Tag 56 – Wie ich Siebenkäs rettete und die Liebenden endlich zu Potte kamen

Tagebuch, 31.3., Ostersonntag, 15.00 Uhr

(April, April! Heute ist gar nicht Ostersonnntag, sondern Ostermontag, der 1.April. Habs aber gestern nicht mehr geschafft, den Beitrag zu posten, weil … naja, die Fotos erklären einiges. Und heute Abend muss ich noch mal dort hin, weil mir ein Foto für die Katzenberger-Bildergeschichte fehlt. Es ist immer gut, einen Vorwand zu haben :-)

Ein Freund hatte mich gewarnt, bevor ich nach Bayreuth zog: „Lass dich nicht von der Hochkultur verderben.“ Ich schrieb zurück: „Keine Sorge. Ich werde die Hochkultur verderben.“ Ich hatte ja keine Ahnung. Und jetzt ist es passiert: Ich war im Theater. Und fand es gut.

Theater, das ist ja so eine Mischung aus 3D-Kino ohne Brille, Stummfilm mit Ton und Tatort. Das mit dem 3D-Kino versteht sich von selbst. „Stummfilm mit Ton“ weil die Schauspieler im Theater oft ähnlich große, unrealistische Gesten vollführen wie Stummfilmschauspieler (nur dass sie sich dabei nicht mit dem typischen leichten Zeitraffer bewegen). Und „Tatort“ weil man immer, wenn man sich einen Tatort oder ein Theaterstück anschaut, seine Vorurteile bestätigt bekommt, weil es nämlich wieder mal schlecht ist. Was Theaterstücke angeht, muss ich gestehen, dass meine Vorurteilsüberprüfungsfrequenz bei etwa einem Stück alle sechs Jahre liegt, beim Tatort ist sie höher.

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(„Eine Stunde vor Sonnenuntergang war die Höhle mit Lampen erleuchtet.“– 39. Summula)

Ich gehe einfach nicht gerne ins Theater, und habe nie verstanden, was daran nun gut sein soll. Ich bin, was das angeht, schlicht ein Banause und Ignorant und habe auch nicht zwingend vor, daran etwas zu ändern. Man muss sich ja seine Ignoranzinselschen bewahren, um gelegentlich auf ihnen Urlaub zu machen. Aber nun war ich eingeladen zu „Siebenkäs – Szenen einer Ehe“, und weil die Einladung so freundlich war, und ich das Gefühl hatte, als Stadtschreiber, der sich noch dazu mit Jean Paul beschäftigen soll, dürfe ich diese Einladung nicht ablehnen, bin ich hingegangen, und habe vor allem gehofft, dass es nicht allzu schlimm und lang wird. Und das mich niemand fragt, ob ich in meinem Blog darüber schreibe. Ich wollte hier keinen Verriss veröffentlichen, sondern lieber den Mantel des Schweigens darüber breiten und den Abend als verloren abhaken.

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(„Endlich tat sich ihr dasSchattenreich auf, mit einer schimmernden Sternendecke“ – 40. Summula)

Und dann hat es mir gefallen. Wirklich gefallen, es war nicht nur auszuhalten, es war richtig gut. Ich …

Entschuldigung, jetzt war ich kurz abgelenkt. Ich sitze gerade im Café Kraftraum, versuche zu schreiben und plötzlich öffnet sich ein Benachrichtigungsfenster und teilt mir mit, dass sich „ipad von Katja“ mit meinen Laptop verbinden will. Ich habe auf „Ablehnen“ geklickt und jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen. Vielleicht ist das ipad von Katja einsam und findet meinen Laptop sypathisch und ich habe wie eine strenge Gouvernante eine zart keimende Liebe zerstört!? Das sind so Fragen, mit denen sich Jean Paul nicht rumplagen musste, wenn er schreiben und sich konzentrieren wollte. Seine Feder verfügte nicht über Bluetooth, nur über blaue Tinte.

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(„Der Volksstrom, den sie solange draußen im Tageslicht in die Tür einfluten sah …)

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(… schien hier, wie ein Menschengeschlecht in Gräbern, ganz vertropft zu sein“)

Ganz so idyllisch war seine Arbeitswelt aber auch nicht, vor allem in den Jahren der Armut, als er in der winzigen Wohnung schreiben musste, während die Mutter wischte und kochte und machte und tat.

Womit wir wieder beim Siebenkäs wären: Der Titelheld (der eigentlich Leibgeber … aber, ach, ich verzichte auf die Erklärung all der für Jean Paul so typischen Verwirrungen und Vertauschungen), will schreiben, seine frisch Angetraute aber muss putzen und wischen und nervt ihn fürchterlich. So wie er kein Verständnis für die Erfordernisse des alltäglichen Lebens hat, hat sie keins für sein Streben nach Höherem. Die Ehe geht kaputt, Siebenkäs verliebt sich in eine Frau, die ganz anders ist als seine, und entflieht der Ehe per Scheintod. Mal so ganz grob zusammengefasst. Im Original 700 Seiten lang, von Marielouise Müller und Frank Piontek auf wundersame Weise auf ungefähr 2 Stunden eingedampft, von einem tollen Ensemble auf eine schöne (und im zweiten Teil nach der Pause einfach nur großartige) Bühne gebracht. Während die erste Hälfte die eigentlichen „Szenen einer Ehe“ zeigt und sehr komisch und aktionsreich ist, ist die zweite märchenhaft, traum- und alptraumhaft; wunderschön samt toller Musik und fantastischen Effekten.

Ich war hin und weg und empfehle uneingeschränkt den Besuch einer der noch anstehenden acht oder neun Aufführungen.

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(„sie wollte alleine denken und recht traurig“)

Zwei Sachen sind noch anzumerken: Zum einen habe ich absolut keine Ahnung von Theater, kann nur sagen, ob mir etwas gefällt oder nicht. Zum anderen ist es mir ein großes Bedürfnis darauf hinzuweisen, dass ich einen nicht zu unterschätzenden Anteil am Gelingen der Aufführung hatte, es kann also sein, dass es nicht ganz so schön wird, wenn ich nicht dabei bin. Ich saß nämlich in der ersten Reihe ganz rechts – direkt neben der Heizung, die wie blöde vor sich hinrauschte, bis ich beherzt zum Regler griff und ihn auf Null stellte.

Eine etwas fundiertere Kritik des Premierenabends gibt es in der Frankenpost.

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(„Theudobach kam […] gegen sie daher, dessen schöne Gestalt ihr durch den Zauber des Helldunkels noch höher aufwuchs“)

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(„Da war der ewige Bund des Lebens zwischen zwei festen und reinen Herzen geschlossen.“)

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(„Aber sie faßte sich in ihrer Trunkenheit  zuerst und nahm seine Hand …)

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(…  um wieder in die weite Mitte des Himmelsgewölbes   vor die  Zuschauer zu gehen.“)

 Strübing liest Paul

40. Summula, Theodas Höhlenbesuch. 

Viel zu schön zum Nacherzählen! Ich mache es daher kurz, dafür setze ich es ja auch als Foto-Love-Story von Frühlingsfest und Partynacht  in Szene.

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(„Eine Unterwelt lag vor ihr, aber eine elysische“)

 Also: Die Maulbronner Höhle wird vom Fürsten festlich illuminiert, Musiker stehen bereit und das Volk strömt in die Höhle. Auch Theoda ist dabei, doch sie sucht sich ein einsames Fleckchen im Dunkel, um traurig zu sein.

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(„wie in einem vom Mondschein glimmenden Abendtau und in Lindenduft und Sonnen-Nachröte schienen der seligen Theoda die weiß[schwarz]gekleideten Mädchen […], und sie liebte sie alle von Herzen – und sie hielt alle Zuschauer für so gut und warm“)

In der Höhle findet sie – natürlich – Theudobach der schöne Offizier und Mathematiker. Er habe sie gesucht, um sich zu verabschieden und zu entschuldigen. Er reise am nächsten Tag ab. Und Theoda so: „Ich auch“. Sie vergibt ihm, bittet ihn ebenfalls um Verzeihung und um eine Gefälligkeit: Ob er den Mann ihrer Freundin Bona ein Stück in seiner Kutsche mitnehmen könne. Und er so: „Klar.“ Doch dann setzt die Musik ein, Theoda kann die Tränen nicht mehr zurückhalten und dann passiert es endlich:

 »Ach Gott, ich kann Sie nur nicht weinen sehen.« Sie eilte in einen Felsen-Talweg hinein, er folgte ihr unwillkürlich nach – da fand er sie mit dem Kopfe an eine Felsenzacke gelehnt; sie winkte ihn weg und sagte leise: »O laßt mich weinen, es fehlt mir nichts, es ist nur die dumme Musik.« – »Ich höre keine (sagte der Krieger außer sich und riß sie vom Felsen an sein Herz) – O du himmlisches, gutes Wesen, bleib‘ an meiner Brust – ich meine es redlich, muß ich von dir lassen, so muß ich zugrunde gehen.«

Hach ja. Der Himmel hängt voller Geigen bzw. die Höhendecke voller Lampen.  Jetzt muss Dr. Katzenberger nur noch den Strykius verprügeln, dann heißt es wirklich, Abschied nehmen von Dr. Katzenbergers Badereise.

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(„In dieser Minute ließ der Fürst eine heimliche, nach dem Abendhimmel gerichtete Eichenpforte des Höhlen-Bergs aufreißen und ließ die Abendsonne wie einen goldnen Blitz durch die ganze Unterwelt schlagen und mit einer Feuersäule durch sie lodern.“)

 Ewige Wahrheit und Lieblingsstelle

Was sind denn Berge und Lichter und Fluren ohne ein liebendes Herz und ein geliebtes? Nur wir beseelen und entseelen den Leib der Welt. Ist ein Garten eine engere Landschaft, so ist die Liebe nur ein verkleinertes All; in jeder Freudenträne wohnt die große Sonne rund und licht und in Farben eingefaßt.

Kommunikativer Knackpunkt

»O laßt mich weinen, es fehlt mir nichts, es ist nur die dumme Musik.« – »Ich höre keine (sagte der Krieger außer sich und riß sie vom Felsen an sein Herz) […].«

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