Tag 66 – Bayreuth passiert

Tagebuch, 10.4., Mittwoch, 10.00 Uhr

Die zweite Besonderheit Bayreuths neben den eingemauerten Gewässern sind die Passagen. Es ist nur ein subjektiver Eindruck, vielleicht irre ich mich vollkommen, vielleicht sind sie mir anderswo bloß nicht aufgefallen. Aber Bayreuths Fußgängerzone scheint mir die weltweit höchste Passagendichte zu haben. Ich habe im Bereich Maximilian- und Richard-Wagner-Straße bisher sieben gezählt, aber das sind sicher noch mehr.

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Ich mag Passagen. Passagen sind eine unglaublich praktisch Angelegenheit. Und so vielseitig: Man kann mit ihnen von einer Straße zur anderen gelangen wie mit einer Querstraße, man kann in vielen von ihnen einkaufen wie in einem Kaufhaus, man kann Kaffee trinken, vietnamesisch essen und seine Haustiere fotografieren lassen (es gibt ganze Gemeinden in Deutschland, die nicht eine solche Fülle an Dienstleistungen bieten wie etwa die Max 48 Passage), man kann in ihnen Schutz vor Regen suchen wie in einem Wartehäuschen und in einigen dank Glasdach trotzdem den Himmel sehen, man kann, vor Wind geschützt, problemlos eine Zigarette anzünden, man kann in verschiedenen Bayreuther Passsagen sein Äußeres überprüfen, da sie großzügig mit verspiegelten Glasscheiben ausgestattet sind und und und … Passagen sind sozusagen die Schweizer Offiziersmesser unter den städtebaulichen Maßnahmen.

Oder anders: Sie sind die „Durchreichen“ der Städte.

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(Eine eine Passage passierende Passantin.)

Abschweifung: Bis ich sieben Jahre alt war, wohnte ich in Roßlau, einer kleinen Stadt in Sachsen-Anhalt (inzwischen ist sie etwas größer, da sie das Nachbardorf Dessau geschluckt hat). Wir wohnten im Haus meiner Oma, im ersten Stock, mit Kohleofen und Außentoilette. Wenn wir auf die Toilette wollten, mussten wir erst aus der Wohnung, durch den Flur, die Treppe runter, durch einen weiteren Flur, über eine Terrasse, eine weitere Treppe hinab und über einen kleinen überdachten Hof, dessen Boden die Holzabdeckung der Klärgrube war, um endlich das unbeheizte Plumpsklo zu erreichen.

Wenn ich das so aufschreibe, klingt es für mich selbst unglaublich, aber so war das eben, und es hat mir damals nicht viel ausgemacht. Immerhin war es sauber und als Kind genoß ich das Privileg eines Nachttopfes am Bett. Das einzige was mir Sorgen machte, waren die Geschichten über einen Onkel, der angeblich einmal in die Klärgrube gefallen war, aber ich glaube, die hat man mir nur erzählt, um mir ein bisschen Angst zu machen – ein beliebtes Hobby meiner Onkels.

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Dann der Umzug nach Berlin Marzahn, in den 10. Stock eines WBS70-Blocks. Fahrstuhl, Fernheizung, fließend warmes Wasser, wann immer wir wollten, eine Innentoilette – und die „Durchreiche“ – es war ein unvorstellbarer Luxus! Omas Garten fehlte natürlich, dafür gab es aber riesige Sandberge und Baustellen, wo man hinsah, die besten Abenteuerspielplätze der Welt.

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Die Küche unserer Wohnung war in das Wohnzimmer integriert, es war aber keine amerikanische Küche – natürlich nicht! – sondern sie war ein abgeschlossener Raum. Wenn man sich den Wohnzimmergrundriss als Quadrat vorstellt, war ein Viertel davon als Küche abgeteilt. Es gab eine Tür zum Wohnzimmer (die aber in der Regel durch einen Vorhang ersetzt wurde) und einen Durchbruch in der Mauer zur Essecke – die Durchreiche. Eine von beiden Seiten zu öffnende Glasvitrine, in der Gläser oder irgendwelcher Nippes standen, und durch die man das Essen aus der Küche zum Esstisch durchreichen konnte. Was für eine unglaublich praktische Angelegenheit, Mensch, da hatte sich mal jemand was einfallen lassen! Wahrscheinlich stammt die Erfindung der Durchreiche aus der Weltraumforschung oder der Rüstungsindustrie. Damals war ja eigentlich alles wirklich Brauchbare ein Nebenprodukt des Kalten Krieges.

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In den ersten Wochen nach dem Umzug meldete ich mich immer freiwillig zum Tischdecken und Abräumen, weil ich es so faszinierend fand, wie wenig Mühe es bereitete, die von der Mutter in der Küche bereitgestellten Sachen einfach nur aus der Durchreiche zu nehmen und auf den Tisch zu stellen, mein Gott, ich durfte gar nicht daran denken, dass wir in Roßlau noch wie die Urmenschen zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her rennen mussten.

Mein Tischdeck-Enthusiasmus hielt allerdings nicht allzu lange, irgendwann wurde mir auch das Durchreichen zu viel. Der Mensch ist eben nicht für die Zufriedenheit geschaffen, und sollte ich jemals einen Geschirrspüler haben, werde ich das Ausräumen desselben spätestens nach einem Monat als schreckliche Belastung empfinden.

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Was die Durchreichen-Forschung und die Versorgung der Bevölkerung mit Durchreichen anging, war die DDR Weltspitze. Die Durchreichen waren quasi die Autobahnen des Ostens, denn noch heute, wenn über das SED-Unrechtsregime geredet wird, hört man Leute mit erhobenem Zeigefinger „Aber die Durchreichen!“ sagen …

Abschweifung Ende.

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Besonders bemerkenswert an den Bayreuther Passagen ist der hohe Anteil an 80er-Jahre-Dachkonstruktionen und -Lampen. Besonders sind hier natürlich die Eysserhaus- und die Funkhaus-Passage zu nennen. Es ist kaum vorstellbar, dass Leute so etwas wirklich einmal schön fanden. Sie erinnern mich an die früheren InterRegios der Deutschen Bahn, die jetzt als ICs firmieren. Immerhin hat man in den Passagen darauf verzichtet, die seltsamen Konstruktionen mintgrün oder blassrosa zu streichen.

Andererseits werden zukünftige Generationen das endgültige ästhetische Urteil fällen müssen, und wer weiß ob nicht eines Tages das Bayreuther Passagen-Ensemble Teil des UNESCO-Weltkulturerbes wird. In meiner beschränkten Sicht muss ich jedenfalls dauernd daran denken, was mir vor einiger Zeit ein Bayreuther erklärte: dass die SPD in den 70er und 80er Jahren Bayreuth Schlimmeres angetan hat als die alliierten Bomber im Zweiten Weltkrieg.

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Hier kommt aber zum Glück ein weiterer Vorteil von Passagen zum Zuge: Sie eignen sich hervorragend zum Verstecken von Bausünden! Hier können sich misanthropische Architekten (ich stelle mir die Verantwortlichen gerne als Dr. Katzenbergers der Architektur vor) richtig austoben, ohne dass es groß stören würde.

Ich hab mal eine persönliche Top-Drei der Bayreuther Passsagen angelegt:

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Platz 3: Karstadtpassage zwischen Kanalgasse und dem Karstadt am Marktplatz. Ich weiß nicht warum, aber ich mag sie irgendwie. Als schön kann man sie nun wirklich nicht bezeichnen, aber irgendetwas spricht mich sehr an. Im Gegensatz zu herkömmlichen Passagen ist sie größtenteils unüberdacht, außerdem ist sie ein Hochweg. Mein Kollege Ahne hat auf seinem Weblog die Rubrik „Sätze seltsamer Schönheit“. Diese Passage wäre was für „Orte seltsamer Schönheit“.

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Platz 2: Die Passage vom Markt zum Rotmain-Center. Da gibt’s nun absolut nichts zu meckern. Erstens weiß sie durch klassisches Design zu überzeugen, zweitens ist sie wirklich ungemein praktisch. Und – darauf wies mich neulich jemand hin – die Lösung, das Einkaufszentrum aus der Innenstadt herauszuhalten und gleichzeitig durch diese Passage und die Brücke an sie anzuschließen, ist wirklich vorbildlich.

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Platz 1: Eysserhaus-Passage: Jetzt halten mich wahrscheinlich alle Leser für verrückt, aber ich liebe dieses Ding. Ein Inferno aus verspiegeltem Braunglas, ulkigen Lampen mit seltsamen Quadern dran und natürlich eine der in Bayreuth offenbar sehr beliebten Spitzdachkonstruktion aus Glas und Stahl. Und an der Rolltreppe gibt es Neonröhrenlichtbänder und überhaupt! Ich liebe diese Passage! (Und wieder einmal wünsche ich mir einen Anti-Ironie-Smiley, weil sonst alle denken, ich würde das ironisch meinen.)

Abschweifung: Es wäre eigentlich interessant gewesen, den Satz über das Anti-Ironie-Smiley mit einem Ironie-Smiley zu versehen ;-)

Vielleicht lasse ich mich nach meiner Zeit als Stadtschreiber ja ganz in Bayreuth nieder und mache mich mit ganz besonderen Stadtrundgängen selbstständig.

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Strübing liest Paul

Das Leben des vergnügten Schulmeisterlein Wutz – 3 

Zurück also in Wutzens Kindheit, nachdem heute schon meine eigene Thema war. Mit zehn Jahren kommt Wutz ins Internat. Oder, wie Jean Paul schreibt: Er „verpuppte sich in einen mulattenfarbigen Alumnus“. Ein Alumnus ist ein Internatsschüler. Das Alumneum ist das Internat – wieder einmal bin ich voll Dankbarkeit für den Reclamverlag und seine mit vielen Anmerkungen versehenen Jean-Paul-Ausgaben, auch wenn diese leider nicht erklären, was es mit der „Mulattenfarbigkeit“ auf sich hat und mir auch den folgenden Satz nicht wirklich verständlich machen können:

Sein Examinator muß mein Zeuge sein, daß es keine weiße Schminke ist, die ich meinem Helden anstreiche, wenn ichs zu berichten wage, daß er nur noch ein Blatt bis zur vierten Deklination zurückzulegen hatte und daß er die ganze Geschlecht-Ausnahme thorax caudex pulexque vor der Quinta wie ein Wecker abrollte – bloß die Regel wußt‘ er nicht.

 

Ich interpretiere ihn mal so, dass Wutz ein guter Schüler war, der eher durch Intuition und Auswendiglernen als durch wirkliches Wissen brillierte. „Jemandem weiße Schminke anstreichen“ ist im Reclamheft leider nicht erklärt. Ich denke mir, dass es wahrscheinlich bedeutet, jemanden zu Unrecht zu loben.

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Außerdem ist Wutz ein sehr ordentlicher Schüler, der ordentlichste am ganzen Internat, „denn zufriedene Menschen sind die ordentlichsten“, was, wenn es denn stimmte, mich zu einem Menschen machen würde, der sehr unzufrieden ist. (Zum Glück bemerke ich meine eigene Unzufriedenheit normalerweise nicht.)

Wutz richtet seine Schreibbücher solange, bis sie lotrecht aufeinander liegen und steht des nachts auf, um so lange an seinen Schuhen herumzuzuppeln, bis sie exakt und parallel ausgerichtet sind. Klingt ziemlich zwanghaft, wenn man mich fragt. Allerdings unterscheidet ihn etwas von wirklichen Zwangscharakteren, die nie richtig zufrieden mit dem Ergebnis sind: Er freut sich wie ein Schneekönig, wenn er die erwünschte Ordnung hergestellt hat:

 War alles metrisch: so rieb er die Hände, riß die Achseln über die Ohren hinauf, sprang empor, schüttelte sich fast den Kopf herab und lachte ungemein

Im nächsten Teil erfahren wir mehr über die „Wutzische Kunst, stets fröhlich zu sein“

(Mist, doch wieder über 10.000 Zeichen.)

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4 Kommentare zu “Tag 66 – Bayreuth passiert

  1. Ulkige Lampen in der Eysserhaus-Passage? Muss ich morgen gleich mal guggen… ansonsten liest „Wolfgang“ gerade die „Haarteppichknüpfer“ von Eschbach. Und PR. Und das seit ü 40 Jahren…

  2. Falls du mal sehen willst, wie sich die literarische Seite der Bayreuther Volksseele manifestiert, dann solltest du auf Facebook gehen: „Du weißt, dass du aus Bayreuth bist, wenn…“
    http://www.facebook.com/groups/409306699118177/
    Sehe gerade, dass der Teil, in dem das Für und Wider des geschriebenen Dialekts in über 60 (!) Beiträgen erörtert worden ist, vom Koordinator gelöscht wurde. SCHANDE!

  3. „Vielleicht lasse ich mich nach meiner Zeit als Stadtschreiber ja ganz in Bayreuth nieder und mache mich mit ganz besonderen Stadtrundgängen selbstständig.“ – was bessere könnte Bayreuth doch gar nicht passieren :)

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