Nachträglich zum Geburtstag oder: Das Wetter ist kein Wagnerianer


Der schönste Facebookpost gestern stammte von Horst E Motor:

Heute ist es endlich soweit, ganz Bayreuth, aber eigentlich die ganze Welt hat schon seit Jahresbeginn auf diesen Tag gewartet. Einer der größten Komponisten und Musiker hat heute Geburtstag und an diesem Ehrentage wollen wir die eine oder andere seltsame politische Bemerkung in der Vergangenheit vergessen. Zu groß ist das Werk und der Einfluss bis zum heutigen Tage. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Morrissey!

Außerdem hatte gestern auch noch Richard Wagner Geburtstag. Für all das Gewese, dass um das Jubiläum gemacht wird, war tagsüber in der Stadt wenig los; ich habe zumindest nichts bemerkt, keinen Festumzug mit reitenden Walküren, keine Stände, an denen Wagner-Luftballons verkauft wurden, keine Fliegender-Holländer-Schiffsschaukel auf dem Marktplatz.

Die Bayreuther schienen den Geburtstag bevorzugt im Rotmain-Center zu verbringen. Da war was los! Ich brauchte einen Schlips und eine Hose, alle anderen brauchten: alles. Und zwar viel davon. Man hätte meinen können, dass sie sich für das Jubiläum rasch noch was Schickes kaufen wollten, wenn nicht die Kleidungsstücke, die sie in riesigen Haufen auf die Kassentische knallten, eine andere Sprache gesprochen hätten. Man musste an den Umkleidekabinen anstehen und wurde, ohne dass man es hätte verhindern können, von Untergangsvisionen von wagnerscher Wucht heimgesucht, wenn sich die Leute von Verwandten oder Freunden neue Kleiderberge in die Kabine reichen ließen. War gestern Wagner-Schlussverkauf? Ist durchgesickert, dass Bayreuth demnächst an Brandenburg zurückgegeben wird? Ging die Angst um, Bangladesh würde den Arbeitsschutz einführen und bald koste alles 2 Euro mehr?

***

IMG_9969

Am Montag stolperte ich bei einem Spaziergang durch den Hofgarten in Filmaufnahmen hinein, und erfuhr, dass es einen Kurzfilmwettbewerb unter dem Motto „Happy Birthday Richard“ gibt. Ich konnte ein paar Making-of-Fotos des Beitrages von Neary Wach machen. Ich war ja etwas skeptisch, dass der Beitrag bis zum gestrigen Einsendeschluss fertig werden würde, da ich sie verließ, als gerade der Kamera-Akku alle war, aber sie haben es offenbar noch geschafft und den Film online gestellt.

Am 28.7. – leider nach meiner Zeit als Stadtschreiber – werden die von einer Jury ermittelten (wieso eigentlich ermittelten? Jurys bestimmen doch einfach!) Sieger im Rahmen einer Kino-Gala bekanntgegeben. Die Wettbewerbsbeiträge stehen alle online, aber leider nicht gesammelt, da muss man ein bisschen bei Youtube suchen.

 

 ***

Wofür ich einen Schlips brauchte? Ich war beim Geburtstagskonzert! (Nein, nicht dem von Morrissey.) Im Festspielhaus! Kurzfristig hatte es noch mit einer Karte geklappt. Ich war ziemlich aufgeregt, das muss ich sagen, sehr gespannt und neugierig, sowohl auf das Konzert an sich, als auch auf den ganzen Rahmen.

Letzterer war dann gar nicht so spektakulär, wie ich dachte. Die Promidichte war gering, ich sah einen Ministerpräsidenten, eine Oberbürgermeisterin, eine Fernsehmoderatorin und einen Radiomoderator. Ich bin allerdings auch kein Promi-Kenner, wer weiß, welche wichtigen Leute ich vor dem Konzert und in der Pause alles mit der Bitte um Feuer belästigt habe?!

DSC09960

(Mangels Promifotos: icke.)

Und los ging’s. Ich hatte einen phantastischen Platz in der siebenten Reihe und das Bein mit dem Knie, also mit dem ollen Knie, war praktisch schon eingeschlafen, bevor mein Hintern die Sitzfläche berührte. Zum Glück hatte ich vorsorglich eine Ibuprofen und eine Acesal gegessen, ich denke, das hat mich gerettet.

Ich bin sicher, dass hinter den legendär unbequemen Festspielhaussitzen ein Konzept steckt. Ganz bestimmt hat Douglas Adams, bevor er Per Anhalter durch die Galaxis schrieb, die Bayreuther Festspiele besucht, und dort die Idee mit den vogonischen Poesiewürdigungsstühlen gehabt. An Herumlümmeln ist nicht zu denken, man sitzt die ganze Zeit mit kerzengeradem Rücken, Orthopäden würden vor Freude weinen. Kerzengerade und, wenn man größer als 1,70 ist, mit gespreizten Beinen, da man dann die Knie unmöglich hinter die Lehne der Vorreihe kriegt. Ich hatte Glück: Meine Sitznachbarinnen waren recht klein, und so entbrannte kein Kampf um die etwas tiefere Stelle zwischen jeweils zwei Sitzen der Reihe vor uns, in die die Beine gerade so reinpassten.

Das Orchester nahm auf der Bühne Platz – es war ja eine konzertante Aufführung, weder Pyrotechnik noch Gummiadler kamen zum Einsatz, dafür durften die Musiker mal aus ihrem Keller raus. Doch vor die Musik hatten die dämmernden Götter eine Rede von Horst Seehofer gesetzt. Ich war mal wieder überrascht, mit welch kleinen Witzen Politiker das Publikum zum Lachen bringen können, unsereins muss sich da deutlich mehr Mühe geben. Die Rede war trotzdem ganz hervorragend, vor allem, weil sie keine 5 Minuten dauerte.

IMG_9976

Und dann begann das Konzert mit dem 1. Aufzug aus der Walküre. Um es kurz zu machen: Es war großartig. Der Sound war gewaltig; die Musik setzt ohnehin auf Überwältigung und schafft das auch spielend, man vergaß die Zeit – und sogar den Wagnerwürdigungsstuhl und das will schon was heißen. Mir liefen Schauer über den Rücken, und immer wieder hörte man Leute ergriffen seufzen; einfach toll. Leider fing oft, wenn man sich gerade richtig in die Musik fallen ließ, jemand zu singen an …

Die Sängerin und die beiden Sänger waren ohne Zweifel sehr gut, es war beeindruckend, was sie mit ihren Stimmen machten, aber … na, das ist wohl Geschmackssache, allerdings stand ich, wie eine Kurzumfrage ergab, nicht allein da mit meinem Wunsch, es wäre etwas weniger Gesang gewesen. Ein altbekanntes Problem bei Wagner. Und Opern generell. Ich mag die Melodien nicht, die gesungen werden, zu verschwurbelt sind sie mir; die menschliche Stimme, zu absoluten Höchstleistungen getrieben,klingt  nicht mehr warm und angenehm und natürlich, der Klang ist trotz beeindruckender Lautstärke dünn im Vergleich zum Orchester, da die hohen Frequenzen weiter tragen (mit einem Mikro – Sakrileg, Sakrileg! – klänge das sicher besser). Mir fiel Mark Twain ein, von dem überliefert ist, dass er nach dem Besuch einer italienischen Oper sagte, so etwas habe er nicht mehr gehört, „seit das Waisenhaus brannte“.

IMG_9962

So schlimm war’s dann doch nicht, mit der Zeit gewöhnte man sich daran, und außerdem sorgte der Gesang für den einzigen Lacher in der Aufführung – auch wenn seltsamerweise niemand lachte, so dass auch ich mich nur zu schmunzeln traute: Nach einer sehr ruhigen Stelle platzte die Sieglinde plötzlich mit einem unglaublichen Träller hervor, ich zuckte zusammen, die Streicher rissen die Bögen über die Saiten und ließen sie durch die Luft fliegen, als hätten sie sich genauso erschrocken wie ich, der Dirigent klappte den Oberkörper in in Richtung der Sängerin und starrte wie fassungslos auf ihren bebenden Mund, der endlose Sekunden einen derart phänomenalen Schalldruck erzeugte, dass man sich fragte, wo sie nur die Luft dazu hernahm. Ob man in der Gesangsausbildung lernt, heimlich mit dem Hintern zu atmen?

DSC09959

(Pause. Mein Platz war zum Glück am Rand, so war ich als erster am Bierstand!)

Genug des Spotts – ich kann einfach nicht anders, ich muss das machen. Ich war jedenfalls begeistert, wirklich umgehauen. Die anderen waren es ebenso, der Applaus war stürmisch und lang, es gab Fußgetrampel und Bravo-Rufe, es war die bei Weitem beste Wagner-Aufführung, die ich je gesehen habe (die erste zwar auch, aber das soll mein Lob nicht schmälern).

Und heute Abend gehe ich zur Wahl von Miss Volksfest, Festzelt statt Festspielhaus, soviel Ausgleich muss sein.

***

Eigentlich wollte ich noch etwas zur Musik selbst schreiben, aber das muss unterbleiben, da mir gerade die Zeit davon rennt, und Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wahrscheinlich auch, da ich schon wieder bei 8.000 Zeichen gelandet bin.

***

 Bleibt noch die Frage, ob man über Wagners Geburtstagskonzert schreiben darf, ohne auf seinen Antisemitismus einzugehen.

Ja, natürlich darf man das. Insbesondere, wenn man, wie ich, wenig Neues zu dieser Diskussion beitragen kann. Wer diesen Aspekt von Wagners Leben ausklammert oder klein redet, ist ein Ignorant, meine ich; wer einzig aus diesem Grund (und nicht wegen des Gesangs oder so) die Musik doof findet, auch.

Wir sehen uns nachher im Festzelt, oder?

Advertisements

2 Kommentare zu “Nachträglich zum Geburtstag oder: Das Wetter ist kein Wagnerianer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s