Jean Paul und das Galaxy S3

Strübing liest Paul

Heute Abend, 17.00 Uhr, lese ich in der Markgrafen-Buchhandlung im Rahmen der täglichen Jean-Paul-Lesung einen kleinen Abschnitt aus Jean Pauls Levana oder die Erziehlehre vor. Jean Paul entwickelt darin eine komplette Pädagogik, eine Anleitung zur Erziehung der Kinder, von philosophischen Betrachtungen ausgehend bis hin zu Ernährungsratschlägen.
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(Hofgarten)

Auch wenn uns manches davon heute seltsam vorkommt, so kann man es wohl doch als eines der ersten modernen Werke in diesem Bereich ansehen. Er sieht Kinder als Menschen, deren Seele an sich wertvoll und nicht nur die Knete sind, aus der man brave, gut funktionierende Erwachsene formen muss. Dass er die Rute deshalb nicht ablehnt, ist wohl seiner Zeit geschuldet. Immerhin will er sie sparsam eingesetzt sehen und lehnt es vehement ab, von der Rute zum Stock überzugehen und Kinder und Jugendliche sozusagen in Form zu prügeln. Ein anderes Erziehungsmittel erscheint ihm ungleich wichtiger:

… in der »Levana oder Erziehlehre« sollte der Witz den eigentlichen Kern- und Lösepunkt des ganzen Systems bilden. Er war Jean Pauls großes Erziehungsmittel zur geistigen Freiheit und zugleich zur Bindung des Spieltriebes und der andern Triebe.

Walther Harich, Jean Paul, Biographie, 1925

Gefällt mir. Aber ich will hier nicht mit zusammengesammeltem Drittwissen und Zitaten protzen, sondern beschränke mich ganz auf den Absatz, den ich heute Abend vorlesen werde: Den 47. Paragraphen im 1. Kapitel des 3.Bruchstückes.

Das klingt schrecklich, doch ich war überrascht, wie gut das zu lesen war. Überhaupt sollte man Jean-Paul-Neulingen vielleicht seine Sachbücher ans Herz legen, in denen er etwas stringenter schreibt, als in vielen seiner Romane und Erzählungen. „Über die deutschen Doppelwörter“ etwa war ebenfalls gut zu lesen und hat mir viel Spaß gemacht.

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Paragraph 47 beginnt mit den Worten: „Laßt uns nun wieder zu den lieben Kindern kommen. Ich meine nämlich eben, sie sollen ihr Paradies bewohnen“. Und wendet sich dann der Frage zu, was dieses Paradies für die Kinder sein sollte. Die Erfüllung aller Wünsche? Unendliche Genüsse? Nein, denn „Genüsse geben keines, sondern helfen es nur verscherzen.“

Nicht Genuss ist das Paradies, sondern Heiterkeit ist es, Heiterkeit, die aus Tätigkeit entsteht. Er erklärt es an einem Beispiel: Ein Genuss ist es für das Kind, ein Spielzeug zu bekommen. Heiterkeit und Freude entstehen, wenn es damit spielt. Jean Paul führt das abschreckende Beispiel von Fürstenkindern an, denen jeder Wunsch erfüllt wird: „was Genüsse angeht, so bekommen sie alles, von Spiel-, Trink- und Eßwaren an bis zum Wagensitz und Bettpolster; was Erheiterung anlangt, so werden sie bloß gequält von Hofmeistern an bis zum Hofe, so daß man der Fürstenkrone schon früh die Dornenkrone unterbettet“.

Er will Genuss nicht verbieten oder abschaffen; er empfiehlt nur, sie dem Kinde sparsam aber gleichmäßig zukommen zu lassen, bzw. es zur Selbstbeschränkung zu erziehen, mit teils etwas seltsamen Methoden:

Er [Jean Paul selbst] gab z.B. den zwei- und dreijährigen Kindern kandiertes Marzipan (das gesündeste) unter dem Befehle, bloß an einer bestimmten Stelle und nur so lange zu lecken, als er erlaubte. Die Kinder lernten Wort achten und Wort halten. Ebenso setzte er Zucker- oder Honig-Preise für das Ertragen der meisten Handschmerzen aus; doch tat ers selten.

Über Kinder, die sich vor dem Süßwarenregal schreiend auf den Boden werfen, wenn sie nicht bekommen, was sie wollen, würde er wahrscheinlich traurig den Kopf schütteln.

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Ich gehe einen Pragraphen zurück, wo er ebenfalls über den Unterschied zwischen Genuss und tätiger Heiterkeit schreibt:

Heiterkeit oder Freudigkeit ist der Himmel, unter dem alles gedeihet, Gift ausgenommen. Nur werde sie nicht mit dem Genusse vermengt. Jeder Genuß, und wär‘ es der feine eines Kunstwerks, gibt dem Menschen eine selbstische Gebärde und entzieht ihm Teilnahme

Genuss ist also passiv (wobei man das beim Genuss von Kunstwerken sicher nicht generell sagen kann) und steht auf einer niederen Ebene: „Denn Tiere können genießen, aber nur Menschen können heiter sein.“

Und dann kommt der Abschnitt, bei dem ich unwilllkürlich an mein neues Smartphone denken musste:

Wenn der Genuß eine sich selber verzehrende Rakete ist: so ist die Heiterkeit ein wiederkehrendes lichtes Gestirn, ein Zustand, der sich, ungleich dem Genusse, durch die Dauer nicht abnützt, sondern wiedergebiert.

Ich habe mir also ein neues Smartphone gekauft, den Nach-Nachfolger meines ersten Smartphones – und war wahnsinnig enttäuscht, weil es viel schlechter war, als sein Vorgänger! Eigentlich war es natürlich viel besser als der Vorgänger: Der Bildschirm ist größer, die Kamera endlich brauchbar, es ruckelt nicht beim Scrollen, Apps starten viel schneller, die Bedienung ist komfortabler und so weiter und so fort. Aber: Der Genuss war viel kleiner, wenn wir Genuss als das sehen, was das Kind (auch das Kind im Mann) empfindet, wenn es ein Spielzeug geschenkt bekommt.

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Es war eben einfach nur ein weiteres, wenn auch besseres Smartphone; es auszupacken und auszuprobieren hat nicht halb so viel Spaß gemacht, wie bei meinem ersten Smartphone, obwohl es doppelt so schnell ist. Die „sich selber verzehrende Rakete“ hat sich abgenützt oder, um es in der Sprache des abgrundtief Bösen, also des Marketings, zu sagen: „Der emotionale Mehrwert war geringer“ und wird mit jedem neuen Smartphone weiter sinken.

Genuss ist das große Versprechen unserer Zeit, Genüsse locken von jedem Werbeplakat, denn Genuss kann man im Gegensatz zu Heiterkeit ganz prima verkaufen, umso besser, da Genuss süchtig machen kann und dann wie jede Droge immer höhere Dosen verlangt, um wenigstens ein Bruchteil der Wirkung zu erzielen, die der vorige Schuss Genuss hatte.

Freude hingegen verbraucht sich nicht, insofern ist sie verkaufstechnisch ein Alptraum.

Freudigkeit – dieses Gefühl des ganzen freigemachten Wesens und Lebens, dieser Selbstgenuß der innern Welt, nicht eines äußern Weltteilchens – öffnet das Kind dem eindringenden All, sie empfängt die Natur nicht lieb-, nicht wehrlos, sondern gerüstet und liebend und lässet alle jungen Kräfte wie Morgenstrahlen aufgehen und der Welt und sich entgegenspielen, und sie gibt Stärke, wie die Trübseligkeit sie nimmt.

Was ich an dieser Stelle unbedingt noch anfügen muss, um hier nicht wie ein absoluter Fortschritts- und Konsummuffel dazustehen: Auch wenn der Genuss nicht so groß war wie erhofft, so genieße ich doch jetzt die tätige Freudigkeit, die meine nicht mehr jungen Kräfte wie Morgenstrahlen aufgehen lässt, wenn ich zum Beispiel Emails und so weiter mit dem neuen Smartphone viel effektiver erledige oder mehr bunte Blasen abschießen kann, weil Bubble Shooter schneller startet.

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Ein Kommentar zu “Jean Paul und das Galaxy S3

  1. Heiterkeit (richtige Heiterkeit) empfinden unsere KInder wohl nur noch vor der Einschulung oder bis höchstens zur zweiten Klasse. Wenn ich dran denke, was unser Sohn durchgemacht hat… :(

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