Schlechte Bücher

Tagebuch, Dienstag, 4.6.2013

Ich habe die Sonne gesehen! Ich habe geschwitzt! Ich bin schon wieder durch Modder gelatscht! Darum heute kein Tagebuch, dafür viel Jean Paul und ein paar Fotos von einem neuerlichen Mainauenspaziergang Richtung St. Johannis inklusive Besuch bei meiner Lieblingsautobahnbrücke.

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Strübing liest Paul

Mein Aufenthalt in der Nepomukskirche während der Belagerung der Reichsfestung Ziebingen

[…] alle öffentlichen Bibliotheken bewahrten bisher nur gute Werke der Nachwelt auf. Es fragt sich aber, wenn die Nachwelt den Geist der vorigen Zeit aus dem Innersten kennen lernen will, ob sie diese Kenntnis richtiger aus genialen Werken, welche jedesmal über den Geist ihrer Zeit hinausspringen, zu schöpfen vermöge, oder vielmehr aus ganz elenden, welche als Nachdruck und Brut ihrer Zeit und durch ihre Menge am stärksten deren Bild, besonders die Schattenseite, abzeichnen.
[…] etwas in mir will haben, daß von jedem abgedruckten Schmierbuch wenigstens ein Exemplar übrig bleibe.

Ach, Jean Paul, Dein Wunsch ist in Erfüllung gegangen, auch, wenn Du ihn halb im Scherz geäußert hast! Alles wird archiviert und aufgehoben, auch wenn niemand weiß, ob wir bzw. unsere Nachfahren bzw. Außerirdische, die auf der Erde landen und die Ruinen einer offensichtlich einst auf der Erde beheimateten semiintelligenten Rasse finden in der Zukunft noch unsere Datenträger werden lesen können.

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(Das Berufsbild des Stadtschreibers ist so vielfältig wie seine Arbeitbekleidung: mal Anzug und Krawatte, mal Modderbotten.)

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Und wer wollte auch noch die Grenze ziehen zwischen genialen Werken, Schmierbüchern und der dicken Schicht dazwischen? Also lieber alles aufheben, von Landserheften und Arztromanen bis hin zu Literaturnobelpreisträgerergüssen, von Trash-TV bis Arthouse-Movies. Was unsere Zeit am besten abgebildet hat, das werden erst spätere Generationen entscheiden können, sie werden den gebührenden Abstand haben und sich ohnehin ihre eigene Vergangenheit konstruieren und dann schauen, welche Kulturprodukte unserer Zeit am besten in ihr Historienbild passen. Schön, wenn sie dann eine große Auswahl haben.

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(Voller Einsatz: Für dieses Foto musste ich einen Kopfstand machen!)

Jean Paul – die Figur Jean Paul aus der Erzählung, nicht der Autor selbst und direkt, nur um das nochmal klar zu machen – fordert sogar noch mehr: Eine gezielte Förderung schlechter Literatur und ihrer Autoren. Ganze Verlage sollten sich darauf spezialisieren, ausschließlich ausgesprochen schlechte Bücher zu verlegen. Wer nun meint, es sei doch gegen die Ehre jedes Schriftstellers, ihr Werk in diesen Verlagen publizieren zu lassen, hat nicht mit dem ebenso robusten wie großen Selbstbewusstsein der Autoren gerechnet:

In London war die Gasse Grubstreet zum Pferch erbärmlicher Autoren in allen Büchern verschrien; und dennoch zog einer nach dem andern ohne Scheu hinein. Aber jeder mit Recht. Er konnte innerlich lächeln, und, indem er seine fünf Treppen hinaufkletterte, vergnügt sagen: »der Rock macht nicht den Mann, und die Gasse nicht den Autor; desto schlimmer, daß meine Schreibnachbarn wahre, ausgemachte Narren sind.« Ebenso wird der Autor, wenn er seine Handschrift an den Dutzendbuchhändler schickt, schalkhaft denken: »wenn der Narr im Ernste auf ein miserables Buch es absieht, so hab‘ ich ihn gewaltig geprellt: das Werk ist göttlich.«

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Und er fährt fort, an den Buchhändler gerichtet:

Stöcklein, Sie müssen hier Vorurteile fahren lassen, die ich selber sonst gehegt. Schlechte Autoren haben wahren Wert für schlechte Leser, oft für ganze Provinzen, allein gegen zweitausend Leser gibt es kaum zwei schlechte Schreiber.

Auch hier hat sich seit Jean Pauls Zeiten einiges getan. Schlechte Leser bzw. die Leser schlechter Bücher können nicht über mangelnden Lesestoff klagen, da ist für jeden was dabei, Schlechtes aller Art, stapelweise, ganze Regale, ganze Buchhandlungen voll Mist mit ein paar Perlen darunter, die aber nicht weiter stören. Wobei es jedem selbst überlassen bleibt, zu beurteilen, was der Mist und was die Perle ist; wir leben in großartigen Zeiten.

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(Es gibt zwei Dinge, an denen ich nicht vorbeikomme, ohne ein Foto zu machen: Sonnenuntergänge und Marienkäfer)

Sogar den, ich sag mal: ironischen Kulturkonsum hat Jean Paul vorweggenommen (bzw. schon als Phänomen seiner Zeit beschrieben); den Genuß, mit dem sich der Kulturmensch und Bildungsbürger Trash reinzieht:

Dies mag vielleicht die Ursache sein, daß aus solchen schlechten Werken so viele feinere Leser übergroßes Vergnügen schöpfen, wie wenigstens der Ekel nach deren Lesung bezeugt, welcher gewöhnlich das Übermaß der Lust begleitet; denn schon Cicero sagt. »Überall werden gerade die höchsten Wollüste durch Ekel und Überdruß begrenzt und beschlossen.«

Offenbar haben sich auch zu Jean Pauls Zeiten die Leute nach der Lektüre von Goethes „Wahlverwandschaften“ mit dem damaligen Äquivalent zu „Frauentausch“ vergnügt und nach der geballten Ladung Betulichkeit im „Schulmeisterlein Wutz“ wird sich mancher nach einem vor Sex und Gewalt strotzenden Märchen gesehnt haben, einem der Grimmschen Märchen, bevor die Grimms sie in die Hände bekamen und zensierten.

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Schließlich – und rechtzeitig bevor die Kanonade wieder einsetzt und Stöcklein und er wieder in die bombensichere Kirche flüchten müssen, macht sich Jean Paul Gedanken über die Unsterblichkeit der Autoren. Warum streben sie danach. Er verweist auf Plinius, der die Götter für unglücklicher halte als die Menschen, da sie keinen Selbstmord begehen könnten. Eine ebenso interessante wie lustige wie zynische Argumentation.

Versuchen Sie es, Freund Stöcklein, und setzen Sie bloß aus Spaß eine unsterbliche Ilias auf oder, wenn’s Ihrem Humor mehr zuschlägt, ein aristophanisches Lustspiel: glauben Sie mir, daß Sie dann mit Ihrem unsterblichen Meisterstücke unter dem Arm […] durch ein Jahrhundert und Volk nach dem andern kritische Spießruten oder Gassen laufen müssen – jeder frischgeborne Rezensent setzt von neuem etwas an einem so seltenen Werke aus […]
Daher rat ich als guter Freund Ihnen nicht dazu, zur Unsterblichkeit.« –

Da spricht Jean Paul aus Erfahrung: Schließlich muss er jetzt damit leben (wenn man den untoten Zustand eines verstorbenen unsterblichen Schriftstellers denn so nennen will), dass zum Beispiel irgendso ein dahergelaufener Stadtschreiber sich an seinem Werk abarbeitet und daran herumkrittelt …

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(Find ich auch.)

Ich habe mich vor literarischer Unsterblicheit bisher ganz gut dadurch schützen können, dass ich all die „unsterblichen Meisterstücke“, die natürlich in meinem Geist schlummern, aus Zeitmangel oder weil ich was besseres zu tun hatte, einfach noch nicht aufgeschrieben habe. Im Übrigen halte ich es mit einem Aphorismus, über dessen Verfasser ich mir nicht sicher bin – Mark Twain wäre ein guter Kandidat – und den ich auch nur aus dem Gedächtnis zitieren kann, da ich ihn (unglaublich aber wahr) nicht im Netz gefunden habe:

Manche Autoren versuchen, durch ihr Werk Unsterblichkeit zu erlangen. Ich ziehe es vor, nicht zu sterben.

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3 Kommentare zu “Schlechte Bücher

  1. Wie wäre es mit Woody Allen: „I don’t want to achieve immortality through my work. I want to
    achieve it through not dying.“

  2. Wolltich auch grad ergänzen. Und gelegentlich zitiert er wiederum auch mal Groucho Marx, hätte auch gepasst :-)

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