Ich liebe den Geruch von Spanferkel am Morgen

Liebe Leser, bitte stellen Sie sich nun für einen Moment vor, dass das Wetter einfach immer so bleiben würde …

Tut mir leid, falls ich Ihnen gerade den Tag verdorben habe. Für einen Frühling wie diesen fehlten sogar Jean Paul die Worte. Oder ich habe sie nur nicht gefunden. Oder es gab so einen Frühling damals noch nicht, und er ist genau das, was er uns allen zu sein scheint: der mieseste Frühling aller Zeiten, ein Frühling, wie man ihn aus Dystopien wie Blade Runner oder besonders deprimierenden deutschen Gegenwartsromanen wie dem Regenroman von Karen Duve kennt. Mir hat beides gefallen, aber doch nur als Fiktion, nicht als Beschreibung der realen Wettersituation!

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(An dieser Stelle, nur scheinbar zusammenhanglos, ein nachträglicher Fernsehtip: Am Mittwoch lief auf 3sat der Directos Cut von Apocalypse Now, dreieinhalb Stunden und keine Minute zu lang. Ein Film, der vorgeblich vom Vietnam-Krieg handelt, aber dem Eingeweihten fallen natürlich die zahllosen Bayreuth-Anspielungen auf: Vom Walkürenritt beim Hubschrauberangriff über den Dauerregen im Außenposten bis hin zum Reich des Colonel Kurtz, das einen eben gerade dadurch, dass es so vollkommen anders ist als Bayreuth, sofort an Bayreuth denken lässt, so wie man bei diesem Wetter unwillkürlich von der Sonne träumt.)

Jean Paul jedenfalls fehlten die Worte für dieses Wetter. Ich lasse mich da gern berichtigen, aber Dauerregen, einen konturlos grauen Himmel, einen Novemberfrühling habe ich bei ihm bisher nicht finden können. Stets ist der Regen warm oder erfrischend, von Sonnenstrahlen durchzogen und Regenbögen gekrönt, er dauert nicht lange und hinterlässt eine frischgeputzte, strahlende Natur.

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Was einem bleibt, ist, das beste draus zu machen. Ich war eingeladen, eine Bekannte zu einem Feuerwehrfest in Sanspareil zu begleiten. Zum Glück stand dort eine große Festhalle zur Verfügung. Man hatte – und es war bitter nötig – sogar noch eine große Gebläseheizung herangeschafft, damit das Bier in den Gläsern nicht gefror.

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Wir wagten uns dennoch nach einem Kaffee wieder hinaus (auch weil mir zu dieser frühen Stunde noch nicht nach Spanferkel zumute war) und spazierten durch den Felsengarten Sanspareil, der ein Teil und ein Prunkstück des Jean-Paul-Weges ist. Sofort musste ich wieder an Apocalypse Now denken: Ungeachtet der Kälte ist die Natur in den letzten Wochen förmlich explodiert. Der Boden war dicht bewachsen mit Waldmeister und Wasweißichnochallem, Efeu wucherte, von den Felsen hingen Lianen (auch wenn es keine Lianen waren), dazu die Feuchtigkeit, alles troff und tropfte – der Wald hatte etwas Tropisches, ein Dschungel, ein Dauerregenwald, nur die Temperaturen wollten nicht passen. Ich habe meine Winterkleidung leider schon nach Berlin zurückgeschafft, ich trug nur T-Shirt, Hemd, Pullover und Regenjacke (und natürlich Schlüpfer, Hose, Socken, Schuhe – dies nur um Missverständnissen vorzubeugen). Meine Rettung war eine Decke aus dem Auto, die ich mir unter der Jacke um die Schultern gewickelt hatte. Damit ging es sehr gut und unter den Bäumen war auch der Regen erträglich. Wer noch nie in Sanspareil war, muss das dringend nachholen, es ist wunderschön, sogar wenn es regnet, vielleicht gerade dann.

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Wir fuhren weiter durch die Fränkische Schweiz, vorbei an überfluteten Auen und Wäldern, aus denen dichter Nebel aufstieg. Ein irrer Anblick, bei dem man meint, die Stelle gefunden zu haben, an der die ganzen Regenwolken hergestellt werden – und natürlich sofort wieder an den Dschungel in Francis Ford Coppolas großem Bayreuth-Film denken muss.

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Schließlich erreichten wir den Mittelaltermarkt an der Burg Rabenstein. Mittelaltermatsch trifft es eher. In gewissem Sinne hatte das etwas sehr authentisches. Der Boden war nur mit etwas Stroh gedeckt, man stapfte durch den Schlamm, bei jedem Schritt darauf bedacht, nicht über den Rand der Schuhe einzusinken. Ausnahmsweise dachte ich nicht an Apocalypse Now sondern eher an Filme wie Der Name der Rose. So ähnlich muss es bei Regen im Mittelalter, aber auch noch zu Jean Pauls Zeiten in den Dörfern und großen Teilen der Städte ausgesehen haben, nur dass der Matsch auch noch mit allerlei ekligem Zeugs durchsetzt war, das man bei allem Bemühen um Authentizität auf dem Mittelalterfest zum Glück weggelassen hatte.

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Als wir ankamen, wurde gerade verkündet, dass der Markt matschbedingt nun vorzeitig geschlossen werde. Die Leute, die den Markt machten, taten mir etwas leid, man sah, welche Mühe sie sich gegeben hatten und nun so etwas. Andererseits sahen sie gar nicht unglücklich aus. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Mittelalterfreaks eine eingeschworene Gemeinschaft sind, am Ende doch eine Menge Spaß hatten beim gemeinsamen Kampf mit den Umständen, so etwas schweißt schließlich zusammen und Galgenhumor ist sowieso der schönste.

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Für uns stand noch ein kleiner Spaziergang zur und ein Rundgang durch die Sophienhöhle an, ebenfalls sehr empfehlenswert. Die Höhle selbst ist jetzt nicht sooooo spektakulär, zudem erfüllte sich meine Hoffnung nicht, in ihr vor dem Regen sicher zu sein (eine blödsinnige Hoffnung angesichts einer Tropfsteinhöhle). Schön ists trotzdem und ein Besuch lohnt sich schon wegen des „Franzosen“, wie er sich selbst nannte, des Mannes, der jeweils zur vollen Stunde durch die Unterwelt führt. Ich habe mich vorher gefragt, ob ich mit dieser Höhle vielleicht das Vorbild für die Höhle aus Jean Pauls Dr. Katzenbergers Badereise zu sehen bekäme. Sie wurde allerdings erst acht  Jahre nach seinem Tod entdeckt. Seltsamerweise erinnerte nichts in der Sophienhöhle an Apocalypse Now, sieht man davon ab, dass sich der Höhlenführer „Franzose“ nannte und im Directors Cut eine in der Kinoversion fehlende franzosenhaltige Episode enthalten ist.

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(Nachdem  wir in der Höhle eingeschlossen waren, bereute mancher, den Regenschirm draußen gelassen zu haben.)

Strübing liest Paul

Mein Aufenthalt in der Nepomukskirche während der Belagerung der Reichsfestung Ziebingen

Ich habe Jean Paul in den letzten Tagen hier sträflich vernachlässigt. Es fehlte die nötige Ruhe und Muße. Ich möchte jetzt nicht fortfahren, die Geschichte der Belagerung von Ziebingen nachzuerzählen. Man kann sie online nachlesen, sie ist nicht besonders lang und wer generell bereit ist, sich auf Jean Paul einzulassen, wer sich die nötige Zeit nehmen kann und vor allem den Humor Pauls mag, wird daran seine Freunde haben. Über ein paar Kleinigkeiten möchte ich aber trotzdem schreiben.

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Zur Erinnerung kurz der Hintergrund: Wegen einiger vom Blitz erschlagener Gänse belagert das Heer des Städtchens Diebsfehra die Festung Ziebingen. Jean Paul, ein Elefant samt Dompteur sowie der Buchhändler Stöcklein, allesamt auf der Durchreise, werden unfreiwillig eingeschlossen. Bewohner, Elefant, Buchhändler und Autor finden Zuflucht in einer bombensicheren Kirche, während die Diebsfehraner die Stadt mit einem Mörser beschießen. Vor allem nachts rumst es gewaltig, während tagsüber wenig los ist, was der eingeschlossene Jean Paul nutzt, um über schlechte Schriftsteller nachzudenken:

Am Tage wurde zu wenig geschossen. Aus Langweile sucht‘ ich, in Erwartung des lebhaften Nachtschießens, meine Gedanken über den größten und insofern wichtigsten Teil der Schriftsteller, nämlich den elenden, mir selber laut zu entwickeln; da aber lautes Sprechen lebendiger wird, wenn jemand da ist, der zuhört: so war mir Stöcklein wie gerufen dazu.

Das ist typisch Jean Paul, soviel kann ich mittlerweile wohl guten Gewissens aufgrund meiner bisherigen Lektüre sagen: Ohne Rücksicht auf die eigentliche Geschichte (und den Leser) wird in die Texte reingepackt, was ihm gerade durch den Kopf geht, oder was einfach gerade an der Reihe ist, aus seinen umfangreichen Notiz- und Gedankensammlungen in eins seiner Bücher umzuziehen. Dieser Mann ist wie ein Fluss in der Hochwassersaison, wenn er anfängt zu schreiben, dann kann kein Damm die Geschichte in ihrem Bett halten, dann heißt es Land unter, und man ist gerade zu verblüfft, wenn sich aus der riesigen Wasserlandschaft, die er vor einem ausbreitet, schließlich doch wieder ein klar erkennbares Story-Bächein hervorwindet und weiterfließt.

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Es ist wirklich phänomenal, dieser Mann steckte so voller eigener Ideen, Meinungen, Fragen, Geschichtchen, dass er fast geplatzt sein muss. Dazu noch das gesammelte Wissen seiner Zeit, eine Enzyklopädie der damaligen politischen, künstlerischen, theologischen Diskussionen. Ein Messie des Geistes. Er konnte keinen Gedanken, keine Information wegwerfen, mindestens in seinen Notiz- und Exzerptbänden musste alles festgehalten werden und wo immer es ging (und gerne auch mal, wo es eigentlich nicht ging), ließ er es in seine Bücher einfließen – bzw. einstömen.

Der in der Festung eingeschlossene Jean Paul macht sich also mangels Bombardement tagsüber Gedanken über schlechte Schriftsteller und deren Bücher.

Und ich mache mir darüber Gedanken, dass der Eintrag schon wieder viel zu lang wird, weshalb ich – ich schwöre – morgen an dieser Stelle fortfahren möchte.

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