Das große Bindlacher Bergdrama – Teil I

IMG_2239Tagebuch 18.6.

Das – aus meiner Sicht – Wichtigste zu erst: Ich lebe noch. Aber es war verdammt knapp. Ein Spaziergang war für gestern geplant, erst einmal nach St. Georgen und dann mal weitersehen. Es schien ein recht warmer Tag werden zu wollen, umso besser. Ich liebe es, auf die Hitze zu schimpfen und musste soviele Monate darauf warten, heute würde ich endlich reichlich Gelegenheit haben.

Am Hohenzollernddamm fielen mir die dortigen Blumenkästen auf. Bayreuth ist ja die Stadt der drei B: Bier, Bratwurst, Blumen. Find ich gut. Und wenn die Blumenkästen an ungewöhnlichen Orten stehen, umso besser. Blumen in der Fußgängerzone, das kann ja jeder.

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(Soviele blumengeschmückte Autos. Auf dem Hohenzollernring ist immer Hochzeit)

Gartenarbeit scheint mir eine der wichtigsten Branchen in Bayreuth und Umgebung zu sein. All die Blumen und beschnittenen Hecken (ganz St.Georgen war erfüllt vom Geknatter der Heckenscheren), die vielen gut gepflegten Parks und Friedhöfe …

Ein Stück hinter dem Hohenzollernring, kurz hinter der Eisenbahnbrücke steht ein Plattenbau, aber das macht fast gar nichts. Hier, wo der Rote Main noch zwischen Wiesen fließt, bevor er in sein innerstädtisches Betonbett gezwängt wird, stelle ich es mir recht schön vor in einer Platte zu wohnen, zumal man sie ja nicht sieht, wenn man aus ihr hinausschaut. Mir hat ja auch das Y-Haus ganz gut gefallen.

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Hinter dem Plattenbau wird es ein bisschen langweilig, Augen zu und durch, es ist ja nicht weit bis ins richtige St. Georgen. Die Straße St. Georgen ist schon ein Schmuckstückchen und die Geschichte der Stadt ist sehr lustig. Da baut sich irgendsoein Erbprinz als Akt der Auflehnung gegen seinen Papa seine eigene kleine Residenzstadt und veranstaltet Seeschlachten auf einem künstlich aufgestauten Weiher, weil er so von der Marine begeistert ist – Promis waren irgendwie schon immer ein bisschen verrückt. Ich kann ihn freilich auch ein bisschen verstehen. Neulich fragte mich jemand, ob ich nicht ganz nach Bayreuth ziehen wolle und ich antwortete: „Sofort. Wenn Bayreuth einen ICE-Anschluss und einen Hochseehafen bekommt.“

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(Gezi-Park-Solidaritäts-Ayran-Pause in St. Georgen)

Ein seltsames Bild, diese breite, holperbepflasterte, kaum befahrene Straße mit den niedrigen Barockreihenhäusern. An einem der Häuser hängt zwischen den Schriftzügen „Bäckerei“ und „Brauerei“ ein Transparent auf dem „passende Wirtsleute“ gesucht werden. Das Haus beherbergte bis 1961 den letzten Becknbräu – eine einst übliche, heute eher seltsam wirkende Mischung aus Bäckerei und Brauerei.

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Was es auf der Straße St. Georgen ganz eindeutig fehlt ist: Schatten. Ich hatte mein Cap vergessen und die Sonne übertrieb es langsam mit dem bretzeln, aber egal, ich musste weiter, ich hatte eine Mission, denn ich wollte Grüße in der Weinhandlung Dörsch abliefern. Leider war sie geschlossen, also lief ich einfach weiter, mal sehen, was als nächstes kam. Ich hatte ja neulich festgestellt, dass man recht schnell aus Bayreuth herauskommt und sich schon bald in wunderschöner Landschaft oder irgendeinem idyllischen, von Wilhelmine angelegten Park wiederfindet.

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Der Park hinter St. Georgen entpuppte sich dann leider als Industriepark und stammt wohl aus Nachwilhelminischer Zeit. Ich bin nicht sicher, aber möglicherweise liegt er genau dort, wo früher die Seeschlachten stattfanden (der See wurde 1775 trockengelegt). Was hätte ich jetzt für einen Weiher gegeben! Inzwischen war mein Hemd schweißgetränkt, die dicke schwarze Jeans klebte an meinen Beinen (to do: Sommerhose kaufen!) und mir kam erstmals der Gedanke, dass ich Sonnencreme viellleicht nicht schlecht gewesen wäre. Aber ich brauche immer ein bisschen Zeit, um vom Winter- auf den Sommermodus umzuschalten. Normalerweise dient dazu der Frühling, aber der wurde ja dieses Jahr abgesagt.

Tja, was soll ich sagen. Industrie- und Gewerbegebiete sind ja nicht für ihre Schönheit bekannt. Sie einfach zu fluten und dort wieder einen See anzulegen, damit gegrillte Stadtschreiber ein erfrischendes Bad nehmen können, geht aber leider auch nicht, man braucht sie doch. Und besser die ganzen deprimierenden Gewerbegebietsgebäude stehen im Gewerbegebiet rum als in der Innenstadt oder gar der Eremitag. Hätte es anstelle des Gewerbegebietes einen See und unberührte Natur gegeben, hätte ich außerdem kein Cap im Kaufland kaufen können, mich hätte ein noch schlimmerer Sonnenstich ereilt als ohnehin schon und meine bleichen Knochen wären irgendwann von spielenden Kindern auf dem Bindlacher Berg gefunden worden, das kann doch auch niemand wollen!

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(Industriegebiet plus Autobahn plus Baustelle. Wenn schon, denn schon.)

Tapfer und vor mich hintropfend schleppte ich mich also durchs Bayreuther Gewerbegebiet und erreichte endlich … das Bindlacher Gewerbegebiet.

(Fortsetzung folgt.)

Strübing liest Paul

Flegeljahre – Fortsetzung

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(Wölfelstraße)

Eigentlich müsste man sich hinsetzen und „Die neuen Flegeljahre“ schreiben. Der Plot ist bestechend einfach und würde auch in unsere Zeit versetzt prima funktionieren. Eine klassische Heldenreise, das Portrait einer Generation und Gesellschaft, ein Bildungsroman und die Satire eines Bildungsromans.

Der überraschend als Universalerbe des reichen van Kabel eingesetzte Walt, Bauernsohn und heimlicher Poet, muss eine Reihe von Aufgaben erfüllen, bevor er das Erbe antreten kann: Er soll einen Tag als Klavierstimmer arbeiten, einen Monat als Gärtner (im Original soll er sich um den Garten des Verstorbenen kümmern, in einer modernen Fassung wäre ihm vielleicht die Pflege der Blumenkästen am Hohenzollernring übertragen), ein Vierteljahr als Notarius. Des weiteren soll er solange bei einem Jäger sein, bis er einen Hasen erlegt hat, als Korrektor bei einem Verleger arbeiten, eine „buchhändlerische Messwoche“ beziehen, bei den Anverwandten des Verstorbenen (die das Erbe für sich erhofft hatten) je einen Monat leben und ihnen zu Diensten sein (soweit es Anstand und Ehre erlauben). Schließlich soll er noch einen Monat auf dem Land unterrichten und zu guter Letzt Pfarrer werden.

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(Bitte ignorieren Sie den Vordergrund)

In einer heutigen Variante wären es sicher andere Berufe, in denen sich Walt beweisen soll, vielleicht müsste er ein Vierteljahr in einem Altenpflegeheim arbeiten, eine Weile das Weblog des Stadtschreibers korrekturlesen usw. usf.

Im Testament ist außerdem genau festgelegt, wieviel ihm für welche Fehler bei der Erfüllung der Aufgaben vom Erbe abgezogen wird und man kann sich denken, dass diese Klauseln bald zur Anwendung kommen, zumal die leer ausgegangenen Erben von seinen Fehlern profitieren sollen und dem Jungen Knüppel zwischen die Beine werfen.

Außerdem hat er selbstverständlich ein untadeliges Leben zu führen:

Ritte der Teufel meinen Universalerben so, daß er die Ehe bräche, so verlör‘ er die Viertels-Erbschaft – sie fiele den sieben Anverwandten heim –; ein Sechstel aber nur, wenn er ein Mädchen verführte. – Tagreisen und Sitzen im Kerker können nicht zur Erwerbzeit der Erbschaft geschlagen werden, wohl aber Liegen auf dem Kranken- und Totenbette.

Wenn ich den Plot als bestechend einfach lobe, dann bezieht sich das vor allem auf den Anfang des Romans, die Geschichtenmechanik, die die Handlung ins Rollen bringt. Wie es sich für Jean Paul gehört wird aus der rollenden Kugel bald ein breite Lawine und der Weg, den sie nimmt ist zu breit, um ihn noch richtig erkennen zu können. Nach einem klaren, dünnen, geradliniegen Storyrinnsal sucht man vergeblich. Nach einem richtigen Ende auch, denn die Flegeljahre sind Fragment geblieben. Darin unterscheidet sich der Roman übrigens von meinem heutigen Eintrag, der zwar in wenigen Augenblicken urplötzlich abbrechen, aber selbstverständlich fortgeset…

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Ein Kommentar zu “Das große Bindlacher Bergdrama – Teil I

  1. Also: vom Hohenzollernring bis nach „Bindlich“ zu laufen – bei der Hitze! – das zeugt schon von… Ignoranz? DUMMHEIT? :) Heldenhaftigkeit? (mich wird schon einer retten!) Also sowas…
    Freue mich auf Teil 2 und 3

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