Rap Battle im Bundestag und der traurige Nudelmann vom Paul-Löbe-Haus

Tagebuch, 29.4., 10.00 Uhr, Montag

Am Freitag war meine Krücke endlich einmal von Vorteil: Sie verschaffte mir eine Sonderfahrt in einem Reichstagsfahrstuhl, der nicht für „normale“ Besucher gedacht ist. Der Fahrstuhl war riesengroß und die beiden gegenüberliegenden Seiten waren komplett verspiegelt, so dass ich wie Agent Smith aus Matrix unendlich vervielfältigt wurde, eine ganze Volker-Armee auf Krücken. Leider habe ich nur ein Foto gemacht, und das ist ziemlich verwackelt, da muss ich wohl noch einmal hin, irgendwann, wenn ich wieder in Berlin wohne, obwohl ich es dann natürlich nicht mehr schaffen werde, so wie ich es ja bisher nie geschafft habe.

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Apropos: Mir ist zu Ohren bzw. Augen gekommen, dass das Sparkassengebäude gegenüber dem Bayreuther Rathaus abgerissen werden soll. Das wäre sehr schade. Nicht um das Gebäude an sich, das nun wirklich keine Schönheit ist, sondern um die in einem sanften Bogen angeordneten Spiegelflächen, die ebenfalls interessante optische Effekte erzeugen. Vielleicht kann man ja das Haus abreißen aber die Spiegel retten? Oder man stellt sie irgendwo anders auf, man könnte zum Beispiel das Gerüst am Festspielhaus damit verkleiden und es zu einer Kunstinstallation aus Anlass des Jubiläumsjahres erklären (Motto: „Wagner hält uns den Spiegel vor“ oder so) und schon hätte man zwei Fliegen mit einer Klatsche geschlagen. Man kann die doch nicht wegschmeißen! Bevor Bayreuth das tut, sagt mir Bescheid, ich nehm sie, auch wenn ich nicht sicher bin, ob sie in mein Badezimmer in Berlin passen!

(Ich erlaube mir, diesen Beitrag mit zwei Fotos aus einem früheren Beitrag über die seltsame Schönheit des Luitpoldplatzes aufzuhübschen.)

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(Luitpoldplatz) 

 Überhaupt: Bayreuth, Deine Spiegel! Ich plane noch eine Fotoserie unter dem Titel „Der Stadtschreiber im Spiegel Bayreuths“, bei der ich mich selbst vor den diversen spiegelnden Flächen in der Stadt fotografiere, ich führe eine Liste und sie wird immer länger.

Zurück in den Reichstag. Unsere Reisegruppe(„Gruppe JP“ bzw. „Gruppe Koschyk“ wie uns die Reichstags… hm… ich will aus irgendwelchen Gründen nicht „führer“ dahinter setzen … also die Leute, die da arbeiten, aber keine Politik, sondern Besucherführungen machen, nannten) schaute sich eine Stunde einer Debatte im Bundestag an; oben auf der Tribüne saßen wir; aufstehen war verboten, ebenso dazwischenrufen, Gegenstände werfen und sich nackt ausziehen, um die mit Parolen bemalte Brust zu zeigen (auch wenn das nicht explizit erwähnt wurde). Fotoapparate durften wir nicht mit hineinnehmen, Telefone waren aber kein Problem, was ich seltsam fand – das ist doch das selbe, als dürfte man zwar keine Nagelfeile einstecken, wohl aber ein Schweizer Taschenmesser samt Nagelfeile und 217 weiteren Funktionen. (An dieser Stelle einen lieben Gruß an das Team vom Kulturamt: Die Swiss Card hat mich bereits einmal gerettet, als ein Schräubchen an meiner Brille sich gelockert hatte, dem weder mit Schlüsseln noch mit dem Fingernagel beizukommen war.)

Wir hatten Glück: Auf der Tagesordnung stand das Thema „Steuerhinterziehung“, da gab es viel Erregungs- und Beschuldigungspotential, es wurde viel dazwischengerufen, aber nicht von uns oben auf der Tribüne, sondern unten im Parlament. Wir benahmen uns ordentlich, nur einmal muss das vielstimmige beipflichtende Gemurmel aus unserer Tribünenecke bis nach unten gedrungen sein, als ein CSU-Abgeordneter mal wieder darauf hinwies, dass Bayern ja praktisch ganz Deutschland, wenn nicht die EU, zumindest aber Berlin finanziert.

Den größten Lacher landete ein CDU-Mann, wobei wohl weniger über seinen Witz, als über den Bart, den dieser hat gelacht wurde, als er von „der Linken und ihrer Bruderpartei, der Kommunistischen Partei von Nordkorea sprach“, naja.

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(Und nochmal der Luitpoldplatz.)

Trotzdem: In der Stunde war es ein eindeutiger Punktsieg für CDU/CSU, sie hatten die besseren Rednerinnen und Redner und vor allem sagten sie einfach mehr zum Thema. So unterhaltsam wie nervig war nämlich das gegenseitige Angezicke: „Aber eure Landesregierung da und dort hat doch…“ – „Na und? Aber dafür habt ihr in dem Land da, wo ihr regiert …“ Manche beschränkten sich gleich ganz darauf, dem politischen Gegner Vorwürfe zu machen, alle hatten irgendwelche Zahlen, die nachwiesen, dass die anderen Mist gebaut hatten, und alle sagten irgendwann mal „Hoeneß“. Und alle hatten Recht, oder behaupteten das zumindest, da war jeder seine eigene kleine SED („Die Partei, die Partei, die hat immer recht“), von der Linken bis zur CSU.

Es ist schon verständlich, wenn manche Menschen sagen, der Bundestag sei nur eine Schwatzbude. Verständlich aber auch ein bisschen kurzsichtig. Die Bundestagsdebatten sind ja letztlich so etwas wie das Schaufenster der Fraktionen, es geht dabei ja nicht darum, die andere Seite zu überzeugen oder einen Kompromiss auzuhandeln, das dient der öffentlichen Präsentation der eigenen Argumente. Es ist ein Poetry Slam oder eher ein Rap Battle ohne Reime aber mit Texten, in denen man selbst der Größte ist und der andere gedisst wird. Und es geht vor allem um die Gunst des Publikums. Und keiner der Akteure wird sich durch die Beiträge der anderen von seinem eigenen abbringen lassen.

Die eigentliche Arbeit findet in den Ausschüssen statt, wahrscheinlich können die Leute dort auch vernünftig miteinander reden und vielleicht sogar hin und wieder einmal Sätze sagen wie: „Verdammt, da könnten Sie recht haben, ich glaube, ich muss da nochmal drüber nachdenken.“

Man würde sich ja wünschen, dass Politiker öfter Fehler, auch Denkfehler, eingestehen, dass sie auch mal zugeben, von etwas keine Ahnung zu haben (ohne gleich, wie die Piraten, darauf stolz zu sein), dass sie ab und zu mal sagen: „Wir können nicht in die Zukunft gucken, aber wir hoffen, dass unsere Vorschläge Gutes bewirken“. Ja, das wäre schön, da würden mir die meisten Menschen sicher zustimmen – und dann wahrscheinlich doch wieder Politiker wählen, die sich hinstellen und sagen: „So und nicht anders, wir haben das Patentrezept!“

Insgesamt hat mir das gut gefallen, und ich habe beschlossen, öfter mal wieder die Übertragung von Bundestagsdebatten auf Phoenix einzuschalten, wenn ich daheim Dinge erledige, die nicht allzuviel Gehirnkapzität erfordern (also ganz sicher nicht beim Lesen von Jean-Paul-Texten ;-).

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(Noch ein schönes Foto von einem Bayreuther Gebäude mit tollem Spiegeleffekt, diesmal vom Campus der Uni Bayreuth. Die Mauer guckt zwar ein bisschen bedröppelt, aber dass das Bauwerk gesichtslos sei, kann niemand behaupten.)

Anschießend gab es noch eine Gesprächsrunde unserer „Gruppe JP“ mit Hartmut Koschyk, dem Bayreuther CSU-Bundestagsabgeordneten. Es war ein bisschen schade, dass dabei nur Fragen zum Thema Steuerhinterziehung gestellt wurden. Ich hätte gern mehr über den Bundestagsarbeitsalltag gehört, war aber zu doof, selber zu fragen. Immerhin, einiges war auch darüber zu erfahren, und ich war sehr zufrieden mit dem Nachmittag, als ich mich vom Menschen-Unendlichifizierer (mein Spitzname für den Fahrstuhl) wieder nach unten bringen ließ.

Anschließend ging es zum Mittagessen in die Kantine im Paul-Löbe-Haus. Es gab zwei als Köche verkleidete Essensausteiler. Der eine verteilte Rindfleisch, der andere Nudeln mit vegetarischer Bolognesesauce und das Gesicht des Letzteren wurde immer trauriger: Die lange Schlange an der Rindfleischausgabestelle führte direkt an ihm vorbei, gelegentlich rief jemand: „Oh Bologn … ach so, vegetarisch …“, niemand interessierte sich für seinen Pamps. Jedem, der vorbeikam, versuchte der Nudelmann seine vegetarischen Fleischsauce-Nudeln schmackhaft zu machen, doch bei einer Reisegruppe aus Oberfranken hatte er schlechte Karten. Irgendwann erbarmten sich seiner schließlich ein paar Leute, weil sie keine Lust hatten noch zehn Minuten nach Fleisch anzustehen, wenn sie die Nudeln sofort haben konnten. Sie schmeckten sogar.

 Strübing liest Paul

Liest er denn überhaupt noch? Oder hat ihn das „Schulmeisterlein Wutz“ zu sehr deprimiert? Ach, wo! Natürlich liest er noch. Morgen lese ich sogar laut: 17.00 Uhr habe ich einen Termin bei der täglichen Jean-Paul-Lesung in der Markgrafenbuchhandlung und lese einen einen klitzekurzen, höchstens 10 Minuten langen (ich betone das, damit niemand Angst hat, vorbeizukommen) Ausschnitt aus „Levana“.

Für mein Lektüreprotokoll habe ich mir für die nächste Zeit einige kürzere Werke vorgenommen. Die beiden Superhits„Die Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei“ und „Die wunderbare Gesellschaft zu Neujahrsnacht“ natürlich, aber es gibt noch einige andere, die sehr interessant klingen.

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2 Kommentare zu “Rap Battle im Bundestag und der traurige Nudelmann vom Paul-Löbe-Haus

  1. Ich weiß ja nicht, was Du am Wochenende so treibst, aber ich bin mal wieder in Bayreuth und kann Dir vom Alltag eines Abgeordneten erzählen. Hab da schließlich 2 Jahre drin gearbeitet *g*

  2. Viel Spaß mit der Rede… im Deutsch Grundkurs an einem bayreuther Gymnasium war das einige lange, lange Stunden Thema ;-)

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