Am Y-Haus

Tagebuch 17.5.

Mit Doppelglück im Gepäck weiter die Bamberger Straße entlang, vorbei an einigen Häusern, die aussehen, als hätte man sie aus der DDR importiert. Aber das ist sicher der Tunnelblick eines Stadtschreibers, der in Berlin Marzahn aufgewachsen ist – die DDR hatte ja nun weiß Gott kein Monopol auf graue Plattenbauten.

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Gut gefallen hat mir dieses Wandgemälde, auch so was gab es im Osten recht häufig, allerdings waren es immer Friedenstauben, die darauf abgebildet waren. Naja, Oberfranken war ja irgendwie der Osten des Westens …

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Wo ich gerade bei Vögel-Bildern bin: Noch ein Stück die Straße runter begegnen wir einer weiteren Bayreuter Spezialität: den Vogelsilhouetten-Aufklebern. Unglaublich, wie verbreitet die hier sind. Plexiglasscheiben mit Vogelsilhouetten wohin man schaut, gleich am Bahnhof geht das los, kann mir das mal jemand erklären?

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Und dann wird plötzlich alles ganz seltsam: Zur Rechten wuchert ein Urwald, ein Bach schießt frei und froh durch die Natur, als gäbe es die Bayreuther Betonbettenverordnung für innerstädtisch fließende Gewässer nicht und hinter den Bäumen lugt schon das Y-Hochhaus hervor, zur Linken stöbert dichter Pollenschnee vor einer wild romantischen Dorfkulisse.

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Das ist alles schon ziemlich hübsch, das Hochhaus selbst sieht ein bisschen aus wie ein ordentlich saniertes und angemaltes FDGB-Hotel (ich hab’s heute irgendwie mit den DDR-Vergleichen). Gefällt mir richtig gut, obwohl ich ehrlich gesagt lieber darin Urlaub machen als wohnen würde. Trotzdem: Es geht doch mit den Plattenbauten! Sie müssen weder potthässlich sein, noch zwangsläufig in großen Rudeln zusammenstehn.

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Keine 5 Minuten später ist man am Ortsausgangsschild und hat sich ( bevor es im nächsten Tagebucheintrag hinaus in die Natur und weiter zum Schloss Fantaisie und einer tollen Donndorfer Aktionskunstinstallation geht) eine Rast an einem lauschigen Plätzchen verdient:

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 Strübing liest Paul

Mein Aufenthalt in der Nepomukskirche während der Belagerung der Reichsfestung Ziebingen

Nachdem der Krieg beschlossen und seitens der Angreifer aus Diebsfehra ein Termin festgesetzt ist, kann es endlich losgehen. Zwar sind Diebsfehraner den Ziebingern zahlenmäßig überlegen, die Ziebinger jedoch haben zwei Dinge, die diesen Nachteil mehr als ausgleichen: Eine Festungsmauer, die pünktlich zum Kriegsbeginn geschlossen wird und einige unglückliche Durchreisende (Jean Paul, einen Buchhändler sowie einen Elefanten) einschließt; vor allem aber ihren tapferen Festungskommandanten namens Ich sterbe täglich und mein Leben. Leser von Science Fiction Romanen werden bei diesem Namen unwillkürlich an den großartigen, gar nicht genug zu lobenden Kultur-Zyklus von Iain M. Banks denken, in dem sich die Raumschiffe (deren Intelligenz die der Menschen weit hinter sich gelassen hat) seltsame Namen wie Ich Gebe Meiner Mutter Die Schuld oder Leicht Angebraten Auf Dem Realitätsgrill geben. Es ist aber eher unwahrscheinlich, dass der schottische SF-Autor sich dabei von Jean Pauls Kommandanten inspirieren lassen hat. (Lesetip für Banks-Einsteiger: Bedenke Phlebas)

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Ich sterbe täglich und mein Leben ist dabei nur eine Abkürzung, eigentlich sollte der Kommandant Ich sterbe täglich und mein Leben eilet immerfort zum Grabe hin heißen, eine Zeile eines bekannten Kirchenliedes, was aber doch etwas zu lang war. Der abgekürzte Name ist schließlich immer noch lang genug, was jedoch kein militärisches Problem darstellt, da die Kriegskunst „nur Kürze der Kommandowörter, nicht aber der Kommandantennamen verlangte“.

Der Buchhändler und -verleger ist einigermaßen unglücklich über den ungeplanten Einschluss, beschließt aber, das Beste draus zu machen. Er ist schließlich Herausgeber eines Belagerungmagazins, für das ihm ein Exklusivbericht aus einer belagerten Festung gerade recht kommt. Jean Paul (als Autor nicht als Protagonist seiner eigenen Satire), macht sich hier über die Flut von Spezialmagazinen lustig, die damals eingesetzt haben muss („so wie jetzo Kleider-, Sarg- oder andere Magazine und bei Buchhändlern fast alle übrigen Magazine zu haben sind“). Ich habe vorhin im Zeitungsladen nachgefragt: Das Belagerungsmagazin scheint mittlerweile eingestellt worden zu sein, wohl wegen Mangels an Abonnenten, Werbekunden und vor allem Belagerungen.
Der Buchhändler bittet Jean Paul, ihm einen Bericht zu verfassen, worauf dieser jedoch keine Lust hat. Er gestattet ihm aber, alles mitzuschreiben, was er sagt, und sollte etwas brauchbares dabei sein, dürfe er es für sein Magazin verwenden. Keine gute Idee: Von nun an weicht ihm der Buchhändler nicht mehr von der Seite und schreibt eifrig (und blind, mit der Hand in der Tasche seiner Jacke) jede Äußerung Jean Pauls mit …

tor

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Ein Kommentar zu “Am Y-Haus

  1. Das mit den Vogelsillouetten lernt man hier doch schon im Kindergarten spielerisch bzw. bastlerisch :) Anscheinend gab es in der Bayreuther Gegend mal eine – biblische Ausmaße annehmende – Vogelplage, die zur Folge hatte, dass Heerschaaren von Vögeln an Fensterscheiben krachten und qualvoll verendeten. Mit diesem Mahnmahl an den Glasfenstern wird heute noch an diese Katastophe erinnert ;)

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