Tag 80 – Kniedyllendichtung

Tagebuch, 24.4., Mittwoch,  09.00 Uhr

Es ist ein bisschen schade, dass die Stadt Bayreuth einen defekten Stadtschreiber erwischt hat. Er wurde zwar gleich im Februar zur Reparatur nach Berlin zurückgeschickt, aber leider war diese nicht richtig erfolgreich.

Eigentlich hätte ich zwei Wochen nach meiner Arthroskopie wieder an Marathons teilnehmen können sollen (so hatte es mir der Chirurg verkündet), doch nach zweieinhalb Monaten bin ich noch nicht einmal für die Fränkischen Bierwanderungen fit.

In fremden Städten halte ich es am liebsten so, dass ich anfangs jeden Tag in irgendeine Richtung loslaufe oder mit dem Fahrrad fahre, ohne ein Ziel, ohne vorher nachzuschauen, wohin ich gelangen und was mich erwarten könnte. Ich dachte, ich könne das spätestens zum Beginn des Frühlings nachholen. Stattdessen hänge ich fast ausschließlich in der Innenstadt und überlege mir schon, ob ich wirklich noch einen kleinen Spaziergang im Hofgarten machen will. Es ist zum, ähm, Mäusemelken. Und natürlich stört es mich bei dem schönen Wetter noch einmal doppelt so sehr wie damals, als die Kondensstreifen der Flugzeuge noch hinter grauen Wolken verborgen waren und vermutlich „Ja, dann bleib halt zuhause, bassd scho“ in den Himmel schrieben.

Ich wünschte, ich könnte ein bisschen mehr wie das Schulmeisterlein Wutz sein, das sicher auch aus einer Knieverletzung Freude hätte gewinnen können. „Ei, mein Knie tut weh“, hätte es vermutlich gerufen. „Wie schön es doch eingerichtet ist, dass ich noch ein Ersatzknie habe. Auf dieses will ich mich nun ganz gar kaprizieren“. Und dann wäre er glücklich auf einem Bein durch sein Leben gehüpft.

Strübing liest Paul

Das Leben des vergnügten Schulmeisterlein Wutz

Erst eine kurze Zusammenfassung der restlichen Geschichte: Wutz wirbt schließlich doch um die von ihm Geliebte (nachdem er ihr anfangs nichts von seiner Liebe sagte, da ihm das momentane Gefühl des Verliebtseins reichte), sie heiraten, Wutz wird Lehrer, schreibt weiter an seiner Bibliothek, lebt ein glückliches Leben und stirbt.

Ich habe schlicht nicht verstanden, warum dieses Büchlein (eigentlich eine „Zugabe“ zu seinem ersten Roman Die unsichtbare Loge) so beliebt war (und angeblich auch immer noch ist). Dachte ich anfangs noch, die Idylle sei nur ein Deckmantel, um den Leser in Sicherheit zu wiegen, während man ihm etwas ganz anderes unterjubelt – eine Groteske über menschliche Einfalt, eine Anklage gegen ein Glück, das sich aus Ignoranz speist, eine Satire auf den Literaturbetrieb, eine Kritik an der Armut und an den Erziehungsmethoden der Zeit und so weiter und so fort – bin ich jetzt völlig ratlos, was Jean Paul mit diesem Text wollte.

Sicher, von all dem eben aufgezählten ist etwas zu finden, insbesondere am Anfang. Aber dann scheint es doch wieder nur die heimelige und erbauliche Geschichte eines glücklichen Menschen zu sein. Echte „feel good“-Literatur. Das ist ja nichts Schlimmes. Ich finde ja nicht, dass Literatur immerzu Finger in Wunden legen und dann auch noch Salz hineinstreuen muss. Auch ist es meiner Meinung nach nicht zwingend notwendig und an sich auch noch kein Qualitätsmerkmal, wenn Tabus gebrochen, vermeintliche Falschheiten entlarvt, Erzählkonventionen gebrochen werden, und Lachen muss auch nicht im Hals steckenbleiben.

Vielleicht ist es doch einfach nur eine Idylle? Oder ich sehe nicht, was die Geschichte so wichtig und besonders macht. Vielleicht war es damals neu und wichtig, wenn sich Schriftsteller überhaupt mit einfachen Menschen beschäftigten, ihre Leben als mindestens genauso lebenswert, ihre Seelen als genauso tief, ihre Freuden als genauso groß wie die der Adeligen und höheren Bürger beschrieben?

Ich habe nun doch ein bisschen Sekundärliteratur geschmökert. Im Nachwort der Reclamausgabe schreibt Jörg Drews von einem ersten Anklopfen des europäischen Nihilismus und von einer unheimlichen Idylle; all das wird sehr einleuchtend begründet, und anfangs hatte ich ja ähnliche Gedanken, aber jetzt bin ich mir nicht mehr sicher.

Walther Harich will in seiner Jean-Paul-Biografie gar nichts davon wissen. Er sieht in der Geschichte einen Rückgriff auf Jean Pauls eigene Kindheit und Jugend in all ihrer Armut, die er sich hier selbst schön malt, einen Text, der nichts will als erheitern und fröhlich machen, und kann sich dabei auf den Autor selbst berufen. Harich schreibt:

Vielleicht lag bei einigen Stellen der ersten Bogen das Mißverständnis nahe, Wuz als einen satirisch behandelten, engstirnig pedantischen Schulmeister nach Art des Rektors Fälbel aufzufassen. Aber weit lag diese Absicht von Jean Pauls damaliger Stimmung ab. In seinem noch immer fortgeführten Andachtsbüchlein berichtet er über ein kleines Erlebnis, das wie nichts anderes seine liebevolle Einstellung zu Menschen und Dingen wiedergibt. Gereizt durch unzarte Neckereien, schreibt er, wollte er gerade wieder zur Waffe der persönlichen Satire greifen, da sah er zufällig ins ruhende Angesicht eines Knaben, und der Gedanke an künftige Leiden, die darauf wohnen, und an die Tränen, welche seine Augen noch vergießen würden, brach den aufsteigenden Zorn; die Leiden der ganzen Menschheit durchzuckten ihn, und er hätte keinem, der ihr angehört, in den bitteren Kelch seines Lebens noch einen Gallentropfen gießen können. […]

Es läßt sich denken, daß er in solcher Stimmung, oder mehr als Stimmung: unter solcher Gewalt des Eindrucks vom Leiden des Lebens, unter einer Gestalt wie der seines Rektors Fälbel fast physisch litt und sich mit um so größerer Liebe in die Welt des armen, vergnügten Schulmeisterleins Wuz eingrub. »Ich will daher Euch mehr Freude machen«, schreibt er in sein Tagebuch. »Aufgebend meine großen Pläne, will ich mich darauf beschränken, Euch zu erheitern, und meine komische Kraft dazu anwenden, nicht mehr, wie bisher, Euch zu quälen! […]«

Ich finde diesen kurzen Ausschnitt aus dem Andachtsbüchlein übrigens schöner, beeindruckender und zu Herzen gehender als die ganze Geschichte vom Schulmeisterlein.

Das klingt für mich, ehrlich gesagt, nicht nach anklopfendem Nihilismus, aber es ist auch unbestreitbar, dass ein Autor manchmal nicht ganz Herr der Dinge ist, die er schreibt, weil sie sich in Wirklichkeit nur durch ihn schreiben. Hat da der Verfasser der Geschichte zu wenig im Wutz gesehen oder der Verfasser des Nachworts zuviel? (Und ist der Vorsatz, Freude zu bereiten überhaupt „zu wenig“?)

Ich möchte vorschlagen, dass jeder selbst das „brave Schulmeisterlein“ zur Hand nimmt und sich eine eigene Meinung bildet … und wäre schon eetwas überrascht, wenn es jemand täte – hey, hier ist die Gelegenheit, mich zu beeindrucken: Rasch die nicht einmal 50 Seiten lesen und mir schreiben, was man darüber denkt!

Eigentlich habe ich mir ja nicht einmal selbst eine Meinung gebildet. Die Fragezeichen, die mir der Wutz hinterlassen hat, liegen vielleicht einfach darin begründet, dass ich es teilweise einfach nicht lesen konnte, weshalb Jean Pauls seinen Vorsatz, Freude zu bereiten, zumindest mir gegenüber nicht erfüllen konnte. Ganze Seiten und Abschnitte habe ich einfach nicht begriffen. Teils wegen der vielen Anspielungen auf Zeitgenössisches, teils weil die Sätze einfach nicht in meinen Kopf hinein wollten. Wenn meine Augen endlich den abschließenden Punkt erreicht hatten, hatte mein Gehirn schon längst die Arme verschränkt und sang „La lala“ vor sich hin.

Hier mal ein zwar langer, aber (wenn man das Glück hat, die nötige Zeit und Ruhe zu finden) doch irgendwie verständlicher Satz zum Üben ;)

Ich könnt‘ aber den Pinsel fast jemand an den Kopf werfen, wenn mir beifällt, mein Wutz und seine gute Braut werden mir, wenns abgedruckt ist, von den Koketten und anderem Teufelszeuge gar ausgelacht: glaubt ihr denn aber, ihr städtischen destillierten und tätowierten Seelenverkäuferinnen, die ihr alles an Mannspersonen messet und liebt, ihr Herz ausgenommen, daß ich oder meine meisten Herren Leser dabei gleichgültig bleiben könnten, oder daß wir nicht alle eure gespannten Wangen, eure zuckenden Lippen, eure mit Witz und Begierde sengenden Augen und eure jedem Zufall gefügigen Arme und selber euere empfindsamen Deklamatorien mit Spaß hingäben für einen einzigen Auftritt, wo die Liebe ihre Strahlen in dem Morgenrot des Schämens bricht, wo die unschuldige Seele sich vor jedem Aug‘ entkleidet, ihr eignes ausgenommen, und wo hundert innere Kämpfe das durchsichtige Angesicht beseelen, und kurz worin mein Brautpaar selbst agierte, da der alte lustige Kauz von Schwiegervater beider gekräuselten und weißblühenden Köpfe habhaft wurde und sie gescheit zu einem Kuß zusammenlenkte? Dein freudiges Erröten, lieber Wutz! – und dein verschämtes, liebe Justine! –

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2 Kommentare zu “Tag 80 – Kniedyllendichtung

  1. Hallo Herr Strübing,

    das Interessante am Schulmeisterlein ist für mich seine Form, die mir ideal erscheint für die Themen, die Jean Paul hier verhandelt. Auch wenn man Jean Paul immer wieder nachgesagt hat, keine Form zu haben (oder galt der Vorwurf Robert Walser?), so ist das Schulmeisterlein doch sein wohl stringentestes Werk, ein dramatischer Dreiakter von der Wiege über den Lebenshöhepunkt bis hin zum Tode. Man bewegt sich „zwischen Furchenglück und Sphärenflug“; es wird der Versuch unternommen, „glücklicher (nicht glücklich) zu sein“.

    Vor dem Hintergrund des Wissens um die eigene Sterblichkeit (Jean Paul selbst hatte ja kurz vor der Niederschrift des Wutz-Textes seinen Todesgedanken) erschreibt sich Jean Paul eine Idylle, die nie eine ist, die aber von jedem selbst als solche begriffen werden kann. Die Idylle im Schulmeisterlein ist ein Leben in und mit den Büchern. Wenn man es nicht so literaturwissenschaftlich streng sieht, dann ist das Schulmeisterlein eine Novelle in der reinsten Form mit unerhörter Begebenheit, Rahmenhandlung (der Erzählerstuhl am Ofen!) und Binnengeschichte, Dingsymbol, Wendepunkt und reinigendem Schluss. Das Große wird erzählt im ganz Kleinen. Und nebenbei auch Eckpunkte der etwas kauzigen Biografie Jean Pauls. Das alles könnte das Buch für Leser interessant machen. Trotz des Verkehrslärms, durch den man gehen muss, um an die schönen Stellen zu gelangen.

    P.S. Ich kann Sie beruhigen: ich habe das Buch nun dreimal gelesen und auch nicht ganz erschlossen. Das mit dem „Lalala“ kann ich nachvollziehen.
    P.P.S. Robert Walser war ein großer Jean-Paul-Fan und ihm in vielen (auch formalen) Dingen nicht unähnlich. Vielleicht sollten Sie einen Walser-Text dazwischenschieben, denn es muss doch auf Dauer ermüdend sein … oder werden Sie von der Stadt Bayreuth gezwungen :-)

  2. Hallo René,

    die Idee der Geschichte, der Charakter des Helden, der für den normalen Menschen unerreichbare Traum des beinahe vollkommenen Glücks (wenn auch durch Abschottung und Fatalismus), das hat mir als Thema durchaus gefallen. Aber: Mich interessieren beim Lesen weder literaturwissenschaftliche Aspekte noch zwingend autobiografische Bezüge, sondern nur, was die Erzählung mir als heutigem Leser geben kann – an Unterhaltung, Gedanken, interessanten Blickwinkeln, Schönheit etc. Und nach einem verheißungsvollen Anfang konnte ich für mich nicht mehr viel entdecken. Vielleicht war ich ein bisschen zu ungeduldig, vielleicht zu dumm, vielleicht passen der Wutz und ich einfach nicht zusammen. Die Freude und auch das Staunen, dass ich beim Katzenberger und einigen kürzeren Werken immer wieder erlebt habe, wollten sich jedenfalls einfach nicht mehr einstellen.
    Was das Dazwischenschieben anderer Bücher angeht – keine Sorge, das mach ich schon. Abends im Bett schnapp ich mir richtige Schmöker zum Entspannen ;)

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