesen, den Filmemachern ihren Mist um die Ohren zu hauen und hat ihn stattdessen tatsächlich gesendet? Und gibt es wirklich irgendjemanden, der das lustig findet oder sogar gut und spannend? Und wo ist Till Schweiger, wenn man ihn mal braucht, um ordentlich aufzuräumen? Dann doch lieber „Stirb langsam“ für Arme als dieses … dieses … mir fällt gar keine ausreichend beleidigende Bezeichnung ein. Zum Glück kam ja auch noch Planet der Affen. (Ja, und Star Wars auf Pro7, aber Werbepausen ich ertragen nicht kann.)

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So. Weil ich weiß, dass die meisten Leser an dieser Stelle abbrechen werden, möchte ich darauf hinweisen, dass der weiter unten stehende Abschnitt „Ekel ist Ansichtssache“ auch für Jean-Paul-Verächter interessant sein könnte.

 Strübing liest Paul

Dr. Katzenbergers Badereise, Summula 35 – 38 

Und weiter geht’s mit großen Schritten. Erst fasse ich so kurz wie möglich zusammen, dann nehme ich mir die eine oder andere besonders schöne oder wichtige Szene vor.

Summula 35, Theodas Brief an Bona: Theoda schreibt ihrer Freundin Bona einen weiteren Brief, der die sich überschlagenden Ereignisse schildert und von ihrer Scham, Trauer und Wut erzählt und darüber, wie sich jetzt die anderen Frauen das Maul über sie zerreißen, obwohl doch alle demselben Irrtum aufgesessen sind.

 Summula 36, Herzens-Interim: Der Hauptmann und Mathematiker Theudobach grämt sich, weil er Theoda in diese peinliche Situation gebracht hat, würde sich gerne bei ihr entschuldigen, geht ihr aber aus dem Weg, um nicht alles noch schlimmer zu machen. Er ist, das bestätigt JP noch einmal, sehr unerfahren in Sachen Frauen und Liebe. Ganz im Gegensatz zu von Nieß, dem alten Schwerenöter, der den heißen Liebesäquator („Liebe-Gleicher“) schon oft überquert hat, und dem Herzschmerz („Herzen-Harm“) nicht viel ausmacht – er genießt ihn und schmückt sich damit.

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(Sex)

 37. Summula, Neue Mitarbeiter an allem – Bonas Brief an Theoda: Mehlhorn, Bonas Mann, erreicht Maulbronn mit einem Brief Bonas an Theoda und der freudigen Nachricht, dass die Geburt erfolgreich ausgeführt und Baby und Bona wohlauf sind.
Katzenberger kann nun die Gevatternschaft nicht mehr verweigern, weshalb die Neuigkeiten ihn nur mit mäßiger Freude erfüllen.

38. Summula, Wie Katzenberger seinen Gevatter und andere traktiert:  Strykius kriegt mal wieder von Katzenberger erzählt, wie dieser seinen anonymen Rezensenten verprügeln möchte, und muss gute Miene dazu machen. Katzenberger spielt mit ihm wie eine Katze (nomen est omen) mit der Maus spielt, bevor sie sie frisst.

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Ekel ist Ansichtssache

Beim Abendessen sitzt Katzenberger neben Mehlhorn. Während Mehlhorn kaut, erklärt Katzenberger ihm aufs genaueste, was anatomisch beim Kauen vorgeht. Besonders geht er auf den Moment ein, in dem die bewusste Handlung des Kauens durch die automatisch funktionierenden, das Hinabwürgen des Nahrungsbreis abgelöst wird, die Willensfreiheit des Menschen endet und der Verdauungsroboter die weitere Verarbeitung des Essens übernimmt.

Dr. Katzenberger bietet an, auch den weiteren Weg der Nahrung ddurch den Körper bis zu ihrem Wiederaustritt ausführlich zu erläutern, doch eine Dame am Tisch lehnt entsetzt ab.

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(Aus irgendwelchen Gründen macht mir diese Kinderecke im Rotmain-Center Angst.)

Dies bietet Katzenberger die Gelegenheit auf sein Lieblingsthema zurückzukommen: Die Unsinnigkeit des Ekels. Er erläutert sie anhand zweier schöner Beispiele:

Erstes Beispiel:  Katzenberger hielt sich einst Schnepfen (die Vögel, keine Frauen!), die er „mit unsäglicher Mühe zahm gemacht, teils um sie zu beobachten, teils um sie auszustopfen und zu skelettieren“. Auf keinen Fall aber, um sie zu schlachten und als Köstlichkeit seinen Gästen anzubieten. Seinen Gästen kredenzt er stattdessen frische Schnepfenkacke („wie gewöhnlich mit Butter auf Semmelscheiben geröstet“). Die Gäste weisen den Leckerbissen unhöflicherweise zurück. Dabei besteht doch Schnepfenkacke („Schnepfendreck“) aus den selben Zutaten wie die Schnepfe selber, nämlich aus den Regenwürmern, Schnecken und Kräutern, die der Schnepfe als Nahrung zugeführt werden! Statt dem täglich frischen Schnepfendreck die Schnepfe selbst zu essen, das sei doch genauso dumm, wie ein Huhn zu schlachten, das „täglich goldene Eier legte“!

Man solle nur an den Dalai Lama denken, „der seine Verehrer […] auch täglich mit seinen eignen Schnepfen-Reliquien beschenkt“. Ich weiß nicht, ob das wirklich jemals Brauch war – man muss bedenken, dass Berichte aus fernen Teilen der Welt damals oft ausgeschmückt und aufgebauscht in Europa ankamen. Ich habe eine kurze Googlerecherche durchgeführt, als ich jedoch als einziges einen Bericht über die Zeitungslesegewohnheiten des Dalai Lama auf der Toilette fand und zwar auf einem Portal, dass sich ansonsten mit Folter und Hinrichtungen beschäftigt, hatte ich keine Lust weiterzusuchen.

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Das zweite Beispiel: Speichel. Tagelang tragen wir ihn imm Mund herum, aber wegen der unsinnigen Empfindung des Ekels kann – wenn er den Mund einmal verlassen hat – niemand, auch nicht der ehemalige Besitzer und Produzent desselben auch nur eine halbe Teetasse davon trinken.

Wo er recht hat, hat er recht, das ist schon merkwürdig, oder?

SMS-Vorlagen für Verliebte:

Wär‘ ich nur bald mit meinem [Herzen] an deinem schneeweißen Halse: es sollte bald heil sein.

Lieblingssätze

 […] gleichwohl lauf‘ ich jetzt als das Maulbronner Sünden-Böckchen herum und werde von den andern Sünden-Zicklein meines Geschlechts heimlich angemeckert.

(35. Summula, Theoda über die Maulbronnner Klatschmäuler)

Ordentlich mit Lust schmilzt er in Tränen und schnalzt wie ein lustiger Fisch. Das Gefühl, das bei einem mathematischen Theudobach eine drückende Perle in der Auster ist, trägt er als eine schmückende außen an sich.

(36. Summula. Über Nießens genussvollen Umgang mit „Herzen-Harm“)

Glaubwürdige Zeugnisse hat man zwar nicht in Händen, womit unumstößlich zu beweisen wäre, daß Katzenberger auf seinem Gesichte über diese Freudenbotschaft besondern Jubel, außerordentliche Erntetänze oder Freudenfeuer, mit Freudentränen vermischt, habe sehen lassen; aber so viel weiß man zu seiner Ehre desto gewisser, daß er sich im höchsten Grade anstrengte (er beruft sich auf jeden, der ihn gesehen), starke Freude zu äußern, nur daß es ihm so leicht nicht wurde, auf die Schwefelpaste seines Gesichts die leichten Rötelzeichnungen eines matten Freudenrots hinzuwerfen

(37. Summula)

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(Rotmain-Center)

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4 Kommentare zu “Tag 50 – Opas, Tatort, Schnepfenkot

  1. Mein Tatort lag auf der Friedrichstraße, auf dem Seidenpudelspitzpfad. Hier fand ich den Text eines Ururenkels Jean Pauls:
    „Der Freistaat Bayern ist mit der Benutzung des Parkplatzes in stets widerruflicher Weise nur unter folgender Voraussetzung einverstanden:
    Gegenüber Benutzern des Parkplatzes haftet der Freistaat Bayern für andere Schäden als aus Verletzung des Lebens, des Körpers oder der Gesundheit nur bei Vorsatz oder grober Fahrlässigkeit. Dies gilt auch für deliktische Ansprüche und für Handlungen von Erfüllungsgehilfen.“
    Da blieb mir nur die Cocktailbar schräg gegenüber, die mich dazu einlud, meinen eigenen Cocktail zu kreieren (wer das nich´lesen kann hatte schon zwei): Paul´s Osterbrause: Eierlikör 2cl, Jägermeister 2cl und ein Helles Bier 0,2Ltr.

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