Die Nacht der gelben Säcke

IMG_0217Die monatliche Abholung der gelben Säcke ist ein echtes Highlight für alle Bayreuther, ganz besonders aber für Zugereiste. Diesmal hätte ich es fast verpasst, weil sie in meinem Viertel wegen des ersten Mais einen Tag eher stattfand. Zum Glück hatten genug andere Menschen den Termin im Blick und ihre unübersehbaren Sackgebirge gaben mir den entscheidenden Hinweis.

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Die Nacht der gelben Säcke verleiht Bayreuth oder auch Bamberg (wo ich im März Zeuge der dortigen Gelbsackfeierlichkeiten werden durfte) beinahe echtes Berliner Flair. In Berlin bringt man ja täglich den Verpackungsmüll auf die Straße, allerdings ohne gelben Sack drumrum.

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Achtung: Ich möchte an dieser Stelle unbedingt darauf hinweisen, dass der Berliner seine Verpackungen ordentlich in die gelben Tonnen auf dem Hof wirft; es müssen Neuberliner und Touristen sein, die – da es keine gelben Säcke gibt und sie die Tonnen nicht kennen – den Müll nach altbekannter Art auf die Straße tragen. Und da jeder von ihnen von Zuhause andere Abholtermine gewohnt ist, verteilt sich der Plastemüll über den ganzen Monat.

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Ehrlich gesagt: Ich kann dem Gelben Sack nicht viel abgewinnen. Meinen ersten Abholtermin habe ich verpasst, so dass ich meinen gelben Sack zwei Monate in der Wohnung hatte. Seitdem sitzt mir immer die Angst im Nacken, es noch einmal zu verpassen. Niemand will einen Müllsack 60 Tage neben seiner Tür stehen haben. Ich weiß nicht, warum man sich in Bayreuth etc. gegen die gelbe Tonne entschieden hat, wahrscheinlich gab es irgendwelche praktischen Gründe, doch praktischen Gründen sollte man stets misstrauen, schließlich hielt man es in Japan sicher auch für ungemein praktisch, ein Atomkraftwerk direkt ans Meer zu bauen.

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Ich habe mir überlegt, wie es wohl mit den gelben Säcken in der Zukunft weitergehen wird. Ob sie möglicherweise irgendwann fester Bestandteil des fränkischen Brauchtums werden; Folklore, deren Ursprung in Vergessenheit gerät. Irgendwann, wenn wir die gelben Säcke längst nicht mehr brauchen, weil wir unseren Müll entweder gleich in dem Fusionsofen in der Küche schmeißen, oder gar keinen Müll mehr produzieren, weil uns die Rohstoffe dazu ausgegangen sind, wird es die  „Nacht der gelben Säcke“  vielleicht immer noch geben – als Feiertag für die ganze Familie.

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Ich stelle ihn mir als Mischung aus Weihnachten, Osterfeuer und Sündenablass vor. Wir werden die Stuben festlich schmücken, in der Mitte steht ein großer gelber Sack aus Stroh, mit grünen Punkten und Kabelbinder-Lametta behängt, wir werden aus Eischaum Gebäck in Form kleiner Styroporverpackungen backen, und um Mitternacht kommt der Recyclingmann mit dem orangenen Mantel und dem orangenen Schlitten. Im Gegensatz zum Weihnachtsmann bringt er keinen Sack, sondern holt Säcke ab, unsere geschmückten gelben Säcke, die prall gefüllt sind mit Zetteln, auf die wir unsere Sünden geschrieben haben – der verbindliche Sündenkatalog wurde im Jahr 2018 auf einem Grünen-Parteitag beschlossen – und dann, kurz vor Sonnenaufgang werden all die gelben Säcke vor den Toren der Stadt verbrannt, und wir, von unserer Schuld befreit, reißen uns die Kleider vom Leib und … naja, schön wird’s jedenfalls.

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2 Kommentare zu “Die Nacht der gelben Säcke

  1. Es gibt in ganz Bayern wenn nicht sogar Süddeutschland gelbe Säcke! Das finde ich auch besser als extra für ne weitere Mülltonne zu zahlen, immerhin gibts die Säcke kostenlos im Rathaus! Ich habe einen Tipp für dich: Lass den Sack einfach vor der Haustür bei den Mülltonnen, und trage deinen Gelben Müll wie gewohnt runter eben in nicht in die Tonne sondern in den größeren Sack – dann riecht die Wohnung auch wieder gut ; )

  2. @sinirini: Bayreuth hat auch die blaue Tonne und für die zahlt man nichts extra. In Bayreuth gilt: Restmüll kostet Gebühren, Wertstoffe kann man kostenlos abgeben.

    @Volker: In dem Artikel fehlt noch ein wichtiger Aspekt: Die Landkreisbayreuther!

    Im Landkreis gibt es nämlich keinen gelben Sack. Dort müssen die Leute ihre Wertstoffe zu Sammelstellen, den sogenannten Wertstoffhöfen fahren. Dort muss der Müll dann unter den strengen Augen der Bauhofmitarbeiter sortiert werden. Und wenn man aus Versehen ein Stückchen PE (Polyethylen) zum PP (Polypropylen) wirft, dann erhält man eine kostenlose Unterrichtseinheit wie man diese Stoffe unterscheiden kann. Viele Landkreisbewohner haben in ihren Garagen und Kellern einen kleinen „Altar“ aus verschiedenen Kisten, Kartons und Säcken aufgebaut, die sie regelmäßig mit den kostbaren Opfergaben füllen.

    Und wer diese Trennerei satt hat, der besorgt sich im Rathaus gelbe Säcke und sucht sich eine Stelle in der Stadt, in der sich die Nachbarn nicht über Mülltouristen beschweren ;)

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