Tag 72 – Die Anti-Idylle

Tagebuch, 16.4., Dienstag 11.00 Uhr

Nein, mit der Anti-Idylle meine ich nicht Bayreuth, sondern den Wutz, siehe unten.

Die Hälfte meiner Zeit hier ist um – und mir gefällt es noch immer. Es ist an der Zeit für eine Zwischenbilanz, aber ich hebe mir diese noch etwas auf. Am Wochenende mache ich einen kleinen Berlin-Urlaub (Berlin-Urlaub! Dazu kommt man als Berliner ja nie!), dann habe ich noch einmal einen direkten Vergleich.

Ich würde sagen, dass ich mich ziemlich gut hier eingelebt habe. Ich fühle mich wohl, nenne meine Wohnung hier „zuhause“, es hat nichts Fremdes mehr, den fränkischen Dialekt zu hören, ich habe Stammcafés und Kneipen gefunden. Und am wichigsten: Freundschaften geschlossen.

Auf gewisse Weise ist das gar nicht gut für die Stadtschreiberei, weil ich nicht mehr automatisch jeden Tag etwas Neues entdecke, weil ich langsam aber sicher anfange aus der Perspektive eines Einwohners auf Bayreuth zu blicken. Das große Risiko einer jeden teilnehmenden Beobachtung.

Aber ich bin natürlich trotzdem sehr froh darüber. Fünf Monate an einem Ort, der mir die ganze Zeit fremd bleibt, wären sicher sehr deprimierend gewesen.

Und ich werde die Augen offen halten. Jetzt, im Frühjahr, gibt es auch wieder ganz neue Möglichkeiten, Stadt und Leute kennenzulernen, ich habe auch einige Ideen, die verhindern werden, dass ich es mir in „meinem Kiez“ zu gemütlich mache.

IMG_9353

Ein paar Nachträge: Am Sonnabend war ich in der neueröffneten Schokofabrik, das hat mir gut gefallen. Ein paar mehr Sitzgelegenheiten für (immer noch) knieversehrte Stadtschreiber hätte ich mir gewünscht, alternativ hätte man das Konzert von Capote aus Bayreuth und Sedlmeir aus Berlin auch mit etwas weniger als 90 Minuten anfangen lassen können. Ich bin jetzt wohl in dem Alter angekommen, wo man so dumm ist, pünktlich zu Veranstaltungen zu gehen. Zufälligerweise ist das aber auch das Alter, in dem man nicht mehr stundenlang rumstehen und auf den Beginn eines Konzertes warten will. Ich will es positiv sehen: So habe ich wenigstens die Eintrittskarte mit der handschriftlichen laufenden Nummer 1 bekommen, hey! (Ich Dussel hätte sie mir von den Musikern signieren lassen sollen, Mist!)

IMG_9358

Auch der letzte Gast dürfte leider noch eine relativ niedrige Nummer auf seiner Karte gehabt haben, denn es wurde nicht sehr voll, was wiederum ein Problem für den Ton darstellte, da das von Tontechnikern (so verriet mir zumindest einmal ein Tontechniker) liebevoll „Dämmfleisch“ genannte Publikum nicht ausreichte, um den Hall zu schlucken.

Bei der Veranstaltungsbewerbung scheint man davon ausgegangen zu sein, dass es ausreicht, irgendwo im Kleingedruckten eines in irgendeiner Ecke des Internets vergrabenenen Textes etwas zu erwähnen.

IMG_9361

Na, das wird schon noch. Die Schokofabrik erhält gerade viel mediale Aufmerksamkeit und sicher wird es sich auch bald herumsprechen, dass es dort wieder einen Konzerte, Partys und vieles andere gibt. Die Vereinsmitglieder waren aufgrund der TÜV-Abnahme und der offiziellen Eröffnung der Skate-Bahn in den letzten Wochen wohl auch ziemlich im Stress.

Vom Konzert ist mir ganz besonders ein Lied im Gedächtnis und als Wurm im Ohr geblieben. Ein Song von Sedlmeir, in dem dieser sich mit Wagner auseinandersetzte: „Wagner, Wagner, oi, oi, oi“. Der Titel war dann auch schon fast der gesamte Text, es gab nur noch eine weitere Strophe: „Parsifal, Parsifal, oi, oi, oi“. Damit ist mein Wagner-Soll für 5 Monate Bayreuth erfüllt, oder?!

Eigentlich bin ich ja auch für Jean Paul „zuständig“ und darum geht es gleich mit dem Wutz weiter.

Vorher noch ein zweiter Nachtrag: Lesebühnenkollege und Reptilienexperte Heiko Werning aus Berlin schrieb mir, dass auf den Fotos aus dem ÖkoBot wirklich Frösche zu sehen sind, keine Kröten. Mohrfrösche wahrscheinlich.

Strübing liest Paul

Das Leben des vergnügten Schulmeisterlein Wutz – 5

Frühlingsgefühle auch beim Wutz. Der dritte Paragraph seiner Kunst, stets fröhlich zu sein, lautet: sich verlieben.

Gymnasiast Wutz sieht, wie ich einem Satz, den ich unten in der Rubrik „Sätze des Schreckens“ zitiere, entnehme, auf einem Karneval in Joditz die 15jährige Justina, „ein hübsches gelenkiges Ding“ und tut, „was in solchen Fällen zu tun ist; er wurde, wie gesagt, verliebt.“ Und zwar gleich richtig, der Wutz macht keine halben Sachen, „er tanzte sich augenscheinlich in die Liebe und in ihre Garne hinein.“

Endgültig erliegt er ihr, „als sie endlich gar mit einem roten Schnupftuch sich Kühlung vorwedelte“. Das Taschentuch als Werkzeug und Waffe der Verführung, sozusagen als rotes Tuch, dass den Stier närrisch macht – das ist „verlorene Praxis“, diese Zeiten sind vorbei, wer heute in einem Club seine „Rotzfahne“ schwenken würde, bräuchte sie wahrscheinlich im nächsten Augenblick, um sich das Blut von der Nase zu wischen …

DSC08669

 (Darüber hätte sich Wutz sicher genauso gefreut wie ich.)

Wutz trägt schließlich „seinen mit dem Gas der Liebe aufgefüllten und emporgetriebnen Herzballon freudig“ freudig ins Internat zurück, ohne jemandem von seiner Liebe zu erzählen, „am wenigsten der Schnupftuch-Fahnenjunkerin selber“. Nicht, weil er schüchtern wäre, sondern weil es ihm vollkommen reicht, verliebt zu sein, „weil er nie mehr begehrte als die Gegenwart; er war nur froh, daß er selber verliebt war, und dachte an weiter nichts …“

So jetzt mal Stop. Wutzens Lebensgeschichte, diese vermeintliche Idylle, wird von Seite zu Seite unheimlicher. Jean Paul zeichnet einen Sonderling, der zwar prima in der Gesellschaft funktioniert, der freundlich, fleißig, ordentlich, aber letztlich vollkommen auf sich bezogen ist. Ein perfekter Opportunist, der zu jeder Zeit leben könnte und immer mit den Verhältnissen im Einklang wäre, da er selbst aus der unangenehmsten Situation noch Freude zieht. Die Liebe ist ihm nichts, das ihn mit einem geliebten Menschen verbindet, sondern etwas, dass er ganz für sich allein behält. Und bei seiner späteren Marotte, sich alle Bücher selbst zu schreiben würde ich jetzt davon ausgehen, dass dies weniger seiner materiellen Not geschuldet ist, als vielmehr dem Umstand, dass ihn die Geschichten, Berichte, Ideen der Autoren nicht interessieren, dass er vielleicht gar keine Lust hat, sich mit anderen Gedankenwelten auseinanderzusetzen; sie könnten ja irgendetwas unpassendes, unangenehmes in die selbstgeschaffene Idylle seines Lebens bringen – so wie eine erfüllte Liebe nicht mehr von ihm allein zu kontrollieren wäre, sondern sich mit der geliebten Person auseinandersetzen müsste!

Dem widerspricht freilich, dass es etwas weiter vorne heißt, dass er gern Robinson Crusoe gelesen habe. Und im weiteren Verlauf der Geschichte wird er wohl auch heiraten. Trotzdem habe ich bisher den Eindruck, dass Wutz bei aller Freundlichkeit und „Funktionalität“ letztlich vollkommen asozial ist. Mit dem Vorzug, dass er niemanden darunter leiden lässt.

Nein, das Büchlein ist keine Idylle. Es ist eine Satire mit den Mitteln der Idylle. Und natürlich schwingt auch ein bisschen der Traum mit, sich selbst zu genügen, ein durch und durch zufriedenes Leben zu führen; ein Traum, der hier immer hart an der Grenze zum Alptraum ist. Oder umgekehrt.

DSC08671

Verlorene Praxis

– dem Schnupftuch in einer weiblichen Hand stets auf der Stelle ohne weitere Gegenwehr erliegen

Ewige Wahrheiten

… in den engen Amt- und Arbeitstuben, auf Rathäusern, in geheimen Kabinetten liegen unsre Herzen wie auf ebenso vielen Welkboden und Darrofen und runzeln ein.

Sätze des Schreckens

Wenn Venedig, Rom und Wien und die ganze Luststädte-Bank sich zusammentäten und mich mit einem solchen Karneval beschenken wollten, das dem beikäme, welches mitten in der schwarzen Kantors-Stube in Joditz war, wo wir Kinder von 8 Uhr bis 11 forttanzten (so lange währte unsre Faschingzeit, in der wir den Appetit zur Fastnacht-Hirse versprangen): so machten sich jene Residenzstädte zwar an etwas Unmögliches und Lächerliches – aber doch an nichts so Unmögliches, wie dies wäre, wenn sie dem Alumnus Wutz den Fastnachtmorgen mit seinen Karnevallustbarkeiten wiedergeben wollten, als er, als unterer Sekundaner auf Besuch, in der Tanz- und Schulstube seines Vaters am Morgen gegen 10 Uhr ordentlich verliebt wurde.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s