Mainauen – Teil II: Fußball, Wiesen, toter Christus oder: Jean Paul und der Loriotsche Mops

Verdammt, ich muss hier schnell weg, ich werde langsam verrückt: Ich war schon wieder bei einem Fußballspiel, und fand es diesmal nicht nur wegen des Drumherums schön, sondern sogar an sich als Spiel ganz interessant.

Es war aber auch ein Drama: Nach 90 Minuten lag die SpVgg 1:2 im Rückstand und dann haut sie in der 92. und 95. Minute den Gästen noch mal den Ball ins Netz! Da war was los! Ich hab zwar nicht ganz verstanden, wozu die 90 Minuten vor der Nachspielzeit nötig waren, aber die letzten fünf Minuten waren irre spannend. Doch jetzt zurück zur Mainauenwanderung:

Nach der Mauer der Liebe beginnen die Mainauen und die totale Idylle. (Man sollte allerdings keine Angst vor Hunden haben, wenn man dort spazierengeht.) Die Mainauen sind super – fast so schön wie die Elbauen bei Dessau-Roßlau, wo ich einen Teil meiner Kindheit verbracht habe, und die ich regelmäßig besuche.

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Damit ist eigentlich schon alles gesagt, den Rest muss man sich bei schönem Wetter selbst anschauen. Da es jetzt ein wenig grau aussieht, kann man bis dahin mit den Fotos in diesem Beitrag vorlieb nehmen. Schreiben möchte ich aber heute über etwas anderes. Ich habe nämlich die Sonne genutzt, um mir eins der wohl düstersten Werke von Jean Paul vorzunehmen …

 Strübing liest Paul

 Die Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei

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Die Rede des toten Christus, eins der Blumen-, Frucht- und Dornenstücke, die dem Siebenkäs beigegeben sind, ist ein verdammt beeindruckendes Beispiel Paulscher Dichtkunst. Und dabei – das dürfte vielen wichtig sein – kurz und (für einen Text von Jean Paul) sehr gut lesbar. Auf wenigen Seiten erschafft er mit düsterer Sprachgewalt eine Apokalypse, ein Weltende ohne jede Hoffnung und Liebe, in dem nicht nur alles zerstört, sondern, als ultimative Grausamkeit, auch noch allem was ist und jemals war der Sinn genommen wird, denn „Er ist nicht!“

Der, der in Pauls Schreckensvision nicht ist, ist Gott. Der Alptraum, den der Erzähler durchlebt, ist der eines gottlosen Universums, und als er am Ende aus diesem Alptraum erwacht, weint seine Seele „vor Freude, daß sie wieder Gott anbeten konnte.“

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Die Rede des toten Christus ist eine Anklage gegen den Atheismus, indem sie seine Konsequenzen in den schrecklichsten Farben ausmalt: „Starres, stummes Nichts! Kalte, ewige Notwendigkeit! Wahnsinniger Zufall! […] Wie ist jeder so allein in der weiten Leichengruft des Alles!“

Schon im kurzen Vorbericht zur Erzählung heißt es: „Ebenso erschrak ich über den giftigen Dampf, der dem Herzen dessen, der zum erstenmal in das atheistische Lehrgebäude tritt, erstickend entgegenzieht.“

Nun bin ich Atheist und habe daher so einige inhaltliche Probleme mit dem Text.

Über die Frage, ob es Gott gibt oder nicht, will ich nicht streiten. Ich würde sagen: Nö, gibt’s nicht, aber wenn ich eines schönen bzw. jüngsten Tages plötzlich vor ihm stünde, so wäre ich sicher bereit, meinen Irrtum einzugestehen. Der Glaubende hat es da besser, insofern er seinen Irrtum nicht bemerken würde, falls nach dem Tod doch nichts mehr kommt.

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Was mich stört, ist das, was Jean Paul dem Atheismus, dem Nichtglauben generell unterstellt, eine Unterstellung, die man auch heute noch (und – so komm es mir vor – in den letzten Jahren immer häufiger) zu hören bekommt (was den Text wiederum sehr zeitgemäß macht): Ohne Gott gäbe es keinen Sinn, keine Liebe, keine Moral. Gott sei quasi so eine Art Loriotscher Mops („Ein Leben ohne Mops ist möglich aber sinnlos“). Alles sei ohne ihn bedeutungslos, sei Qual und Einsamkeit, und man könne sich genausogut gleich selbst umbringen: „Ach, wenn jedes Ich sein eigener Vater und Schöpfer ist, warum kann es nicht auch sein eigener Würgeengel sein?“

Es ist dieses Kleinreden der menschlichen Existenz und der irdischen Liebe, das mich nervt. Nichts hat Bedeutung, wenn nicht irgendein höheres Wesen dahinter steckt und ein ewiges Paradies uns für alle Mühsal entschädigt. Aber einsam ist doch vor allem der, der keinen Menschen hat, und nicht keinen Gott.

(Bevor mich jemand falsch versteht: Ich will auf keinen Fall behaupten, dass Christen die menschliche Existenz und das irdische Leben gering achten. Oft schätzen sie es gerade wegen ihres Glaubens hoch. Ich beschwere mich bloß über Texte, die mit diesem Argumentationsmuster dem Atheismus an den Kragen wollen, die jedes Nichtglauben an Gott mit Nihilismus gleichsetzen.)

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Gestern saß ich vor dem Kraftraum. Zwei Tische weiter saß ein älterer Mann, er rauchte und hustete, hatte aber nichts zu trinken und machte einen etwas … desolaten Eindruck. Bald begann er, auf mich einzureden. Ich hatte wenig Lust auf ein Gespräch (ich wollte schreiben, hatte noch nicht einmal meinen ersten Kaffee getrunken und außerdem schlägt in meiner Brust ein kaltes Atheistenherz). Irgendwann sagte er: „Ich bin ja heute 65 geworden.“ Ich murmelte einen herzlichen Glückwunsch, lud ihn auf eine Limo ein und gab ihm ein bisschen Geld. Er bedankte sich und sagte tausendmal, ich sei ein guter Mensch (was mir sehr peinlich war, denn wenn ich wirklich so ein guter Mensch wäre, hätte ich mich zu ihm gesetzt und mit ihm geredet). Irgendwann schlumperte er schnaufend davon. Ich sah in noch einige Male an diesem Tag. Immer allein. Vielleicht hätte es ihn getröstet, wenn er an Gott geglaubt hätte. Vielleicht hat ihn auch getröstet, dass er an Gott glaubte, ich weiß es nicht. Aber was ihm eigentlich fehlte, waren doch offensichtlich Freunde und eine Familie.

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Ich verstehe schon den Trost, den der Glaube spenden kann, vielleicht beneide ich Glaubende manchmal sogar heimlich ein bisschen darum, aber Gott zum erst- und letztgültigen Bezugspunkt zu machen, ohne den nur Sinnlosigkeit und Einsamkeit bleiben, empfinde ich als traurig und auf gewisse Weise als eine Herabsetzung unserer kleinen und doch so großartigen, schönen und schrecklichen Leben. Sind sie nicht trotzdem und vielleicht auch weil sie so begrenzt sind besonders und wertvoll?

Gerade Jean Paul hat doch auch den Augenblick gefeiert, die Liebe der Menschen zueinander, die Vergänglichkeit, den Wert jedes einzelnen (irdischen) Menschenlebens. Und dann schreibt er einen Text, in dem er all das einreißt und sagt: Ohne Gott hat das alles nichts zu bedeuten.

Man muss das wohl aus der Zeit heraus verstehen, in der der Glaube der Normalfall, der Atheismus aber verpönt und als offene Geisteshaltung noch neu war. Und man kann die Rede des toten Christus vielleicht ja auch als Gewaltakt gegen die Zweifel lesen, von denen Jean Paul nach allem was ich weiß selbst geplagt wurde.

Wie auch immer: Der Text ist sprachlich wunderschön, die Bilder sind beeindruckend, kraftvoll und beunruhigend. Unbedingt lesenswert!

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8 Kommentare zu “Mainauen – Teil II: Fußball, Wiesen, toter Christus oder: Jean Paul und der Loriotsche Mops

  1. Der Glaubende hat es da besser, insofern er seinen Irrtum nicht bemerken würde, falls nach dem Tod doch nichts mehr kommt.

    Das stimmt ja nicht so ganz. Der Glaubende kann sich auch insofern irren, als er den falschen Gott angebetet haben könnte, und in dem Fall geht es ihm unter Umständen sogar schlechter als dem Atheisten, der sich ja immerhin ganz enthalten hat…

  2. Sehr schöner Text zu dem Text von Jean Paul.
    Ich mag vor allem die Geschichte mit dem alten Mann. Vielleicht empfand der alte Mann dich auch als guten Menschen, weil du ihn überhaupt beachtest und ihm gratuliert hast. Denn wenn er allein war, wird er vielleicht nicht immer von allen beachtet, sonst hätte er bestimmt Freunde.

  3. Einen falschen Gott gibt es nicht. Wenn, dann nur die „falsche“ Religion… Aber letztlich läuft alles darauf hinaus, wie man mit anderen Menschen umgeht, egal nach welcher „Ideologie“. Da bleib ich dann auch lieber Atheist…

  4. ob es ein Fehler war oder nicht an Jesus zu glauben,wirst du spätestens dann merken wenn du die Radieschen von unten siehst ;-)

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