Tag 65 – Hurra, es regnet – ich dachte schon, Bayreuth kann nur Schnee!

Tagebuch, 9.4., 17.30 Uhr, Dienstag

Ich krieg heute keinen brauchbaren Satz geschrieben. Viel zu müde bin ich, und weiß gar nicht, warum. Frühjahrsmüdigkeit kann es ja leider immer noch nicht sein …

Ich bin heute für meine Verhältnisse sehr früh aufgestanden, viertel acht, das ist  für mich schon eine Herausforderung. Normalerweise bin ich sehr zufrieden mit mir, wenn ich es um 9 aus dem Bett schaffe, aber es wird auch oft ein ganzes Stück später – dafür macht man als Autor aber auch erstens praktisch nie Feierabend (so behaupten wir zumindest gerne, und tatsächlich kann man ja auch einen Fernsehabend zum Inputsammeln verklären und einen Gammelnachmittag zur nötigen Muße- und Nachdenkzeit), und zweitens habe ich mich durch meine häufigen Lesungen zwangsläufig zum Spätmenschen entwickeln müssen. Die beiden wöchentlichen Berliner Lesebühnen LSD und Chaussee der Enthusiasten, bei denen ich jahrelang Mitglied war, begannen um 9 oder halb 10, waren nie vor halb 12 zu Ende, und danach konnte man schließlich auch nicht gleich ins Bett.

Wofür entschuldige ich mich eigentlich, herrjeh?!

Ach, wenn ich nur daran denke, dass ich für meine Zeit in Bayreuth vorgenommen hatte, jeden Tag ein Stündchen Mittagsschlaf zu machen … ich Narr! Fünf ruhige Ausschlafmonate hatte ich mir vorgestellt, aber Pustekuchen! Die Stadt und Jean Paul halten mich ganz gut auf Trab. Oder sagen wir es so: Ich halte mich mit der Stadt und Jean Paul ganz gut auf Trab, es treibt mich ja niemand.

Heute morgen las ich anderthalb Stunden vor Schülern der 10. Klasse am GCE vor, das war immerhin ein guter Grund, mich aus dem Bett zu quälen. Ich hoffe, die Schüler fühlten sich ihrerseits nicht von mir gequält, mir hat es jedenfalls Spaß gemacht.

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Dann stand heute auch noch ein  themenbezogener Fotostadtrundgang (die Ergebnisse demnächst hier) auf dem Programm, außerdem diverse Erledigungen und eigentlich auch ein Museumbesuch, aber da ist irgendwas mit der Verabredung schief gegangen. Möglicherweise hatte ich mir einen falschen Termin eingetragen.  Habe dummerweise keine Rückrufnummer. Und jetzt sitze ich irgendwie doch schon wieder zweieinhalb Stunden am Tagebuch, obwohl ich es heute ganz kurz halten wollte. Zum Kompott musste ich vorhin auch noch unbedingt eine Folge Spongebob und zwei Folgen Big Bang Theory schauen (was sich gut mit einem verspäteten Mittagessen und dem Vorsortieren der Fotos verbinden ließ).

Wo ich eben schon beim Entschuldigen war: Gestern bin ich sehr nett gegrüßt worden und habe etwas stammmelig zurückgegrüßt, weil ich nicht sicher war, woher wir uns kannten. So etwas passiert mir leider sehr oft. Tut mir leid.

So, jetzt rasch noch ein bisschen gewutzt, dann einkaufen,  Abendessen, noch ein paar Sachen erledigen und ab ins Bett, bevor ich so müde bin, dass ich schon wieder munter bin.

Strübing liest Paul

Das Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal – 2

Wutz also schreibt sich als Erwachsener eine ganze Bibliothek der wichtigstenWerke der bekanntesten Autoren selbst. Was nicht heißt, dass er ein früher Raubkopierer wäre, nein, er „war kein verdammter Nachdrucker, der das Original hinlegt und oft das meiste daraus abdruckt: sondern er nahm gar keines zur Hand“.

Vor wenigen Tgen habe ich gelesen, dass die HBO-Fantasy-Serie „Game of Thrones“ einen Weltrekord aufgestellt hat: Sie ist, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, die am häufigsten illegal heruntergeladeneFernsehserie der Welt. Nehmen wir an, Wutz hätte nicht am Ende des 18. Jahrhunderts gelebt, sondern in unserer: Dann hätte er die Serie also nicht raubkopiert, sondern mit einer billigen Kamera sein eigenes „Game of Thrones“ gedreht, und da er das Original nie gesehen hätte, hätte er sich vielleicht überlegt, dass es sich beim „Spiel der Throne“ nur um ein auf einem überdimensionalen Brett ausgetragenes Schachspiel mit Kloschüsseln als Spielfiguren handeln könne und sich daran gemacht, dieses filmisch umzusetzen. So ungefähr stelle ich mir das vor.

Er schreibt also nicht, weil er Schriftsteller und Gelehrter sein wollte, sondern weil er sich den Kauf der Bücher, die er gern lesen würde, nicht leisten kann. Ansonsten würde er „wahrhaftig nicht so dumm sein, daß er Federn nähme und die besten Werke machte, wenn er nichts brauchte, als bloß den Beutel aufzubinden und sie zu erhandeln“. 

Was die Versorgung mit Büchern angeht, so hat sich einiges getan. Schon hundert Jahre später konnte etwa Mark Twain schreiben:“Es ist idiotisch, sieben oder acht Monate an einem Roman zu schreiben, wenn man in jedem Buchladen für zwei Dollar einen kaufen kann.“

Wollte Wutz hingegen „etwas Gescheites lesen, z. B. aus der praktischen Arzneikunde oder aus der Kranken-Universalhistorie“, so muss er es sich selbst ersinnen. Er schreibt Bücher über die Geheimnisse der Freimaurer, über Chemie und Alchimie, und alle dieses Wissen spinnt er sich selbst zusammen – und glaubt es. Kommt ihm doch mal ein gedrucktes Buch in die Hände, schüttelt er fassungslos den Kopf darüber, wie die Drucker das handschriftliche Original, in dessen Besitz er sich befindet, dermaßen verfälschen konnten.

Wutz hat sich glücklich eingerichtet in einer selbstgeschaffenen literarischen, wissenschaftlichen und historischen Parallelwelt.

Aber: „Jetzt wollen wieder in seine Kindheit zurück.“ Wobei „jetzt“ in meinem Fall „morgen  oder so“ bedeutet. 

Verlorene Praxis:

– sich vor Freude über das Barfußsein (bzw. „die untere Entkleidung und das Deshabillé der Beine“) eine Kot-Rotunda mauern

– das Ostermeß-Heu in die Panse des Bücherschranks hineinmähen, eh‘ das Michaelis-Grummet hinausschießt

– nach dem Abendessen noch um den Südpol rudern

Schönstes Bild:

… bedenke, daß nicht Jahrtausende, sondern Jahrzehende dieses Gesicht in das zusammengeronnene zerknüllte Gesicht voll überlebter Hoffnungen ausgedorret haben …

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Ein Kommentar zu “Tag 65 – Hurra, es regnet – ich dachte schon, Bayreuth kann nur Schnee!

  1. „Wo ich eben schon beim Entschuldigen war: Gestern bin ich sehr nett gegrüßt worden und habe etwas stammmelig zurückgegrüßt, weil ich nicht sicher war, woher wir uns kannten. So etwas passiert mir leider sehr oft. Tut mir leid.“

    Wir kennen uns nicht – ich finde Ihren Blog nur sehr nett… ;-)

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