Wilhelmine mit der Bierflasche

IMG_9563An der Bamberger Straße, gleich hinter dem Ortsausgangsschild, herrscht natürlich sofort wieder höchste Idyllenwarnstufe. Aber Achtung: Gangs mittelalter Funktionsjackenträgerauf ihren Fahrrädern machen die Gegend unsicher! Zwar sind sie nicht allzu schnell und beginnen auch schon ungefähr 7 Minuten bevor sie einen erreichen mit wildem Geklingel, aber wehe, man ist ganz in den Anblick der schönen Landschaft versunken und hat vielleicht auch noch Kopfhörer auf …  Und wehe, wenn sich mal zwei solcher Horden, aus verschiedenen Richtungen kommend, begegnen, dann bleibt dem unglücklichen Fußgänger nur noch ein rettender Sprung in die Wiese.

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(Am Jean-Paul-Weg Richtung Eremitage/Donndorf)

Davon abgesehen durchwanderte ich glücklich den dritten Himmel Bayreuths, ein Stück an der Straße nach Mistelbach entlang, bevor ich auf dem Jean Paul Weg nach rechts abbog und nach einer halben Stunde  im ersten Himmel ankam:

»[…] Heb alles auf, bis wir im warmen Schoß Abrahams sitzen, in der Eremitage«; welches nach Fantaisie der zweite Himmel um Baireuth ist, denn Fantaisie ist der erste, und die ganze Gegend der dritte.

(Jean Paul, Siebenkäs)

Ich muss sagen, dass auch mir Schloss und Park Fantaisie etwas besser gefallen als die Eremitage, die teilweise doch recht kitschig ist. Gerade die Orangerie istmir  ein bisschen zu bunt und überladen. Das ist natürlich Nörgeln auf hohem Niveau, denn der Kitsch vergangener Jahrhunderte ist trotzdem schön, viel schöner als die meisten kitschfreien Zweck-, Wohn- oder Prunkbauten der Gegenwart. Zumal man darüber nachdenken könnte, ob es nicht auch eine Art Bauhaus-Kitsch gibt, eine vermeintliche Funktionalität und Klarheit, die letztlich doch nur Zeitgeistarchitektur und modische Narretei ist. Wikipedia erklärt Kitsch so: „Kitsch steht zumeist abwertend gemeinsprachlich für einen aus Sicht des Betrachters minderwertigen, sehnsuchtartigen Gefühlsausdruck.“ Und auch ein schmuckloser Betonwürfel kann natürlich Ausdruck eines sehnsuchtartigen Gefühles sein und sei es nur der Sehnsucht danach, über dem sentimentalen, kitschvernarrten Pöbel zu stehen und als besonders sachlich, klar und wichtig wahrgenommen zu werden. Schaun wir mal, was die Leute in 200 Jahren zum Beispiel zum Bundeskanzleramt sagen.

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(Am Jean-Paul-Weg Richtung Eremitage/Donndorf)

Also, nüscht gegen die Eremitage, trotzdem ist Fantaisie ein bisschen schöner, und insgesamt muss man sagen: Das hat die Wilhelmine schon gut gemacht. Heute Abend schaue ich mir im Marionettentheater Operla ein Stück über ihr Leben an, und ich bin gespannt, ob da auch gezeigt wird, wie sie mit Bauarbeiterhelm auf dem Kopf und Bierflasche in der Hand auf der Baustelle von Fantaisie am Betonmischer steht und vorbeilaufenden Donndorfer Buam hinterherpfeift …

Mal im Ernst: Bei all dem Gewese um Wilhelmine muss man schon mal an den alten Schwerenöter Brecht und seine „Fragen eines lesenden Arbeiters“ denken:

Wer baute das siebentorige Theben?
In den Büchern stehen die Namen Königen.
Haben die Könige die Felsbroken herbeigeschleppt?

Das Gedicht würde ich als sozialistischen Kitsch bezeichnen, die Fragen sind trotzdem gut. Ob die einfachen Bayreuther und die oft extrem armen Bewohner der Region glücklich über die Wilhelmines Prunkbauten waren, ist fraglich, dass sie es letztlich waren, die die Arbeit und die Finanzierung schultern mussten, dagegen nicht.

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Ich weiß nicht, ob man auf den Führungen in den Schlössern etwas darüber erfährt, wie die gelebt  und gearbeitet haben, die die Träume von Wilhelmine usw. in die Tat umsetzen mussten. Normalerweise erfährt man ja nur, wie sehr sich Könige, Fürsten etc. mit dem Bau von diesem oder jenem Schloss verschuldet haben, aber nicht, was das Bauvorhaben für ihre Untertanen bedeutete. Als habe der Willen der Bauherren in einem magischen Akt Ödland in Schlösser plus Schulden verwandelt.

Wie auch immer: So war das halt damals. Gut, dass so etwas Schönes dabei rausgekommen ist. Besser der Schweiß der Vorfahren floss für Parks und Schlösser, die im Laufe der Jahrhunderte Hunderttausenden Freude bereiten, als dass ihr Blut für irgendwelche sinnlosen, vielleicht längst vergossenen Kriege floss.

Strübing liest Paul

Mein Aufenthalt in der Nepomukskirche während der Belagerung der Reichsfestung Ziebingen

Wo ich gerade von sinnlosen Kriegen schrob: In Ziebingen wird es ernst bzw. lächerlich:

Jetzt wurden ernsthafte Vorkehrungen getroffen, wozu lächerliche recht gut taugen. Patriotismus war allgemeine Empfindung. – Der Nachtwächter dankte ab, weil Bomben, wie er sagte, ihn gänzlich störten und springende die Diebe noch eher verjagen würden, als ein lahmer Mann, – die Fahnen wurden neu geweiht, – die allergefährlichsten, doch kriegserlaubten Stichwaffen wurden zusammengesucht, nämlich stumpfe und rostige, vor deren Wunden Gott bewahre

Kanonenkugeln, die noch von früheren Belagerungen in den Mauern stecken, werden herausgebrochen. Obwohl man eigentlich keine braucht, da die Festung über keinerlei Kanonen mehr verfügt. Diese nämlich hat der brave Kommandant Ich sterbe täglich und mein Leben in Vorbereitung auf die Belagerung gegen ein paar Säcke Mehl verkauft – ausgerechnet den Belagerern aus Diebsfehra, denn schließlich brauchen die Belagerer die Kanonen viel dringender als die Belagerten, während für diese das Mehl viel nützlicher ist. Bloß weil man sich miteinander im Krieg befindet, muss man doch nicht auf gesunden Menschenverstand und Geschäftssinn verzichten!

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(Park der Eremitage)

Die wichtigste Kriegswaffe ist ohnehin die Kampfmoral und diese stärkt der umsichtige Kommandant, indem er die Flinten der Soldaten als Lohn ihrer zukünftigen Tapferkeit zu „Ehrenflinten“ erklärt und einen Wettbewerb ausruft, in welchem er Preise für besonders tapfere Träume vom Sieg aussetzt, „um durch das Träumen das Wachen zu stählen.“

Auch der örtliche Zeitungsschreiber kommt mit Feuereifer seiner patriotischen Pflicht nach und hebt den Mut der Ziebinger mit Beschreibungen der eigenen Stärke und der Schwäche des Angreifers. Der ganze Krieg würde ausfallen, wenn die Angreifer sein Werk in die Hände bekämen und der Aussichtslosigkeit ihrer Bemühungen gewahr würden:

Nur bedauerte der Zeitungsschreiber, daß seine Zeitung, welche dem Feinde allen Mut rauben könnte, gerade von demselben mit belagert werde.

Kurz, nun fehlte zur besten Verteidigung nichts als ein Feind dagegen; der aber erschien redlich am 8. Mai nachmittags.

Es folgt mal wieder eine dieser Stellen bei Jean Paul, die einen leicht zur Verzweiflung treiben können; einer dieser Absätze, nach deren Lektüre man seine eigenen Gedanken ziemlich präzise mit dem Satz „Häh?“ zusammenfassen kann. Verwirrende Sätze voller historischer Anspielungen (hier: Cicero, Cäsar, Canovas Löwe aus Butter und Zendavestas 1200häutige Kriegs-Festungsgesetze) und Abschweifungen.

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(Grün. Ein Donndorfer Stillleben.)

Immerhin erfahren wir noch etwas über den Kommandanten, der ein rechter Kriegsheld ist, wenn auch nicht, wie er im Buche steht, es sei denn das Buch wurde von Jean Paul geschrieben:

Vielmehr war umgekehrt der Mann milder, milchiger Natur, nicht ein Brei, ein dicker, worin ein Knochen oder Degen feststeht, sondern eine weite, knochenlose Marksuppe, und so viele Narben er auch aufwies, so hatte sie doch sämtlich der Aderlaßschnapper geschlagen; aber sein Mut wurde bloß gedämpft und mehr gehörig eingeschränkt, da nahe an ihm ein Pulverhorn, wie eine Mine, gesprungen und ihn, wie der Blitzschlag Luther, theologisch gemacht hatte.

Dann kommt die Sache mit dem Butter-Löwen, aber nach einer Seite fängt sich Jean Paul zum Glück und schreibt: „Endlich aber zum Größeren zurück! […] Es ging los. Schon die erste feindliche Haubitze …“

Aber so einen schönen Cliffhanger lasse ich mir natürlich nicht entgehen.

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Ein Kommentar zu “Wilhelmine mit der Bierflasche

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