Tag 64 – Wie der arme Poet im Atomauto zum Mars flog

Zuerst etwas, das mir sehr peinlich ist: Ich hab hier vor einigen Wochen eine Frage gestelllt und verprochen, den ersten beiden Lesern die hier bzw. auf Facebook die richtige Antwort geben, eine selbstgemachte Bayreut-Ansichtskarte zu schicken. Dann habe ich das lange verschlampt, bzw. immer im falschen Moment daran gedacht, und jetzt finde ich die Adressen nicht mehr. Entschuldigung! Könnt ihr mir die bitte nochmal schicken? Per Facebook-Nachricht oder an volker[ät]volkerstruebing.de

So. Jetzt aber zum:  

Tagebuch, Montag, 8.4., 11.00 Uhr

Ein Wochenende vor dem Fernseher. War nicht so geplant, ging aber nicht anders. Eigentlich wollte ich am Samstag Abend zu einem Konzert in die Schokofabrik mit anschließender Party. Naja, wahrscheinlich wäre das sowieso solch unsäglicher Krach gewesen, von dem eine Leserbriefschreiberin heute im Nordbayrischen Kurier schrieb: „Ebenso lässt sich auch die Freizeit weitaus sinnvoller nutzen als mit wildem Herumzappeln zu grässlichem Lärm, den jedoch viele, vor allem junge Leute, als ‚Musik‘ bezeichnen – etwas Sinnloseres als dieses gibt es gar nicht!“

Ich war ein bisschen gerührt, als ich das las, ich fühlte mich an die Auslassungen von Erich Honnecker über die „hektische, aufpeitschende Musik, die die moralische Zersetzung der Jugend begünstigt“ erinnert. Diese moralische Zersetzung wurde auch im Leserbrief angeprangert, allerdings ging es nicht darum, dass sich die Jugend von sozialistischen Werten, sondern von christlichen entferne (beklagt wurde die Partynacht am Ostersonntag). Ich fand die Partynacht ja ganz nett, nicht so sehr wegen der Parties, sondern vor allem weil am Markt ein Bratwurststand bis spät in die Nacht auf hatte – wäre das nicht eine Idee für alle Bayreuther Nächte?

Das ist überhaupt eine der Sachen hier, mit denen ich mich etwas schwer tue: Dass nach acht nur noch Restaurants und Kneipen aufhaben. Es gibt keine Spätverkaufsstellen und keine Spät-Bratwürste, das ist für einen Berliner schon eine Umstellung.

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(Ich les‘ voll Frühlingswonne Wutz
bald brauch ich vor der Sonne Schutz)

So, grad ging es um die Wurst, gleich geht es um den Wutz. Vorher noch etwas Allgemeines zu Jean Paul, dass mir kürzlich aufgefallen ist: Man könnte ihn als einen frühen Popliteraten bezeichnen.

Einige der Merkmale der Popliteratur treffen zwar auch auf Goethe zu oder etwa die Gebrüder Grimm, insbesondere der Versuch „E- und U-Kultur“ (E wie „ernste“ oder „echte“, U wie „Unterhaltungs-“ oder „Un-“kultur) miteinander zu verschmelzen, aus dem Elfenbeinturm herabzusteigen und dem Volk aufs Maul zu schauen, Sagen und Märchen aufzugreifen etc.

Ein Aspekt findet sich aber ganz besonders bei Jean Paul: Bezüge zu anderen Werken seiner Zeit, seien es literarische, politische oder wissenschaftliche, das Spiel mit Referenzen, insbesondere auch eine starke Selbstreferentialität. Ich behaupte jetzt mal ganz frech, dass ich mit dieser These der Jean-Paul-Forschung einen ganz neuen Ansatz schenke, obwohl ich freilich nicht besonders tief in ebendiese Forschung eingestiegen bin, weshalb ich nicht sicher sagen kann, ob ich der erste bin, der das behauptet, was jedoch nichts daran ändert, dass ich sehr stolz bin auf meinen unglaublichen Geistesblitz.

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Gerade diese vielen Bezüge machen das Werk Jean Pauls aber besonders schwer lesbar – neben den berüchtigten Satzkonstruktionen, die aber ihrerseits oft gerade dadurch entstehen, dass er bei jeder Gelegenheit diese Bezüge einbauen muss.

Wo ein einfacher Geist wie ich schreibt: „Genug davon, wenden wir uns nun der Lektüre des Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal zu“, schrübe Jean Paul einen Satz, der im Umfang ungefähr diesem ganzen Tagebucheintrag entspräche und in welchem er diverse Verweise auf Stephen Hawking, den Harlem Shake, die Twilight-Saga und die diesjährigen Wagner-Festspiele unterbingen würde. Das ganze würde er mit einigen Redewendungen in Mandarin garnieren und mit der ganzen Palette der im deutschen existierenden Satzzeichen würzen (wobei er sich den Punkt sehr, sehr lange aufhöbe).

Im Schulmeisterlein Wutz macht er davon besonders regen Gebrauch. Das Problem ist, dass Jean Paul sich aber nicht auf die Twilight Saga bezieht, sondern auf „Comenii orbi pictus“ oder „Über Raum und Causalität. Zur Prüfung der Kantischen Philosophie“ von Johann Georg Heinrich Feder.

 Strübing liest Paul

Das Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal – 1

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Schon der Name des Buches – des Büchleins – lässt mich unwillkürlich an Spitzweg-Gemälde denken. „Vergnügtes Schulmeisterlein Wutz“, das klingt so putzig, so unbedarft, so … (sagen wir’s, wie es ist:) verschnarcht. Und bei „Auenthal“ hat man das idyllische Auenland vor Augen.  Gleich im zweiten Absatz erklärt Jean Paul dann auch, dass nun „die Schlafmützen aufgesetzt werden“ müssten, weil er die „ruhige Geschichte“ des Schulmeisterleins erzählen wolle.

In Dr. Katzenbergers Badereise wurden Apotheker und Kritiker verprügelt, Spinnen gegessen, Katzen aufgeschnitten, Kutschen in den Graben gefahren und Friedhöfe geplündert. Auf derartiges braucht man bei Wutzens Biographie nicht warten:

Wie war dein Leben und Sterben so sanft und meerstille, du vergnügtes Schulmeisterlein Wutz! Der stille laue Himmel eines Nachsommers ging nicht mit Gewölk, sondern mit Duft um dein Leben herum: deine Epochen waren die Schwankungen und dein Sterben war das Umlegen einer Lilie, deren Blätter auf stehende Blumen flattern – und schon außer dem Grabe schliefest du sanft!

Und schon wieder habe ich eine Spitzweg-Idylle vor Augen.

Abschweifung 1: Ich mag diese Bilder, sie erinnern mich an meine Kindheit, an Urlaub bei der Oma. Im Wohnzimmer hingen gestickte Spitzweg-Bilder, Der Büchernarr, Der abgefangene Liebesbrief  und Im Dachstübchen. Dazu das Tack-Tack des Pendels eines großen Regulators, meine Oma mit einem Roman auf dem Sofa unter der schönen Leselampe mit dem großen blassgrünen Stoffschirm, ich im Sessel mit einem Digedag-Comic oder den Jugend-und-Technik-Heften meines Onkels aus den 50er und 60er Jahren, in denen es so tolle Risszeichnungen gab von den Atomautos und Marsraketen, mit denen wir im Jahr zweitausend unterwegs wären; ein Gefühl von Geborgenheit, und gleichzeitig die Verheißung großer Abenteuer, die ich in der Zukunft im Weltall oder schon am selben Nachmittag auf dem Boden des Schuppens und im Garten erleben würde. Tatsächlich gehören Atomautos und Spitzwegbilder für mich auf merkwürdige Weise zusammen.

Abschweifung 2: Gerade bei Wikipedia im Rahmen meiner großangelegten Spitzweg-Recherche entdeckt: Es gibt ein Bild , auf dem ein Polizist einen Musiker nach dem Pass fragt. Dummerweise spricht der Polizist Fränkisch, weshalb der Musiker „Bass“ versteht und auf sein Instrument deutet ;-)

Kurz: Es wird also eher gemütlich zugehen. Allerdings wäre Jean Paul nicht Jean Paul, wenn die Erzählung nur eine Idylle wäre, die Beschreibung eines schönen, aber langweiligen Ideals.

Die Erzählung beginnt mit einer kurzen Beschreibung der Kindheit Wutz‘. Er scheint ein fröhliches Kind gewesen zu sein, jedoch auch ein frommes: So funktionierte er eine blaue Schürze zum Messgewand um, und hielt der Magd des Vaters Vorträge über ihre Sünden. Dem Vater selbst las er aus einem damaligen Bestseller der christlichen Erbauungsliteratur vor, „Der aufrichtige Cabinettprediger“ von Cober, wobei er vom Zuhörer unbemerkt eigene Gedanken mit einbaute – eine Fähigkeit, die ihm später nützen wird.

Dann soll die Jugendzeit erzählt werden – die „Flegeljahre“ – wozu der Erzähler aber in die letzten Jahre des Schulmeisterleins springt, denn in diesen widmete er sich ganz der Aufgabe, seine Jugend zu rekapitulieren: „jeden Tag nahm er einen andern Tag vor“.

An diesem Punkt fällt dem Erzähler bzw. Jean Paul auf, dass das wohl alles ein wenig verworren ist, und verspricht, nur noch einen wichtigen Umstand aus dem Erwachsenenalter von Wutz vornweg zu erzählen, um von da an hübsch geordnet und chronologisch zu erzählen. (Was ich hier in einem Satz zusammenfasse, nimmt zwei lange Abschnitte, fast eine Seite in der Reclam-Ausgabe ein.)

Wutz nämlich legt als Erwachsener eine ganze Bibliothek an. Leider hat er nicht genug Geld, sich Bücher zu kaufen, weshalb er sie alle selbst schreibt. Die einzigen Bücher, die er erwirbt, sind die Kataloge der Buchmessen – er muss doch wissen, welche Bücher gerade angesagt sind, damit er sie sich selbst schreiben kann! Denn seine Bibliothek besteht aus allen Büchern, die in seiner Zeit wichtig waren. Zumindest dem Titel nach, denn den Inhalt denkt er sich selbst aus. Er schreibt sich seine eigenen Rousseauischen Spaziergänge, seine eigenen Räuber von Schiller, seine eigene Kritik der reinen Vernunft von Immanuel Kant.

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(Spitzwegs Büchernarr. Vermutlich hat er sich die Bücher nicht selbst geschrieben.)

Dabei bleibt es natürlich nicht aus, „daß es manchmal mit ihm haperte“. In seiner Version des „Federschen Traktat über Raum und Zeit“ etwa geht es um nichts als den „Schiffraum“ und die „Zeit, die man bei den Weibern Menses nennt“, also um „die Tage“.

Ein Haufen Arbeit ist das natürlich. Und so kommt es, dass er manchmal vor lauter „literarischer Geburtarbeit kaum niesen konnte“.

Auch Reisebeschreibungen, etwa die der „Cookischen Reise“ erfindet er sich selbst, was Jean Paul mit einem Satzungetüm kommentiert, dass ich bereits in meinem ersten Beitrag für dieses Weblog als Beispiel für die Herausforderungen, die die Jean-Paul-Lektüre bietet, zitiert und auf meine Stadtschreiberstelle bezogen habe. (Jean Paul und ich sind uns zumindest in unserer Freude an der Selbstreferenzialität sehr ähnlich.)

An dieser Stelle ist für heute unvermittelt Schluss – ich habe mir vorgenommen, in Zukunft mit meinen Eintragungen unter 10.000 Zeichen zu bleiben (das entspricht immerhin 5,5 Standard-Manuskriptseiten). Bis morgen!

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2 Kommentare zu “Tag 64 – Wie der arme Poet im Atomauto zum Mars flog

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