Maiwanderung – Part I – Erster Mai und Roter Main

Strübing lebt Paul

Im Mai bin ich in Baireuth; und Du mußt auch dahin.

(Jean Paul)

Es gibt Tage, die sind einfach perfekt; die reine Freude, herausragend, ganz ohne besonders herausragende Ereignisse; einfach schön, so schön, dass man sie eigentlich nur anhand von Jean-Paul-Zitaten beschreiben kann. Der erste Mai war so ein Tag.

Dabei hatte er gar nicht so gut begonnen. “Ich muß gleich anfangs berichten, daß ich den ersten Mai aus dem Bette stieg und daraus einen Kopf voll halbseitigem Kopfweh und eine Brust voll heißer, schon von Träumen angefangner Sehnsucht mitbrachte.“ Und nicht zu vergessen: Eine große Müdigkeit, denn in der Nacht zuvor hatte ich schlecht geschlafen, was ich nur zum Teil den vor meinem Fenster vorbeimarodierenden Betrunkenen anlasten möchte. Ich brauchte dringend Koffein, einen Reboot der Vitalfunktionen mittels Sturzkaffee, und sehet: „Jetzt nach vier [neun] Uhr tritt er aus dem Hause voll Kaffee in den kühlenden dämmernden Maimorgen hinein“.

Und gleich wieder aus ihm hinaus und ins Café Kraftraum, um über die Nacht der gelben Säcke zu schreiben. Das Wetter schien ohnehin weder zu Spaziergängen noch zu guter Laune einzuladen, wie ein anderer Gast mir sogleich bewusst machte, „indem er mit wahrem Unwillen über das deutsche Wetter anfing: vom deutschen Mai wolle er ohnehin nicht reden; […] auch nur einen einigermaßen aushaltbaren Frühling hab‘ er nie erblicken können, weder am Himmel noch auf dem Erdboden – sei es oben etwas hell, so sei es unten kalt oder windig, gewöhnlich aber sei Naß und Kot die Regel.“ (Wie’s scheint gab’s schon zu Paules Zeiten miese Frühlinge. Aber immerhin wird heuer etwas gegen den Kot unternommen:)

IMG_0253

Die freundliche Dame aber, die mich mit immer mehr Kaffee versorgte, schüttelte nur nachsichtig den Kopf ob dieses defätistischen Gegrantels eines Menschen, dem der Herbst seines Lebens die letzten Grillen aus dem Herzen getrieben: „Wir bekommen höchst wahrscheinlich, Herr  Einnehmer [Stadtschreiber]“, sprach sie zu mir, „heute einen herrlichen Tag und überhaupt einen schönen Frühling zur Reise, versteh‘ ich mich anders aufs Wetter etwas.“

Wie gern ich ihr glaubte! Zumal das erste Mal seit Wochen mein Knie sich wieder beinahe ohne Schmerzen regte.

Sollte der Alte nur schimpfen, „ich aber zog nach Eremitage, fast bloß um wieder abends nach Hause zu gehen, wie Siebenkäs in der Biographie, und um, wie er, vorher durch das Baumdorf Johannis zu kommen“. Beinahe tat er mir leid, der Alte; waren doch seine Leiden und Launen die Herbstfröste, von denen der große Dichter schrieb: „Aber doch unterscheidet die Leiden. Die einer schönen Seele sind Maifröste, welche der wärmern Jahrzeit vorangehen; aber die Leiden einer harten verdorbnen sind Herbstfröste, welche nichts verkündigen als den Winter.“

Und so packte ich meinen Fotoapparat und meine schöne Seele in den Rucksack und ging dahin, und mit jedem Schritt taute mir der Maifrost vom Knie. Alsbald traf ich eine Freundin. „Dein Jahr sei dir ein Lenz und dein Herz im langen Mai die Blume“, grüßte ich sie und flog auf sie zu; hatten März und April mir Krücken verliehen, so verlieh der Mai mir Flügel; „das wärmere Klima samt der Liebe und dem Mai schienen alle Frühlingswinde [m]einer Kräfte zu wecken, sie wehten ungestüm“.

Und so gingen wir am Roten Main entlang, denselben Weg, den auch Jean Paul das eine oder andere Mal genommen haben muss; und Bäume, die einst als junge Triebe den Dichter gegrüßt haben mochten, leuchteten, obschon gemeuchelt von des Landschaftsamtes Schergen, in den fröhlichsten Frühlingsfarben:

DSC08860

DSC08848

(Baumgeweih. Sowas hängen sich Holzfäller gern als Trophäe über den Kamin.)

DSC08854

„Blauer Mai – breite deine Liebe-Arme aus, schlage deine himmelblauen Augen auf, decke dein Jungfrauen-Angesicht auf und betrete die Erde, damit alle Wesen wonnetrunken an deine Wangen, in deine Arme, zu deinen Füßen fallen und der Lebensbeschreiber [Stadtschreiber] auch wo liege!“, so rief ich voll Entzücken, ganz und gar zufrieden mit der Welt, versöhnt mit dem Lenz, und nichts weiter wünschend außer vielleicht einer Bratwurst und einem Bier, vollkommen glücklich im Augenblick, und ich setzte sinnend hinzu: „Und so rinnt unser transparentes reines Leben schön unter dem Blüten-Überhang des Maies hinweg, und wir schauen im bescheidenen Genusse scheu weder voraus noch zurück, wie Leute, die Schätze heben, sich auf dem Hin- und Herwege nicht umblicken.“

DSC08868

DSC08938

Ach, wer könnte sich dem Mai entziehen? Nicht einmal Dr. Katzenberger konnte es, der doch ansonsten nur seine Tochter und sein Missgeburtenkabinett liebte. So sehr ging einst der Lenz mit ihm durch, dass er darüber sogar „seine erste Braut verloren; denn er habe, da sie an einem schönen Morgen von ihren Maigenüssen gesprochen, versetzt, auch er habe nie so viele gehabt als in diesem Mai wegen der unzähligen Maikäfer; als er darauf zum Beweise einige von den Blättern abgepflückt und sie vor ihren Augen ausgesogen und genossen: so sei er ihr seitdem mehr greuels- als liebenswürdig vorgekommen, und er habe […] Brautkuchen und Honigwochen verscherzt und vernascht.“

DSC08931 1

(Maikäfer gab es nicht, aber die Hummeln waren auch recht lecker.)

Ach, lieber böser  Katzenberger, sei froh dass Du diese den Freuden und Geschenken der Natur ganz und gar abgeneigte Frau losgeworden bist! Mit ihr hättest Du keine Theoda gezeugt, sondern eine grässliche Tuppi Schleife, an der Du, auch wenn Du drei Grobiane in einem bist, wenig Freude gehabt hättest. (Das verstehen wahrscheinlich nur Ex-DDR-Bürger, aber egal: Wir müssen uns auch oft genug Bezüge zu Westkinderbüchern anhören, mit denen wir nichts anfangen können. So.)

Sicher, das Wetter war nicht das, welches man sich für gewöhnlich von einem ersten Mai erhofft, es erinnerte eher an Aprilwetter, bzw. an das, was man sich gemeinhin und fälschlicherweise unter Aprilwetter vorstellt, denn „der April ist gerade der beständigere deutsche Monat und gleicht den Weibern; aber der Mai ist der unfreundlichere und gleicht bei allem seinen Blütenschnee den Männern ziemlich, denn die Leute sagen in den Gärten: »Eine schöne Blüte! Wäre nur das Wetter besser.«“ Allein, was schert es den, der die Sonne im Herzen mit sich herumträgt!

DSC08873

Fortsetzung folgt! Die dreibeinigen Herrscher am Roten Main, Abenteuer in St. Johannis und nackte Brüste in der Eremitage!

Advertisements

Ein Kommentar zu “Maiwanderung – Part I – Erster Mai und Roter Main

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s