Tag 58 – Bayreuths Traum

Tagebuch, 2.4., 10.00 Uhr, Osterdienstag

Ich habe neulich etwas großkotzig angekündigt, ich habe erkannt, welche beiden Dinge die Bayreuther wirklich lieben. Es sind natürlich: Bier und Bratwürste!

Nein. Entschuldigung, das war billig.

Es gibt zwei Dinge, die Bayreuth prägen, und auch wenn jeder einzelne Bayreuther vielleicht behaupten wird, sie gefielen ihm gar nicht, ganz im Gegenteil, er finde sie scheußlich, so lässt ihre auffällige Präsenz doch keinen anderen Schluss zu, als den, dass die Bayreuther Seele in ihnen zum Ausdruck kommt.

Widmen wir uns heute: dem eingemauerten Wasser.

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Gewässer, zumal fließende, sind in der Stadt scheinbar nur in Stein oder Beton eingefasst denkbar. Am liebsten schön gerade, das Ufer mit dem Lineal gezogen. Es wäre zu einfach, das auf praktische Erwägungen zu schieben oder irgendeiner Stadtplanungsbehörde die Schuld dafür zu geben. Auch die sich anbietende Deutung, man wolle etwa mit dem einbetonierten Roten Main Wilhelmine ehren, die ja im Hofgarten und der Eremitage ein Faible für eckige, in Stein gefasste Kanäle bewies, scheint mir nicht zutreffend.

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(Wasser in seiner Idealform.) 

Ich denke, dass es sich bei der umfassenden Einkastelung der Bayreuther Flüsse und Bäche nicht um eine konkrete Willensentscheidung handelte, sondern um einen unbewussten Prozess, in welchem sich ungewollt eine Seite der Bayreuther Seele manifestiert. Nun bin ich leider kein Psychologe, aber ich habe ein bisschen recherchiert. Wenn es sich um einen unbewussten Prozess handelt, kann man ihn grob mit einem Traum vergleichen, weshalb ich keine Kosten und Mühen scheute und „Traumsymbole Kanal“ googelte. (Die Kosten entsprechen dabei meiner Kaffeehausrechnung). Leider waren die Ergebnisse nicht einheitlich.

Bei traumdeutung-traumsymbole.de heißt es:

Weil ein Kanal eine künstliche Struktur ist, verweist er im Traum auf die Neigung, Strenge bei der Kontrolle über die Gefühle, Triebe und Leidenschaften walten zu lassen. Vielleicht gibt der Träumende seinem Leben auf Kosten seiner Kreativität zuviel Struktur.

Und weiter, wie auf Bayreuths Kanäle gemünzt:

Je stärker der Wasserlauf eingedämmt und reguliert ist, desto mehr hat der Träumende in Realität seine psychischen Energien kontrolliert und diszipliniert. Dasselbe gilt, wenn die Ufer des Kanals betoniert oder perfekt angelegt sind.

Interessant ist außerdem folgender Hinweis:

Gleitet eine junge Frau in einem Kanu über den Kanal, wird sie ein keusches Leben führen und einen liebenden Ehemann haben.

Was das für Bayreuth bedeutet, kann ich leider nicht sagen, aber bisher habe ich auch keine jungen Frauen in Kanus über die Kanäle gleiten sehen.

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Während traumdeutung-traumsymbole.de und einige weitere Websites also meinen, dass Bayreuth sehr kontrolliert sei, zu kontrolliert sogar, worunter die Kreativität leide, ist zum Beispiel die Telekom (horoskop.t-online.de) der Auffassung, dass Bayreuth ganz im Gegenteil zu wenig Selbstkontrolle besitzt, sich zu sehr von Trieben und Leidenschaften leiten lässt und sich deshalb mit den Kanälen selbst zu Disziplin ermahnen und erziehen will:

Kanal kann allgemein die geistige Lenkung der Gefühle, Triebe und Leidenschaften verkörpern, das fordert oft zu mehr Selbstdisziplin auf.

Mit den Kanälen schriebe sich demnach Bayreuth den Ratschlag zu Mäßigung und Konzentration hinter die Ohren, und angesichts der Anzahl von sehr geraden, ordentlichen Kanälen scheint die Stadt es verdammt nötig zu haben! Interessant wäre es, in den Archiven nachzuforschen, wie es hier früher abging, als das Wasser noch ungebändigt oder zumindest nicht ganz so ordentlich verbaut durch Bayreuth floß. Sodom und Gomorrha? Oder ein sinnenfrohes Paradies der Kreativität und freien Liebe?

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(Dieser besonders traurige Kanal findet sich vor der Tiefgarage am Bauamt – wobei die Architektur besagten Bauamtes nichts Gutes ahnen lässt für die Dinge, die dort beschlossen und genehmigt werden.) 

Ich weiß natürlich nicht, ob es wirklich wissenschaftlich haltbar ist, Erklärungen aus obskuren Traumlexika zur Deutung der Seele einer Stadt – falls so etwas überhaupt existiert – anhand ihrer Topographie heranzuziehen.

Aber irgendetwas muss da sein!

Auf jeden Fall ist so endlich auch erklärt, weshalb die Todesrinne angelegt wurde: Etwas für Bayreuth so bedeutendes wie einbetoniertes Wasser gehört natürlich an den zentralen Ort, auf den Marktplatz, dorthin, wo sich alle Bayreuther treffen.

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Ich kann ihre Wiederöffnung übrigens kaum erwarten; ich freue mich wirklich sehr darauf bei schönem Frühlingswetter vor einem der Cafés zu sitzen und den Leuten beim Sturz in die Todesrinne zuzuschauen. Laufen werde ich dann ohnehin überhaupt nicht mehr können, weil ich, wie ich mich kenne, sicher der erste bin, der hineinfällt.

Demnächst stelle ich die zweite Bayreuther Spezialität vor, aber jetzt ist es erst einmal an der Zeit für das Katzenberger-Finale:

Strübing liest Paul

41. – 45. Summula

So groß ist das Finale eigentlich gar nicht; Theodas Höhlenbesuch im 40.Kapitel war der Höhepunkt, und selbst die immer noch ausstehende Prügelei kann daran nichts ändern. Wie gehabt eine Kurzzusammenfassung gefolgt von der näheren Betrachtung der einen oder anderen besonders schönen Stelle.

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(Der Röhrensee ist noch etwas schlampig eingefasst – man kennt so etwas aus anderen Städten -, aber …)

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(… gute Ansätze sind erkennbar.) 

41. Summula – Drei Abreisen.

Theoda und Theudobach gehen zu Dr. Katzenberger und Bonas Mann Mehlhorn, bieten Letzterem an, in Theudobachs Kutsche mit zu seiner gerade frisch entbundenen Frau zurückzufahren. Theoda will, um öffentliches Getuschel zu vermeiden (sie hat sich doch sonst nicht so?!) zu Fuß ins nächste Dorf vorausgehen, um erst dort mit in die Kutsche zu steigen.

42. Summula – Theodas kürzeste Nacht der Reise.

Endlich sitzen die beiden Liebenden in der Kutsche und fahren durch die Nacht. Mitfahrer Mehlhorn – bei dem ich immer zu Mehdorn schreiben will, obwohl die zwei nun wirklich keine Ähnlichkeit miteinander haben – tut erst so, als ob er schliefe, dann schläft er tatsächlich und das Liebespaar hat recht viel Freude aneinander, wobei mir nicht ganz klar ist, wieweit sie dabei gehen. Ob sie sich küssen? Vielleicht sogar mit Zunge? Ob ihre Hände auf Erkundung gehen? Die Antwort liegt wohl irgendwo in Formulierungen wie „der Zauberkelch der Liebe schleunig geleert“, „Endlich stieg der Stern der Liebe wie ein kleiner hellblinkender Mond im Morgen auf“, „und es wurde ihr zuletzt im Rausche der Nacht, als stehe sie wieder mit ihrem Geliebten an der Felsenwand“.

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(Hier wurde Mut zum Rund bewiesen. Hauptsache, hübsch ordentlich in Beton, bei der Form kann man ein bisschen spielen.)

 43. Summula – Präliminar-Frieden und Präliminar-Mord und Totschlag.

Katzenberger und Strykius sitzen beim Fürsten und loben sich gegenseitig. Der eine, weil er dem anderen vor der Tracht Prügel die „Wolfgrube […] mit noch einigen Blütenzweigen mehr“ bedecken möchte, der andere, weil er ein Schleimer ist. Schließlich entschwindet der Fürst, Katzenberger wäre nun mit seinem Opfer allein, wäre da nicht eine junge Frau, die Gefallen an ihm gefunden hat, und selbst seine Ekel-Reden haben sie „desto lüsterner gemacht“. Die alte Dame, mit der Katzenberger schon früher aneinandergeraten ist, sitzt als Anstandswauwau dabei und Katzenberer ahnt, dass er nur sie vertreiben muss, um auch die junge Verehrerin los zu werden. Er hält ihr deshalb einen Vortrag über ihren Busen, mit dem sie gewiss schon „allzeit gesäugt“ habe, „und wie viele Kinder wohl?“ Einige weitere Andeutungen gewisse Liebesstellungen betreffend (wenn ich das richtig interpretiere!), reichen, um die beiden Damen zu vertreiben.

Daraufhin überredet Katzenberger Strykius zu einem (angeblich wissenschaftlich motivierten) Trinkspiel, bei dem er selbst schummelt. Es folgen einige Absätze, die ich sehr schwer zu lesen und uninteressant fand (ein Beispiel unten in der Rubrik „Sätze des Schreckens“).

Katzenberger stellt sich trunken und fordert von Strykius den Freundschaftsdienst ein, ihn auf einen mit zu sich zu nehmen.

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 44. Summula – Die Stuben-Treffen – der gebotene Finger zum Frieden.

Bei Strykius, rückt Katzenberger endlich mit der Sprache einer kleinen Pistole und seinem mit Giftpfeil ausgerüsteten Stock – heraus, und haut ihm mit Letzterem tüchtig aufs Knie. Strykius unterschreibt einen von Katzenberger vorformulierten Widerruf. Er kocht Tee, wobei Katzenberger ihn zwingt, die Hose runterrutschen und zwischen den Knöcheln schlackern zu lassen, damit er nicht entfliehen kann. Katzenberger fordert Strykius auf, selbst auszusuchen, welches Glied er ihm verwunden soll. Strykius macht dem Doktor ein Friedensangebot: Er wolle ihm die Hand geben – und zwar die Hand mit den 6 Fingern, die er im Kabinett hat.

Das kann Katzenberger, der Missgeburtensammler natürlich nicht ablehnen, weshalb er mit Strykius Frieden schließt und sich damit begnügt, ihm zur Besiegelung des Bündnisses noch ein wenig auf den Handknöchel zu prügeln.

 45. Summula – Ende der Reisen und Nöten.

Ende gut, alles gut. Dr. Katzenberger kehrt glücklich heim mit einem siamesischen Hasen und einer sechsfingrigen Hand für sein Missgeburtenkabinett („Die sechs Finger und acht Hasenbeine waren so erquickende Zuckerröhre, an denen Katzenberger unterwegs saugte“), Bona, die ohnehin glückliche frischgebackene Mutter ist umso glücklicher ihre Freundin Theoda und ihren Mann Mehlhorn zurückzuhaben und Theudobach und Theoda … na, da erübrigen sich wohl lange Ausführungen.

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Verlorene Praxis:

– als junge Dame die alte nur zur Brandmauer der Gefühle und als Meßgeleite des Ansatnds verbrauchen

– sich nur mit Anstrengung in das gewöhnliche krause Höflichkeitsgefecht zwischen kühlen Schwiegervätern und heißen Schwiegersöhnen begeben

– durch die plötzliche unberechnete Lohe der Liebe nur noch ernsthafter werden

– einem zu wenig offenen Kopf die sieben Sinnenlöcher, die die Vorderseite hat mit einem Stock auch dem Hinterkopf einoperieren

 Kommunikativer Knackpunkt

»[…] Nun so stimme doch mit über das Glied, sage, welches [ich dir verwunden soll]!« –
– »Mein Herz«, versetzte er. – »So vertraut spricht man nicht mit mir«, sagte Katzenberger. – »Meines mein‘ ich ja«, sagte Stryk.
»In dies Glied mögen die Weiber ihre dummen Wunden machen! […]«

Ewige Wahrheit:

Unter die Saugtiere gehören wir doch alle, wenn sich auch gleich nur die schönere Hälfte unter die Säugtiere zählen darf.

Lieblingsstellen

Jeder gute Mensch, sogar ein böser, der sie, einsam und ihrer Mutter ihr Seelen-Glück mit betenden Tränen zuschreibend, auf dem Wege nach dem nächsten Dorfe hätte laufen und sich anstrengen sehen, hätte ihr nachgewünscht: »So werde nur recht glücklich, du furchtloses und schuldloses Mädchen! Es wäre für einen, der dich kennt, zu hart, dich im Unglück und das kalte Messer des Grams in deinem Rosen-Herzen zu sehen. Nein, ihr Liebenden, in dieser nie wiederkommenden Nacht sprecht euch beide selig und heilig, in höherem als römischen Sinn!«
(41.Summula)

O Schicksal, warum lässest du so wenige deiner Menschen eine solche Nacht, ach nur eine Stunde daraus erleben? Sie würden sie nie vergessen, sie würden mit ihr als mit dem Frühlings-Weiß und Rot die Wüsten des Lebens färben – sie würden zwar weinen und schmachten, aber nicht nach Zukunft, sondern nach Vergangenheit – und sie würden, wenn sie stürben, auch sagen: auch ich war in Arkadien! –
Warum muß bloß die Dichtkunst das zeigen, was du versagst, und die armen blütenlosen Menschen erinnern sich nur seliger Träume, nicht seliger Vergangenheiten? Ach Schicksal, dichte doch selber öfter!
(42. Summula)

Sätze des Schreckens

So weiß ich aus demselben Quistorp die andere Einschränkung, daß man nie beschimpfe, wenn man bloß die Sachen seines Neben- und Mit-Menschen (nicht ihn) verächtlich heruntersetzt, als etwan seinen Anzug, seine Gastmähler u.s.w. Ich würde also mit Vorbedacht, da doch am Menschen alles nur fremde Sache ist, außer seiner Moralität, die er sich, wie der preußische Soldat die Knöpfe, auf eigne Kosten anschaffen muß, ohne Ehrenklage im höchsten Grade anzüglich und geringschätzig z. B. von den schwachen Talenten oder Gesichtzügen eines Rezensenten sprechen, beides Sachen, die der Tropf sich nicht geben kann; ebenso wollt‘ ich auf viele deutsche Kronen und Thronen (ein schöner weiblicher Reim) losziehen, ohne die Besitzer, die ja beides teils halb auf, teils unter sich haben, im geringsten zu meinen.

So, wer bis hierher mitgelesen hat, hat sich ein Bienchen verdient. (Hat sich denn jemand ein Bienchen verdient?)

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10 Kommentare zu “Tag 58 – Bayreuths Traum

  1. Bleibt zu hoffen, dass viele Verantwortliche hier lesen und vor allem Bilder kucken. Und die „gepflegten“, in Beton gemeiselten Wassergräber endlich einmal richtig wahrnehmen. Aber solange kein Gerüst alles zusammenhalten muss ist`s wahrscheinlich halb so wild …

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