Tag 60 – Abschied von Dr. Katzenberger II

Tagebuch 4.4., Donnerstag, 10.00 Uhr

Ich lese Jean Paul ja nicht ganz freiwillig. Es war Teil der Ausschreibung zum Stadtschreiber von Bayreuth, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Zum Glück stand nicht in der Ausschreibung, dass man ihn auch gut finden müsste, und so habe ich mich auf das Wagnis eingelassen.

Inzwischen habe ich in einigen Texten geschrieben, dass die Mühe, Jean Paul zu lesen, sich lohnen würde, dass man wunderbare Sache bei ihm entdecken könne etc. Dies brachte mir bereits einige Nachfragen wie folgende ein: „Aber jetzt mal ehrlich: Das ist doch schrecklich, oder? Mir kannst du es doch sagen, das ist doch eine Qual!“

Also gut. Jetzt mal ehrlich: Es macht mir verdammt viel Spaß. Ich freue mich über tausend Kleinigkeiten in seinen Texten. An sehr, sehr lustigen Stellen, an interessanten Gedanken und Szenen die einfach nur schön sind. Es ist nicht leicht, aber eindeutig ein Gewinn und ein Vergnügen. Und wie gesagt: Ich muss das nicht schreiben, der Stadtschreiber ist nicht verpflichtet, Jean-Paul-Fan zu sein (entwickelt sich jedoch langsam zu einem).

Zur Entspannung lese ich übrigens parallel zur Zeit einen Science-Fiction-Roman, Erich Kästner und das wunderbare neue Buch vom „Blogpaten“ Jochen Schmidt („Schneckenmühle“).

Ich habe selten etwas so intensiv gelesen wie Dr. Katzenbergers Badereise, vielleicht ist das das Geheimnis, vielleicht kann man Jean Paul nur noch so lesen, vielleicht muss man ein Blog darüber schreiben?

Das Reclamheftchen ist tüchtig zerlesen, mit Anstreichungen und Anmerkungen vollgeschmiert, ein paar Seiten sind herausgefallen. Auch das gefällt mir, die physischen Auswirkungen „meines Ringens“. So wie ich auch am liebsten per Hand schreibe, auch längere Texte, sogar die erste Fassung meines Romans (ich weise an dieser Stelle mit großer Freude auf eine gerade erschienene Rezension der Neuausgabe hin) habe ich mit Kuli und Füller in Dutzende von Heften geschrieben. Schreiben und Lesen sind solche Kopfsachen, da bin ich froh, wenn es wenigstens einen klitzekleinen materiellen Aspekt gibt. Es ist so viel schöner, ein vollgeschriebenes Heft in der Hand zu halten, als bloß durch einen langen Word-Text scrollen zu können.

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Den Katzenberger habe ich natürlich auch in elektrischer Form vorliegen. Einmal die hier im Blog verlinkte Projekt-Gutenberg-Version, zusätzlich aber auch eine Ebook-Ausgabe des Gesamtwerkes von Jean Paul. Dort kann ich auch Anstreichungen und Anmerkungen machen, doch das ist von geringem Reiz (und ganz davon abgesehen auch nicht so praktisch). Die elektronischen Ausgaben sind natürlich super, um Zitate daraus zu kopieren.

Nächste Woche geht es weiter mit „Strübing liest“ Paul. Wahrscheinlich werde ich mir das „Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal“ vornehmen. Es gilt ja auch als relativ einfach und hat, in der Reclamausgabe, nur 44 Seiten, so dass ich im April durchkommen sollte und dann noch den Mai und Juni habe, um sämtliche Romane Jean Pauls hier durchzugehen …

Hier, zu guter Letzt, noch der am Montag unterschlagene Schlußabsatz der Badereise:

Werft noch vier Blicke in den kleinen Freudensaal der vom Vater-Ja beglückten Liebe und der beglückten Freundschaft zurück, eh‘ ihr von allen auf immer geht! Solche Abende und Zeiten kommen dem dürftigen Herzen selten wieder; und obgleich die Liebe wie die Sonne nicht kleiner wird durch langes Wärmen und Leuchten, so werden doch einst die Liebenden noch im Alter zueinander sagen: »Gedenkst du noch, Alter, der schönen Juli-Nacht? – Und wie du immer froher wurdest und deine Bona küßtest! – Und wie du, Theoda, (denn beide fallen einander unaufhörlich in die Rede) den guten Zoller herztest! – Und wie wir dann nach Hause gingen, und der ganze Himmel funkelte, und das Sommer-Rot in Norden ruhte – Und wie du von mir gingst, aber vorher einen ganzen Himmel in meine Seele küßtest, und ich im Lieberausche leis‘ an meinem Vater vorüberschlich, um den müden nicht zu wecken – – Und wie alles, alles war, Theoda; ich bin kahl, und du bist grau, aber niemals wird die Nacht vergessen!« – So werden beide im Alter davon sprechen.

Ende der Badgeschichte.

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4 Kommentare zu “Tag 60 – Abschied von Dr. Katzenberger II

  1. Bittebittebitte: welchen SF-Roman liest der Herr Strübing. Als alter SF-Fan würde mich das wirklich sehr interessieren…

  2. Also erstmal zu Volkers Einleitung dieses Artikels: Schmunzel, schmunzel, schmunzel! Der SF-Roman-Titel würde mich auch interessieren, doch egal welcher es auch sein mag, ich möchte hier einen SF-Roman nennen, der mir sehr lesenswert erscheint: „Lobgesang auf Leibowitz“. Abgesehen natürlich von Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“.

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