Mainauen – Teil 1: Bayreuths Schlösser und die Mauer der Liebe

Langsam verstehe ich, warum seit Jean Paul (und wahrscheinlich schon vor ihm) alle Leute so von der Umgebung Bayreuths schwärmen. Nach dem Rotmain-Spaziergang flussaufwärts und zur Eremitage, habe ich mir jetzt die andere Richtung vorgenommen und war überrascht, wie schnell man aus der Stadt raus ist oder zumindest den Eindruck hat. „Man ist schnell raus“ ist ein echtes Qualitätsmerkmal für eine Stadt – tragisch ist nur, wenn es das einzige ist, aber davon kann im Falle Bayreuths natürlich keine Rede sein. „Man ist schnell raus“ ist einer der Punkte, die einem in Berlin fehlen. (Ich wohne zum Glück in Pankow, da habe ich es zum Glück nicht weit „ins Jrüne“ wie der Berliner übrigens in der Regel nicht sagt.)

Bisher war ich in dieser Richtung nur bis zum Herzogkeller unterwegs, und der Weg entlang der Hindenburgstraße machte keine große Lust auf eine Wanderung. Aber wenn man am Main entlanggeht! Ich könnte schon wieder Jean Paul zitieren, so schön ist das.
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Und so voller Liebe! Am besten beginnt man die Wanderung an der Fußgängerbrücke am ZOH (die so neu ist, dass sie es noch nicht auf die Satellitenbilder von Google-Maps geschafft hat). Am Gitter hängt bereits eine stattliche Anzahl von Liebesschlössern – Vorhängeschlössern mit den eingravierten (oder mit Edding draufgeschriebenen) Namen zweier Verliebter. Der Schlüssel wird dann in der Regel in den Fluss geworfen, um das Paar auf ewig aneinanderzubinden. In Bamberg, wo ich vor zwei Jahren das erste Mal auf diesen Brauch aufmerksam wurde, sah ich allerdings auch einmal ein Zahlenkombinationsschloss, da hatte jemand pragmatisch gedacht.

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(Müsste es nicht „Han PLUS Huan“ heißen? Welche Geschichte wohl hinter diesem Schloss steckt?)

Ja, was macht man, wenn man sich trennt? Rückt man dann nächstens mit einem Bolzenschneider an? An der Brücke am ZOH hängt ein Schloss, auf dem das eingravierte Liebessymbol mit „Friends forever“ übermalt war, das hat mir gut gefallen. 

Hat man die „Brücke der Liebe“ überquert und das AOK-Gebäude hinter sich gelassen, beginnt gleich nach der Gasselmannstraße die „Mauer der Liebe“.

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Zur Linken fließt der Main endlich durch grüne Wiesen statt durch Beton und Matsch, zur Rechten haben sich unzählige Paare auf eine eher traditionelle Art verewigt. Mit Kreide, Spraydose oder irgendeinem Gerät, mit dem man Herzen und Pluszeichen in eine Mauer kratzen kann. Die älteste Liebesbezeugung stammt von anno 1993. Ich verstehe sie nicht ganz, denn das übliche Pluszeichen fehlt. Vielleicht wollte da auch bloß jemand seine Liebe zu Stefanie der ganzen Welt mitteilen. Ich kann leider auch den Namen darunter nicht richtig entziffern, ich glaube es heißt Nabil, aber nirgends ist das zwingend vorgeschriebene Pluszeichen zu entdecken. Ich hoffe, dahinter steckt eine schöne, der Jean-Paul-Stadt Bayreuth würdige Lovestory, und wer weiß, vielleicht haben die Kinder von Stefanie und Nabil ja inzwischen selbst die Liebe entdeckt und Schlösser an die Fußgängerbrücke gehängt…

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(Nichts ist trauriger als ein durchgekratztes „I love you“ …) 

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(Allen Schnuffels dieser Welt!)

Ach, wenn man all die Geschichten kennen würde, die hinter diesen Kratzereien und Schlössern stecken. Was für ein schönes Buch das wäre. Ob wohl die glücklichen oder die traurigen Geschichten überwiegen würden?

Fortsetzung folgt. Ich geh jetzt zum Kontrastprogramm: Der Vernissage von „Ugly Bayreuth“ in der Kämmereigasse 9,5- bin gespannt.

IMG_0425(I love meine Mäuse!)

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