Tag 68 – Verwutzt und zugenäht

Ich habe heute mal wieder einen kleinen Text auf mein normales Weblog Schnipselfriedhof gestellt, dafür fällt hier heute der Tagebuchteil aus und ich starte direkt mit:

Strübing liest Paul

Das Leben des vergnügten Schulmeisterlein Wutz – 4

Ich habe mich nach der Lektüre von Dr. Katzenberger, dem Buch Über die deutschen Doppelwörter sowie diverser kürzerer Texte und Ausschnitte in dem Glauben  gesonnt, Jean Paul inzwischen recht flüssig lesen zu können. Aber Wutz macht mir klar, dass dies ein Irrglauben war. Hier gibt es viele Abschnitte, die ich nur mit allergrößter Mühe lesen kann.

Ich erinnere mich dann zum Glück immer an den Vortrag von Prof. Kurt Wölfel zu Jean Paul (das Bayreuther Tagebuch berichtete), der erzählte, dass Jean Paul selbst empfohlen habe, solche Stellen zu überlesen. Er selbst (also der Professor) traue sich das nicht, er lese sie trotzdem, aber erbost, woraufhin ich mir vornahm, sie erbost zu überlesen. Dazu bietet der Wutz viel Gelegenheit.

Im heutigen Abschnitt will Jean Paul, wenn ich das richtig verstanden habe, sagen, dass die Zeit im Internat für die meisten Schüler hart ist. Er schreibt aber stattdessen, dass ein gewisser „Carminati ganze Invalidenhäuser mit dem Supernumerär-Magensaft der Konviktorien und Alumneen auszuheilen“ vermag, er schweift ab zu elenden Ladenjungen aus Bremen und sittenlosen Südamerikanern, die durch „in meinen Exzerpten stehende Qualen appretiert und sublimiert zu werden“ und zu den Schulpforten, „deren Konklavisten insgesamt wahre Knechte der Knechte sind“, konstatiert Ähnlichkeiten zwischen dem „schwarze[n] Überzug und [dem] kanonische Mohren-Enveloppe des Mantels“ der Alumnen (deren oft getadeltes „Chor-, Gassen- und Leichensingen“ ein recht gutes Mittel sei , protestantische Klosterleute aus ihnen zu ziehen) mit einer Mönchkutte und macht einen Abstecher nach Leipzig wo „um die Thomasschüler, da doch einmal die Geistlichen die Perücken-Wammen anhängen müssen, wenigstens die Herzblätter eines aufkapfenden Perückchens herum[schießen], das wie ein Pultdach oder wie halbe Flügeldecken sich auf dem Kopfe umsieht“.

Wie auch immer: Maria Wutz ficht dies alles nicht an, denn er beherrscht „die Kunst, stets fröhlich zu sein“.

Der wichtigste Punkt dabei: Er hat immer etwas über das und auf das er sich freuen kann, noch der schlimmsten Situation gewinnt er etwas Gutes ab und sei es nur die Vorfreude auf den Moment, wo sie vorbei ist.

»Vor dem Aufstehen«, sagt‘ er, »freu‘ ich mich auf das Frühstück, den ganzen Vormittag aufs Mittagessen, zur Vesperzeit aufs Vesperbrot und abends aufs Nachtbrot – und so hat der Alumnus Wutz sich stets auf etwas zu spitzen.« Trank er tief, so sagt‘ er: »Das hat meinem Wutz geschmeckt« und strich sich den Magen. Niesete er, so sagte er: »Helf dir Gott, Wutz!« […] War der Tag gar zu toll und windig […], so war das Meisterlein so pfiffig, daß es sich unter das Wetter hinsetzte und sich nichts darum schor […] »Abends«, dacht‘ er, »lieg‘ ich auf alle Fälle, sie mögen mich den ganzen Tag zwicken und hetzen, wie sie wollen, unter meiner warmen Zudeck und drücke die Nase ruhig ans Kopfkissen, acht Stunden lang.« Und kroch er endlich in der letzten Stunde eines solchen Leidentages unter sein Oberbett: so schüttelte er sich darin, krempte sich mit den Knien bis an den Nabel zusammen und sagte zu sich: »Siehst du, Wutz, es ist doch vorbei.«

Wutz erinnert mich an eine Comicfigur, die ich erfunden habe, Spinne aus der Trickfilmserie Kloß und Spinne. Sie handelt von zwei Männern, die in einer Berliner Eckkneipe über Gott und die Welt reden, über die großen Fragen und die kleinen Ärgernisse des Lebens, wobei Spinne allem und jedem etwas Positives abgewinnen kann – ob es sich nun um Liebe, Gehacktes oder Nazis handelt – während seinem Kumpel Kloß alles ein Graus und ein Grund für schlechte Laune ist.

klossspinne

(Ein altes Bild von Kloß und Spinne – durch den kürzlichen Lotto-Skandal wieder von brennender Aktualität!)

Ich hoffe, Jean Paul hat in das Büchlein auch einen Kloß eingebaut, ein Gegengewicht zu Grinsebacke Wutz. Eine gelegentliche Begegnung mit Dr. Katzenberger wäre sicher wohltuend.

Der „zweite Pfiff“ des Wutschischen Glücksplans ist es, stets fröhlich aufzuwachen. Dazu hebt er sich jeden Abend etwas Schönes für den Morgen auf, „entweder gebackne Klöße oder ebensoviel äußerst gefährliche Blätter aus dem Robinson, der ihm lieber war als Homer“.

Ich kenne einen viel besseren Trick für ein glückliches Erwachen: Nämlich sich versehentlich den Wecker zu stellen. Es gibt fast nichts Schöneres, als morgens aus dem Schlaf gerissen zu werden und festzustellen, dass man noch zeit hat und wieder einschlafen kann. Herrlich. Mein ganz privates Paradies wäre eine endlose Abfolge solcher Augenblicke …

Noch besser, als sich versehntlich den Wecker zu früh zu stellen ist natürlich, sich einen Partner zu suchen, der eher aufstehen muss, als man selbst. Wie schön, ihr oder ihm ein verschlafenes „Ich wünsch Dir einen schönen Tag“ hinterherzumurmeln und sich dann das zweite Kissen und die freigewordene Decke zu schnappen und sich noch einmal richtig einzumummeln.

Womit wir auch beim dritten Punkt wären: sich verlieben. Doch dazu mehr im nächsten Eintrag.

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Ein Kommentar zu “Tag 68 – Verwutzt und zugenäht

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