Flegeljahre

Tagebuch 13.6.2013

Verdammt, ich hab die Buschenschänke  verpasst! Letzte Woche habe ich davon gehört und wollte am letzten Tag, gestern, unbedingt hingehen – und hab es vergessen. Erst gegen 10 am Abend, als ich mit ein paar Leuten vor dem Heimathafen saß, kam das Thema plötzlich darauf und es fiel mir wieder ein. Leider war es zu spät. Als wir ankamen war alles vorbei. Da muss ich wohl um den 14.9. nochmal nach Bayreuth kommen …

Das besonders blöde ist, dass ich eigentlich schon am frühen Abend fast dort war, es zumindest kurz aus der Ferne gesehen, aber mir nichts dabei gedacht habe. Nämlich als ich verwirrt vor dem kleinen Haus der Stadthalle stand und die Mediennacht  suchte, bis ich schließlich mitbekam, dass die erst heute Abend ist. Na gut, zumindest habe ich die nicht verpasst. Und vorher gehe ich noch zur Cocktail-Releaseparty des Gewinners des Jean-Paul-Cocktail-Wettbewerbs des Seidenpudelspitz-Projektes zum Jean-Paul-Jahr 2013. Sozusagen „Strübing trinkt Paul“.

IMG_1968

Überhaupt ist hier viel zu viel los ;) Ich habe in meiner Zeit hier ja so einiges erlebt. Sehr verschiedene Sachen, und trotzdem erfahre ich immer mehr Dinge, die ich verpasst habe, Orte, an denen ich noch nicht war, Leute, die ich nicht kennengelernt habe, ganze „Szenen“, die mir fremd geblieben sind. Und ich habe nicht einmal über alles geschrieben, was ich erlebt habe, zum Teil, weil ich es nicht geschafft habe, zum Teil auch, weil es ein paar Sachen gibt, die einfach nicht hier in das Weblog gehören, kleine Biotope, die besser ungestört bleiben.

Ich brauche mal dringend zwei ruhige Urlaubswochen in Berlin. Bald ist es ja soweit, allerdings bleibe ich nach dem Berlin-Urlaub dann auch gleich dort. Nicht einmal zweieinhalb Wochen wohne ich noch in Bayreuth. Ob ich mich freue nach Berlin zurückzukehren? Na klar! Das ist meine Heimatstadt. Da gibt es soviele Menschen auf die ich mich freue. Und Orte. Und nicht zuletzt meine Wohnung, meine Couch, meine Badewanne, meinen Balkon. Und trotzdem wird mir der Abschied hier sehr schwer fallen. Mir ist neulich aufgefallen, dass ich schon längst den Schritt vollzogen habe, nicht mehr als Entdecker durch eine mir neue Stadt laufen, sondern mich hier heimisch zu fühlen und richtig hier zu leben. Was mich tröstet ist, dass ich weiß, dass ich immer mal wieder kommen werde.

IMG_1978

Dem Bayreuther Tagebuch hat es gar nicht gut getan, dass ich inzwischen hier so gut angekommen bin. Es ist schon sehr sinnvoll, dass Stadtschreiberstellen befristet sind.

Ich habe das Gefühl, in meinen letzten beiden Wochen irgendetwas Abschließendes schreiben zu müssen, ein Fazit, ein letztes Kapitel, in dem alle Fragen aufgelöst werden. Zum Beispiel die Frage: „Was macht eigentlich ein Stadtsschreiber?“ (Die Antwort ist übrigens einfach: Die Aufgabe eines Stadtschreibers ist es, gefühlte elf mal am Tag die Frage „Was macht eigentlich ein Stadtsschreiber?“ zu beantworten – dreimal davon sich selbst.) Mal sehen, ob ich da etwas hinbekomme. Zur Not kann ich mich ja immer auf Jean Paul berufen, der auch mehr als genug Fragmente hinterlassen hat.

IMG_1985

 Strübing liest Paul

Apropos. Am Dienstag fand ja im Phoinix das weltweit erste Jean-Paul-Karaoke statt (die Fotos in diesem Beitrag stammen daher). Unschuldige Besucher wurden gezwungen Jean Paul zu lesen. Für die meisten war es sicher das erste Mal. Ein Band der Flegeljahre ging herum, jeder, der sich nicht rechtzeitig aus dem Raum retten konnte, musste einen kleinen Absatz vorlesen. Und es schien den meisten Spaß zu machen. Es waren natürlich nur kleine Schnipsel, aber immerhin.

Die Flegeljahre (hier online bei Projekt Gutenberg) werden es auch sein, die mich im Folgenden in dieser Rubrik beschäftigen. Natürlich werde ich es nicht mehr schaffen, wie anfangs beim Katzenberger Kapitel für Kapitel hier zu rekapitulieren, aber meine Aktion „Betreutes Lesen“ war ohnehin mit dem Katzenberger abgeschlossen.

Die Flegeljahre sind exemplarisch für eine Seite Jean Pauls, die ich oft viel zu wenig gewürdigt finde. Immerzu ist von seiner Poesie, seiner Tiefe, seiner Menschlichkeit, seiner Originalität und seinem Humor die Rede (und seiner Verschwurbeltheit). Und all das stimmt ja; er war aber auch ein toller Geschichtenerfinder. Ein Meister der Verwechslungen und Überraschungen, der Handlungsstränge kunstvoll verflechten und verknoten und – wenn das betreffende Werk nicht wie die Unsichtbare Loge Fragment blieb – auch wieder entwirren konnte. Die Storylines klingen oft erstaunlich zeitgemäß. Oft ein bisschen nach Soap Opera, was wohl heißt, dass er seiner Zeit voraus war, und ich meine das in keiner Weise despektierlich.

IMG_1975

Der Plot der Flegeljahre könnte ohne große Änderungen als Vorlage für eine aktuelle Komödie dienen, man könnte eine intelligente Komödie daraus machen oder eine klamaukige, auf alle Fälle würde es eine sehr lustige werden.

Die erste Szene ist an sich eine super Geschichte und sicher eine der komischsten im Werk Jean Pauls: Der reiche Herr van der Kabel ist verstorben und seine Erben sind zur Testamensteröffnung eingeladen. Die Verlesung des Schriftstücks sorgt schnell für lange Gesichter unter den gelandenen Verwandten, als erfahren, dass sie ersteinmal leer ausgehen sollen, weil, so die Worte des Toten …

„[…] ich aus ihrem eigenen Munde weiß, daß sie meine geringe Person lieber haben als mein großes Vermögen, bei welcher ich sie denn lasse, so wenig auch an ihr zu holen ist“.
Sieben lange Gesichtslängen fuhren hier wie Siebenschläfer auf.

Man kann sich denken, dass der Verstorbene sich hier mit einem Scherz an Verwandten rächt, deren Liebesbezeugungen nur Lippenbekenntnisse waren, während sie darauf warteten, dass der Alte endlich stürbe, damit sie sich sein Geld unter den Nagel reißen können. Nun aber soll das gesamte Vermögen soll an einen mysteriösen  Universalerben fallen; die Verwandten sollen leer ausgehen. In einer weiteren Testamentsklausel stellt er dann doch noch einen stattlichen Trostpreis, ein Haus in der Stadt in Aussicht, doch es soll nur an einen von ihnen fallen:

Ausgenommen gegenwärtiges Haus in der Hundsgasse, als welches nach dieser meiner dritten Klausel ganz so, wie es steht und geht, demjenigen von meinen sieben genannten Herren Anverwandten anfallen und zugehören soll, welcher in einer halben Stunde (von der Vorlesung der Klausel an gerechnet) früher als die übrigen sechs Nebenbuhler eine oder ein Paar Tränen über mich, seinen dahingegangenen Onkel, vergießen kann vor einem löblichen Magistrate, der es protokolliert. Bleibt aber alles trocken, so muß das Haus gleichfalls dem Universalerben verfallen, den ich sogleich nennen werde.

Der Startschuss zu einem sehr komischen Wettlauf der Tränendrüsen … 

Advertisements

4 Kommentare zu “Flegeljahre

  1. Nur noch zwei Wochen – ich werde das Tagebuch und diesen liebevollen und humorvollen Blick auf Bayreuth sehr vermissen.

  2. lles Gute!Ich schließe mich Susa an. Vergiss uns nicht, Volker! Du hast schreibend einen Hauch von Großstadt in unsere „Einöde“ gebracht – klingt fast wie ein Nachruf, dabei bleibst du uns noch zwei Wochen erhalten. Naja, schon jetzt: Alles Gute!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s