Maiwanderung – Part II – Fernseher in St. Jonannis und Nackte in der Eremitage

Was bisher geschah: Wir schreiben den 1.5.2013 und der Stadtschreiber spaziert mit einer Freundin Richtung Eremitage und berichtet hier anhand von Jean-Paul-Zitaten (da ihm selbst die schönen Worte fehlen) von diesem Tag, dem Tag, an dem der Frühling endlich begann, denn „im Kalender unserer Phantasie fället der Frühlingsanfang nicht in den 21sten März, sondern in den ersten Mai; und in diesem werden die Kopulierbänder der Menschen sowohl als der Bäume sanft gelüftet.“

Wen kümmern da ein paar Wolken, wenn man, den Duft des Mais in der Nase, die Stadt hinter sich lässt. Nur ganz gelegentlich drang noch das Läuten einer Glocke oder das Niesen eines Heuschverschnupften an unsere Ohren, als wir freudig gen St. Johannis schritten. Es war, als heile der Lenz mein Knie, der lange Winter hatte mich auf Krücken gesehen, „hingegen, wie reiset und fliegt ein Mensch im Lenz!“

Schließlich verließen wir die Ufer des Roten Mains und gelangten an eine Brücke, die zu beschreiben Jean Paul die Worte fehlten und die er selbst in seiner prophetischen Erzählung „Die wunderbare Gesellschaft zur Neujahrsnacht“ nicht vorhergesehen hatte:

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Wieder so ein Ort, der eigentlich alles andere als schön ist, mir aber trotzdem gut gefällt. Und wieder so ein Ort, der mich an Science-Fiction denken lässt, an „Flucht ins 23.Jahrhundert“ zum Beispiel, und es hätte mich nicht gewundert, wenn plötzlich aus dem Wäldchen hinter der Brücke „Die dreibeinigen Herrscher“ aufgetaucht wären. Ich mag es, wenn mitten in der Natur plötzlich so ein architektonisches Alien auftaucht (oder wenn plötzlich in so einem Alien Natur auftaucht, wie in den ÖkoBot-Gewächshäusern). Darum gefallen mir auch Windkraftanlagen, bzw. sie gefielen mir, als sie noch nicht überall in Riesenhorden herumstanden.

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„Aber zu unserer Geschichte zurück!“ – genug Science Fiction und Beton „– Der Leser hat nicht vergessen, daß ich ihm den ersten Mai […] am Anfange des Reise-Anzeigers angesagt.“

In St. Johannis schließlich brach die Sonne hervor, immer fester wurde mein Schritt, „denn wenn die Morgenwolken um den Menschen tauen, wenn die liebenden Vögel schreiend durch den Glanznebel schießen, wenn die Sonne aus der Wolkenglut vorschwillt: so drückt der erfrischte Mensch seinen Fuß tiefer in seine Erde ein und wächset mit neuem Lebens-Efeu fester an seinen Planeten an.“

Und dann sahen wir das Schild, das den Tag perfekt machte: „Maifest“! Freudig „konnten wir ins Dorf hinuntergehen zum Maienbaum. Welches Lust-Feldgeschrei! Wie erheben sich alle Herzen zugleich mit einem Baum!“

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(Ein Prost auf den Lenz – mit dem Maibaum-Bier-Trinkröhrchen!)

Es gab Bier und Bratwurst und „I wui nur z’ruck zu dir“ vom Akkordeon und ein Fernsehmuseum (ironisch „Flohmarkt“ genannt), ganz St. Johannis hatte sich versammelt und ich „konnte die guten Seelen um [mich] nur mit liebenden schimmernden Augen anblicken, diese noch schimmernder wegwenden und nichts sagen.“

Ein Lächeln lag auf allen Gesichtern, so sie nicht gerade mit dem Kauen einer Bratwurst beschäftigt waren, Kinder tollten ausgelassen und die jungen Burschen umschwärmten die Mädel, um ihnen auf die eine oder andere närrische Weise zu imponieren – man mocht’s mit einem gewissen liebevollen Spott betrachten, doch „welcher Liebhaber ist nicht während seines Maies ein wahres gutes lebendiges Schaf?“

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(Fernseh(spiegel)übertragung vom Maifest St. Johannis)

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(Auch mich machte der Mai albern und zu einem wahren guten lebendigen Schaf.)

Schließlich – „um den lustigen Maienbaum wurd‘ es leer und leerer, und Liebende nach Liebenden gingen selig nach Hause“ – setzten wir unseren Weg fort und „bezogen […] das grünende Lustlager der Eremitage; und die Allee dahin schien [unseren] frohen Herzen ein durch einen Lustwald gehauener Gang zu sein; auf die Ebene um [uns] hatte sich der junge Zugvogel, der Frühling, gelagert, und seine abgeladnen Schätze von Blumen lagen über die Wiesen hingeschüttet und schwammen die Bäche hinab, und die Vögel wurden an langen Sonnenstrahlen aufgezogen, und die geflügelte Welt hing taumelnd im ausgegoßnen Wohlgeruch.“

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Überhaupt: Bayreuth und die Blumen. Da wird nicht gekleckert! In den Blumenkübeln der Stadt und auf den Blumenbeeten der Eremitage drängen sich die Blüten so dicht wie die Fotodioden auf dem CCD-Sensor einer 18-Megapixel-Kamera. Was für ein Anblick! Die verdiente Entschädigung für die grauen Monate zuvor! Wer braucht noch Drogen, wenn er vor so einem bunten Blüten-Inferno steht! Und wer hat die alle eingepflanzt? Für mich sind es Superhelden, Blossom-Girl und Flower-Man, vielleicht auch die Flower-Power-Rangers, und ich danke ihnen herzlich!

Ich besuchte die Eremitage das erste Mal und war begeistert, es war genau wie damals zu Jean Pauls Zeiten: „Alles war so jugendlich, so hold, so italienisch – der schöne Mai hatte alles halb oder ganz entkleidet, die Schafe, die Gänse, die Weiber, den Hornisten, den Heckenscherer und seine Hecken…“

Den nackten Heckenscherer habe ich mich nicht zu fotografieren getraut (er guckte so grimmig und hatte doch diese große Heckenschere), und der Hornist hat sich schnell wieder angezogen, als ich die Kamera hervorkramte. Zum Glück gab es ein paar Nackte und Halbnackte, die nicht vor meinem Fotoapparat fliehen oder sich bedecken konnten:

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Die beiden Damen schienen sich in der groben Umarmung der Herren nicht so recht wohl zu fühlen, sie dauerten mich und für einen kurzen Moment legte sich ein Schatten auf meine Seele, bis „ich dachte: in euerer kalten Stein-Brust wohnt kein Wunsch, kein Sehnen, kein Schmerz, kein – Herz“ – was soll es also?!

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(Der Straßenwalzenfahrer blieb angezogen und suchte das Weite. Zum Glück hat er im Park kein Unheil angerichtet.)

Die Wiesen luden zum Verweilen ein und eh ich’s mich versah, war ich „in Träume gesunken, als auf einmal das kalte Anwehen der Lenzluft, die jetzo mehr mit kleinen Wolken als mit Blumen spielen konnte, und das Rauschen der Frühlingbäche, die neben [mir] von allen Bergen und über jedes dunklere Grün wegschossen, [mich] erweckte und berührte.“

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Der Nachmittag grüßte schon den Abend, es war Zeit für den Rückweg und so „flog ich mit […] auf einem Himmelswagen (aus der Remise der Phantasie)“ – Jean Paul muss den 302er Bus gemeint haben –, „vor den sich lauter Träume und Genien spannten, durch das Dorf Johannis, wodurch mein Siebenkäs seine Entzückungen getragen hatte, nach Baireuth.“

Liebe Leserin, lieber Leser, ich hoffe, der Ausflug hat ein wenig Freude bereitet, und wenn ich auch mit dem nächsten Eintrag mich wieder eines etwas zeitgemäßeren Deutsches befleißigen werden so werden doch weiterhin „wir, ich und der Lenz, gemeinschaftlich die Welt auf eine Art ausschmücken, daß Du gewiß in Baireuth selig sein wirst, so sehr sind dessen Häuser und Berge zu loben. Und so leb etwas wohl!“

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Ein Kommentar zu “Maiwanderung – Part II – Fernseher in St. Jonannis und Nackte in der Eremitage

  1. Diese Schilderung ist dir aber besonders gut gelungen. Ich glaub, ich muss da auch gleich hin :-)

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