Der Gänsekrieg oder: Ein Stadtschreiber im Glück

Tagebuch, 15.5.2013

Und wieder hat es mich hinausgetrieben. Wobei „hinausgetrieben“ so klingt, als hätte ich Bayreuth nicht mehr ertragen. „Hinausgezogen“ ist das richtige Wort: Die Umgebung lockte, und so machte ich mich auf den Weg Richtung Mistelbach (danke für den Tip!), auch wenn ich dort nie ankommen sollte …

Ich begann mit einem Bummel über den Pfingstmark, wo es wirklich alles gibt, was das Herz begehrt, vom Chirurgenbesteck über gummilose Socken bis hin zu Reichs- und Reichkriegsflaggen, an traurigerweise so ein großer Bedarf zu bestehen scheint, dass gleich zwei Buden sie anboten.

Das schönste Werbeschild hatte der Pfannenwagen: „Pfannen aus Gold“ stand da, und erst wenn man näher dran war und genau hinschaute, entdeckte man das blasse, angehängte „kronach“.

Und weiter, am Hohenzollernring entlang, wo es gegenüber dem Abzweig Erlanger Straße einen Antiquitätengeschäft mit dem Namen „Antikothek“ gibt. Wenn man sich so hinstellt, dass eine Ampel oder ein Laternenmast ein paar der Buchstaben verdeckt, wird daraus „Antikot“ und man weiß sofort, dass einem dort kein Scheiß angedeht wird.

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An der Erlanger Straße ist mal wieder Platz für eine der in Bayreuth allseits beliebten Passagen mit ulkigen Spitzglasdächern, bewacht von einem hübschen Plätscherbrunnen (das Schaufelrad erinnert mich doch sehr an das in der Rinne auf dem Markt – gabs da vielleicht zwei zum Preis von einem?).

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Die Straße hoch, durch Altstadt, vorbei an Sonnenstudios, ein paar alten Kneipen bis zum Spezial-Oriental-Markt und dem Freiheitsplatz mit Trachtenhof in einem Neubau von barocker Hässlicheit. Unterwegs nicht vergessen: Ein kleiner Schlenker über den Stadtfriedhof und kurz den Sonnenhut gelüpft, um Jean Paul in seinem Efeugrab zu grüßen.

Und dann ist man praktisch schon am Rot-Kreuz-Laden. „Helfen helfen und dabei Geld sparen“ (oder so ähnlich) wirbt ein Schild vor der Tür, und drinnen verkündet ein weiterer Zettel: „Super Angebot – 1 kg Bücher – 1,50 €“. Da war mein Interesse natürlich geweckt. Ich hatte zwar keine Lust, ein Kilo Bücher mit mir herumzuschleppen, aber ein halbes Pfund gemischtes Buch für 40 Cent hätte ich mir schon gegönnt. Ist immerhin billiger als Hack! Und dabei nicht mal aus Massenbuchhandlung, sondern aus artgerechter Haltung in heimischen Bücherschränken.

Ich entschied mich schließlich nur für ein kleines Notizbuch mit seidenem Umschlag. „Diary“ stand auf dem Seitentitel und ich zog es andächtig aus dem Regal: Vielleicht hatte ja jemand etwas hineingeschrieben? Und tatsächlich, es war bereits in Benutzung gewesen, doch leider hatte die Vorbesitzerin oder der Vorbesitzer die eine beschriebene Seite herausgetrennt, man sah nur noch einen ganz zarten Hauch von Tinte auf der Seite, die direkt darauf gelegen hatte. Doch als ich weiterblätterte, entdeckte ich dafür etwas anderes, aber das müsst ihr selber sehen:

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Erst am Wochenende hatte ich bei einem Ausflug in die Fränkische Schweiz auf einer Kleewiese nach einem vierblättrigen Kleeblatt gesucht und keins gefunden, und jetzt fand ich zwei auf einen Schlag! Im Rot-Kreuz-Laden! Aber das war ja auch ganz logisch: Nach ungewöhnlichen Dingen, muss man an ungewöhnlichen Orten suchen und nicht an den offensichtlichen! Gleich nächste Woche tauche ich im Röhrensee nach Perlen und geh zu einem Klezmerkonzert ins Festspielhaus!

Wie gerne ich die Geschichte dieses Tagebuchs und der Kleeblätter kennen würde …

Fortsetzung folgt! Vom Y-Haus zur Fantaisie!

Jetzt aber:

Strübing liest Paul

Mein Aufenthalt in der Nepomukskirche während der Belagerung der Reichsfestung Ziebingen

Dieser Text ist eine von zwei Grotesken, die Jean Paul einer Sammlung politischer Schriften unter dem Titel „Politische Fastenpredigten“ beigab. Am bekanntesten daraus dürfte seine „Friedenspredigt an Deutschland“ sein. Die Fastenpredigten entstanden unter dem Eindruck der Niederlagen Preußens und Österreichs gegen Napoleon und vor dem Hintergrund der elenden deutschen Kleinstaaterei. Obwohl – oder weil – er Patriot war, bedückten ihn die französischen Triumphe nicht; er schien im Gegenteil darin sogar einen Weg zur Entstehung eines geeinigten Deutschen Reiches zu sehen („Die Deutschen lieben jetzt in den Deutschen das Deutsche mehr als sonst“).

Aber bevor ich hier mit angelesenem Halbwissen jongliere, nehme ich mir lieber die Lektüre des Berichts über Jean Pauls Aufenthalt in der Nepomukskirche während der Belagerung der Reichsfestung Ziebingen vor. Die politischen Hintergründe dieser satirischen Erzählung sind ohnehin leicht zu erraten. Zeitgemäß ist sie trotzdem noch: Als großartige Karikatur auf Kleinmut, der mit Größenwahn gepaart ist, auf Egoismus, Sturheit und eine Mentalität, aus der heraus lieber regelkonform eine Katastrophe organisiert, als mit ein bisschen Verstand, Herz und Verständnis ein Unheil abzuwenden; auf Eitelkeit, Medien-Overkill und schlechte Schriftsteller – wenn JP einmall loslegt, dann richtig.

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Die Geschichte beginnt mit einem schröcklichen Drama: Die Reichsfestung Ziebingen und die Reichsstadt Diebsfehra (in Wirklichkeit eher Dörfer, das eine immerhin von einer Festungsmauer umgeben) teilen sich eine Wiese, auf der beide Städte ihre Gänse weiden. Dies führte nie zu Problemen, bis am 4. Mai ein so starker Hagel auf die Wiese hinunterging, „daß vierzig teils Gänse, teils Ganser erschlagen wurden, den Diebsfehraner Gänsehirten nicht einmal gerechnet, welchen der Blitz niederstreckte.
Der Ziebingsche Gänsehirt ließ als Patriot alles Tote liegen und trieb so viel Lebendiges, wie sonst, nach der Festung.“

Was Diebsfehra selbstverständlich nicht auf sich sitzen lassen kann, man besteht darauf, die toten bzw. lebendigen Gänse untereinander paritätisch aufzuteilen.

Die Ziebinger jedoch „schickten ihnen nichts als ein Protokoll der Aussage des Gemeindehirten, daß die Hagelwetter bloß über die Diebsfehraner Gänse gezogen; was, wie er beifügte, auch der erschlagene Gänsehirt beschwören würde, wenn er als Gespenst vor Gericht erschiene.“ Der Ziebinger Stadtphysikus verfasst noch eine wissenschaftliche Abhandlung, die zweifelsfrei beweist und erhelle, „warum die in Frage gestellte Wolke sich bloß an den feindlichen Gänsen verschossen.“

Es gibt nur noch einen Ausweg: „Der Krieg zwischen beiden Mächten war entschieden, und tote Gänse schürten […] das Gefechtfeuer an.“

To be continued …

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Ein Kommentar zu “Der Gänsekrieg oder: Ein Stadtschreiber im Glück

  1. In dem Laden der Antik-othek war früher mal eine Ap-otheke!
    Ja, ja, der Schaufelradbrunnen, das war auch mal ein erster Preis ….

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